Die Paulstraße

Die Benennung einer Straße zielt im Normalfall auf die Sichtbarmachung und Ehrung einer Person ab. Die Paulstraße, die aufgrund ihrer Kürze treffender Paulchenweg heißen könnte, ist kein Normalfall. Denn niemand kennt Paul.

Husefack is Paul?
Husefack is Paul?

Seit 1876 heißt die Straße nach dem Bestreben einer Privatperson nach einem geheimnisvollen Paul, in dessen ominöse Identität weder Stadtchronik, Stadtarchiv noch Stadtbezirksamt allem detektivischen Eifer zum Trotz Licht bringen konnten.

Es ist nicht so, dass für die Paulstraße kein prominenter Namensgeber infrage gekommen wäre. Dr. Becker hätte sich beispielsweise angeboten, Vorstands­­­­­­vorsitzender der ersten Wohnungsbaugenossenschaft Dresdens, dem Dresdner Bau- und Sparverein, gegründet 1883. Die Genossenschaft zählte zu den größten im Stadtgebiet. Geehrt wurde Dr. Becker dennoch. Die Häuser der Arbeitersiedlung der Paulstraße Nr. 1 bis 10 sind nach ihm benannt.

Der Dresdner Spar- und Bauverein setzte billige und freundliche Wohnungen um und reagierte damit auf die grassierende Wohnungsnot.


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Paul-Becker-Straße?

Auf der Leipziger Straße 32/34 entstand das „Von-Boch-Haus“, danach folgte die Gewerkung Kaditz. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden so 2864 Wohnungen gebaut, unter anderem die Dr.-Becker-Häuser auf der Paulstraße. Ein bedeutender Architekt des Dresdner Spar- und Bauvereins trug den Namen Paul Beck: Könnte das Paul sein? Aber hieße die Straße dann nicht Paul-Beck-Straße…?

Ein Gartenzaun. Mit Zwischenraum. Hindurchzuschaun (Wer hat ihn nicht gern, den Morgenstern?)
Ein Gartenzaun. Mit Zwischenraum. Hindurchzuschaun (Wer hat ihn nicht gern, den Morgenstern?)

Der Garten der Dr.-Becker-Häuser ist ein Ausguck in eine längst vergangene Zeit. Dieser Charme, gepaart aus Architektur und Anpflanzung – erinnert mich an Gärten meiner Kindheit. Ein paar Meisen turnen in den knospenden Büschen. Der Alaunplatz, in den man von hier aus blickt, sieht aus wie ein alter Hader, struppig und ausgenuddelt vom Matschewetter.

Auf einem Gedenkstein für gefallene Burschen im Ersten Weltkrieg lese ich einen Paul Frenzel. Ich widme ihm innerlich einige Meter Straße. Die anderen bleiben den anderen Opfern von Erwin bis Willibald. Eigentlich stehen alle ja dem einen, echten „Paul“ zu, auf dessen Schliche man wohl niemals kommen wird.

Wohnhaft war kein wichtiges Stadtkind, kein sonderlich Prominenter mit dem Namen Paul auf der Straße im Jahr ihrer Benennung. Ja, noch nicht einmal ein Hausbesitzer oder Bewohner, berichtet mir die fleißige Frau Lahode von der Stadtchronik, trug diesen Namen in den Jahren zwischen 1875 bis 1877. Paul – das schwarze Loch.

Blick in die Paulstraße
Blick in die Paulstraße

Vor- oder Nachname?

Man möchte in einem vernebelten Studio stehen wie Jonathan Frakes und mit betont mystischer Stimme fragen: Handelt es sich um einen Vor- oder Nachnamen? Wohnte „Paul“ im Viertel? Vollbrachte er oder sie etwas Außergewöhnliches? Und wer  – bedeutungsschwangere Pause – machte ein Geheimnis aus dieser Person? Besteht eine Verbindung zu St. Pauli? War jemand in Paul verliebt? War Paul in sich selbst verliebt? Nach wem würdest du eine Straße benennen?

Verwunderlich auch, dass nie ein Jemand dem Niemand Paul den Straßennamen streitig machen wollte. Fragen über Fragen. Die Akten schweigen. Die Straße auch.

Wie schön, dass es noch Rätsel gibt.

Heißt diese Katze Paul?
Heißt diese Katze Paul?

Unter all dem Unbekannten begegne ich auf der Paulstraße einer alten Bekannten. Wir stehen vor dem verheißungsvollen Schild, das „Bauch weg schon mit zwanzig Minuten pro Woche!“ verspricht. Ich denke mir, dass ein Mensch schon ganz schön blöde aussehen würde ohne Bauch – und wohin sollte man sonst das ganze gute Essen parken? Geht mit dem Bauch auch das gleichnamige Gefühl weg? Und wie viele Wochen dauert das?

Ich beschließe, meinen Bauch zu behalten. Meine liebe Bekannte beschließt, ihrem Bauch den während unseres Schwatzes im Auto erkalteten Döner zuzuführen. Schicksalhafte Entscheidungen am Fuße der Paulstraße.

Bei der Recherche stolpere ich in der Rubrik „Verloren und Gefunden“ noch auf diesen Paul-sucht-Paula-Ruf in der cybersax:

    27. Januar, 23:11 Uhr

    Du, weiblich in Jeans und Mantel, mit grauer Mütze über blondem Haar standest heute auf der Paulstraße und fotografiertest die Förstereistraße hinunter; ich mit Kaffee und Zigarette beobachtete dich dabei :) ein, zwei, drei schüchterne Blicke und dann warst du verschwunden! :( Lust? Auf ein Wiedersehen?

Vielleicht ein Rätsel bezüglich der Paulstraße, das sich rosarot auflöst.

Die Paulstraße

Straßen und Plätze im Ortsamtsbereich Neustadt

10 Kommentare zu “Die Paulstraße

  1. Um auch der Katze zu ihrem Recht zu verhelfen: Sein Name beginnt zumindest mit einem P…
    Allerdings folgt danach …iet :)

  2. Sollte der Suppenkasper von „cybersax“ Philine gemeint haben: einen schönen Gruß. Der soll sich hinten anstellen ! Alter und Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen…..

    ;-)

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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