Schau die Hochburg – ein Hoch auf die Schauburg*

Bei Nacht wirkt das Gebäude aus den 1920er Jahre am eindruckvollsten.

Bei Nacht wirkt das Gebäude aus den 1920er Jahren am eindrucksvollsten.

Ein Freund von mir lobte meine letzten Artikel ob ihrer Sachlichkeit. „Die Neustadt ist doch kein Märchenwald voller Wichtel, die den ganzen Tag nur Seifenblasen furzen.“ Tja, aber in diesem Portrait geht es um Kino – und da muss man zweifellos märchenhaft und drollig schreiben, sonst wird der Thematik Unrecht getan. Da habt ihr’s.

Das Kino – eine große magische Dunkelkammer, in der Bilder nicht nur auf der Leinwand sondern in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Ein Fenster zu Welt und Menschen, das Herz und Hirn neue Horizonte erkunden lässt. Und das günstiger als jeder Billigflieger. Die Schauburg ist das erste Gebäude in Dresden, das speziell für Lichtspielzwecke erbaut wurde. Seit 1927 thront sie als Hochburg von Flimmerstreifen und Filmfantasten über der Kreuzung Königsbrücker Straße/Bischofsweg. Nun hört ihre Geschichte:

Es war einmal eine verzauberte Burg, in der wie durch Zauberhand bunte Bilder zu Märchen verschmolzen und allen Menschen Vergnügen bereiteten. Wie so viele feste Größen der Neustadt wurde sie von einem neuen Zeitalter, das viele von uns nur „die Wende“ nennen, erschüttert. Von der bösen Hexe Treuhand an den Filmverleiher Constantin weit im Westen verkauft, wurde die sagenhafte Burg aus der Ferne eher schlecht als recht regiert und fiel 1992 in einen tiefen Schlaf. Die Anziehungskraft der Festung jedoch war so groß, dass schon nach einigen Monaten der Ritter Heiner Kieft, Herrscher über den Nickelodeon Filmtheaterbetrieb Dresden, zu ihrer Rettung nahte.  Er erwählte die tapferen Recken Frank Apel, Dirk Hennings und Sven Weser, die schlummernde Ruine aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken und in eine glorreiche Zukunft zu führen. Der große Festssaal wurde für Säcke voll Goldtalern renoviert und umgebaut, bis das Kino 1994 mit drei Sälen wiedereröffnet und so von seinem Bann befreit werden konnte.

Stefan Ostertag - Schauburg-Chef

Stefan Ostertag – Schauburg-Chef

An dieser Stelle der Geschichte betritt ein neuer Akteur das Bild: der Knappe Stefan Ostertag. Noch mit jugendlich wirrem Kopf sucht er einen Broterwerb neben seinem examen abiturium und findet ihn an eben besagtem malerischen Ort. Schnell wird den drei Burgherren klar: in dem tatkräftigen Burschen steckt das Zeug zu einem wahren Herrscher. Nach seinem Zivildienst baut Stefan Sax Ticket, den zum Stadtmagazin Sax gehörigen Ticketschalter, mit auf, der später ebenfalls in die Schauburg einziehen soll. Aufgrund seines Mutes und seiner Tapferkeit wird er 1997 zum Theaterleiter des Filmtheaters geschlagen. Nach Jahren der Prüfung und des Lernens ist er würdig, um 2009 das Zepter des Geschäftsführers verliehen zu bekommen.

Seine Festung war bei Groß und Klein beliebt und öffnete täglich ihre Pforten, um das bunte Völkchen der Neustadt mit allerlei Spektakel zu erfreuen. Nicht nur laufende Bilder, auch Vorträge, Konzerte, Poetenwettstreite und abenteuerliche Kunde aus fernen Ländern wurden an seinem Hofe zelebriert. Schauspieler und Regisseure des ganzen Landes schätzten das lustige Treiben und kamen angereist, um ihre ausgefallensten Kreationen vorzustellen.

So steht sie also heute noch, die Schauburg. Ein trotziger Wall gegen Blockbuster-Kino und dönsige Flach-Filme. Aber was bewahrt das Kino davor, im Angesicht permanenter medialer Beschallung und Mega-3D-Hightech-Glotzen nicht tatsächlich zu einem staubigen Märchen zu werden? Jeder Filmophile, der Filmkonsum nicht als banale Endlosschleife auf tragbaren elektronischen Geräten, sondern kleines abenteuerliches Event mit Mehrwert betreibt. Mehrwert im Sinne von Popcornduft und Filmvorschauen, gemeinsamen Lachern und erregten Debatten über rätselhafte Szenen, Abspann-bis-zum-Schluss-Gucken und … wenn sie bis heute nicht gestorben ist, dann flimmert sie noch morgen.

Informationen und Öffnungszeiten

  • Filmtheater Schauburg Dresden, Königsbrücker Straße 55
  • Die Kinokasse öffnet täglich 15 Minuten vor Beginn der ersten Vorstellung. Geschlossen wird circa eine halbe Stunde nach Ende der letzten Vorstellung.
  • Im Internet zu erreichen unter: www.schauburg-dresden.de

*Zugegeben, das war nicht das beste Wortspiel. Aber es ließ sich zu schwer verkneifen.

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14 Kommentare zu “Schau die Hochburg – ein Hoch auf die Schauburg*

  1. Kelly
    4. Januar 2013 at 20:25

    Das Neutstadt-Märchenbuch ist sicher schon in Produktion – ich würde es kaufen ;)
    Eine schöne Ode an ein tolles Programmkino :)

  2. Hans W.
    5. Januar 2013 at 10:42

    Ich mag die Schauburg und ihre Filmauswahl. Aber die drei Säle sind mittlerweile so abgeranzt, das der Kinogenuss wirklich drunter leidet.

  3. cul-de-jatte
    5. Januar 2013 at 20:36

    @Hans:

    Das macht doch grade den Charme dieser älteren Dame aus: etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch genug Klasse um es den ganzen jungen Dingern zu zeigen!
    Du hättest sie vor 15 Jahren wahrscheinlich nicht mal betreten…

    Dank an die Märchentante

  4. Sven
    5. Januar 2013 at 21:27

    Ich mochte das Kino echt sehr und war nicht nur bei Filmen sondern auch oft bei Konzerten gerne Gast, allerdings fällt nicht nur mir die Gastro, vor halle der „nette“ Herr an der Bar negativ auf, der seinen Stress all zu gern am Kunden auslässt, letztmalig passiert beim Oli Schulz Konzert. Hoffe das fällt nicht nur mir/uns auf.

  5. 5. Januar 2013 at 21:57

    Der erste Besuch in der Schauburg an den ich mich erinnern kann, war Anfang der 1990er zu „Spur der Steine“, dem zu DDR-Zeiten verbotenen Streifen mit Manfred Krug.

    Der Film hat mich aber nur halb so viel beeindruckt wie die Visions-Bar, in der ich den Streifen gesehen habe. Hinter Glas mit Lautsprechern versehen, konnte man nach Herzenslust speisen und trinken. Und ich glaube, ich habe sogar ein Zigarettchen geraucht.

    Ansonsten erinnere ich mich gern an diverse Kurzfilmfestivals und an viele tolle Filme im Tarkowski-Saal.

    Der „nette“ Herr an der Bar, wenn es der Gleiche sein soll, der Sven aufgefallen ist, hat aus meiner Sicht einfach nur typische Neustadt-Schnauze und die kommt vom Herzen.

  6. die, in der es nur eine geben kann
    6. Januar 2013 at 19:17

    eine überaus treffende geschichte mit höchster sachlichkeit, die nur einem märchen zugeschrieben werden kann

  7. Marie
    7. Januar 2013 at 09:18

    Schade, dass man nicht mal in Ruhe hier konstruktive Kritik äußern kann. Auch ich war früher sehr gern in der Schauburg, gehe heute jedoch nicht mehr so häufig, eben weil die Säle so abgeranzt sind, die Stühle unbequem. ich habe mal „Magnolia“ im oberen kleinen Saal in der zweiten Reihe sitzend gesehen – nein, das war kein Filmgenuss, das war Quälerei, es war eng und alles tat weh. und wenn ich mit meinen Freunden immer erst durch den ganzen Saal tapsend muss, bis ich drei Stühle nebeneinander finde, die mal nicht irgendwie schief, wackelnd oder kaputt sind, hat das auch keinen wirklichen Spasscharakter. Dass Kino auch anders geht, zeigt doch das Thalia oder das PK Ost. Aber in der Neustadt soll immer alles so bleiben, wie es war – nun ja, wenn die Schauburg so bleibt, wie sie 1994 war, habe ich da auch kein Problem mit. Und: Ich finde auch, dass der miesepetrige Typ an der Bar nicht gleich zum „typischen Neustädter“ erhoben werden muss – kann er nicht einfach nett uns zwei Kaffee und ein Bier geben? Nein – und das soll KUlt sein? Wenn ihr meint…
    Ach ja, ähnliches empfinde ich im Sax-Ticket. Da wird sich ja auch schon seit Ewigkeiten keine Mühe mehr gegeben – man braucht nur mal auch den Schaukasten schauen, der oft mit veralteten Sachen gefüllt ist. Schade, da lockt mich nicht wirklich viel reinzugehen und mein Geld dazulassen.
    Aber andere werden wieder sagen „Das ist der Charme der Neustadt, das muss so….“ oder „Die Leute wollen das so…“ Ach, wirklich?
    Ich weiß, man soll die Nachbarschaft unterstützen, dass mach ich wahrlich mehr als genug, aber so ein paar Ansprüche sind doch auch nicht verkehrt.

  8. cul-de-jatte
    7. Januar 2013 at 11:54

    Hm, was die Neustadt mal ausgemacht hat/macht: Hier geht es eigentlich um das „wir und uns“(Hier wurde mal aus Sch… Gold gemacht, oder irre ich mich?). Da muss man auch mal seine eigenen Ansprüche hintenanstellen können. Klar ist es kacke auf beschissenen Stühlen zu sitzen, aber vergessen wir mal nicht das Kino´s wie die Schauburg oftmals ums Überleben kämpfen. Deswegen folgender Vorschlag: Wir, die so bequem und immer bereit sind auf höchstem Niveau zu jammern, treffen uns bei den ersten Sonnenstrahlen zum Frühjahrsputz. Jeder bringt Materialien, gute Laune und etwas Einsatzwillen mit. Dann könnte man die Alte Dame etwas verschönern.

    Was das durchweg unfreundliche Personal der „Neustadt-Unterhaltungs-Industrie“ betrifft: Wie es in den Wald hineinschallt… Wenn man sich etwas Zeit nimmt, paar nette Worte findet oder sich auch mal n bisl „anranzt“(schlechte Witze versteht echt jeder) ist die Unfreundlichkeit bei den meisten Miesepetern wie weggeblasen…

  9. kay
    8. Januar 2013 at 15:47

    das programm der schauburg ist einmalig. immer wieder kann man da schöne kleine filme entdecken und genießen.
    doch wie schon erwähnt, es gibt immer mehr dinge die den filmrausch eintrüben. die säle sind nicht nur alt und verbraucht, sondern auch dreckig. alt und dreckig ist eine schlechte kombination. und gegen den dreck könnte man etwas tun. von den toiletten will ich erst gar nicht anfangen.
    das personal an der bar, gerade in der woche am nachmittag, ist unqualifiziert ohne gleichen.
    ich finde es schade, dass die betreiber diese schwachstellen nicht beseitigen. denn zum schöne-filme-gucken zählt eben auch das ambiente.
    und das personalproblem, oft trifft man auf gelangweiltes und genervtes personal. man hat oft das gefühl zu stören.
    wie gesagt, schönes programm, aber zum glück laufen viele der filme auch in anderen kinos.

  10. kay
    8. Januar 2013 at 15:52

    @cul-de-jatte: arbeitest du in der schauburg? man könnte fast den eindruck bekommen. jeder macht seine eigenen erfahrungen und kann diese hier posten. und wenn man sich im freundeskreis umhört und da wird ab und zu mal über die schauburg gesprochen, fallen mehr und mehr negative details auf. immer weniger freunde gehen da hin. wenn die schauburg sich das auf dauer leisten kann, nur zu!

  11. cul-de-jatte
    9. Januar 2013 at 12:03

    @Kay:

    Danke, dass du das EINMALIGE Programm der Schauburg ansprichst. Danke, dass du die MISERABLEN Zustände nochmal schilderst. Danke, dass ich die Nacht schlecht geschlafen hab.

    Eins vorweg: ich werd mich hüten so nen schlecht bezahlten, undankbaren Job anzunehmen wie die Leute in der Schauburg. Da könnt ich mir ja gleich noch 3 weitere suchen…

    Warum ich trotzdem so emotional reagiere?
    Nun, vielleicht hat mich dieses Märchen da oben berührt und Erinnerungen an längst vergangene Zeiten geweckt.
    Vielleicht hab ich mehr zwischen den Zeilen entdeckt, als da ist.
    Vielleicht ist die Schauburg sowas wie meine persönliche Mrs. Robinson.
    Vielleicht ist dies auch der falsche Ort um mit Kritik was zu erreichen.
    Vielleicht könnte man ja trotzdem was tun.
    Wen interessiert das schon? Aber vielleicht kann ich mir das ja auf Dauer LEISTEN…

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