Fetzige Namen und hintere Buchstaben

Fassungslos stehe ich vor einem Laden mit gleichem Namen. Im ersten Moment glaube ich, dass hier jemand einem Relikt aus längst vergangener Zeit huldigen will. Immerhin war das „Stillos“ im Hecht-Viertel wohl eine der ersten Szene-Kneipen in der Neustadt.

Aber seit mindestens zwölf Jahren Geschichte. Im zweiten Moment erschließt sich mir der Name dann genauer. „Fassungslos“ ist der Name eines ziemlich neuen Ladens für Brillenfassungen, ein Optiker, mitten auf der Alaunstraße. An dieser Stelle werden schon seit geraumer Zeit Lesehilfen für nah und fern verkauft, nur bisher unter dem schnöden Namen „Optiker Kaden“, vielleicht zieht es jetzt besser. Passt auf jeden Fall besser zum trendig, flippig und jugendlichen Stil, den einige Teile der Neustadt wohl verkörpern wollen.

Wenige Schritte weiter protzt eine Kneipe mit dem Namen „Kraftwerk“, ein Fußbekleidungsladen um die Ecke war gleich ein ganzes „Schuhwerk“. Das Werk im Namen bekommt dem Umsatz aber offenbar weniger, den ersteres hat seit geraumer Zeit geschlossen und aus dem Schuhwerk wurde das „Xanadu“.

Dieser sehr hippe Laden verkörpert einen weiteren Trend. Die hinteren Buchstaben des Alphabetes sind ziemlich angesagt. Das Klamottengeschäft „Brozzzas“ braucht gleich drei davon und weder im „Max“ noch im „Nubeatzz Club“ ist man hintendran.

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Ein Garant für Erfolg sind solche Namen nicht, weder Frizör noch Living XO haben sich durchgesetzt. Aber die Zeiten, als Kneipen noch wie Kneipen hießen, sind in der Neustadt längst vorbei. Kein „Goldenes Hufeisen“ lockt mehr, keine „Goldquelle“, keine „Lutherklause“. Ausnahmen, wie das „Bautzner Tor“ am Rande des Szene-Viertels, werden hier locker von der Hand gewiesen.

Gaststätte "Goldenes Hufeisen" - Foto: Archiv Lothar Lange
Gaststätte „Goldenes Hufeisen“ – Foto: Archiv Lothar Lange

Dem Autor sei eine kleine Traurigkeit zugestanden.

Doch Moment mal, wer hat eigentlich diesen Trend losgetreten? Wer hat damit angefangen, merkwürdigen Etablissements merkwürdige Namen zu geben? Und wer ist damals eigentlich immer in die „Planwirtschaft“, die „Bronxx“ und in die „Hundert“ gegangen? Also Herr Launer, mal schön selbst an die Nase fassen.


Anmerkung 2007

Der Brillen-Laden (Alaunstraße 22) heißt seit einer kleinen Weile Eyesdiele.

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Anmerkung 2009

Zumindest in der Imbiss-Szene sind wieder klassische Namen gefragt: So hat kürzlich die Kantine Nr. 2 eröffnet. Außerdem wurde aus den Nubeatz-Club Rosis Amüsierlokal.

4 Kommentare zu “Fetzige Namen und hintere Buchstaben

  1. Also das Stillos ist schon etwas länger Geschichte. Allzu lange war das nicht existent – lass es drei Jahre gewesen sein. Ich würde sagen, das ist schon seit über 30 Jahren dicht.

  2. Oh no, gemeint war seit über 20 Jahren! Ich schätze, es hat ’93 rum dicht gemacht. Wäre auch mal interessant, dessen Geschichte ein wenig zu recherchieren – ich weiß zum Beispiel gar nicht, wer das überhaupt aufgemacht hat oder in welcher Hausnummer das war. Betrieben wurde es ja dann irgendwie im Kollektiv. Es gab mindestens einen Überfall von Rechtsradikalen auf das Stillos, bei dem sich ein Mensch bei der Flucht durch das Fenster ein Bein gebrochen hat (oder war’s der Arm)? Mein Gedächtnis wird auch nicht besser…

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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