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Die Sterne im Konzert

Wahl, Wahl und nochmal Wahl

Die Wahlhelfer Christoph Niemzig, Stefan Tormalak, Tobias Rokosch beobachteten die Abgabe der Stimmen.
Die Wahl­hel­fer Tobias Rokosch, Chris­toph Niem­zig und Ste­fan Tor­malak­be­ob­ach­te­ten die Stimmabgabe.

Seit eini­gen Wochen poli­ti­sierte sich der Dresd­ner All­tag durch Wahl­pla­kate, Wahl­ver­an­stal­tun­gen, Wahl­ver­spre­chen, Wahl­kam­pa­gnen, Wahl­briefe. Auch nach der Wahl wird es sich wohl noch einige Wochen um die Wahl dre­hen. Wer hat wen gewählt und warum? Wo sind die Hoch­bur­gen? Wer hat gewon­nen, wer hat ver­lo­ren und was nun? 

Doch dazwi­schen doch Eines ein biss­chen auf der Stre­cke – für die Demo­kra­tie braucht es Frei­wil­lige, die am Sonn­tag im Wahl­lo­kal Stimm­zet­tel ver­tei­len und danach aus­zäh­len. Ein Erfah­rungs­be­richt aus der Rade­ber­ger Vor­stadt über Zah­len­dre­her und nette Wähler*innen:

Es ist Sonn­tag­nacht, 23.45 Uhr im Wahl­lo­kal 12301: In der Schule für Kör­per­be­hin­derte in der Fisch­haus­straße sit­zen acht Men­schen – zwei Frauen, sechs Män­ner. Man hört vor allem das Kli­cken von Kugel­schrei­bern. Bun­tes Papier raschelt von rechts nach links, tip­pende Fin­ger sum­mie­ren auf Taschen­rech­nern. Flüs­ternde Zah­len schwir­ren durch den Raum: „10 Stim­men für Kan­di­dat 7, 31 für Kan­di­dat 8“. Ich selbst bin ein Teil davon, notiere Ergeb­nisse in der Zäh­ler­liste und rege mich inner­lich über die roten und gel­ben Wahl­zet­tel auf – viel zu groß, viel zu sper­rig, viel zu viele Kandidat*innen pro Partei.

4400 Freiwillige halfen bei der Wahl

Ich hatte mich vor einem Monat als Wahl­hel­fe­rin gemel­det – genauer gesagt als Bei­sit­ze­rin. Gekö­dert hat­ten mich tat­säch­lich die Pla­kate : „Wahl­hel­fer gesucht“. Mitte April wur­den noch 1000 Wahlhelfer*innen in Dres­den gebraucht, auf 4000 Frei­wil­lige setzt die Stadt Dres­den – das ist doch ein Grund für die Demo­kra­tie ein­zu­ste­hen, dachte ich mir zu der Zeit.

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Sonn­tag­mit­ter­nacht sieht das bei mir schon anders aus. Der Enthu­si­as­mus wurde durch Müdig­keit ersetzt. Die Augen wer­den immer klei­ner, die Zah­len immer grö­ßer. Aber: Bloß nichts ent­ge­hen las­sen! Diese bun­ten Papiere auf den Tischen schei­nen so lapidar. 

Ein roter Zet­tel mit drei Stim­men, das scheint so wenig und bedeu­tet doch so viel: Ein Mensch mit einer Mei­nung, die gehört wer­den will. Eine Stimme, die in gro­ßer Zahl starke Ent­schei­dun­gen tref­fen kann, die die Poli­tik in die jewei­lige Rich­tung lenkt, die über Finan­zen und Gesetze ent­schei­det. Also ja nicht müde wer­den: Stimme ist Stimme.

Die Urne bleibt von 8 bis 18 Uhr fest verschlossen.
Die Urne bleibt von 8 bis 18 Uhr fest verschlossen.

7.30 Uhr ging es los

Ange­fan­gen hatte das ganze Pro­ze­dere Sonn­tag­früh 7.30 Uhr. Um die Uhr­zeit tra­fen wir als Wahlhelfer*innen zum ers­ten Mal auf­ein­an­der, wur­den in Schich­ten ein­ge­teilt und ver­ei­digt. Meine Schicht begann um 13 Uhr. Bis dahin waren schon 250 von 808 Wahl­be­rech­ti­gen erschie­nen, der größte Andrang war nach dem Früh­stück zwi­schen zehn und elf Uhr. 

Mit­tags leer­ten sich die Rei­hen. Bis 18 Uhr kon­trol­lierte ich mit Kevin S. die Wahl­be­nach­rich­ti­gun­gen und teilte die Stimm­zet­tel aus. Natür­lich beginnt man irgend­wann im Kopf Sozi­al­stu­dien auf­zu­stel­len – da über­legt man: „Der wählt bestimmt diese Par­tei – sie ist bestimmt links, Mitte, rechts, oben, unten“. Das Beob­ach­ten macht irgend­wie Spaß.

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Das schönste Ereig­nis war der Moment, als eine ältere Frau mit Mozart­ku­geln ankommt und sie uns als Dan­ke­schön hin­ter­lässt. Ansons­ten habe ich den gesam­ten Tag nur zwei­mal Danke gehört – Schade als ob es selbst­ver­ständ­lich wäre und als ob es auch ohne Wahlhelfer*innen gehen würde – geht es eben nicht. Wenn man sich zwi­schen den Wahl­hel­fen­den umhört, sind die Gründe trotz­dem sehr verschieden:

    Ich bin ein sehr miss­traui­scher Mensch und ja ist halt die Neu­stadt, da hab ich noch weni­ger Ver­trauen bei den gan­zen Hip­pies.“ Kevin S.

    Ich hatte Zeit und Lust – und irgend­wer muss es ja machen“ Peter R.

Digital auszählen statt analog?

Ein ande­rer Wahl­hel­fer will nicht, dass die Wahl digi­ta­li­siert wird. Und das heißt für ihn: Solange sich genug Frei­wil­lige fin­den, besteht nicht der Druck, die Wahl zu digi­ta­li­sie­ren. Die digi­tale Wahl dis­ku­tie­ren wir mehr­mals wäh­rend der Aus­zäh­lung. Die meis­ten ste­hen dem gan­zen skep­tisch gegen­über. Der Tenor ist: Natür­lich ste­cke die ana­loge Wahl­aus­zäh­lung vol­ler Feh­ler­quel­len, aber eine groß­flä­chige Betrü­ge­rei sei nicht mög­lich. Digi­ta­li­siert sei das Hacken eines zen­tra­len Punk­tes viel leich­ter und schon würde sich das Ergeb­nis dras­tisch ver­schie­ben. Das leuch­tet ein.

Die Auszählung der EU-Wahl war noch relativ einfach.
Die Aus­zäh­lung der EU-Wahl war noch rela­tiv einfach.

Punkt 18 Uhr wird das Wahllokal geschlossen

Etwa 525 von 808 Per­so­nen hat­ten im Wahl­be­zirk 12301 gewählt. Ab jetzt wird es span­nend: Begon­nen wird mit der EU-Wahl – die ein­fachste von allen Wah­len. Eine Stimme – ein Strich, nicht kom­pli­ziert. Trotz­dem ver­zäh­len wir uns am Ende. Eine gül­tige Stimme wird gesucht – das sei ganz nor­mal, wie mir die ande­ren Bei­sit­zer erklä­ren. Um 21 Uhr geben wir die Ergeb­nisse der EU-Wahl tele­fo­nisch durch. Die Wahl­vor­ste­he­rin meint: „Ich sag euch, wir kom­men hier nicht vor ein Uhr raus!“ Und tat­säch­lich um 0.30 Uhr zäh­len wir immer noch. Die Wahl des Orts­bei­rats zieht sich in die Länge, und auch wenn es heißt: Ver­trauen ist gut, Kon­trolle ist bes­ser – irgend­wann sind auch wir mit den Ner­ven am Ende.

Letzte Auszählung: Die Wahl für den Stadtbezirksbeirat dauerte am Längsten.
Letzte Aus­zäh­lung: Die Wahl für den Stadt­be­zirks­bei­rat dau­erte am Längsten.

Wäh­rend der Aus­zäh­lung haben wir immer mal wie­der das Thema Betrug ange­spro­chen. Das möchte man doch eigent­lich gar nicht wis­sen, oder? Von mei­ner Seite kann ich sagen: An bestimm­ten Stel­len in der Aus­zäh­lung kann die Wahl­fäl­schung mög­lich sein, aber groß­flä­chig wäre die Aus­wir­kung für diese Arbeit viel zu gering. Und der Wahl­vor­stand arbei­tet sehr kon­se­quent. Über ungül­tige Stim­men wird in der Gruppe noch­mal gemein­sam dis­ku­tiert und demo­kra­tisch abge­stimmt. Oft schaut man den ande­ren über die Schul­ter, alles wird dop­pelt und drei­fach gezählt. Kurz nach zwei sind wir dann end­lich draußen.

Die Bilanz des Tages:

  1. Immer schön Danke zu den Wahlhelfer*innen sagen und am bes­ten Obst oder eine Tafel Scho­ko­lade vor­bei­brin­gen. Kaf­fee ist auch nicht schlecht. Wahl­be­stechung funk­tio­niert sowieso nicht. Danke sagen, reicht auch schon, das mun­tert auf und zeigt: Demo­kra­tie ist nicht selbstverständlich.
  2. Wider Erwar­ten wurde ich ziem­lich ent­täuscht: Es gibt gar keine Ver­pfle­gung! Aber 70 Euro Dan­kes­geld und eine Urkunde vom Innen­mi­nis­ter – Viel­leicht könnte man da noch­mal drü­ber nachdenken?
  3. Ungül­tige Stim­men ner­ven, aber wenn sich jemand dafür ent­schei­det, dann freuen sich die Wahlhelfer*innen auch über Bil­der oder kleine Kom­men­tare. Die wer­den aber nur die Frei­wil­li­gen lesen. Ein Kom­men­tar an Horst See­hofer wird wohl nicht an ihn weitergeleitet.
  4. Jedem Wahl­be­rech­ti­gen erzäh­len, wie schön es ist, als Wahl­hel­fe­rin zu arbei­ten. Es macht auch wirk­lich Spaß, man lernt neue Men­schen ken­nen, hat das Gefühl, was Gutes gemacht zu haben und ver­traut oder miss­traut, je nach­dem, der Wahl weni­ger. Die nächste Wahl naht ja schon in drei Mona­ten – Auch dafür wer­den noch Wahlhelfer*innen gesucht. Viel Spaß!
Nach der Auszählung wandern die Wahlzettel der Neustadt ins Bürgerbüro.
Nach der Aus­zäh­lung wan­dern die Wahl­zet­tel der Neu­stadt ins Bürgerbüro.

Weitere Informationen zur Wahl:

Korrektur 28. Mai 2019

In der ers­ten Fas­sung des Tex­tes war von 40 Euro Dan­kes­geld die Rede, das gilt für nor­male Wah­len, in die­sem Fall gab es wegen des höhe­ren Auf­wan­des 70 Euro. Ist nun im Text kor­ri­giert. Außer­dem wurde im Anschrei­ben an die Wahlhelfer*innen dar­auf hin­ge­wie­sen, dass eine Ver­pfle­gung nicht mög­lich ist.

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7 Ergänzungen

  1. Ätsch, wir waren schon um Mit­ter­nacht fer­tig mit Zählen! ;-)

    Liebe Grüße aus dem Hecht
    Jenny

  2. Danke für deine Mühe und stell­ver­tre­tend natür­lich auch danke an alle ande­ren Wahlhelfenden!

  3. Danke, Luisa!

    Tipp an alle: Brief­wahl ist sehr ent­spannt, lus­tig und der son­nige Sonn­tag bleibt frei.

  4. In mei­nem Wahl­lo­kal stan­den die Leute ab mor­gens Schlange.… der letzte hat 18.30Uhr das Wahl­lo­kal ver­las­sen. Die Stim­men­aus­zäh­lung war wirk­lich sehr auf­wän­dig und anstren­gend! Ich bin berufs­tä­tig und musste 0.30Uhr als Wahl­hel­fer auf­hö­ren, damit ich heute mor­gen bei mei­ner Arbeit im Kran­ken­haus arbeits­fä­hig bin. Zu die­sem Zeit­punkt waren zwei von drei Wah­len aus­ge­zählt. Über 800 Wahl­zet­tel pro Wahl waren zu zäh­len.… diese Stim­men­zahl bestimmte auch den Zeit­auf­wand! Es war uns allen im Raum klar, dass das bis min­des­tens 3.00Uhr gehen wird.
    Musste die Stadt­bei­rats­wahl wirk­lich mit­ten in der Nacht aus­ge­zählt wer­den? Kann man das nicht am fol­gen­den Tag machen?

  5. Ach, Kevin S. ich ver­traue den Hip­pies auch nicht… Und schon gar nicht gen­dern­den Autorinnen

  6. Danke sagen für den Erhalt einer rück­stän­di­gen Wahl­durch­füh­rung? Sicher nicht.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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