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Alter Leipziger Bahnhof – Was wäre, wenn…?

Verlassen steht er da – und ziemlich verfallen: Der Alte Leipziger Bahnhof in der Dresdner Neustadt. Ursprünglich sollte hier mal ein Kaufhaus errichtet werden, diese Pläne haben sich jedoch Anfang vergangenen Jahres zerschlagen (Neustadt-Geflüster vom 24. Januar 2020).

Wächst langsam zu ... Alter Leipziger Bahnhof
Wächst langsam zu … Alter Leipziger Bahnhof

Das heruntergekommene Areal befindet sich zwischen der Leipziger Straße und dem Bahnhof Dresden-Neustadt und hat sich über die Jahre in einen lost place verwandelt. Dieser lockt nicht nur Spaziergänger an, sondern ebenso talentierte Skateboarder und junge Leute, die vor den Graffiti für Bilder posen.

Doch der Ort hat Potenzial und genau das will das „Handbuch zum Weiterdenken“ von Felix Greiner-Petter, Thomas Neumayer, Lennart Senger und Manuel Bäumler vermitteln. Im Jahr 2019 fand im Zentrum für Baukultur Sachsen (ZfBK) eine Ausstellung statt: „Inspirationsort. Alter Leipziger Bahnhof Dresden. Was wäre, wenn…?“. Getreu diesem Motto entstand das liebevoll gestaltete „Handbuch zum Weiterdenken“, welches eine Kombination aus Lehrbuch und Leitfaden zum städtebaulichen Entwerfen ist.

Buchcover
Buchcover

Die Publikation vereint einführende Textbeiträge der Kuratoren und beteiligten Akteur*innen der Ausstellung und anschließenden Podiumsdiskussion, sowie Illustrationen zum Ort und seinen Möglichkeiten. Ein herausnehmbares Faltposter – wunderschön gestaltet – rundet die Lektüre perfekt ab. Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, wobei sich jedes Kapitel einem Begriff widmet.

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Suchen

Den Anfang macht das Kapitel „Suchen“. Verlassene Ecken oder Baulücken zu finden, steht am Anfang eines jeden städtebaulichen Wettbewerbs. Diese Orte wecken nicht nur die Fantasie der Planer*innen, sondern auch die der breiten Öffentlichkeit, weswegen sich nicht nur Architekten fragen „Was wäre, wenn…?“

Entdecken

Im darauffolgenden Abschnitt werden die komplexen Eigenschaften des Gebietes um den Alten Leipziger Bahnhof beleuchtet. Die hübsch gestalteten Abbildungen und räumlichen Karten der Diplomand*innen machen nicht nur auf das Potenzial und die besondere Lage des Areals aufmerksam, sondern auch auf Probleme.

Eine von vielen Skizzen
Eine von vielen Skizzen

Dabei lassen sie es sich nicht nehmen den Leser*innen von ihren individuellen Entdeckungstouren zu berichten. So sei ein Spaziergang auf dem Bahndamm in Richtung Neustadt empfehlenswert, da „auf den Gleisen kaum Verkehr ist. Ein klasse Ort für Abenteuer“.

Von den Gleisen aus könne man die traumhafte Skyline der Altstadt sehen und die Lärmanalyse einer Studentin ergab, dass es hinter den ehemaligen Bahnsteigbereichen keine unangenehmen urbanen Geräusche mehr gibt. Dadurch ist das Gebiet ein „Ort der Stille, welcher nur im Frühling durch die Hochstimmung der Avifauna1 durchbrochen wird.“

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Andere Kommentare lassen beim Lesen schmunzeln und so gibt es anscheinend zwischen zwei Bahndämmen einen „last Baum standing“, nach dem man auf dem nächsten Spaziergang Ausschau halten kann.

Es folgen einige spannende Statistiken, wie beispielsweise über das Durchschnittsalter Dresdens (das liegt in der Altstadt interessanterweise, jedoch nicht weiter überraschend, knapp 13 Jahre über dem der Neustadt) und dem öffentlichen Freiraum nach Stadtteilen, welcher in Leuben und Pieschen mit Abstand am kleinsten ist.

Außerdem wird auf die Flora und Fauna des Gebietes hingewiesen, ein Gedicht von 1838 beschreibt die erste Dampfwagenfahrt in Dresden. Passend dazu erfahren die Leser*innen anhand eines Zeitstrahles und Grafiken mehr über die Geschichte des Alten Leipziger Bahnhofs.

Geschichte des Alten Leipziger Bahnhofs
Geschichte des Alten Leipziger Bahnhofs

Daneben wurden während der Ausstellung die Besucher*innen interviewt. Diagramme zeigen dabei die statistische Verteilung der Meinungen, beispielsweise ob sich diese vorstellen könnten in dem Gebiet des Alten Leipziger Bahnhofs zu wohnen und wie zufrieden sie mit den Mitsprachemöglichkeiten in Dresden sind (Spoiler: sehr unzufrieden). Das waren jedoch nur zwei von vielen wirklich interessanten Statistiken. Außerdem verdeutlicht eine grafische Wortwolke, welche Begriffe in den Notizen der Ausstellungsbesucher*innen am häufigsten auftauchten.

Je häufiger der Begriff genannt wurde, desto größer das Wort
Je häufiger der Begriff genannt wurde, desto größer das Wort

Am Ende des Abschnitts finden sich Zitate von Besucher*innen, welche einfallsreiche, aber auch teilweise provokante Hinweise, Vorschläge und Wünsche bezüglich des Ortes äußern.

Probieren

Im dritten Kapitel zeigen Studierende ihre Überlegungen zu der Brachfläche in Projekten, welche abgesehen von verschiedenen Darstellungs- und Bearbeitungstiefen, eine Gemeinsamkeit aufweisen: Alle zeigen unterschiedliche Ideen und Leitbilder für denselben Ort.

Es ist spannend zu sehen, wie jeder studentische Beitrag den Alten Leipziger Bahnhof anders interpretiert und die städtebaulichen Motive dadurch variieren.

Entwurf eines Studierenden
Entwurf eines Studierenden

Kreativität kennt keine Grenzen und so entstehen in den Projekten urbane Stadtquartiere mit Gastronomiebetrieben, ruhige Stadtoasen, ein klimaneutrales Viertel und vieles mehr. Abgerundet werden die Projekte durch greifbare Bilder und Skizzen, die einem das Entwicklungspotenzial des Areals vor Augen führen.

So könnte das Gebiet in Zukunft aussehen
So könnte das Gebiet in Zukunft aussehen

Abschließend lässt sich sagen, dass sich die detaillierten Projekte wunderbar als Diskussionsgrundlage für einen gemeinwohlorientierten Städtebau eignen.

Zeigen

Der folgende Abschnitt bündelt die Impressionen der Ausstellung 2019. Eine Vielzahl von Modellen, Bildern mit Eindrücken des Leipziger Bahnhofs, Hörbeiträge, wie ein akustischer Rundgang im Bahnhofsquartier sowie ein großformatiges begehbares Luftbild des Areals vereinfachen das komplexe Thema. Diese multimediale Vermittlung ermöglichte Fachfremden Mitsprache und Beteiligung.

Das Kapitel gibt Einblicke in die Ausstellung
Das Kapitel gibt Einblicke in die Ausstellung

Das Handbuch lässt die Leser*innen diese Ausstellung erleben und obwohl man auf Hör- und Videobeiträge verzichten muss, bekommt man einen sehr guten Eindruck.

Reden

Das vorletzte Kapitel dreht sich um eine Podiumsdiskussion. Diese wurde von der Bürgerinitiative „Wohnen am Leipziger Bahnhof“ initiiert und trägt den Titel „Wer bestimmt eigentlich wie wir wohnen? – Akteure im Gespräch“. Das abgedruckte Gespräch zeigt anschaulich die jeweiligen Absichten und Spielräume der eingeladenen Akteur*innen, aber auch die Grenzen der Stadtplanung.

Die Podiumsteilnehmer
Die Podiumsteilnehmer

Manuel Bäumler ist der Meinung, dass man am Alten Leipziger Bahnhof „einfach ein gutes Stück Land entwickeln kann“ und Regionalplaner Fritjof Mothes bringt es mit seinem Schlusswort auf den Punkt: „Miteinander Reden ist das Beste“.

Entwickeln

Der letzte Abschnitt sucht nach einem Ausblick für den weiteren Planungsprozess und beleuchtet Zukunftsszenarien. Dabei beschreibt die Publikation sechs prägnante Entwicklungsphasen, welche das Einbeziehen verschiedener Akteur*innen gemeinsam haben.

Diese werden übersichtlich auf einer Seite des doppelseitigen Faltposter dargestellt – auf der anderen Seite ist das Gebiet des Alten Leipziger Bahnhofs abgedruckt. Ein kurzes Glossar mit Fachbegriffserklärungen für Laien rundet die Publikation ab.

Poster und Buch
Poster und Buch

Das Buch lässt sich auch ohne städtebauliche Vorahnung gut lesen, die Kapitel sind für Fachfremde sehr verständlich erklärt und obendrein ist es wunderschön illustriert. Man merkt als Leser*in, wie viel Liebe in das Handbuch und seine Gestaltung gesteckt wurde und es macht Lust darauf den Alten Leipziger Bahnhof mit anderen Augen zu erkunden und sich zu überlegen, was dort entstehen könnte.

Das Potenzial der Fläche ist enorm und die Fragen des Handbuchs schwirren einem im Kopf herum: „Wer entscheidet eigentlich, wie wir wohnen?“ und „Warum wird diese Fläche nicht anders genutzt?“

Natürlich ist es Ansichtssache, was mit dem Gebiet passieren soll und die Skateboarder würden sich sicherlich nicht über den Abriss des Alten Leipziger Bahnhofs freuen. Kürzlich meinte eine Person aus der Stadtplanung  im inoffiziellen Gespräch, dass es schade wäre, wenn die dortige Skate-Kultur einfach verloren gehen würde.

Weitere Infos unter: alter-leipziger-bahnhof.de


1 Als Avifauna werden alle in einer Region vorkommenden Vogelarten bezeichnet.

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9 Ergänzungen

  1. Sehr interessanter Artikel! Zum Glück wurde das Kauftempel-Projekt beerdigt und gut, dass das Weiterdenken nicht aufhört. Aufschlüsse zu den Bedürfnissen gibt die „Wortwolke“ und zur Höhe des Potentials die Vielfalt der vorgestellten Ideen. Das Thema bleibt äußerst komplex. Zu hoffen wäre bei einer Realisierung, dass nicht der Grundstückspreis den Ausschlag gibt und es ein weiteres städtebauliches und Nutzungs-Einerlei wird.
    Ich habe das Gebiet vor zwei Jahren anlässlich der Mitarbeit am Dresdner Brutvogel-Atlas kennengelernt, als ich dort die Vogelwelt kartierte. Es war jedesmal ein besonderes Erlebnis, mitten in der Stadt am frühen Morgen in eine Natur-Oase einzutauchen und in das Vogel-Orchester hineinzulauschen. Eine erstaunliche Dichte an Nachtigallen, Gartenrotschwänzen, Dorngrasmücken ist mir dabei begegnet, sogar ein Graugans-Paar auf Nistplatzsuche und als Höhepunkt ein brütender Flussregenpfeifer, der eine Kiesfläche als Ersatzlebensraum annahm. Das war eine echte Überraschung. Leider war er dort ebenso wenig erfolgreich wie er es auf den Schotterbänken des Elbufers mit seinen überall auftretenden Zwei- und Vierbeinern sein kann. Heute gehe ich manchmal dorthin, um nach botanischen Seltenheiten und Schachbrettfaltern zuschauen. Eine Bebauung wäre ein herber Verlust für die Natur, für die auf dem Gelände ein echter Rückzugsort entstanden ist und welche von der freien Entfaltungsmöglichkeit enorm profitiert. Das sage ich nicht, um Pläne zu verhindern, sondern lediglich mit Bedauern, da sich diese wilden Brachen zum Notbehelf entwickeln, da anderswo die eigentlichen Lebensräume verschwinden und auch solche Brachen nur vorübergehenden Bestand haben. Das Einbeziehen der Natur in ein künftiges Konzept wäre wirklich wünschenswert.

  2. Ich habe über Ostern mir diesen Alten Leipziger Bahnhof angeschaut, es ist ein Areal aus dem man was machen kann (muss). Eigentlich wollte Globus dieses Gebiet für 60 Millionen Euro kaufen, dann kam einer auf die Idee auch ein jüdisches Museum zu integrieren, was für dieses Areal wichtig ist. Da Dresden sehr interessante Museen zu bieten hat wäre es wichtig auch da ein Museum zu bauen, um dieses Areal in seiner sehr guten Lage zu Vereinen. Wohnen, Handwerk und Gastronomie würden Arbeitsplätze schaffen und da auch auf der anderen Seite zur Elbe hin die Hafencity entsteht ist das wichtig für die Stadt.

  3. Hallo Jan, da bist Du ein bisschen falsch informiert. Globus war und ist meines Erachtens immer noch Eigentümer des Grundstücks, allerdings stieß die Entwicklung eines Einkaufszentrums auf erhebliche Widerstände (Bericht vom Sommer 2019), so dass Globus ein alternatives Objekt in der Friedrichstadt angeboten wurde. Ob das nun kommt, ist aber unklar. Inzwischen gibt es Gerüchte zu einer Übernahme eines der Real-Märkte in Heidenau bzw. Bannewitz durch Globus. Zum Gelände um den alten Leipziger Bahnhof gibt es aktuell noch keine weiteren Entwicklungen, auch von der im Januar 2020 bekannt gewordenenen Idee mit dem Jüdischen Museum war bisher nichts weiter zu hören.

    Ich werde mal bei den entsprechenden Ämtern nachhaken, wie es denn mit dem Gelände weitergeht.

  4. Ok, ne Lehrstuhlpubli vom Städtebauprof Bäumler, der aller Jahre seine je neuen Studis beschäftigen muß. 25 euro fürs Heft ist üblich an TUD, es gibt auch etliche weitere Publis dieses Lehrstuhls zu solcherlei „spannenden Übungsfragen“ für Architekturstudenten. Schließlich tut sich ja nix an den „spannendsten Orten“ der Landeshauptstadt, wie Pirnaische und Leipz’scher Vordingsbums. Das ist alle drei Jahre wieder dran, weil echt gut fürs Training.
    Das Areal kam aber seit den letzten 20 Lenzen nicht übers Studentische hinaus. TU-Entwürfe spielen im Realen allerdings KEINERLEI Rolle. Nachfragen bei Ämtern braucht man nicht, da kommt derzeit nix, eher war ja Knackpunkt der ?aufgehobene? Klobus-B-Plan!
    Danke im Kommentar auch auf die Bestätigung der Biotop-Entwicklung in dortiger (nord-leipz’schor) Hood, ich schrob es bereits vor Jahren. Daher mein Wunsch für Nordleipziger’sch: mehr Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung!!!

    Bis dahinne leg ich mich aber nochmal kurz hin, sonst überrumpelt einen die Zügigkeit der Boomtown.

  5. @maya: Aus dem SZ Artikel:
    „Ein konkreter Ort ist noch nicht festgelegt…“

    Dein Vorwurf an die Studierenden geht fehl, denn das war nicht das Ziel, außerdem sind die Arbeiten von 2019.

  6. @ Anton: Seh ich anders… Was war denn das Ziel? Äh, ja… Diese Stadtentwicklung… Urban, kreativ, klimaneutral, gemeinwohlorientiert, einfach rundum schön… Merkste was?

    Schön gegliedert in Suchen, Entdecken….
    Frei nach Rainald Grebe komm ich da zu dem Schluß „wer keine Nazis sucht, der findet auch keine…“. Die dunkle Geschichte war ebenfalls 2019 schon bekannt. Die verklobte auch. Ich schließ mich doch lieber dem Verwaldungsgedanken an, scheint mir der Schlüssigste zu sein.
    ;-)

  7. @g.kickt: Soweit ich weiß, ging es in der Publikation um einen Leitfaden für städtebauliches Entwerfen. Um Skizzen und Planideen. Um konkrete Inhalte, ob da nun ein Museum einen Platz finden kann oder nicht, ging es dabei nicht.
    Der Vorschlag, dass am Alten Leipziger Bahnhof ein Jüdisches Museum errichtet werden kann, kam im März 2019 auf, so richtig bekannt wurde das Vorhaben erst Anfang 2020. Und dagegen gibt es durchaus auch berechtigte Einwände, ich empfehle diesbezüglich den Artikel in den Dresdner Neuesten Nachrichten.

  8. Den Verein zur Förderung des Jüdischen Museums in Dresden gibt es seit 2013 oder 14, ganz so lange studieren die Verfasser*innen wohl noch nicht?
    Wer sich mit der Geschichte des Bahnhofs beschäftigt hat kann nicht um die Zeit des 3. Reichs herumgekommen sein, wenn er/sie sorgfältig arbeitet. Mir ist unergründlich, warum es nicht absolut selbstverständlich sein soll einen Gedenkort am Originalschauplatz in irgendeiner Form mitzudenken, ob Museum, Denkmal, oder welche Form auch immer. Erinnerungskultur habe ich übrigens bisher immer für einen integralen Bestandteil von Dresdner Städtebau gehalten.
    (Und natürlich sollte man zu vorhandenen Themen keineswegs selbstverständlich und proaktiv die betroffene Gruppe oder deren Akteure befragen. Eine Anfrage an Hatikva oder die JG in Dresden statt irgendeiner Umfrage war wohl nicht realisierbar… )

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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