Von einem großen Bruder

Ich kann kaum geradeaus schauen und in meinem Kopf brummt ein ganzer Bienenschwarm. Mein Ziel ist der Alaunplatz und die frische Winterluft. Musste das letzte Glas Wein gestern noch sein, frage ich mich. Grausam schrillt das metallische Geräusch in meinen Ohren. Ich habe einen Radfahrer übersehen, der mich nur warnen will. Leider benutzt er dazu eine von den chinesischen Fahrradklingeln, die unglaublich laut sind. Kurz darauf rennt mir ohne Vorwarnung ein Zwerg in die Beine. Diesmal bin ich nicht schuld. Er kam vom Bürgersteig der Sebnitzer um die Ecke und war viel zu schnell. Jetzt liegt er rücklings auf dem Gehweg und schaut mich ganz verdutzt an. Hoffentlich fängt der kleine Mensch nicht an zu schreien, denke ich noch als mich der strafende Blick seiner Mutter trifft.

„Wenn mein großer Bruder kommt, macht er dich kaputt“, sagt der Kleine provozierend, springt auf und rennt weiter. Nichts passiert. Als ich den Bischofsweg überqueren will, fährt ein junger Heißsporn noch bei dunkelgrün. Sein Vater neben ihm im Auto gestikuliert sogleich wild. Zwar höre ich die beiden nicht, aber in nächster Zeit wird der Fahranfänger wohl keine rote Ampel ignorieren. Auf dem Platz bin ich nicht alleine; überall spazieren Familien. Die Tochter kopiert die Mutter und hat sich in ihr bestes Kleid geworfen. Der Sohnemann versucht – ganz der Vater – eine gesetzte Miene aufzulegen und ausnahmsweise mal nicht die Hände in die Hosentaschen zu stecken. Eltern können eben doch Vorbilder sein. Im Café Olé beschließe ich eine Rast einzulegen. Mein Kopf wird langsam klarer. Deshalb fallen mir auch die ganzen jungen Leute auf. Die am Nebentisch sind höchstens 15 Jahre alt, auch wenn sie sich wie alte Kneipgänger gebärden. Zackig wird die Bestellung aufgegeben, laut gesprochen und sehr lässig in die Runde geschaut. Ich frage mich, wie einer der Jungspunde seinen Glimmstängel im Mundwinkel baumeln lassen kann, während er spricht.

Weder fällt ihm die Asche auf den Pullover, noch bekommt er Rauch in die Augen – da hat wohl jemand bei Vater ganz genau zugeschaut. Die jungen Frauen benehmen sich dagegen so pikiert als ob sie auf einem Opernball wären. Ich grüble derweilen, ob ein Fest in der Neustadt ist – soviel Jugend überall. Bei der Rechnung zeigt sich, dass alle noch aufs Taschengeld angewiesen sind: Das Trinkgeld fällt nicht üppig aus. Da wird mir plötzlich klar – es sind wieder Schulferien. Als erwachsenes Vorbild sollte ich die nächsten Tage nicht mit so einem Kater wie heute vor die Tür gehen.


Anmerkung 2012: Statt dem Café Olé gibt es am Bischofsweg jetzt ein Bougatseria

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