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BRN-Geschichte – Teil III

Der Geburtstag der Bunten Republik Neustadt (BRN) wird auch in diesem Jahr nicht groß gefeiert. Auch wenn man sich wieder mit ein paar mehr Menschen treffen darf, Kneipen öffnen und Kultur stattfinden kann. Die Zeit für ein 100.000-Leute-Fest ist es wohl gerade nicht. Es wird auf jeden Fall keine großen Bühnen und keine autofreien Straßen geben.

Louisenstraße zur BRN 2008 - schon damals waren die Straßen knackig voll. Foto: Stadtteilhausarchiv/Yvonne Graf
Louisenstraße zur BRN 2008 – schon damals waren die Straßen knackig voll. Foto: Stadtteilhausarchiv/Yvonne Graf

Gemeinsam mit der Chefin vom Stadtteilhaus, Ulla Wacker, habe ich die folgenden Zeilen verfasst, die Ende vergangenen Jahres in den Dresdner Heften erschienen sind und hier noch einmal wieder gegeben werden.

Der anarchistische Staat oder Die gezähmte Widerspenstige

Von Ulla Wacker und Anton Launer

3. Teil

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2002 – 2010 | Fremdregierung aus dem Hinterbrückenland

Die BRN ist lebensgefährlich“ – so lautete das Fazit einer Sicherheitsstudie aus dem Jahre 2015. Nein, damit waren nicht die Krawalle gemeint, die hatten sich verflüchtigt, es ging um die schiere Masse an Menschen. Auf der Kreuzung Rothenburger-/Louisenstraße wurden bis zu sieben Personen pro Quadratmeter gezählt. Der Republikgeburtstag war inzwischen aus allen Nähten geplatzt und man rechnete mit rund 300.000 Besuchern. Doch der Reihe nach.

Die Ereignisse von 2001 wurden nie aufgearbeitet. Die Organisatoren zogen sich aus den Verhandlungen mit der Landeshauptstadt zurück. Das Ergebnis: ab 2002 galt, jeder meldet selbst an. Die Dresdner Stadtverwaltung aus dem Rathaus hinter den Elbebrücken legte dafür eine Sondernutzungssatzung auf, die mit Anpassungen noch heute gilt.

Das Fest wuchs, die Krawalle wurden weniger, auch dank geschickter Einsatztaktik der Polizei und gut platziertem deeskalierendem Regen in den Jahren 2005 und 2006. Die Geburtstagsfeier der einst so anarchischen Bunten Republik, sie bekam einen Bier- und Bratwurstbauch. Zu Höchstzeiten wurden mehr als 100 Bierwagen angemeldet. Und der halbe Liter für 1,50 Euro war keine Seltenheit. Aus den Bierströmen wurden Urinströme in Hauseingängen und Ecken, der Lärm nahm zu. Neustädter flüchteten vor dem Partywochenende.

Tanz im Müll 2018 - Foto: Archiv Anton Launer
Tanz im Müll 2018 – Foto: Archiv Anton Launer

2010 forderte Magnus Hecht, damals Chef der Scheune, die BRN aufzulösen. Die Forderung führte zu einer Podiumsdiskussion, um den Sinn des Festes zu ergründen. Währenddessen eröffneten diverse Mikronationen diplomatische Vertretungen beim zwanzigjährigen Fest der Republik. Eingeladen waren sie von Mirko Sennewald, der mit seinem Verein den legendären Lustgarten zur BRN betrieb. Pässe erhielten eine Neuauflage, mit einer Seite für Visa.

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Fit together mit Claudia Seidel

2011 – 2020 | Schwafelrunde (ohne Ritter), der Versuch einer Regierungsbildung, und die Gründung des BRN-Büros

Konzert in der Scheune, es spielen Electric Farm. Im Publikum kein Mensch – nur Grünpflanzen. Alaunpark – Mittagszeit – ein geflügeltes Sofa steht herum – Thron für jedermann. Tagesbefehl Numero 2: Macht mehr Kinder am BRN-Sonntag 12 Uhr mittags. Ort: egal.

Mit Grünpflanze zum Konzert vom Goldnen Anker - Foto: Archiv Anton Launer 2012
Mit Grünpflanze zum Konzert vom Goldnen Anker – Foto: Archiv Anton Launer 2012

Die Verrücktheiten und Absonderlichkeiten der Republikgeburtstage ließen sich noch endlos aufzählen. Und schuld ist eine Schwafelrunde, die zwar keine Ritter, aber dafür ordentlich Sitzfleisch hatte. Sie war als Ergebnis der oben beschriebenen Podiumsveranstaltung entstanden. Einige Neustädter, die Probleme wie Wildpinkeln, Müll und Lärm angehen wollten.

Die Schwafelrunde trat 2011 das Erbe der O.P.R. an. Die Gesamtveranstaltung dieses inzwischen über 200 Einzelveranstalter umfassenden Festes konnte und wollte dieser Kreis jedoch nicht übernehmen. Mit Humor und jährlich ausgerufenen Tagesbefehlen sorgte sie für eine kulturelle Bereicherung. Die BRN wurde wieder individueller und kreativer.

Das sorgte jedoch für noch engere Straßen und brachte 2015 das Thema Sicherheitskonzept wieder auf die Tagesordnung. Obwohl sich die Schwafelrunde als Vertreter der BRN-Veranstalter gemeinsam mit Behörden und Stadtverwaltung den Problemen stellte, wurde sie bei der Erstellung des Sicherheitskonzeptes nicht beteiligt.

Das sonntägliche Straßenfrühstück ist inzwischen fester Bestandteil der BRN-Feste geworden. Foto: Archiv  Anton Launer 2012
Das sonntägliche Straßenfrühstück ist inzwischen fester Bestandteil der BRN-Feste geworden. Foto: Archiv Anton Launer 2012

Die Runde löste sich 2017 daraufhin auf. Als letzten Akt schob sie eine erneute Debatte über die zukünftige Betreibung des Festes an. In der Folge entstand das BRN-Büro in Trägerschaft des Stadtteilhauses. Die Feier zum dreißigjährigen Bestehen der BRN im Jahr 2020 fiel aufgrund der Corona Pandemie aus. Stattdessen gab es ein BRN-TV mit einer dreiteiligen Talkshow am BRN-Wochenende mit Gästen aus dreißig Jahren.

Ungeklärt ist die weitere Zukunft. Aber sicher ist, die BRN lebt und auch ihr Geburtstag wird bestimmt wieder gefeiert. Auf welche Art – das werden engagierte Neustädter*innen entscheiden.

2020 gab es eine BRN-TV-Talk-Runde, die sich mit der Zeit ab 2010 beschäftigte.

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Geschichte der Bunten Republik Neustadt in drei Teilen

Der anarchistische Staat oder Die gezähmte Widerspenstige – 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil


Anmerkungen

Quelle: Zeitungsartikelarchiv aus den Jahren 1989 – 2020 des Stadtteilarchivs Dresden, im Bestand Dresdner Tageszeitungen und Artikel aus überregionalen Magazinen mit Bezug auf die Dresdner Neustadt. Zitiert wurde aus folgenden Zeitungen:

  • DIE UNION (später Dresdner Neueste Nachrichten)
  • SZ (Sächsische Zeitung)
  • SAX – Das Dresdner Stadtmagazin

Die Autorin ist Bewohnerin der Neustadt seit 1990 und leitet das Stadtteilhaus Dresden Äußere Neustadt. Einige Jahre war sie Mitorganisatorin der BRN (1998-99, 2011-2017), seit 2018 betreibt sie das BRN-Büro. Der Autor war langjähriger Bewohner der Neustadt und leitet das Online-Magazin „Neustadt-Geflüster“.

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2 Ergänzungen

  1. @Anton

    auf meiner Ecke gibt es seit etwa 2 Stunden soften Jazz. Ohne Alkohol, ohne Partygäste, ohne Krach. Einfach so. Und niemand regt sich auf.
    So stellen wir uns die BRN vor. Locker, ungeplant mit lauter entspannten Menschen…..

    Aber das ist wohl Utopie

    Grüße vom Balkon

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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