Der Betrachter als Schlüssel – Karen Gäbler

Die 95. Ausstellung der Reihe „Kunst in der Villa Eschebach“ gibt der Malerin Karen Gäbler ein Podium. Ihre Werke geben Rätsel auf. Die Künstlerin verzichtet auf Erklärungen, denn ein „Bild ist kein Kreuzworträtsel“.

Jeder Laut in der Villa Eschebach, den Räumen der Volksbank, klingt gedämpft. Die Schritte der Mitarbeiter, das Surren der automatischen Glasschiebetüren, das Rattern der Geldzählmaschinen – alles wie hinter Glas. Nur die Bilder an den holzverkleideten Wänden scheinen laut zu rufen.

Änderungsschneiderei - Karen Gäbler
Änderungsschneiderei – Karen Gäbler

Im Rampenlicht

Karen Gäbler erzählt, sie gehe gern inkognito unter den Gästen umher und lausche den Gesprächen. Bei der Vernissage lauschte sie auf „ungewohnt exponierter Position“ auf einem Stuhl im Rampenlicht, wie Prof. Dr. Harald Marx ihr Werke besprach – fasziniert von den Worten, die er für das bildhaft Ausgedrückte fand. Sie trennt ihre Person und ihr Werk. „Wenn ich ein Bild der Öffentlichkeit präsentiere, gebe ich die Deutungshoheit ab“, sagt sie. „Alles, was ich mitzuteilen habe, habe ich gemalt.“

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicken Karen Gäbler zu. Thomas Lohse begegnet uns im Gespräch und grüßt erfreut. Er war es, der Karen Gäbler für die Jubiläums-Ausstellung ausgewählt hat. „Es war so, wie es sein sollte“, erzählt die Künstlerin. „Herr Lohse verschaffte sich beim Künstlerbund einen Überblick und wählte aus, was ihn ansprach.“ Thomas Lohse zeigt sich zufrieden mit seiner Wahl, ebenso seine Mitarbeiter*innen: „Die Resonanz ist durchweg positiv.“


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Die Linke

Gegrüßetseistdu - Karen Gäbler
Gegrüßetseistdu – Karen Gäbler

Die Autonomie des Bildes

In Karen Gäblers Werk treffen klassische Maltechniken auf surrealistische Symbole, Altehrwürdigkeit auf Graffiti. „Ich mag es, Schubladendenken aufzubrechen und mit Erwartungen zu spielen“, sagt sie. In der Schule wird Bildinterpretation mit „falsch“ und „richtig“ bewertet. Karen Gäbler lädt dazu ein frei zu denken. „Man darf alles in meinen Bildern sehen. Und sich fragen: Was fühle ich dabei? Was beunruhigt mich?“

In der Regel arbeitet die Künstlerin an fünf bis sechs Bildern gleichzeitig. Während Farbschichten trocknen, widmet sie sich anderen Leinwänden. Die Bilder entwickeln ein Eigenleben: Sie entstehen im Kopf und ändern während des Malprozesses die Richtung. Manches „möchte werden“, anderes verweigert sich. Die Autonomie des Bildes.

Die Deutungen der Betrachter sind für Karen Gäbler ein spannender Teil ihres Werks. Niemand sieht, was der andere sieht. Im Austausch entstehen überraschende Perspektiven. Der Betrachter selbst mit seinen Ansichten und Emotionen ist der Schlüssel zu einer individuellen „Lösung“ der einzelnen Rätsel-Bilder. Die Deutung eines Bildes sagt mehr über den Betrachter aus als über das Bild.

„Manche Motive habe ich mehrmals in Angriff genommen“, erklärt Karen Gäbler. Sie versuchte den Bildgegenstand, der sich verselbstständigt hatte, seinem Ursprung zuzuführen. Beispielsweise die Frau, die dem Betrachter den Rücken zukehrt, gebeugt, ein Mobiltelefon ans Ohr gedrückt, zwischen den Beinen Einkaufsbeutel stützend. In jeder neuen Bildkonstellation bekommt die Frau eine anders gefärbte Aussage.

Fuga - Karen Gäbler
Fuga – Karen Gäbler

Das irrationale Moment

Häufig setzt sich die Künstlerin motivisch und inhaltlich mit dem bewunderten Francisco de Goya auseinander. Das „irrationale Moment“ reizt sie. Ein Frauenreigen, tanzend auf einem gefrorenen See, scheinbar ein geisterhaftes Wesen beschwörend, eine Frau auf einem schwarzen Pferd, halb fallend, halb vom Tier am Sturz gehindert. Es sind magisch-mystische Formeln, die Karen Gäbler aufgreift, neu interpretiert, aktualisiert, vertieft.

„Kunst hat in einer freien Gesellschaft wie der unseren selten noch revolutionären Charakter“, sagt Karen Gäbler. „Sie ist häufig ein Schnörkel, ein dekoratives Element. Kunst ist etwas für den Feierabend.“ Die Ausstellung in der Villa Eschebach löst wohl keinen Umsturz, wohl aber Mikro-Revolutionen im Kopf aus.  Karen Gäblers Bilder wühlen auf, zwingen zum Verweilen. Sie lassen sich in keinen Rahmen drängen, sie stellen Fragen und fordern Zeit auf eiligen Arbeitswegen ein. „Das ist etwas, das ich an der Malerei schätze. Die Langsamkeit. Ein Bild hält nur eine Millisekunde fest, doch man braucht so ewig dafür, es zu malen.“

Karen Gäbler „Schein einer Welt vor der Welt?“

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