Das Universum „Eisen-Feustel“

Ihr wollt ihn, ihr kriegt ihn: den Eisen- und Haushaltswarenhandel „Eisen-Feustel“. Das kleine Lädchen auf der Bautzner Straße, das schon seit 1921 in Dresden ansässig ist, gehört zweifelsohne zu den originalsten Originalen, die die Neustadt zu bieten hat.

Lothar Ollendorf vor dem geschichtsträchtigen Regal.
Lothar Ollendorf vor dem geschichtsträchtigen Regal.
Inhaber ist seit 1998 Lothar Ollendorf. Über Kontakte in seiner Familie erfuhr der damals arbeitslose Pirnaer von den Schwestern Christine und Erika Reinhold, die in Pension gehen, ihr traditionsreiches Geschäft jedoch gleichzeitig in guten Händen wissen wollten. Man verstand und einigte sich: „Eisen-Feustel“ sollte in Sortiment, Namen und Einrichtung erhalten und weitergeführt werden.

Gegründet wurde „Eisen-Feustel“ 1921 als Eisengroßwarenhandlung auf der Leipziger Straße von den Kaufmännern Karl Feustel und Herbert Reinhold. Nach ersterem, der älter war und eine wichtige Rolle als Geldgeber spielte, wurde das Unternehmen benannt. Gehandelt wurde zu dieser Zeit noch mit Blechen, Röhren und Eisenteilen.  Durch die Krisenzeit des Zweiten Weltkrieges musste sich das Geschäft verkleinern und umstrukturieren. Ins Sortiment wurde Hausrat wie Leitern, Leiterwagen oder Thermosflaschen aufgenommen. Als „Eisen Feustel“ 1952 auf den lukrativeren Standort Bautzner Straße umzog, arbeitete Tochter Christine Reinhold bereits mit, Schwester Erika stieß 1973 dazu.

Verkäuferinnen beim "Eisen-Feustel", festgehalten in den 80ern von Günter Starke.
Verkäuferinnen beim „Eisen-Feustel“, festgehalten in den 80ern von Günter Starke.
Zusammen bildeten sie ein schlaues, geschäftstüchtiges Gespann, das den Ruf und den Status des Familienunternehmens mit viel Energie und Fachwissen aufrecht erhielt. Diese Mühe und Ausdauer bewirkte, dass sich „Eisen-Feustel“ auch in DDR- und Wendezeiten bis über das Millenium hinweg hielt, obwohl noch einige Umzüge gestemmt werden mussten: von der Bautzner Straße 51/53 ging es aufgrund der maroden Bausubstanz in die Nummer 63 und mit der Geschäftsübernahme durch Lothar Ollendorf wieder zurück in die 51, wo das Geschäft bis heute zu finden ist.

Eigentlich ist Ollendorf gelernter Chemiefacharbeiter, aber ein ziemlich bastel- und handwerksbegeisterter. Mittlerweile hat er sich in das riesige Sortiment hineingefuchst und steht den vormaligen Besitzerinnen in Kompetenz nicht nach. Von dem wohlgeordneten, aber prall gefüllten Verkaufsraum geht ein für Außenstehende unüberschaubares Labyrinth aus Gängen und Regalen ab, das ein bisschen an einen Kaninchenbau erinnert. In Regalen findet sich von der Schraube bis zur Plätzchenausstechform so ziemlich alles wieder, was ein Haushalt nötig hat. Unabhängig davon, ob er von einem einzelnen Studenten oder einer zehnköpfigen Familie bewohnt wird.


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Sechs Tage die Woche steht Ollendorf allein in seinem Geschäft. Des Öfteren stehen die Kunden schon Schlange, wenn er um 9 Uhr die Tür aufschließt. „Sechs Flachkopfschlitzschrauben und zwei Unterlegscheiben, nicht zu groß“ heißt es dann am Tresen, als würde einer sein täglich Brot bestellen. Manchmal kommt auch ein verzweifelter Student, um einzelne Schrauben für das kaputte Schutzblech zu erwerben.

Das riesige Lager verbirgt sich hinter drei Ecken.
Das riesige Lager verbirgt sich hinter drei Ecken.
Es scheint so, als könnte man wie in einer Art Wunschmaschine einfach alles dort kaufen. „Da muss ich ja meine neue Gießkanne gar nicht aus dem Baumarkt holen, was?“ versuche ich Herrn Ollendorf aus der Reserve zu locken. Der führt mich um drei Ecken, ins Innere des Kaninchenbaus. Tja, und da stehen sie tatsächlich.

Eisen-Feustel

    Informationen und Öffnungszeiten

  • Bautzner Straße 51, 01099 Dresden
  • Dienstag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, Sonnabend 9 bis 13 Uhr
  • Im Internet zu erreichen unter www.eisenfeustel.de
  • Das historische Foto entstammt dem Kalender „Starkes Viertel“ von 2010. Vielen Dank an Günter Starke.

21 Kommentare zu “Das Universum „Eisen-Feustel“

  1. Hoffentlich bleibt ihm die Kundschaft weiterhin erhalten. Wir kaufen dort auch ein, und sind immer erstaunt, was es alles gibt und wie viele Kunden er hat…

  2. Danke, Danke, Danke. Sowohl für den Artikel, als auch an den Herrn Ollendorf. Hat mir schon oft weitergeholfen und ich fühlte mich immer gut beraten.

  3. Dieser Laden ist der Beweis, dass das Großmarktdenken eigentlich völlig überflüssig ist. Es bleibt zu hoffen, dass es Herrn Ollendorf lange lange lange lange gut geht. Sein Geschäft und vor allem, wie er es betreibt, ist ein absoluter Schatz.

  4. bzw der Mann ist auch Frauenflüsterer

    Situation…!!!

    Frau steht in der Schlange vor mir —> Anfrage der Frau:

    „Ich hab da im Schrank… Wegen den Kleidern… Da ist so ein Loch… Um das fest zu machen… Und das ist Kaputt“

    Herrn Ollendorf schaut kurz hoch —> verschwindet im Lager und kommt mit einem Einsatz wieder raus welcher für die Aufnahme von Metallstangen gedacht ist

    Frau darauf:

    „Genau so was“

  5. Wiedermal sehr cool, Philie, danke!
    Eisen-Feustel ist einfach klasse. Praktisch alles, was ich sonst aus dem Baumarkt holen müsste (Gaffertape, Klopümpel, 50m-Schnur, Vorhängeschloss, …), bekomme ich beim EF eine Minute um die Ecke.

    PS: Die Verkäuferin links auf dem 2. Bild sieht gut aus. ;)

  6. Jaja… ohne den „Feustel“ wäre so manches Hochbett nie gebaut worden ;)
    Und die kleine Kuchenbude ist mir alle mal lieber als diese ganzen riesigen Baumärkte!

  7. Mein Liebster und ich sind auch begeisterte “ Fans“ man fühlt sich immer wie das kleine Kind das mit zu Opa in die Werkstatt darf. Egal was mal braucht Herr Ollendorf hat es immer da oder eine Idee wie man das anders lösen kann. Mir (als Frau) ist dieser kleine Laden auch tausend mal lieber wie so RIESEN Baumärkte.

  8. Ja, ja, auch der „Deutsche Stehsack-Sauger Stepke“ aus den fünziger Jahren, den ich bei meinen Auftritten fliegen und tanzen lasse, dankt dem Herrn, wie ich ihn immer nenne, Feustel! Fehlte dem Sauger doch neulich eine konische Schraube, die es nirgends mehr gibt. Bei Feustel natürlich! Saugt und tanzt und fliegt also wieder, der gute Sauger! Und Feustel wünsche ich auch deshalb noch ein langes Leben, weil ich im Berliner Prenzlauer Berg erleben musste, wie ein ähnlicher Laden, den es seit etwa 1913 da gab, kurz nach der Wende von den buhmenden Bau-Märkten weggefegt wurde…
    Es lebe Eisen-Feustel!
    Lang! Lang! Lang!

  9. Danke für den Artikel zu Eisen – Feustel. Ich kenne den Laden seit 1958 mit den beiden Frauen der Familie Reinhold. Damals habe ich fast alles dort gekauft. Herr Lothar Ollendorf ist wirklich Spitze für besondere Dinge. Beispiel: Ich suchte eine Unterlegscheibe nach ganz genauem Maß.(Ich bin von Beruf Mechaniker!). Und? Er hatte diese als Einzelexemplar! Solche Vielfalt auch von „Spezialitäten“ findet man sonst nirgendwo! Danke und viel Erfolg weiterhin auf lange Zeit. Kunde Horst.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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