Timäus- und Jordanstraße

Auch so etwas gibt's in der Neustadt. Balkonien auf der "Timäus"

Auch so etwas gibt’s in der Neustadt. Balkonien auf der „Timäus“

Zart schmelzend, süß und hellbraun – und wer hat’s erfunden? Die Dresdner! Schließlich haben die Schweizer schon die Salbeibonbons. Eeeendlich wurde im Jahr 2011 das Gerangel um die Erfindung der Milchschokolade wissenschaftlich fundiert beigelegt. Es waren die königlich-sächsischen Hoflieferanten Gottfried Jordan und August Friedrich Timäus, die den Gold-Esel molken und im Hof der Alaunstraße 71 mit Dampf und Gloria süße Täfelchen und Zichorienkaffee produzierten. Hach, da atmet der Dresdner auf. Christstollen – check. Filtertüte – check. Milchschokolade – check. Mundwasser – check. Porzellan – Moment! Jetzt sitzt in der weißen Timäus-Villa die Dresdner Praxis für Angewandte Psychologie. Man kann eben nicht alle Probleme mit Schokolade lösen. In memoriam an die Fabrikanten tragen die zwei parallel verlaufenden Querstraßen der oberen Alaunstraße ihre Namen.

Villa? Welche Villa?

Villa? Welche Villa?

Aufgrund der wildwuchernden Natur werden Stadtführer zukünftig wohl auf eine Hebebühne angewiesen sein, um interessierten Touristen den Timä-Protzschuppen zu zeigen. Für die Betrachtung der Villen-Betrachter wurde im Innenhof unter dem Motto Watch the watchmen! eine Couch installiert.

Timäus ist ein beschauliches Pflaster. Munter rollt der Reifen über glatten Asphalt, Schirmchen recken sich wie sonnengeile Pilze aus den Balkons. Die Idylle stört kein Spätshop, keine Kneipe, kein gar nichts. Hier ist Einbahnstraße. Ganz anders schaut Jordan aus. Willst du über Jordan gehen, lass die Stöckelschuhe stehen! Hier überquert man noch Keep-it-real-Kopfsteinpflaster mit Lücken so groß, dass aus der Tasche geglittene Münzen nach dreistündigem Fall in der Magmazone der Erde schmelzen. Ein Rad-Erlebnis, bei dem das Zwerchfell ordentlich durchgeschüttelt wird und jede Konversation nur staccatissimo geführt werden kann.

Am Spätshop: Durchfahrt verboten, Eintritt erlaubt

Am Spätshop: Durchfahrt verboten, Eintritt erlaubt

Ruhe kehrt auf Höhe des Spätshops, an der Kreuzung Förstereistraße ein. Hier gibt es ab 6 Uhr frische Brötchen und Sterni. Etliche Wandverzierungen zeugen von der Fantasie der Benutzer. Gleich nebenan erhebt sich fast klassisch das private College für Grafik und Medien. Noch ein kleines Stück weiter, versteckt in einem kleinen Hinterhof, teilt sich der Radiosender coloradio mit einer Zahnarztpraxis das Haus. Seit 1993 beglückt er auf 98,4 und 99,3 MHz mit Beiträgen aus Kultur, Region und Politik (und manchmal auch sehr langen Wortsammelpausen).
Altes Laden-Logo auf der Jordanstraße

Altes Laden-Logo auf der Jordanstraße

Weniger akustische als gustatorische Verzückungen bietet das gegenüber ansässige Villandry, dort werden selbst aus Kartoffelschalen ein exquisiter Salat zubereitet und Wissen in Kochkursen geteilt. Wem ein Gericht schmeckt (und dieser Fall wird eintreffen), der sollte es an einem Tag am besten gleich dreimal bestellen – die Karte wechselt fast täglich.

Für das schmalere Budget folgt an der Ecke zur Köni Rickys Quan, das asiatische Schnellrestaurant nur echt mit Aquarium, wo gegen Hunger und Erkältung eine echt gute Hühnersuppe serviert wird. Von der irritierend bunten Schrift an der Scheibe sollte man sich nicht abschrecken lassen. Konkurrenz bekommt der Duft nach Jasmintee, Glutamat und gerösteten Zwiebeln gegenüber aus dem Humana, das mit der Seifenfahne der Großwäscherei kontert.

Jordanstraße

Jordanstraße


Der Duft nach Reinheit und Frische im Klamottenparadies weckt nach wie vor Zweifel am guten Zweck. Die hippen Vintagefetzen sind noch immer zum größten Teil für das eigene Budget eine Wohltat, denn Humana verkauft die gesammelten Kleider, die nicht in einer ihrer deutschlandweiten Filialen landen, in afrikanischen Ländern. Dann für den Austausch von Klamotten doch lieber das Neustadt-interne Karton-System nutzen …

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9 Kommentare zu “Timäus- und Jordanstraße

  1. abrazzo
    15. August 2015 at 16:40

    Schöner Beitrag. Aber ich hätte noch gerne gewußt, warum die Bebauung in der Timäusstraße so andersartig aussieht, als in den anschließenden Gründerzeit-Straßenzügen. Irgendwie sieht es nach 30iger Jahren aus. Stimmt das? Aber wenn ja, warum nur dort?

  2. 15. August 2015 at 17:27

    Bis 1930 stand dort die Schokofabrik. Erst danach wurde die Straße gebaut.

  3. Anwohner
    15. August 2015 at 17:33

    Für die Rätselfreaks und Geocacher gibt es einen tollen Cache zu dem Thema der Schokofabrik: http://coord.info/GC39MTH
    Auch für Aussenstehende ganz interessant, das nur mal zu lesen.

  4. goldi
    15. August 2015 at 18:23

    mann is diese gecache anstrengend :P
    ich hab beim pilze jagen zufällich mal einen über der sandgrube gefunden, da war en echt sehr gemeines rätsel für den nächsten punkt drin. nee, das is mir nüscht. ;)

  5. Karsten
    15. August 2015 at 19:10

    An dieser Stelle mal mein Dank an Philine. Immer wieder schön, diese kleinen Artikel über die bekannten oder auch unscheinbaren Ecken des Viertels. Immer gespickt mit Hintergründen und Geschichtchen, die ich nicht wusste und wohl sonst auch nie gewusst hätte. Immer unterhaltsam und leicht bekömmlich geschrieben. Ein schönes Pralinchen im Neustadt-Ticker.

  6. 16. August 2015 at 12:09

    Danke Philine…….wieder nen toller Beitrag —> bis jetzt ohne Meckerer,sehr interessant,bildend und kurzweilig….

    grussi…. :lol:

  7. Franziska
    25. August 2015 at 15:37

    Die Bauten auf der Timäusstr. sind aus den späten 1930ern. Ich wohne in dem einen baugleichen Haus auf der Alaunstraße. Und das ist von 1938.

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