Ein kühn gekleideter Mittdreißiger klopft einem Polizisten auf die Schulter: „Darf man mal wissen, was hier eigentlich los ist?“ Offenbar gibt die Gruppe ein etwas untypisches Bild an der Schiefen Ecke ab. Rund zwanzig Leute stehen gegen 19 Uhr an einem Freitagabend direkt vor dem Tranquillo, die meisten sind eigentlich zu alt für diese Art Freizeitreff.

Hintergrund ist eine Idee der beiden CDU-Stadtbezirksbeiräte Katharina Kern und Johannes Schwenk. Sie haben den kurzen Draht zu ihrer Parteifreundin und Justizministerin Constanze Geiert genutzt und diese zu einem nächtlichen Rundgang durch das Viertel eingeladen. Um den Spaziergang angemessen mit Informationen anzureichern, luden Schwenk und Kern noch die Polizei, das Ordnungsamt, den Stadtbezirksamtsleiter und die Nachtschlichter mit ein.
„Die Äußere Neustadt ist das Ausgehviertel für junge Menschen“, sagt Schwenk, das bringe auch entsprechende Konflikte mit sich. „Präventive Angebote wie die Nachtschlichter lösen hier Konfliktlagen, bevor sie entstehen, und die Polizei greift nur dann ein, wenn es strafbar wird“, so Schwenk. Das entlaste die Polizei und auch die Justiz. Daneben sei insbesondere am Albertplatz das Problem der Jugendkriminalität weiterhin ein Dauerproblem. Auch hier sei die präventive Arbeit ein Teil der Lösung. Man habe die Justizministerin eingeladen, sich unmittelbar vor Ort ein Bild zu machen.

Präventionsarbeit
Für Amtsleiter André Barth ist der Termin eine prima Gelegenheit, auf die erfolgreiche Präventionsarbeit in der Neustadt aufmerksam zu machen. Start ist 18 Uhr am Albertplatz. Da ist es schon dunkel, nur die wunderbaren Stabröhren neben der Fontäne des artesischen Brunnens glimmen schwach vor sich hin. Die Ministerin hört aufmerksam zu, auch als Revierleiter Jürgen Kunath über die schwierige Situation am Platz berichtet. Die untere Alaunstraße und der Albertplatz gelten immer noch als Kriminalitätsschwerpunkt. Dabei helfe das Mittel des Platzverweises, das die Polizei vor allem gegen Wiederholungstäter einsetze, so versichert es Kunath.

Barth betont: „Prävention ist nicht messbar.“ Aber wenn man sich anschaue, wie sich die Einsatzzeiten der Polizei in der Neustadt in den vergangenen Jahren entwickelt haben, tragen die Mittel für die Nachtschlichter, die zum Teil auch vom Freistaat kommen, erheblich zur Einsparung bei. Der leitende Polizeidirektor Hendrik Schlicke sagt, dass die Gesamtkriminalität in der Äußeren Neustadt zurückgegangen sei und auch die Anzahl der Gewaltdelikte sei rückläufig. Wurden 2020 noch 3065 Straftaten registriert, waren es im Jahr 2024 nur noch 2.531 Fälle – ein Rückgang von rund 17 Prozent (Zahlen laut polizeilicher Kriminalstatistik).
Daher konnte man die Einsätze der Polizei auch erheblich reduzieren. Dabei helfe nicht nur die Arbeit der Nachtschlichter, sondern auch die guten Kontakte zum gemeindlichen Vollzugsdienst (Ordnungsamt), der Straßensozialarbeit und den Gewerbetreibenden und Hauseigentümern. Auch das Ordnungsamt verzeichnet einen Rückgang der Meldungen. Gab es 2023 noch 250 dokumentierte Störungen der Öffentlichen Sicherheit und Ordnung, waren es 2025 nur noch 194.
Nachtschlichter
Nach einem kurzen Zwischenstopp vor der Scheune – die Eröffnung ist übrigens für den Spätsommer/Herbst geplant, im Dezember soll der 75. Geburtstag des Hauses gefeiert werden – geht es weiter zur schiefen Ecke. Hier berichten die beiden Nachtschlichter Carla und Alessandro, wie sich die Aufgaben im Laufe der Zeit gewandelt haben. Inzwischen sei das Team häufig Ansprechpartner bei Belästigungen oder sie leisten Hilfe für Bedürftige, man tritt aber auch schlichtend und beruhigend auf. Der Schwerpunkt des Teams konzentriert sich nun auf Freitag und Sonnabend in den Abendstunden.
Nach rund drei Stunden endet der Rundgang schließlich am Martin-Luther-Platz. Die Ministerin hört sich die Berichte und Einschätzungen aufmerksam an. Vielleicht kann sie künftig auch Einfluss darauf nehmen, dass zum Beispiel die Landesförderung für die Nachtschlichter erhalten bleibt. Der neugierige Mitdreißiger von der Schiefen Ecke hatte sich schon nach wenigen Minuten verkrümelt. Diskussionen bei Minusgraden sind offenbar nicht jedermanns Sache.





















