Sylvia Fischer: „Das Viertel war verrufen“

Sylvia Fischer sagt fröhlich am Telefon: „Ich habe rote Haare, wir werden uns schon finden.“ Nach einer kleinen unfreiwilligen Runde Verstecken im Kunsthof ist es dann so weit. Mädchenhaft wird ihr Gesicht, wenn sie von ihren Kindheitserinnerungen erzählt. Nach dem Interview zückt sie gleich den Fotoapparat und knipst die bunten Fummel vor dem Mrs Hippie. „Immer wieder was zu entdecken“, sind ihre letzten Worte.

Ja, in der Neustadt bin ich geboren 1963. Auf dem Martin-Luther-Platz habe ich gewohnt bis zum meinem elften Lebensjahr. Dann bin ich ins Heim gekommen – kann man das so sagen? Auf den Weißen Hirsch hoch. Da war ein Kinderheim. Wenn man aus der Neustadt kommt und in dieses Viertel da hoch zieht, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Als ob man in ein anderes Land zieht.

1970 bin ich hier eingeschult worden, in die 15. Oberschule. Dort war ich bis 1974 und dann immer mal auf Besuch. Man hatte ja die Wochenenden. Meine Kindheit habe ich mehr oder weniger auf dem Martin-Luther-Platz verbracht. Als kleines Kind war ich häufig in der Kirche. Bei Hochzeiten haben wir uns rein geschlichen und uns auf die hinterste Bank gesetzt und haben die Trauung beobachtet. Oder wir haben davor gestanden und gewartet, denn es wurden Süßigkeiten und Geld verteilt. Wir waren viele Kinder da. Es war eine kinderreiche Gegend. Ab drei Kindern ging das los. In meiner Familie waren wir sieben Kinder und man kann sagen, dass das bei den anderen Familien auch so war.

"Man entdeckt immer wieder etwas Neues"

„Man entdeckt immer wieder etwas Neues“

Ich bin aus Eigeninitiative oder aus Neugier in die Christenlehre gegangen auf den Martin-Luther-Platz 5. Der Pfarrer hieß Ungethüm, deswegen habe ich mir das gemerkt. Da bin ich immer gern hingegangen, das fand ich schön. Am Martin-Luther-Platz/Ecke Martin-Luther-Straße war früher ein Zigaretten- und Spirituosenladen. Der gehörte zwei alten Herrn. Früher war das noch so, da hat man als Kind Zigaretten gekriegt. Und mein Stiefvater hat dann immer einen Zettel geschrieben, wo drauf stand, was er für Zigaretten haben wollte. Die gab es auch einzeln. Casino hieß die Marke, die musste ich immer kaufen. Manchmal nur zwei Stück, in einer kleinen Tüte.[…]

Was es damals auch schon gab: Hebeda’s. Ich bin oftmals mit dem Krug los geschickt worden und musste für meinen Stiefvater Krugbier kaufen. Das war ein Glaskrug. Da hat auch keiner drauf geachtet. Und das Erstaunliche ist, dass es diese Kneipe oder Kaschemme immer noch gibt. Die sah damals schon schlimm aus. Die ganzen Männer haben sich da getroffen und bis Ultimo ihr Bier getrunken.

Auf der Rothenburger Straße gab es diese Eisdiele, gleich neben der 13. Oberschule und die hatten diesen Schlagschaum für zehn Pfennig. Der war ziemlich elende süß, aber das war die einzige Süßigkeit, die man sich leisten konnte. Und neben der 15. Oberschule gab es die Eisgrotte, da hat man dieses Softeis gekriegt.[…] Für viele war das der erste Gang, wenn man aus der Schule kam. Taschengeld habe ich nicht bekommen, kann ich mich nicht erinnern. Na ja, man hat hin und wieder mal was gekriegt . Geburtstage? Kann ich mich nicht erinnern, dass die in unserer Familie gefeiert wurden.[…]

"So wie es jetzt ist, bin ich immer wieder gerne hier"

„So wie es jetzt ist, bin ich immer wieder gerne hier“

Sie zeigt ein Bild aus dem Buch „Starkes Viertel“. Das ist die Frau Hase, die wohnte bei uns im Haus und der gehörte ein Altstoffhandel. Das war Martin-Luther-Platz 4. Das ist die Haustür und das ist, glaube ich, sogar meine Tante, die hier raus kommt. Hihi, Tante Inge. Und die hatte im Haus immer ihre Kisten mit Flaschen stehen. Und was haben wir gemacht? Wir haben hinten die Flaschen aus den Kisten raus geklaut und sie vorne wieder abgegeben (lacht). Und so hat man dann auch bisschen Taschengeld gehabt.

Gegenüber von der Kirche war ein Spielplatz. Das ist jetzt keiner mehr – jetzt kann man sich da so treffen. Bei dieser großen runden Kugel. Dort haben sich die Mütter getroffen und ihren Klatsch- und Tratsch abgehalten und wir haben anderen Blödsinn gemacht. Eicheln und Kastanien haben wir auch gesammelt, für die Tiere im Winter. Wir haben das mit in die Schule genommen und das wurde von dort aus weitergeben. Oder wir haben damit gebastelt. Das war so eine richtige Aktion. Oder wir haben Altpapier gesammelt und das mit in die Schule gebracht. Fast der ganze Vorraum war dann mit Altpapier voll gepackt. […]

Wir waren an der Oberschule von der ersten bis zur zehnten Klasse. Wenn ich jetzt manchmal dort bin, denn mein Enkel geht in diese Schule, und das alles sehe mit den Räumen, frage ich mich manchmal, wo haben die damals diese ganzen Klassen untergebracht? 1963 und 1964 waren geburtenstarke Jahrgänge, wir hatten Klassen von a bis f. In jeder Klasse 28 Kinder. Die Sporthalle gab es ja damals noch gar nicht. Ein riesengroßer Platz war das, wo wir unten auf Hofpause waren. Mit einem Kohlenhaufen, kann ich mich erinnern.

Wenn ich heute in die Schule rein gehe, da sind unten im Erdgeschoss die Toiletten. Und wenn ich da vorbei gehe, kommt dieser beißende Geruch aus diesen Toiletten und das war damals auch schon so. Da bin ich dann voll wieder drin in der Erinnerung. (lacht) Das haben die irgendwie noch nicht geschafft, das weg zu kriegen. […]

Zu DDR-Zeiten war das Viertel verrufen. Hier wollte keiner herziehen und die, die hier wohnten, sind schlecht von hier weg gekommen. Und da ist man mehr oder weniger hier kleben geblieben. Was kann ich noch sagen? Auf der Louisenstraße gab es früher einen Kohlehandel. Mit einem Tafelwagen sind wir dort hin gefahren und haben Kohlen geholt. Ich habe auch noch die Zeit miterlebt, als der Pferdewagen kam. Wenn es klingelte, standen alle Frauen mit Eimern auf der Straße. Da haben die diese Eisblöcke gebracht für die Eisschränke. […] Unter dem Fenster hatte man noch solche Schränke oder Klappen, um Lebensmittel kühl zu lagern. […]

Wenn wir aus der Schule kamen, gegen vier war der Hort zu Ende, haben wir unseren Ranzen in die Ecke geschmissen, haben noch einen Schluck Tee getrunken und ein Bratenbrot gegessen und dann einfach gleich wieder abgehauen. Und dann sind wir den ganzen Nachmittag bis Abend unterwegs gewesen. Prießnitzgrund sind wir viel rumgestromert. Man hat immer irgendwo eine Ecke gefunden, wo man den ein oder anderen traf. Man hat immer jemanden zum Spielen gefunden. Cowboy und Indianer haben wir gespielt, oder Bande. […]

Im Winter war der Schnee richtig hoch. Man konnte richtig rodeln gehen und Schneemann bauen. Unsere Haustür war immer halbhoch eingeschneit. Manchmal ist man nicht raus gekommen. Wir hatten einen Wäscheplatz, dort haben wir ein Iglu gebaut. Jedes der Nachbarkinder hat etwas mitgebracht, vom Weihnachtsteller und wir haben uns unten in das Iglu gesetzt, die Kerzen angemacht und unten unser kleines Weihnachten gefeiert. […]


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Wir stellen in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

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4 Kommentare zu “Sylvia Fischer: „Das Viertel war verrufen“

  1. Gabi Köckritz
    22. Juli 2017 at 12:07

    Danke Sylvia Fischer….so habe ich die Neustadt als Kind auch erlebt….1971 sind wir weggezogen….und jetzt lebe ich wieder hier nach 40 Jahren bin ich wieder zu Hause…..hier ist meine Heimat…..

  2. Klahra
    24. Juli 2017 at 14:00

    Danke Sylvia,
    diese Geschichten lese ich immer wieder gern.

    Meine Freundin und ich haben in der Schnitter-Brauerei (Kleinstadt in der Oberlausitz) Flaschen geklaut und sie dann gegenüber im Kramladen abgegeben. Das klappte so gut, dass wir übermütig wurden, es bis zu dreimal versuchten und sie uns beim 3. Mal geschnappt hatten. Zu Hause gab es fürchterliche Kloppe. Aber das ist schon über 60 Jahre her, aber ich erinnere mich noch heute daran.

  3. Marcus
    25. Juli 2017 at 19:27

    Wie immer habe ich den Text sehr genossen! Vielen Dank an Sylvia und Philine!

    Gabi:“Hier ist meine Heimat…“

    Ich bin jetzt fast zwei Jahre hier. Es war ein Umzug über eine Distanz von 620km.
    Ich habe mir viele Gedanken über Heimat gemacht. Wahrscheinlich auch, weil ich mich mit meinem alten Zuhause 40 Jahre lang nicht wirklich identifizieren konnte.

    Nach zwei Jahren vergleiche ich mich hier nicht mehr mit ich dort. Ich bin hier angekommen.

    Natürlich ist es ein Vorteil, wenn die Leinwand noch weiß ist und angepinselt wird. Die Striche und Klekse sind noch immer frisch und es kommen fast täglich neue dazu, aber ich denke, dass ich mit ein wenig Reife beurteilen kann, wo es mit gut geht, und wo ich hin gehöre. Und natürlich gibt es auch dunkle Farben.

    Ich erinnere mich gerne an einen kleinen Disput hier mit Ecki vor längerer Zeit. Warum? Weil ich für meine Heimat auch gerne streite und mir das alles hier wert ist, sentimental zu werden, mich zu freuen, mich zu engagieren und auch zu kämpfen, falls es nötig sein sollte.

    Heute habe ich die Kirche besucht, in der Ecki predigt. Ein wenig prunkvoll für evangelische Verhältnisse, denke ich. Aber sehr schön. Vor allem die Orgel! Ich freue mich auf die Konzerte, die ich heute im Kalender vermerkt habe.

    Und natürlich auch auf Party, die Heide, die Elbe, den Palais Sommer, Bronkow, einfach alles… :o)

    Aus Faszination vor drei Jahren aus der Ferne ist ein Zugehörigkeitsgefühl und eine Freude hier zu sein geworden. Ich glaube, das alles nennt man dann Heimat.

    Ich hoffe, ihr verzeiht mir das Geschwafel! ^ ^

  4. Klahra
    26. Juli 2017 at 11:36

    Hallo Marcus,
    das ist kein Geschwafel. Mit meiner Heimatstadt, wo ich geboren bin, verbinde ich viele schöne Kindheitserinnerungen. Zum Klassentreffen fahre ich immer gern in diese Stadt in der Oberlausitz und wandele dann ein paar Stunden ganz allein auf den Pfaden meiner Kindheit. Großeltern, Eltern und Bruder sind schon verstorben, es wohnt also niemand aus der Verwandschaft dort und trotzdem bezeichne ich es als einen Teil meiner Heimat. In Dresden wohne ich schon 60 Jahre, habe eine Familie gegründet und bezeichne es auch als Heimat, weil ich mich hier meist wohlfühle

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