Es wird kompliziert…

…  wenn der Kinder- und Jugendhilferechtsverein eingeschaltet wird. Der Allgemeine Soziale Dienst des Jugendamtes musste sie erst schätzen lernen, die Einmischung zum Wohle des Kindes und die Angebote des breit aufgestellten Vereins, der lieber einmal mehr nachhakt, als zu schnell abzustempeln. Ein Engagement,  das Kindern und ihren Familien zugute kommt – und bis ins Erwachsenenalter nachwirkt.

Aktiv für Kinder und Jugendliche: Der Jugendhilferechtsverein/Careleaver-Verein.

„Wir nehmen eine Rolle ein, die sonst kein anderer einnimmt“, sagt Ulrike von Wölfel. Gemeinsam mit Elsa Thurm hat sie sich Zeit genommen, den Kinder- und Jugendhilferechtsverein und seine Projekte vorzustellen. Der Verein fungiert als ombudschaftliche Beratungsstelle für Eltern und Kinder, wenn es zu Konflikten mit dem Jugendamt kommt. Wenn amtliche Schreiben hilflos machen, wenn eine Inobhutnahme droht, wenn die eigenen Rechte unklar sind…

Betroffene wenden sich telefonisch an den Verein, der über einen Pool von ehrenamtlichen Helfer*innen – zumeist ehemalige Fachkräfte – verfügt und wird zu „jemandem mit Plan“ weitergeleitet. Ziel ist eine unabhängige Beratung, die zu selbstbestimmten Handeln ermächtigt: Nicht Marionette sein in einem Wust aus Anordnungen, sondern informiert selbst handeln und eigene Interessen vertreten.

Kindeswohl vor Sparmaßnahmen

Die Geburtsstunde des Vereins bzw. seiner Vorgänger-Struktur fällt zusammen mit der Abschiedstagung von Ullrich Gintzel, Professor emeritus für Soziale Arbeit, von der Evangelischen Hochschule in Dresden vor etwa zehn Jahren. Am Rande der Tagung entstand eine Initiative zur Beratung in der Jugendhilfe.


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Fachkräfte aus Dresden und Umgebung schlossen sich ehrenamtlich zusammen. Hintergrund waren und sind die durch Kosteneinsparungen im sozialen Bereich verringerten Möglichkeiten der Gestaltung zugunsten einer populärer werdenden Logik des Eingriffs.

Will heißen: Die Zahl der vom Jugendamt angeordneten Inhobutnahmen steigt, und das schon seit Mitte der 90er Jahre. Weniger Geld, weniger Zeit zum ausführlichen Ausloten, Abwägen und Beraten. So kommt es, dass Kinder schneller aus ihren Familien gerissen werden, um sie zu schützen – auch wenn dieser Eingriff möglicherweise noch nicht die letzte Konsequenz hätte sein müssen.

„Man muss konfliktfähig sein“

Eltern verfügen in erster Linie über das Erziehungsrecht – dies wird vom Grundgesetz eindeutig so bestimmt. Der Staat ist allerdings der Wächter, der notfalls seinen Schutzauftrag erfüllen und eingreifen muss – wenn alle anderen Optionen sich erschöpft haben. „Häufig werden im Vorfeld Hilfen nicht bewilligt“, schildert Ulrike von Wölfel die Lage „obwohl dies rechtlich verankert ist.“

Das liege unter anderem an den Sparmaßnahmen. Es kommt es zu einer höheren Zahl Inobhutnahmen, weil sich die Hilfeverläufe zuspitzen, so von Wölfel. Der Verein setzt sich für die Qualität in der Jugendhilfe ein, er pocht bei den Behörden auf deren sozialpädagogischen Auftrag, überprüft Widersprüche, begleitet und leistet Beistand, klärt auf.

Blick auf den Wochenplan des Careleaver-Zentrums.
„Man muss konfliktfähig sein“, sagt Ulrike von Wölfel über ihre Arbeit. „Es muss immer möglich sein, die Perspektive zu wechseln.“ Das geht nicht immer reibungsfrei vonstatten, ist aber notwendig, um optimale Lösungen zu erkämpfen. Täglich gehen beim Verein mehrere Anrufe ein.


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Im Jahr 2013 bearbeitete der Verein 60 Fälle, 2019 erreichten diese mit 200 einen Höchstwert. „Daraus lässt sich jedoch keine Dramatik ableiten“, räumt von Wölfel ein. „Die Zahlen haben auch mit unserer Bekanntheit und Etablierung zu tun.“ Mit dem Jugendamt pflegt man über die Jahre seit der Gründung 2012/13 eine Kooperation, die mitunter nicht konfliktfrei, in der Regel aber fachlich konstruktiv abläuft.

Das größte Anliegen ist es, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien beste Lebensverhältnisse zu gewährleisten, sie in ihrer Entwicklung zu stärken und keine gebrochenen Menschen zu produzieren. Das bedeute Nachhaltigkeit in der Jugendhilfe, erklären die Frauen. Immer noch wird der Verein zahlreich ehrenamtlich unterstützt. Aus der Aktion-Mensch geförderten einen hauptamtlichen Stelle sind in Dresden und Leipzig nunmehr fünf Stellen geworden.

Das Careleaver-Zentrum

Relativ schnell war klar, dass sich die Angebote des Vereins nicht in Beratungen erschöpfen sollten. An den Verein angeknüpft ist deshalb das Careleaver-Zentrum gleich um die Ecke auf der Schönfelder Straße. Helle, freundliche Räume, eine Tee- und Kaffeeküche, bunte Wochenpläne an der Wand, Literatur und Lümmelsessel.

Der Jugendclub-Charakter ist beabsichtigt. Das Careleaver-Zentrum ist Treffpunkt für Jugendliche, die in stationärer Jugendhilfe untergebracht waren und ihren Start ins Erwachsenenleben unter anderen Voraussetzungen meistern müssen: Sogenannte Careleaver. Hier gibt es Informationen, Austausch, Freizeitgestaltung, Begegnung.

Das Careleaver-Zentrum bietet Raum für Austausch und Begegnung.
Immer noch sehen sich Jugendliche in Wohngruppen mit Vorurteilen und zahlreichen Problemen von finanzieller bis emotionaler Art konfrontiert. Sie haben in einem Kontext leben gelernt, in dem der Wille zu Gestaltung und Auslebung häufig als Verstoß geahndet wird. Ihre Lebenswelt ist fremdstrukturiert, Partizipation muss gelernt werden. Trotzdem werden an Careleaver die selben (hohen) gesellschaftlichen und sozialen Erwartungen gestellt wie an Jugendliche, die aus dem gestützten und geschirmten familiären Kontext kommen.

„Die Betreuerin darf meine Briefe gar nicht lesen?!“

„Wenn ich jahrelang nur die Wahl zwischen einem Spaziergang im Wald und einem Spaziergang auf dem Land hatte, wird es mir schwer fallen, eine dritte Möglichkeit zu ersinnen“, versucht es Elsa Thurm beispielhaft zu erklären. Der Umgang mit Geld, die Entwicklung von Vorlieben, Interessen, Selbstwertgefühl – alles will gelernt sein. Auch dem Careleaver-Projekt geht es um Ermächtigung der Ratsuchenden durch Information. Elsa Thurm kennt ungläubige Sätze wie „Was, die Betreuerin darf meine Briefe gar nicht lesen?!“ oder „Ich darf immer Zugang zu Essen haben?!“

Ermächtigung durch Information ist die Grundidee beider Vereine.
Das Careleaver-Zentrum unterstützt Jugendliche bei ihren Schritten zu einem eigenständigen Leben nach der Wohngruppe mit allen Strapazen wie Ämtergängen, Wohnungssuche, Berufswahl. Das sei – auf sich allein gestellt – für viele eine unüberwindbare Hürde. „Und wir reden hier noch nicht von Krisen, die dieser Altersabschnitt so mit sich bringt“, ergänzt Ulrike von Wölfel.

Das Zentrum meldet Erfahrungen Ratsuchender an das Jugendamt zurück, organisiert Workshops und Kurse. Die Theorie soll so lebensecht als möglich mit Praxis unterfüttert werden. Vor allem durch diejenigen, die es betrifft. „Wir möchten Betroffene zu Akteur*innen machen“, so Ulrike von Wölfel und Elsa Thurm. „Das ist unser Beitrag zu politischer Bildung und demokratischem Handeln.“

Kinder- und Jugendhilferechtsverein e.V.

Careleaver Zentrum

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