Gisela Schwanebeck: „Ich bin so geblieben“

Gisela Schwanebeck ist gebürtige Thüringerin, kam als Kind nach Dresden und musste nach dem Bombenangriff aus der Neustadt wegziehen. Eine Erzählung voller schwerer Schicksalsschläge, die dennoch mit einem Lächeln beschlossen wird.

Mit vier Jahren bin ich mit meinen Eltern in die Neustadt gezogen. Ich bin in Thüringen geboren, in Eisenberg und 1940 sind wir dann hierher gezogen, in die Kamenzer Straße. Da war der Alaunplatz … Da habe ich zugeguckt, wie die Soldaten ausgebildet wurden. Das war wirklich interessant! […] Es ist nicht schlecht gewesen. Wir haben an der Ecke gewohnt, die beim Großangriff ausgebombt wurde. Wir haben ein Zimmer in Radebeul bekommen. Sie hatten nichts anderes für uns, es war ja alles kaputt. Dann sind wir von Radebeul nach Übigau gezogen. Dort bin ich in die Schule gegangen und auch rausgekommen. Vorher war ich in der großen Schule auf der Louisenstraße. Daran kann ich mich noch ganz genau erinnern […]

"Mit vier Jahren bin ich in die Neustadt gezogen"

„Mit vier Jahren bin ich in die Neustadt gezogen“

Wir sind immer viel in den Rosengarten spazieren gegangen mit den Eltern. Meine Mutter hat Zeitungen ausgetragen damals. Ich habe mitgeholfen, damit wir etwas verdienen konnten. Meine Mutter hat auch in der Altstadt im Augustinerkeller gedient. Der ist ja nun kaputt und wurde nicht mehr ausgebaut. Sie hat dort die Garderobe bedient. Nachmittags hat sie mich manchmal dort hingebracht als Mädchen. Dort ist Musik gewesen und da konnte ich ein Stück Kuchen essen. Und abends kamen die anderen. Weil ja Krieg war, war der Augustinerkeller begehrt, weil es dort Tanz gab. Die Soldaten, die hier Urlaub hatten, die gingen gerne da runter. Es durfte ja niemand hören, die schöne Musik. Weil Krieg war. […]

Im Augustinerkeller sind bei dem Angriff viele umgekommen. […] Meine Eltern waren damals nicht dort. Meine Mutter war zwar nur angestellt, aber sie sollte den später mal übernehmen. Das war eine Bekannte von uns. Es geht alles so durcheinander, wenn Krieg ist.

Von Übigau aus bin ich aus der Schule gekommen und sehr zeitig reingefallen mit dem Kind … Der Vater des Kindes hat mich betrogen und ich habe ihn nicht geheiratet. Der hatte ein Vierteljahr vorher eine, die war schon schwanger. Der war beim Militär … Meine Mutter hat sich dann gekümmert. Der ist dann rausgeflogen beim Militär. […] Viel habe ich nicht gekriegt. Er musste ja zwei Kinder bezahlen. […]

Ich habe dann nicht mehr geheiratet. Ich bin so geblieben. Meine Mutter wollte, dass ich heirate, damit ich nicht alleine bleib. Aber ich hatte ja den Jungen. Aber die Kinder werden groß und heiraten und gehen auch fort … Das ist klar. […]

Ich konnte nicht arbeiten, weil ich in der achten Klasse – wir hatten ja nur acht Klassen – epileptische Anfälle bekam. Meine Mutter hat mit der Kirche verhandelt und dann bin ich nach Erlangen gekommen. Der Professor hatte Medikamente, die ich regelmäßig einnehmen musste. Er meinte, das geht irgendwann weg, aber wann, kann er nicht sagen. In den 30er Jahren ist es dann weggegangen bei mir. In der DDR gab es das Medikament erst später. Und dann kam mein Rheuma. Ich weiß nicht, von wo und wie. […]

Ich habe erst Sozialhilfe und dann Rente bekommen. Und meine Eltern haben etwas dazugegeben. Dann kümmerte sich meine Mutter darum, dass wir eine Neubauwohnung kriegten. In die Neustadt wollten wir nun nicht mehr. So sind wir nach Striesen gekommen. […] Dort habe ich gewohnt und meine Eltern gepflegt bis zuletzt. Meine Mutter ist am 2. April 1990 gestorben. […]


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Wir stellen in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

  • Haben Sie auch eine spannende Viertel-Geschichte zu erzählen? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf.
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5 Kommentare zu “Gisela Schwanebeck: „Ich bin so geblieben“

  1. Marcus
    26. März 2018 at 17:24

    Wollt ihr nicht einen Podcast bringen? Vielleicht sogar mit den kompletten Interviews?
    Mich würde es freuen!

  2. 26. März 2018 at 20:27

    Das ist ne gute Idee.

  3. Heike Schwarzer
    27. März 2018 at 07:23

    Egal ob in Schrift oder Ton. Für das Kulturradio wäre das auch mal spannend zu erzählen. Beste Grüße aus dem Funkhaus

  4. 27. März 2018 at 13:46

    @Torsten und Marcus: interessante Idee. Wir werden das einmal auswerten.

  5. Marcus
    27. März 2018 at 19:09

    :o)

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