Die Wolfsgasse

Die Kronengasse wurde 1821 in Wolfsgasse umbenannt

Die Kronengasse wurde 1821 in Wolfsgasse umbenannt

Die kurze Wolfsgasse zwischen Bautzner Straße und Holzhofgasse wurde vor 60 Jahren schon einmal vorgestellt: von Gertraud Enderlein, einer Journalistin und Schriftstellerin, die in der Dresdner Neustadt lebte und arbeitete. Für die Tageszeitung „Die Union“ verfasste sie einen Artikel über die Straße, der am 30. Dezember 1956 gedruckt wurde. Er ist auf einer Mikrofiche in der Universitäts­bibliothek zu finden. Ein fiktiver Spaziergang zu zweit.

Gertraud Enderlein kommt etwas spät, obwohl sie es wirklich nicht weit hatte von ihrer Wohnung auf der Martin-Luther-Straße. Sie ist dick eingemummelt, denn es liegt Schnee in der Wolfsgasse und unterstützt die Mystik des märchenhaften Namens. Wölfe, so nah bei der Stadt? Trotz einer Wieder­ansiedelung des europäischen Raubtiers heute immer noch unwahrscheinlich. Aber Gertraud schafft es, mir einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Sie weiß zu berichten, dass an dieser Stelle vor mittlerweile knapp 400 Jahren Wölfe durch dichten Wald schlichen: „Dicht vor den Toren Alt-Dresdens sind zwei Schüler – vielleicht zwei fahrende, die von weither zur Kreuzschule zogen – von den wilden Tieren zerrissen worden. Und bis in die Stadtnähe dehnten sich die Wolfsgärten hin, in denen die Bestien für die öffentlichen Hetzjagden aufgebewahrt wurden.“


Von Wolfsspuren ist nichts zu sehen. Nur ein paar Diakonissenschwestern trippeln vorüber. Warum haben die so große Augen und so ein großes Maul …? Gertraud zieht mich weiter, bis zur Wolfsgasse 3. Fröhlich plappert sie los: „Hier lugte so um 1823 das vergnügte Gesicht des kleinen Sommergastes Richard Wagner hervor, der sich mit Mutter und Schwesterchen ganz wie auf dem Lande fühlte. So waldnahe war es einst unmittelbar neben der großen Stadt.“ Tatsächlich kaum vorstellbar, in Anbetracht der winzigen Baumansammlung an der Prießnitzmündung. Schummrig wie im Tannenwald ist die enge Gasse allemal, auch wenn die Sonne scheint.

Wolfsgasse mit Blick auf das ehemalige Schwesternhaus, jetzt Parkhaus, des Diako

Wolfsgasse mit Blick auf das ehemalige Schwesternhaus, jetzt Parkhaus, des Diako

„Zu Linken stehen hinter der hellen Mauer die Gebäude der Diakonissenanstalt, unter schneebeflockten Bäumen“, sagt Gertraud Enderlein schwärmerisch. Bäume und Mauer kann ich leider nicht mehr sehen – hier steht jetzt hinter einem Bauzaun das neue Parkhaus des Diako, das sich der Optik des alten Gebäudes verblüffend anpasst. Ich hake mich bei Gertraud unter und ergänze, dass auch Prof. Dr. phil. Friedrich Albert Bothe, Dresdner Mathematiker und Konrektor der Dreinkönigsschule, ab 1871 für ein Jahr hier in der Gasse wohnte. Gertraud nickt und ist in Gedanken jedoch schon weiter zurück in die Geschichte gehüpft:

Wolfsgasse hieß früher Kronengasse

„Die Wolfsgasse hat, als man sie im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts anlegte, einen weit friedlicheren Namen gehabt. Man nannte sie Kronengasse, nach der Schankwirtschaft ‚Zu den drei Kronen‘ an der Ecke der Bautzner Straße.“ Von dieser Schankwirtschaft ist nichts mehr geblieben, obwohl so ein heißer Tee jetzt schon angenehm wäre. Auf dem Weg zur Fähre sehe ich etwas Sonderbares: im Schnee finden sich die Abdrücke nackter Füße! Gerade will ich Gertraud darauf aufmerksam machen, da ist sie verschwunden. Von fern tönt, fast wie ein Windhauch, ein leises Heulen.

Straßen und Plätze und Brücken im Ortsamtsbereich Dresden Neustadt

Die Wolfsgasse Nummer 3 - Heim von Richard Wagner, der ab 1822 in Dresden die Kreuzschule besuchte

Die Wolfsgasse Nummer 3 – an dieser Stelle soll in den 1820ern die Ferienresidenz von Richard Wagner gewesen sein, der ab 1822 in Dresden die Kreuzschule besuchte

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9 Kommentare zu “Die Wolfsgasse

  1. 12. Januar 2017 at 12:34

    1956+80=? Philine, Willkommen im Club der DyskalkulatorInnen!

  2. E-Haller
    12. Januar 2017 at 13:04

    Dreikönigschule ohne n und ss bitte. ;) Ansonsten erstaunlich langer Artikel für so ein kurzes Gässchen.

  3. 12. Januar 2017 at 15:55

    Interessanter Artikel

  4. Tomski
    12. Januar 2017 at 18:48

    Wie kann dieses Haus Wolfsgasse 3 denn „Ferienresidenz“ Richard Wagners gewesen sein, wenn es erst einige Jahre nach dessem Tod errichtet wurde?

    Es sind, nicht nur hier, immer mal wieder Unrichtigkeiten über Stadtgeschichte zu lesen – die sich bei den Lesern tatsächlich festsetzen, und die die Stadtbilderklärer dann mühselig ausräumen dürfen…

    Ich fänd`s gut, wenn auch Philine vor ihren Beiträgen mal bissl Faktencheck betreibt. Mag mich nicht am Philine-Bashing beteiligen, aber bei ihr finde ich wesentlich häufiger Fehler, als in Antons Artikeln.

    Hat man denn als Journalist nicht auch einen Anspruch? So, für sich selbst…?!

  5. 12. Januar 2017 at 19:49

    @Tomski: Wir können leider keine Fehlerfreiheit garantieren. Ich würde mich freuen, wenn Du Fehler findest, das uns auch mitteilst. Ich lese das erste Mal von Dir einen Kommentar zu einen von Philines Beiträgen.

    Zu Deiner inhaltlichen Anmerkung. Wenn man dem Exposé der Firma, die das Haus kürzlich saniert hat, trauen kann, wurde das Haus tatsächlich 1840 oder 1860 errichtet. Laut der Deutschen Fotothek wurde es um 1865 errichtet. Das „Adreß- und Geschäftshandbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Dresden für das Jahr 1868“ verzeichnet zwei Einträge unter dieser Adresse. Und der Mathematiker Albert Bothe wohnte laut Stadtwiki 1871 dort.

    Vermutlich stand aber schon vorher ein Haus auf dem Grundstück, welches dann wohl die Autorin Gertraud Enderlein als Wagnersche Ferienresidenz in seiner Kindheit meinte. Was dann natürlich auch viel besser zum waldnahen Flair passen würde. Damit ist die Bildunterschrift falsch, ich werde das korrigieren.

    Danke für den Hinweis.

  6. nepumuk
    12. Januar 2017 at 20:40

    Ich wünsch mir angesichts des Wolfes eine Wildschweingoss‘ ebenso, wie – falls Elch Ole mal wieder auftaucht (einst dann gen Polen verzogen) – einen Elch-Ole-Weg. Derweil, also seit Wagners Stipvisite, zog sich der Waldrand – verglichen zu Stadtentwicklungen andernorts – nur eine behäbige Laufmeile gen Heidemassiv zurück, selbstredend infolge natürlicher Grenzsetzung selbigen.
    Lob an Philis Arbeit, sehe ich doch durchaus ordentliche Beschäftigung mit dem Gewesenen – teils gar im Text erwähnt (Unibibo/Archive), für hiesigen U+E-Zweck zudem allemal ausreichend, natürlich ohne vollumfängliche Gewährleistung.
    Da vermisse ich hier im Webraum doch vielmehr die gewisse Leichtigkeit und Lebensfreude des Neustadtgefildes, welche hier zuletzt eher verbissen wirkend von Wort- zu gar Buchstabenklauberei verzerrte und nun auch m.E. etwas zu pingelig eine schlichte Adressnennung mit dortig-häuslichem Bauzustand verwechselte. Philine sollte sich getrost keine Laune verderben lassen, ich freue mich stets über den heiter-hintergründigen Duktus ihrer blühenden Kurzwerke. Wir sind hier schließlich nicht beim Staatsexamen und auch Wagner behält seinen fixen Platz in der Stadthistorie. Tätärätäh!
    Lediglich im neuen Parkhaus sehe ich nun nicht solch eine ausufernde Ähnlichkeit mit dem zuvor dort leider arg gammelnden Schwesternwohnheim, aus welchem man ein zauberhaftes Palais hätte zaubern können – freilich ohne modernistische Stellplatzangebote. Solch qualitative Gedanken sind heutiger Diakonissenführung zeittypisch fern und mal sehen was uns dann dieses Jahr als Neubau an der Bautzner (neben dem Kirchlein) vorgesetzt wird. Vermutlich wirds selbst den Wolf verschrecken, sodaß das so benamte Pflastergässlein (nun mit Asphaltanteilen am Parkhaus entstellt) auch in Zukunft kaum vom bissigen Fellgeschöpf beehrt werden wird.
    Ich schließe im Wagnerton: hey ho, hinauf, oh Neustadt, hin zum Lichte, hin zu neuer Freud und Leichtigkeit. Tätärätäää!!!

  7. dorgero
    13. Januar 2017 at 00:55

    Ich durfte als Student selbst einige Zeit da wohnen. Eine spannende Zeit geprägt vom Geklapper der Pforte zu dem Schwesternschüllerinnenwohnheim (waren wohl die Liebhaber) und dem Geplapper der Schwesternschülerinnen, geplagt vom pfeifrischen Drüsenfieber und Liebesquerelen, wohnte doch der Sonnenschein auf der Holzhofgasse, ein Haus mit drei Bewohnern, eine alte Dame im Ersten und zwei jungen Männern im Dritten und immermal die Kohlen mit Hochbringen, ne Wohnung mit drei Durchgangszimmern, dem eingefrohrenen Außenklo und dem Dauerspaß, sich am Telefon mit Wolfsschanze zu melden

  8. 17. Januar 2017 at 12:04

    Danke….Philline…wieder nen toller Bericht…aber klär uns noch auf–was hat es mit “ Abdrücke nackter Füße“ auf sich,und wo war denn Gertraud hin wenn sie doch bei dir eingehakt war ?!

    grussi……..

  9. kohl
    7. Februar 2017 at 11:01

    Hallo, ich habe in der Wolfsgasse 3 meine ganze Kindheit verbracht, meine Großeltern wohnten da. Von den Wölfen das ist mir neu. Es war eine super Zeit. Mit der Milchkanne haben wir bei Pfunds Molkerei unsere Milch geholt. Unten an der Elbe haben wir immer in der kleinen Prießnitz gespielt. Ich muss unbedingt jetzt mal hin und schauen was vom alten Flair noch geblieben ist. Es waren aber so die 50er-/60er Jahre.

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