Sind wir noch zu retten?

Wo summt es noch in der Bautzner Straße?

Wo summt es noch an der Bautzner Straße?

Es beginnt mit einem Vogelzwitschern. Dann zeigt der Ökologe Dr. Ernst Paul Dörfler auf das Foto eines Blaukehlchens und erzählt: „Heute hatte ich noch ein wenig Zeit in Dresden und habe die Vögel beobachtet. Ich sah einen Zilpzalp, mehrere Ringeltauben, eine Elster, einige Kohlmeisen und das wars. Die Frage ist also nicht, warum seid ihr hier, sondern wärt ihr schon vor einem Jahr gekommen?“

Mit seiner Vortragsreihe „Ausgesummt und ausgezwitschert – wie retten wir die biologische Vielfalt?“ will der Ökologe auf das Vogel- und Insektensterben aufmerksam machen. An die 40 Interessierte kamen diesen Dienstag, den 24. April in die Bautzner Straße 22, um dem Ökologen zu lauschen. Und zu erzählen hat er viel.

„Ohne die Insekten läuft nichts. Sie bilden mit Pflanzen das Fundament unseres Lebens. Was wären Igel, Vögel, Eidechsen, Frösche, Menschen und selbst Pflanzen ohne Insekten?“, erklärt Paul Dörfler. Bis zu 75 Prozent der Insekten sind in den letzten 30 Jahren in Deutschland verschwunden. Auch die Zahl der Vögeln halbierte sich in diesem Zeitraum. Diese Zahlen stammen von einer Anfrage der grünen Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke 2017 (Hier als PDF zum Nachlesen).

Einöde für Insekten und Vögel an der Elbe

Einöde für Insekten und Vögel an der Elbe

Neonicotinoide als Ursache für das Insektensterben

Paul Dörfler erklärte die Ursachen dafür in seinem Vortrag beim BUND. Er sieht den Grund in der verstärkten Düngung, der übermäßigen Mahd und dem Einsatz von Neonicotinoiden – den Nervengiften für Insekten „Manche nennen es Pflanzenschutzmittel, andere Agrargifte“, sagt Dörfler augenzwinkernd. Immer wieder zeigt er Bilder von Vögeln. Wo denn die Lerchen seien, die Großtrappen, das Rebhuhn oder der Wendehals? Die Zuhörer stöhnen mehrmals entrüstet.

Natürlich kommt früher oder später die Frage danach, was man denn tun könne. „Es muss immer viel blühen – in unseren Gärten und in der Landschaft. Und die Insekten brauchen eine Wohnung“, meint Paul Dörfler. Jeder könne etwas tun. „Ich kaufe regional und bio“, sagt die Vorstandsleiterin Jutta Wieding des BUND. Außerdem solle man auf Fleisch verzichten, weniger Auto fahren, nicht mehr Fliegen und vor allem müssen wir unseren Ordnungswahn ändern. Denn Insekten lieben „unordentliche Ecken“ mit Totholz und Disteln. Und dort wo Insekten sind, kommen auch Vögel.


Aber nach Dörfler reicht die Initiative des Einzelnen nicht aus. „Wir brauchen eine giftfreie Landwirtschaft und wir müssen mutig sein, uns zu äußern.“ Jutta Wieding appelliert: „Wir benötigen einen Aufschrei in der Bevölkerung. So wie es in den 70ern beim Waldsterben war, und so wie es bei TTIP war.“

Projekte in Dresden zum Thema Insekten und Vögel gibt es viele. Der BUND errichtete erst kürzlich Nisthilfen für Wildbienen (Neustadt-Geflüster vom 20. April 2018) und pflegt Streuobstwiesen um Dresden. Die Initiative „Urbanität und Vielfalt“ wirbt um Pflanzenpaten, die sich um seltene Wildkräuter kümmern. Es wird unterstützt vom Umweltzentrum Dresden.

Die Arbeitsgruppe „Biene sucht Blüte“ betreut Wildblumenwiesen in der Stadt. Das Gartennetzwerk sät Nektarpflanzen in ihren Stadtgärten. Doch nach Jutta Wieding braucht es für die nächsten Jahre sehr viele wache Menschen, die die geplanten EU-Reformen in der Landwirtschaft beobachten.

Aussteiger und Ökobauer

Der Referent Paul Ernst Dörfler, bezeichnet sich selbst als Aussteiger und Ökobauer. Er promovierte in Chemie und gründete die grüne Partei zum Ende der DDR mit. Doch nach kurzer Zeit bemerkte er, dass ihn die Arbeit als Bundestagsabgeordneter nicht glücklich machte. Seitdem lebt er in Steckby, ein kleines ruhiges Dorf in Dessau. Er kümmert sich um seinen Gemüsegarten, hält Vorträge, setzt sich für die Elbauen ein und schreibt Bücher. Sein zuletzt veröffentlichtes Buch „Liebeslust und Ehefrust der Vögel“ beschreibt die Liebesbeziehungen der gefiederten Erdenbewohner. Sein erstes Buch „Zurück zur Natur. Mensch und Umwelt aus ökologischer Sicht“ war nach drei Tagen ausverkauft – mit einer Auflage von 15.000 Büchern. Kritiker verpönen seine Art, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. 2010 erhielt er den EuroNaturpreis.

Sein Lieblingsvogel ist der Kranich. „Die Vögel führen eine gleichberechtigte Ehe“, mein Paul Dörfler. Den Vortrag beendet er mit den Worten: „Es ist schade, dass heutzutage die Menschen mehr Automarken oder Modelabels kennen als Vogelarten.“ Denn nur wer die Natur kennt, weiß sie zu schützen.

Dr. Paul Ernst Dörfler fordert eine giftfreie Landwirtschaft - BUND

Paul Ernst Dörfler fordert eine giftfreie Landwirtschaft – Foto: BUND

Mehr Informationen zum Thema Insekten und Vögel

  • Der BUND veranstaltet vom 26. bis 27. Mai den den langen Tag der Stadtnatur Dresden mit einem vielfältigen Programm (stadtnaturdresden.wordpress.com)
  • Weitere interessante Aktionen vom BUND Dresden finden sich auf der Seite dresden.bund.net
  • Mehr Informationen über die Tätigkeiten von Ernst Paul Dörfler sind hier anzutreffen www.elbeinsel.de
  • Mehr zum Thema „Bienenstadt Dresden“: www.dresden.de
  • Die Wildbiene des Jahres 2018 ist übrigens die gelbbindige Furchenbiene.
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