„Ich bin die vom Zirkus“ – Mary Belzing

Mary Belzing blickt zurück auf eine abenteuerliche und nicht selten beneidete Kindheit. Als Artistenkind reiste sie mit dem Varieté-Zirkus Schwandtner umher. Heute erinnert sie sich lachend an Eindrücke, Gerüche, Begegnungen, während der Stubentiger ihr um die Beine streicht. Wenn auch der Zirkus ein unstetes Unterfangen ist: im Viertel ist Mary Belzing tief verwurzelt.

Es ist ein bisschen kompliziert. Geboren bin ich nicht hier. Aber ich lebe von Anfang an hier in Dresden. Ich komme aus einer Artistenfamilie. Meine Großeltern hatten einen Zirkus und als ich geboren wurde, standen wir gerade in Ebersbach bei Löbau, also bin ich dort zur Welt gekommen – hab damit aber nichts zu tun. Am nächsten Tag standen wir wieder woanders.

Da wir den Zirkus im Winter ja irgendwo unterstellen mussten, hatten wir einen Winterplatz, der war auf der Friedensstraße 45. Dort standen die zwölf Wohnwagen, das Chapiteau, die Käfige der Tiere. Meine Großeltern wohnten in der Nummer 20 gegenüber. Nach und nach wurde das dann verkauft. Seit ’49 besaßen die das Grundstück und das habe ich jetzt noch als Garten. Das wurde immer kleiner. Ich habe erst vor drei Jahren den letzten Zirkuswagen abgerissen.

„Das ist dann schlecht, wenn du einen Elefanten hast“

Wir hatten einen kleinen Zirkus, mehr Varieté. Sie nannten sich Geschwister Schwandtner. Weniger mit großen Löwen und so, mehr Bühnenschau mit Artistik, Musik, Tanz, Trapez und solche Sachen. Hundedarbietungen gab es auch und ab und zu ein Pferd. Aber keine typischen Schauen mit Kamelen und Elefanten. Mein Großvater war überhaupt nicht dafür, solche Tiere zu halten. Das war nicht sein Ding. Er akzeptierte, dass es die großen Zirkusse machten, weil die ein ganz anderes Potenzial hatten. Aber so eine Artistenfamilie, die musste ihr Geld ja auch verdienen, wenn der Zirkus stand. Und ansonsten sind wir ständig gereist – dann ist das schlecht, wenn du einen Elefanten hast.

"Auf der Louisenstraße gab es eine Druckerei. Das wusste ich lange nicht. Und ausgerechnet den heirate ich."

„Auf der Louisenstraße gab es eine Druckerei. Das wusste ich lange nicht. Und ausgerechnet den heirate ich.“

Ich habe beizeiten schon mitgemacht. Artistik. Meinen ersten Auftritt hatte ich mit drei. Wir haben viel in der Schauburg gearbeitet. Bevor der Film begann, brachten die künstlerische Einlagen, das nannte sich Bühnenschau.

Nach dem Krieg wurde das von den Russen so ein bisschen beherrscht. Mein Großvater hatte gute Kontakte zu dem künstlerischen Leiter. Wir zogen dann auf die Königsbrücker Straße. Dort hatte ich dann meine erste eigene Wohnung in der 48 und bin später wieder zurück gezogen [in die Wohnung der Großeltern; nach dem Tod des Großvaters]. Als die Wende kam und die begannen zu sanieren, mussten wir raus. Ich hätte mir die Wohnung nicht mehr leisten können. Schade. Ich habe über 30 Jahre in der Wohnung gewohnt. Das ist eine andere Geschichte.

Ja, und dadurch war ich immer mal in der Neustadt gewesen und dann hieß es: Ab zum Zirkus! Eine Saison im Zirkus (klatscht in die Hände). Mit dem Milano bin ich rum gefahren, die hatten aber keinen eigenen Schulwagen. Meistens standen wir zwei Tage und ich musste dann jeden zweiten Tag in eine andere Schule gehen. Ich hatte ein Schulbuch, wie so ein Poesiealbum. Jeden Morgen, wenn wir irgendwo ankamen, Türe auf – manchmal war die Treppe noch gar nicht am Wohnwagen – und dann habe ich geguckt, wo der Kirchturm steht, denn dort war meistens auch die Schule.

"Für die Katze ist es jetzt schwer in der Wohnung. In meiner alten konnte sie raus."

„Für die Katze ist es jetzt schwer in der Wohnung. In meiner alten konnte sie raus.“

Dann habe ich meinen Ranzen genommen und bin dort hin gedackelt. ‚Hallo, ich bin die vom Zirkus, ich müsste jetzt mal zwei Tage hier rein.‘ Das Buch hingelegt, dann wurde eingetragen: Die Mary Schwandtner ist von hier bis da in die Schule gegangen. Unten gab es meistens eine kleine Beurteilung, denn irgendwann musste ich ja ein Zeugnis bekommen.

„Es tat die Brust ein bisschen schwellen“

Es war lustig. Du warst irgendjemand. Es tat die Brust schon ein bisschen schwellen. Was natürlich genervt hat, waren immer die gleichen Fragen. Die haben gedacht, ich wäre ein Wunderkind. Aber wir haben doch ganz normal gelebt wie jeder andere auch.[…]

Wir haben aber auch Stürme erlebt! Das Zelt zerfetzt, dass der Großvater es nähen musste. Oder Tiere sind gestorben. Es waren für ein Kind, im Nachhinein betrachtet, manchmal auch Erfahrungen, auf die hätte man verzichten können. Aber man ist ja drin aufgewachsen. Man sieht das ja anders.

Wir hatten mal eine Tournee, die ging über ein Jahr. Da war ich ein Jahr gar nicht zu Hause. Wir sind ins Thüring’sche gefahren und hatten dort die ganzen kleinen Veranstaltungen. Da haben wir mal einen Monat in Erfurt gewohnt, im Erfurter Hof oder in Gera im Schwarzen Bären – große Hotels – und wurden von dort in die kleinen Orte gefahren. Da bin ich noch nicht zur Schule gegangen. Da war ich, glaube ich, fünf. Das war ’58.

Auf dem Land war nach der Kriegszeit noch nicht viel neu gemacht. Wenn du in den Saal gekommen bist, hatten der Bühne ganz hohe Öfen stehen. Die musste man erst mal heizen, damit die Bude warm wird. Ja, und dann hatten die auch nix an Bestuhlung da. Da hing draußen immer ein Zettel dran: ‚Veranstaltung am soundsovielten. Bitte Stühle mitbringen.‘ Und da saßen die dann alle auf ihren Küchenstühlen und haben geguckt, während einer geheizt und geheizt hat. […]

„Die muss jetzt in die Schule“

Dann hieß es: Wir können nicht mehr so viel rum reisen, die muss jetzt in die Schule. Ich wurde dann hier in die 22. Oberschule eingeschult. Die Einschulung war in der Scheune.[…] In der Schule habe ich viel erlebt. Im Kulturpalast haben wir viele Auftritte gemacht mit meinem Großvater, zum Tag der Pioniere oder was. DDR halt. Es kamen auch mal Prominente mit gucken und so.

Wenn wir Klassentreffen haben, erinnern sich alle: ‚Weißt du noch, wie du rum gereist bist?‘ Es war eine schöne Sache. Mit dem Schließen der Oberschule und ihrer Umwandlung zur Spezial-Russisch-Schule wurden wir aufgeteilt in Schulen ringsherum. Unsere Klasse wurde auseinander gerissen, was sehr schade war. Ich bin in die 13. gekommen. Das Schöne war: unsere Abschlussfeier fand wieder in der Scheune statt.[…] Das war irgendwie bewegend.

"Ah, die Mokkaperle. Da bin ich mit meiner Oma nach dem Zahnarzt immer hin gegangen."

„Ah, die Mokkaperle. Da bin ich mit meiner Oma nach dem Zahnarzt immer hin gegangen.“

Aber als Kind muss man ja auch in der Zwischenzeit was machen.[…] Auf der Königsbrücker Straße war kein Verkehr, wir haben gekreiselt auf der Straße. Oder nach Kuchenrändern haben wir gefragt. Oder wir haben geholfen. Es gab ja hunderttausend Firmen hier in der Neustadt. Oder einer kannte den und das war der Vater von dem und der kannte wieder den […]

Meine Eltern haben in der Gastronomie gearbeitet später. Die Kneiper kannten sich untereinander ja alle. Im Hebeda’s waren wir viel.[…] Aber auch im Rothenburger Hof. Die hatten einen schönen Boxer und über die Hunde verstanden man sich gut. Auch mit Kühne von der Rendsburg. Das war eine große Absteige, wo die ganzen Künstler rein sind.[…]

„Das ist mein Block“

Für uns war das nichts Besonderes, wir kamen ja aus dem Zirkus.[…] Wie es der Teufel will, habe ich eigentlich zu dem Bereich Louisenstraße hinten raus gar nicht so einen Bezug, denn mein Revier endete an der Rothenburger/Görlitzer. Jordanstraße, Timäusstraße, das ist mein Block. Wir haben alles gemacht. Wir sind über die Dächer gehuppt, wir haben uns erwischen lassen und manchmal wurden wir verpetzt. Aber man konnte es machen. Es war nie irgendwie bösartig.[…]

Was wir früher schon für Gaststätten hatten! Gleich hier vorne neben dem Bäcker war das Antwerpen, und wo der Italiener jetzt ist, war die Louisenburg. Der Alaungarten war, die Goldquelle war, dann hattest du hinten die Happeldiele, dazwischen kam die Konzertklause. Du hattest viele, was so ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, weil sich viele aufregen über die ganzen Kneipen heutzutage. War früher auch so.[…]

Was ich schön finde ist, dass sie viele Sachen ausbauen und erhalten. Da findet man sich irgendwie wieder.[…] Für den, der es kennt, spielt es eine große Rolle. Ich fühle mich dann so leicht, so heimisch. So zufrieden. Was man nicht kennt, ist neu und anstrengend. Aber das – das ist ein eigenes Gefühl. Ich versuche das zu erhalten. Ich würde nie in ein Neubaugebiet ziehen.[…]

Kennen Sie die Bücher vom Starke? Da sind wir drin. Und die Geschäfte kenne ich alle.


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Wir stellen in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

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2 Kommentare zu “„Ich bin die vom Zirkus“ – Mary Belzing

  1. 27. August 2017 at 10:40

    Schön. Wie immer.

  2. Klahra
    27. August 2017 at 20:09

    Schöner und interessanter Beitrag.
    Ich bin in einer Kleinstadt in der Oberlausitz zur Schule gegangen und wir hatten auch immer mal wieder Kinder aus dem Zirkus in unserer Klasse.
    Das war vielleicht interessant. Was habe ich diese Kinder beneidet, die umherreisen konnten und am Nachmittag oder Abend in der Manege standen. Meiner Mutter habe ich die Ohren vollgejammert, dass ich zum Zirkus gehen wollte, da ich ja schließlich Handstandüberschlag und ein Rad schlagen konnte. Einen Satz heiße Ohren gab es als Antwort. Nach dem Unterricht sind wir sofort zum Zirkus gegangen und haben unsere neuen Schulfreunde besucht. Hausaufgaben waren erst einmal Nebensache.
    Einmal gastierte ein Zirkus mit einer Nummer, bei der ein Mädchen mittels einer Kanone nach oben geschossen wurde und oben auf der Kuppel erschien das Mädchen dann wieder. Es handelte sich aber um Zwillingsmädchen, die sich wie ein Ei dem anderen ähnelten, die bei uns in die Klasse gingen und wir haben uns dann wegen dieser Nummer verplappert und das fanden die dann nicht so lustig und wollten nichts mehr mit uns zu tun haben.

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