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BRN-Geschichte – Teil II

Der Geburtstag der Bunten Republik Neustadt (BRN) wird auch in diesem Jahr nicht groß gefeiert. Auch wenn man sich wieder mit ein paar mehr Menschen treffen darf, Kneipen öffnen und Kultur stattfinden kann. Die Zeit für ein 100.000-Leute-Fest ist es wohl gerade nicht. Es wird auf jeden Fall keine großen Bühnen und keine autofreien Straßen geben.

Rasen statt rasen - Foto von der Louisenstraße zur BRN 1999 - Sammlung: Stadtteilarchiv, Fotograf unbekannt
Rasen statt rasen – Foto von der Louisenstraße zur BRN 1999 – Sammlung: Stadtteilarchiv, Fotograf unbekannt

Gemeinsam mit Ulla Wacker vom Stadtteilhaus habe ich die folgenden Zeilen verfasst, die Ende vergangenen Jahres in den Dresdner Heften erschienen sind und hier noch einmal wieder gegeben werden.

Der anarchistische Staat oder Die gezähmte Widerspenstige

Von Ulla Wacker und Anton Launer

2. Teil

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Die Jahre 1994 – 1999 | Eine Republik ohne Regierung

Aufgrund der Krawalle vom Vorjahr wollten die Organisator*innen rund um die IG Äußere Neustadt kein weiteres Fest verantworten. Schuld war auch die relativ einseitige Berichterstattung über autonome Chaoten und die fehlende Debatte über Ursachen.

Doch eine ausgerufene Republik existiert, selbst wenn niemand die Verantwortung einer Regentschaft übernehmen möchte. Und einer der Mitorganisatoren von 1993, der Fotograf Lothar Lange, wollte nicht aufgeben. Allerdings gelang es ihm weder Kultur- noch Ordnungsamt der benachbarten Landeshauptstadt zu überzeugen. So hielten sich die Behörden raus und auf dem Martin-Luther-Platz sowie an einigen anderen Orten, wie dem künftigen Stadtteilhaus, wurde der BRN-Geburtstag dennoch gefeiert.

BRN-Zeitung "Neustadt-Kurier" von 1995 - Archiv Anton Launer
BRN-Zeitung „Neustadt-Kurier“ von 1995 – Archiv Anton Launer

Im nächsten Jahr, 1995, gab es dann eine Marktordnung für den Martin-Luther-Platz, die unter anderem vorsah, dass Speisen und Getränke nur von gemeinnützigen Organisationen angeboten werden durften. Damit wollte man dem ursprünglichen Gedanken eines unkommerziellen Festes wieder näherkommen. Einem Sauffest wurde die Absage erteilt, mit dem Motto „Wir bleiben hier“ an die Wurzeln erinnert. In der Juni-Ausgabe des Stadtmagazins Sax hieß es treffend bezüglich der jährlich aufkommenden Unsicherheit über das Stattfinden: „Wir mögen sie schon (die BRN, Anm. d. Redaktion), aber machen will sie niemand.“

Sicherheitskonzept mit der Stadt

Breitschlagen ließ sich dann doch der Kulturstadt e.V. gemeinsam mit der Initiative „Häusertratsch“. Ein Sicherheitskonzept mit der Stadt und eine Förderung durch das Kulturamt ermöglichten den Rahmen für Eigeninitiative. Ein friedliches Fest war die Folge. 1995 wurden erste diplomatische Beziehungen geknüpft. In diesem Fall zur Freien Festung Breslau, der Orangenen Alternative in Wrocław. Das Thema Mikronation und diplomatische Verbindungen sollte später noch bedeutender werden.

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Inzwischen waren schon erste Spuren der sogenannten Gentrifzierung sichtbar: Häuser wurden saniert, Mieten stiegen und erste Neustädter verließen das Viertel. Das Fest 1996 mit neuer Chefin Corinna Kühner durch Kulturstadt e.V. weitergetragen, öffnet sich den Gewerbetreibenden. Die Einnahmen wurden gebraucht, da die Organisationskosten, sowie Kosten für Müll und Sicherheit stiegen und die Förderung immer geringer ausfiel. Hier beginnt der Wandel hin zur sogenannten Kommerzialisierung, die seitdem häufig kritisiert wird. Auch das 1996er Fest war von einem Überfall überschattet.

Neuer Verein BRN e.V.

Der Mangel an Freiräumen durch Bebauung von Brachen und die Verteuerung des Lebens nahm weiter zu. Im folgenden Jahr übernahm die Organisation dann ein neugegründeter Verein, der BRN e.V. mit Klaus Körner als Vorstand. Auch 1997 blieb das Fest nicht frei von Krawallen.

Die Anmeldung der BRN 1998 durch den Verein zur Förderung und Unterstützung der Bunten Republik Neustadt geriet fast zum Eklat. Für das künftige Dilemma des Festes wurde hier der Grundstein gelegt. Auf der einen Seite die Bürokratie des Ordnungsamtes der Landeshauptstadt, sie forderte eine Anmeldung aller Einzelveranstaltungen. Auf der anderen Seite der Verein, der nicht als Gesamtveranstalter auftreten, sondern nur den Rahmen bilden wollte. Dieser Verein, mit Vertretern der ehemaligen provisorischen Regierung unter Leitung von Uli Damm (Sanierungskommission) und Wolfhardt Pröhl (ehemaliger Finanzminister der ersten Regierung) und Neustädter Initiativen gegründet, war angetreten, um der Kommerzialisierung und der Gewalt der Vorjahre entgegenzutreten.

Straßentheater zur BRN 1998 - Foto: Stadtteilarchiv/Torsten Schumann
Straßentheater zur BRN 1998 – Foto: Stadtteilarchiv/Torsten Schumann

Letztlich übernahm der Verein nach zähen Verhandlungen mit der Stadt dann doch die Verantwortung. Gemeinsam mit der Polizei entstand ein tragfähiges Sicherheitskonzept. Die BRN 1998 wurde ein großer Erfolg. Vielleicht auch aufgrund des göttlichen Segens. Denn diese Feier begann mit einer Andacht und gemeinsamen Gebet für Gewaltfreiheit. Der Jesus-Love-Convoi trat zum ersten Mal in Erscheinung. 1999 mit demselben Konzept durch die Veranstalter des Vorjahres koordiniert wurde dann auch die 10. BRN ein friedliches und gut besuchtes Fest mit rund 30.000 Besuchern.

Zwischen dem veranstaltenden Förderverein und den Neustädter Gewerbetreibenden kam es jedoch zu so einem starken Zerwürfnis, dass der Verein es ablehnte auch im Jahr 2000 die BRN-Feier zu organisieren.

2000 bis 2001 | BRN, das größte „Open Air Festival“ im Osten der Republik

Hubschrauber im Tiefflug, Hundertschaften schwer bewaffneter Polizisten, brennende Mülltonnen und Barrikaden, verängstigte Besucher. Die BRN schaffte es in diesen Jahren bis in die Tagesschau und es dauerte Jahre, bis das Image der Randale-Party wieder vorbei war.

Die Dresdner Neustadt zu Beginn des neuen Jahrtausends. Ein großer Teil der Häuser ist saniert. Die Mieten klettern zwar nur noch langsam, aber die Verdrängung setzt ein. Freiräume für Jugendliche werden rar, sicher auch ein Erklärungsansatz für die Ausschreitungen. Eine andere Ursache ist der komplett neue Ansatz der BRN-Macher.

Video von der BRN 2000

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Der Kultur 2000 e.V. um Stefan Schulz und Andreas Preuß erklärt die BRN zur größten Open-Air-Veranstaltung im Osten und rührt die Werbetrommel. Es gibt viele Bühnen, viele Verkaufsstände, Bierwagen und gestiegene Standgebühren. Diese waren nötig, um das umfangreiche Kulturprogramm zu finanzieren, denn die BRN war nach wie vor eintrittsfrei.

Das Fest erlebte einen ungeahnten Boom, die Besucherzahl knackte die 100.000 und neben vielen tausend friedlich Feiernden kamen auch Randalierer. Die Polizei war dem Ansturm nicht gewappnet.

Die Situation eskalierte 2001. Hooligans und Linksradikale lieferten sich mit der Polizei in den Nachtstunden Schlägereien. Die Polizei reagierte übergriffig und unverhältnismäßig. Am Sonntag beendete sie mit einem massiven Aufgebot das Fest schon am Nachmittag. Ein übler Geruch aus Tränengas und Brutalität hing über dem Viertel. Berichte im Spiegel und der FAZ.

2020 gab es eine BRN-TV-Talk-Runde, die sich mit der Zeit ab 2000 beschäftigte.

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Geschichte der Bunten Republik Neustadt in drei Teilen

Der anarchistische Staat oder Die gezähmte Widerspenstige – 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil


Anmerkungen

Quelle: Zeitungsartikelarchiv aus den Jahren 1989 – 2020 des Stadtteilarchivs Dresden, im Bestand Dresdner Tageszeitungen und Artikel aus überregionalen Magazinen mit Bezug auf die Dresdner Neustadt. Zitiert wurde aus folgenden Zeitungen:

  • DIE UNION (später Dresdner Neueste Nachrichten)
  • SZ (Sächsische Zeitung)
  • SAX – Das Dresdner Stadtmagazin

Die Autorin ist Bewohnerin der Neustadt seit 1990 und leitet das Stadtteilhaus Dresden Äußere Neustadt. Einige Jahre war sie Mitorganisatorin der BRN (1998-99, 2011-2017), seit 2018 betreibt sie das BRN-Büro. Der Autor war langjähriger Bewohner der Neustadt und leitet das Online-Magazin „Neustadt-Geflüster“. Mit freundlicher Genehmigung der Dresdner Hefte.

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