Licht am dunklen Ende der Görlitzer Straße

"Wir fertigen Lieblingsstücke" - Katharina Jacob

„Wir fertigen Lieblingsstücke“ – Katharina Jacob

Am „dunklen Ende der Görlitzer Straße“, jenseits von Assi-Eck und Kunsthof, schneidern die zwei Ästhetinnen von Wahlverwandt/Mühlenbeck traumhaft schöne Einzelstücke. Wie Sterntaler drücke ich mir seit Jahren die Nase an der Scheibe platt. Katharina Jacob und Eva Mühlenbeck erschaffen Roben, die magisch das Auge anziehen. Oft kommen Touristen ein zweites Mal nach Dresden. Aber nicht der Frauenkirche willen: „Seit meinem letzten Besuch geht mir ihr Kleid nicht mehr aus dem Kopf!“

Zwischen dem neuen Lieblingsstück und dem Verliebten steht nicht nur die Schaufensterscheibe, sondern auch der Blick aufs Preisschild. „Kauft man in der Innenstadt ein Etuikleid bekannter Labels wie Hugo Boss, bezahlt man an die 300 Euro. Das ist ungefähr unser Preisniveau, mit dem Unterschied, dass wir maßanfertigen und unsere Stücke nicht aus bösen, chinesischen Fabriken kommen“, erklärt Eva Mühlenbeck. „Aber das Bewusstsein dafür hat sich gesteigert“, stellt sie fest.

Eva Mühlenbeck und Katharina Jacob von Mühlenbeck/Wahlverwandt

Eva Mühlenbeck und Katharina Jacob von Mühlenbeck/Wahlverwandt

Im Jahr 2010 zog die diplomierte Kostümgestalterin bei Katharina Jacobi ins bereits bestehende Ladenatelier ein. Letztere schloss ihr Diplom 2007 ebenfalls an der HfBK ab und hatte eigentlich nie vor, einen Laden zu eröffnen. Das Leben kennt keine Dogmen.

Katharina stellte fest, dass die Arbeit am Theater „nicht ihre Welt war“ und suchte einen Arbeitsplatz, an dem sie sich „in Linie und Stil austoben“ konnte. Als ihre Kollegin Silke Abendschein eine Nachfolge suchte, sagte Eva Mühlenbeck eine Nacht vor ihrem Diplom sehr spontan zu und zog neben Katharinas Label „Wahlverwandt“ mit ein.

Im Ladenatelier gibt es keine unterteilten Garderobenstangen. „Wir erkennen anhand der Stücke, die der Kunde heraus greift, ob er eher zu Evas Stil tendiert oder zu meinem“, sagt Katharina Jacob. So symbiotisch wie die Präsentation gestaltet sich die geschäftliche Zusammenarbeit. Während eine Ladendienst hat, sitzt die andere über ihren Aufträgen an der Nähmaschine.

„Das wissen manche gar nicht: Dass wir nicht nur hier verkaufen, sondern hier arbeiten“, sagt Katharina. Beide Frauen sind mehrfache Mutter und wissen um die Herausforderungen, die der Beruf mit sich bringt. „Das muss man schon wollen“, sagt Katharina.

Eine Auswahl von Schuhen der jungen Designerin Chia Mihara

Eine Auswahl von Schuhen der jungen Designerin Chia Mihara

Ganz vom Theater weg gekommen sind beide Schneiderinnen nicht. Während Katharina nur noch einspringt, „wenn es brennt“, wird Eva angefragt, wenn etwas Besonderes oder Schwieriges benötigt wird. Mit drei Kindern ist die Arbeit unter Zeitdruck nur zu managen, weil der Vater tatkräftig unterstützt. „Wir haben sehr verlässliche Männer“, bekräftigt Katharina.

Jede Anfertigung ist ein Einzelstück. Die Roben im Schaufenster sind nicht nach gängigen Konfektionsgrößen geschneidert, sondern nach Erfahrungswerten. Aber eines Tages kommt die Trägerin, für die das Gewand wie gemacht ist. „Ich bin wirklich überzeugt davon, dass jeder Topf seinen Deckel findet“, sagt Katharina.

Am 20. Oktober feiert das Ladenatelier sein 10-jähriges Bestehen. Da entwischt zweifelnden Kunden der ersten Stunde schon mal der verwunderte Kommentar: „Ihr seid ja immer noch hier!“ Anspruch und Professionalität sind die offensichtlichen Zutaten des Erfolgsrezepts. „Wir tun, was wir gerne tun und gut können“, bringt es Katharina auf den Punkt.

Das Ladenatelier feiert im Oktober seinen zehnten Geburtstag

Das Ladenatelier feiert im Oktober seinen zehnten Geburtstag

Während Pläne und Ideen sprießen, ist die Zeit meist rar gesäht. „Dieses Jahr kriege ich den blauen Mantel fertig!“, sagt Eva. Doch ein kleiner Zweifel sitzt ihr im Mundwinkel. Und Katharinas Traum ist eine Woche, die sie nur an der Nähmaschine verbringt, um „ein bis zwei Sachen endlich fertig zu machen.“

Bescheidene Wünsche für zwei Meisterinnen ihres Kalibers. An ihnen lässt sich Kostbarkeit der Zeit für eigene Kreationen ablesen. Ist ein bestelltes Stück fertig, heißt es Abschiednehmen. „Man lernt loszulassen“, seufzt Eva.

Wahlverwandt / Mühlenbeck

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