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BRN 2021 – Rückblick statt großer Party I

Der Ge­burts­tag der Bun­ten Re­pu­blik Neu­stadt (BRN) wird auch in die­sem Jahr nicht groß ge­fei­ert. Auch wenn man sich wie­der mit ein paar mehr Men­schen tref­fen darf, Knei­pen öff­nen und Kul­tur statt­fin­den kann. Die Zeit für ein 100.000-Leute-Fest ist es wohl ge­rade nicht. Es wird auf je­den Fall keine gro­ßen Büh­nen und keine au­to­freien Stra­ßen geben.

Da war sie noch ganz jung. Die BRN zu ihrem ersten Geburtstag 1991.
Da war sie noch ganz jung. Die BRN zu ih­rem ers­ten Ge­burts­tag 1991.

Ge­mein­sam mit der Che­fin vom Stadt­teil­haus, Ulla Wa­cker, habe ich die fol­gen­den Zei­len ver­fasst, die Ende ver­gan­ge­nen Jah­res in den Dresd­ner Hef­ten er­schie­nen sind und hier noch ein­mal wie­der ge­ge­ben werden.

Der anarchistische Staat oder Die gezähmte Widerspenstige

Von Ulla Wa­cker und An­ton Launer

1. Teil

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Zwei Tage im Juni 1990 (23. und 24. Juni 1990)

Mor­gen wer­den wir an­nek­tiert!“ – Die Menge tobt. Juni 1990 in der Scheune, Dres­den, Äu­ßere Neu­stadt. Das Fest zur Grün­dung der bun­tes­ten al­ler Re­pu­bli­ken ist im vol­len Gange. Wäh­rend drau­ßen stau­nende Bür­ger und un­si­chere Volks­po­li­zis­ten vor­bei zie­hen, wird drin­nen ge­fei­ert. Die Bunte Re­pu­blik Neu­stadt (BRN) ist geboren.

Sie be­tre­ten den de­mo­kra­ti­schen Sek­tor der Stadt Dres­den. Die­ses Ge­biet, ge­lei­tet von ei­ner Or­dent­li­chen Pro­vi­so­ri­schen Re­gie­rung, nennt sich BUNTE REPUBLIK NEUSTADT. In die­sem Be­reich gel­ten DDR-Mark und Neu­stadt­mark (NSM) als Zah­lungs­mit­tel (DM un­gül­tig). Jeg­li­che An­wen­dung von Ge­walt ist un­ter­sagt.“ Mit die­sen Wor­ten wur­den Be­su­cher der ers­ten BRN im Juni 1990 begrüßt.

Es war die wilde Zeit zwi­schen Mau­er­fall und Wie­der­ver­ei­ni­gung, das Wo­chen­ende vor der Wäh­rungs­union. Die erste und letzte de­mo­kra­ti­sche Volks­kam­mer­wahl der DDR im März hatte ihr Ende ein­ge­lei­tet. Der Traum ei­ner re­for­mier­ten DDR war aus. Doch in der Dresd­ner Neu­stadt lebte er weiter.

Dresdner Neustadt Anfang der 1990er Jahre - Foto: Archiv Lothar Lange
Dresd­ner Neu­stadt An­fang der 1990er Jahre – Foto: Ar­chiv Lo­thar Lange

Die Äußere Neustadt, was war das für ein Viertel?

Das Grün­der­zeit­vier­tel war 1945 größ­ten­teils un­zer­stört ge­blie­ben. Wäh­rend der Jahre un­ter so­zia­lis­ti­scher Füh­rung ver­fiel die Bau­sub­stanz. Das hatte ver­schie­dene Gründe. Das DDR-Woh­nungs­pro­gramm ori­en­tierte sich an Plat­ten­bau­ten. Alt­bau­sa­nie­rung war teuer, dem Staat fehlte das In­ter­esse, den pri­va­ten Ei­gen­tü­mern Geld und Material.

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Die Neu­stadt in den acht­zi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts: Ei­nige Häu­ser, kleine Be­triebe und Lä­den wa­ren in Fa­mi­li­en­be­sitz ge­blie­ben. Die Aus­stat­tung: Toi­lette, halbe Treppe, Koh­le­hei­zung, kaum Bä­der, de­so­late Dä­cher. Viele Woh­nun­gen, zum Teil ganze Häu­ser stan­den leer. Die Neu­städ­ter, die konn­ten, zo­gen weg. Ziel war die kom­for­ta­ble Plattenbauwohnung.

Es blie­ben die Al­ten, die Zu­ge­wie­se­nen, aber auch die, die den Frei­raum schätz­ten. Bei al­ten Da­men in gro­ßen Woh­nun­gen wohn­ten Stu­den­ten zur Un­ter­miete. Künst­ler schu­fen sich Ate­liers und Kon­zer­träume, ei­nige Fa­mi­lien bau­ten sich ihre Woh­nun­gen selbst aus.

Warmwohnen in der Neustadt

In den letz­ten Jah­ren der DDR, als die Neu­stadt auf­ge­ge­ben schien, gab es hier den Frei­raum, der im Rest der Stadt fehlte. Man zog hier ein­fach ein, zahlte Miete an die Kom­mu­nale Woh­nungs­ver­wal­tung (KWV) und nach ei­ner Weile hatte man dann ei­nen Miet­ver­trag. Zu­letzt gab es für ei­nige Alt­bau­ten ei­nen Sa­nie­rungs­zu­schuss und so man­cher baute sich sein ei­ge­nes Bad. Das so­ge­nannte Warm­woh­nen war vor al­lem in der Neu­stadt be­liebt. Es bot krea­ti­ven Le­bens­künst­lern und Op­po­si­tio­nel­len Raum zum Le­ben und Gestalten.

Ende der acht­zi­ger Jahre wur­den Ab­riss­pläne be­kannt. Die ma­ro­den Grün­der­zeit­bau­ten soll­ten ei­nem so­zia­lis­tisch ge­präg­ten Plat­ten­bau-Quar­tier wei­chen. In der Neu­stadt regte sich Wi­der­stand, die In­ter­es­sen­ge­mein­schaft (kurz IG) Äu­ßere Neu­stadt grün­dete sich 1989 un­ter dem Dach des Künst­ler­bun­des. Das war ne­ben kirch­li­chen In­sti­tu­tio­nen, eine der we­ni­gen Mög­lich­kei­ten, sich wi­der­stän­dig als Bür­ger­initia­tive zu organisieren.

Dass die Neu­stadt nicht ab­ge­ris­sen wurde, ist si­cher zu ei­nem Teil der IG zu ver­dan­ken. Ver­mut­lich lag es aber vor al­lem an den feh­len­den fi­nan­zi­el­len und tech­ni­schen Mit­teln der spä­ten DDR. Aber das ge­mein­schaft­li­che En­ga­ge­ment schweißte die An­woh­ner zu­sam­men. Die IG sollte spä­ter, als das Vier­tel zum Sa­nie­rungs­ge­biet er­klärt wurde, noch eine we­sent­li­che Rolle spie­len. Als ers­tes eta­blierte sie eine Sanierungskommission.

Wäh­rend­des­sen ent­stand in die­ser Zeit die Grund­lage für das heu­tige so­ge­nannte Szene-Vier­tel. 1989/​90 spros­sen Knei­pen wie Pilze aus dem Bo­den. Leere Woh­nun­gen oder ver­las­sene Lä­den wur­den neu ge­nutzt. Der Be­darf an Or­ten der Be­geg­nung und des Ver­gnü­gens war groß. In ei­ner die­ser Knei­pen, der „Bronxx“, wurde dann auch bei Bier und Wein die Idee der Bun­ten Re­pu­blik geboren.

BRN 1991 - Der Monarch ohne Geschäftsbereich, Gregor Kunz, hält die Rede zum Volk - Foto: Christoph Anders
BRN 1991 – Der Mon­arch ohne Ge­schäfts­be­reich, Gre­gor Kunz, hält die Rede zum Volk – Foto: Chris­toph Anders

Die Ausrufung der Republik und ihre Regierung | Juni 1990

Auf dem Bal­kon der Re­pu­blik, ei­gent­lich ein win­zi­ger Aus­tritt an ei­ner al­ten Scheune, drän­gel­ten sich Mi­nis­ter und Mon­arch. Der er­klärte am 23. Juni 1990 die Or­dent­li­che Pro­vi­so­ri­sche Re­gie­rung (kurz O.P.R.) der Bun­ten Re­pu­blik Neu­stadt für exis­tent. Dies war ein deut­li­cher Fin­ger­zeig auf den Mai­auf­stand von 1849. Da­mals exis­tierte im Zuge der Deut­schen Re­vo­lu­tion für we­nige Tage eine pro­vi­so­ri­sche Re­gie­rung, die auch vom durch­rei­sen­den Mi­chail Alex­an­d­ro­witsch Ba­ku­nin un­ter­stützt wurde.

Mit die­sem An­ar­chis­ten fühl­ten sich viele Re­gie­rungs­mit­glie­der der O.P.R. im Geiste ver­bun­den. Denn die Herr­schafts­lo­sig­keit wurde auch in der BRN an­ge­strebt. So hatte der Mon­arch Gre­gor Kunz kei­nen Ge­schäfts­be­reich, er und seine Mi­nis­ter lu­den die ge­samte Neu­städ­ter Be­völ­ke­rung zum Re­gie­ren ein. An­ge­strebt wurde, dass die Zahl der Re­gie­rungs­mit­glie­der gleich der An­woh­ner­zahl sei. Die O.P.R. ver­sprach nichts, aber un­ter an­de­rem har­ten Wi­der­stand ge­gen Miet­wu­cher und Spe­ku­la­tion. Ge­walt­frei­heit, Frie­den, Mi­lieu­schutz und gu­tes Wet­ter wa­ren er­klärte Ziele, der sinn­lose Kon­sum der Markt­wirt­schaft wurde angeprangert.

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Pro­kla­ma­tion und aus­ge­ru­fene De­krete tru­gen eine deut­li­che an­ar­cho-linke Hand­schrift. Die Ver­fas­ser und Ak­teure der ers­ten Stunde ge­hör­ten größ­ten­teils der Ver­ei­nig­ten Lin­ken (kurz VL) an. Die VL, ge­grün­det im Ok­to­ber 1989, ver­stand sich als Platt­form für an ei­ner so­zia­lis­ti­schen Re­form in­ter­es­sierte DDR-Op­po­si­tio­nelle. Bei der letz­ten Volks­kam­mer­wahl er­reichte die VL im­mer­hin ei­nen Sitz. Mit dem Sieg der CDU bei der Volks­kam­mer­wahl im März 1990 be­gann der Weg zur Wie­der­ver­ei­ni­gung der bei­den Deut­schen Staa­ten und alle Ge­dan­ken be­züg­lich ei­ner re­for­mier­ten deut­schen Re­pu­blik mit Volks­ei­gen­tum wur­den beerdigt.

Idee des Reformierten Sozialismus

In die­ser Phase ent­stand in der Dresd­ner Neu­stadt die Idee, mit der Bun­ten Re­pu­blik Neu­stadt dem Traum ei­nes re­for­mier­ten So­zia­lis­mus Ge­stalt zu ge­ben, wenn auch nur noch mit hu­mo­ris­ti­schem An­strich. Die De­krete der O.P.R. drück­ten aus, was man über die ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaft der BRD dachte und er­klärte ih­ren Aus­wüch­sen den Kampf.

We­nige Mo­nate hat­ten aus­ge­reicht das Grün­dungs­fest vor­zu­be­rei­ten. Als Ter­min wurde be­wusst das Wo­chen­ende vor der Wäh­rungs­union ge­wählt, da diese die Wie­der­ver­ei­ni­gung vor­weg­nahm. Die Flagge der Re­pu­blik wurde zur Ost-West-Fu­sion. Mi­ckey Mouse nahm den Platz von Ham­mer und Zir­kel im Äh­ren­kranz der DDR-Flagge ein.

Mit der Ein­füh­rung der Neu­stadt­mark wurde eine ei­gene Wäh­rung ge­schaf­fen. Auch mit Blick auf die Wäh­rungs­union, bei der es für je zwei DDR-Mark eine West­mark gab, wurde fluchs der Tausch­kurs um­ge­kehrt. Für zwei West­mark gab es eine Neu­stadt­mark, die wie­derum den Wert ei­ner DDR-Mark hatte. In et­li­chen Neu­städ­ter Ge­schäf­ten und Knei­pen wurde die Neu­stadt­mark ak­zep­tiert. Pässe mach­ten die Neu­städ­ter und ihre Be­su­cher zu le­gi­ti­men und stimm­be­rech­tig­ten Bür­gern auf Le­bens­zeit. Das Neu­städ­ter Kul­tur­zen­trum Scheune wurde zum Regierungssitz.

Ein Satz Neustadtmark - Foto: Stadtteilarchiv Dresden-Neustadt
Ein Satz Neu­stadt­mark – Foto: Stadt­teil­ar­chiv Dresden-Neustadt

Eigene Währung und Staatsbank

Als Staats­bank diente das im Fe­bruar 1990 durch Be­set­zung ge­grün­dete Pro­jekt­thea­ter auf der Loui­sen­straße, denn dort stand der ein­zige be­kannte Tre­sor. Die IG Äu­ßere Neu­stadt ver­teilte Pflan­zen zur Be­grü­nung der Bra­chen und Hin­ter­höfe. Das un­ab­hän­gige Zen­tral­or­gan „Schild Zei­tung“ ver­öf­fent­lichte Pro­kla­ma­tion, De­krete und hul­di­gende Worte an den Monarchen.

Die aus­ge­ru­fene Au­to­no­mie wurde aus­ge­las­sen ge­fei­ert. Dazu ge­hör­ten un­ter an­de­rem ein Kin­der­fest, Kino auf dem Alaun­platz, Open-Air-Kon­zerte, Kunst- und Trö­del­märkte und ein Um­zug mit Spiel­manns­ka­pelle. Die Me­di­en­werk­statt Dres­den hielt das bunte Trei­ben in ei­nem Film fest. Der Sound­track da­für stammte von der Dresd­ner Band „Fehl­schicht“. Im ih­rem Song „Selbst­be­frie­di­gung“ heißt es „40 Jahre be­tro­gen, 40 Jahre be­lo­gen, die ganze Scheiße weg­ge­schluckt, die Kin­der ver­zo­gen, Ideale ver­bo­gen, und im­mer recht­zei­tig ab­ge­duckt | mor­gen wer­den wir an­nek­tiert …“ (in ei­ner spä­te­ren Fas­sung lau­tet diese Zeile dann „… end­lich sind wir an­nek­tiert“). Pas­sen­der konnte die Stim­mung nicht wie­der­ge­ge­ben werden.

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BRN – Bunte Re­pu­blik Neu­stadt 1990 from Äu­ßere Neu­stadt on Vi­meo. Me­di­en­werk­statt Dresden

Miethaie zu Fischstäbchen | Die Abdankung der Regierung (Okt. 1990 bis Juni 1993)

Ok­to­ber 1990 – Will­kom­men in West­deutsch­land. Die neue Zeit macht auch vor der Neu­stadt nicht halt. Große und kleine Fa­bri­ken schlie­ßen. Die Ar­beits­lo­sig­keit schnellt hoch. Rechts­ra­di­kale zie­hen ran­da­lie­rend durch die Stra­ßen. Die Häu­ser im Vier­tel ha­ben plötz­lich Ei­gen­tü­mer. Mie­ter er­hal­ten Kün­di­gun­gen. Das Wort der Stunde lau­tet Restitutionsanspruch.

Die sich neu­for­mie­rende Ver­wal­tung plante die Ein­füh­rung ei­nes Sa­nie­rungs­ge­biets-Sta­tus. Die IG Äu­ßere Neu­stadt si­cherte mit der Sa­nie­rungs­kom­mis­sion die Mit­wir­kung der An­woh­ner in die­sem Pro­zess. Kleine Er­folge wa­ren un­ter an­de­rem auch, dass Haus­be­set­zer als so­ge­nannte In­stand­be­set­zer teil­weise ge­dul­det wur­den, üb­ri­gens auch eine For­de­rung der BRN-Regierung.

Das Motto zum ers­ten Jah­res­tag der BRN lau­tete 1991 da­her zwangs­läu­fig „Wir blei­ben hier und weh­ren uns täg­lich“. Die Er­nüch­te­rung über das An­ge­kom­men­sein in der neuen Zeit war deut­lich zu spü­ren. Die Neu­stadt war tat­säch­lich Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt ge­wor­den. Die O.P.R. wurde zur pro­vi­so­ri­schen Re­gie­rung, er­klärte sich wei­ter­hin für exis­tent und scheute sich nicht För­der­gel­der von den Nach­bar­staa­ten Dres­den und Sach­sen in Höhe von 18.100 Mark an­zu­neh­men. Ge­fei­ert wurde von Don­ners­tag bis Sonntag.

Der Spar-Markt zur BRN 1991 - eine Aktion gegen Verpackungswahn
Der Spar-Markt zur BRN 1991 – eine Ak­tion ge­gen Verpackungswahn

Trockenschwimmen im Nordbad

Die IG Äu­ßere Neu­stadt or­ga­ni­sierte ein Bad­fest mit Tro­cken­schwim­men am Nord­bad. Der Kampf für den Wie­der­auf­bau des Stadt­teil­ba­des be­gann. Trä­ger des bun­ten Trei­bens wurde der Kul­tur­stadt Dres­den e.V., ein neu­ge­grün­de­ter Ver­ein, der sich der Klein­kunst und Ba­sis­kul­tur ver­schrie­ben hatte. Die Re­gie­rung wurde um ein Fair-kehrs­mi­nis­te­rium er­gänzt und er­ließ ein Ver­kehrs­de­kret mit Tempo 30 Zone. Die Neu­stadt-Mark er­fährt eine Neu­auf­lage, das Zen­tral­or­gan heißt nun „Schild Schild“ und glänzt mit ei­ner Son­der­seite „Schild der Frau“. Erste Rufe nach der Ab­dan­kung des Mon­ar­chen wur­den laut. „Gre­gor in die Volks­wirt­schaft“ lau­tet ein Trans­pa­rent auf dem gro­ßen Ab­schluss­um­zug. Die letz­ten Worte des Mon­ar­chen in sei­ner Rede „Amü­siert Euch noch schön und macht nicht so viel Dreck!“ (Die Union Nr. 144, vom 24.6.1991)

Im No­vem­ber 1991 wurde die Äu­ßere Neu­stadt zum Sa­nie­rungs­ge­biet er­klärt, der Sa­nie­rungs­be­darf auf 700 Mil­lio­nen Mark ge­schätzt (Säch­si­sche Zei­tung vom Fe­bruar 1992). Von den 570 Häu­sern sol­len für 560 Rück­füh­rungs­an­sprü­che gel­tend ge­macht wer­den, ca. 2.000 Woh­nun­gen stan­den leer. Die staat­li­chen Zu­schüsse für die Sa­nie­rung schie­nen nicht ge­si­chert. (DNN/​Union vom 1.4.1992) Man wünschte sich so­ziale statt Lu­xus­sa­nie­rung, die Angst vor Ver­trei­bung war groß. Die IG kämpfte für ei­nen Rah­menso­zi­al­plan und hoffte mit dem Ein­bau von Du­schen und Wan­nen den Aus­bau des Nord­bads voranzubringen.

Vielleicht gibt es ja wieder eine BRN-Zeitung - hier das Exemplar von 1991
Schild Schild die BRN-Zei­tung von 1991

Unterstützung vom Kulturamt

1992 stand die BRN dann ganz un­ter dem Motto: „Ge­gen Miet­wu­cher und Ver­trei­bung – Woh­nen ist ein Men­schen­recht“ und „Farbe statt Lack“. Das Kul­tur­pro­gramm wurde vom Kul­tur­amt der Stadt Dres­den mit 30.000 Mark un­ter­stützt. Neu­städ­ter In­itia­ti­ven wie die IG, der Mal­wina e.V. und das Frau­en­zen­trum so­wieso stemm­ten ge­mein­sam mit den Kul­tur­stadt e.V. die Vorbereitung.

Auf dem Mar­tin-Lu­ther-Platz fand ein Pro­jek­te­markt statt, der die ganze so­zio­kul­tu­relle Szene von Sach­sen vor­stellte. Es gab den „Bun­ten Ka­nal“ (TV und Ra­dio). Die in­zwi­schen zahl­reich vor­han­de­nen Farb­ko­pie­rer ver­hin­der­ten eine Neu­auf­lage der Neu­stadt-Mark, man be­fürch­tete Raub­ko­pien als Falsch­geld. Hö­he­punkt war un­ter an­de­rem der erste Dresd­ner Amateurrockwettbewerb.

Für Ver­an­stal­tun­gen in ge­schlos­se­nen Räu­men wurde erst­mals Ein­tritt er­ho­ben, um die Kos­ten zu de­cken. Es wurde eine „Wehr­pflicht“ ein­ge­führt, die ei­nen erns­ten Hin­ter­grund hatte. Es galt, sich ge­gen Bauen ohne Bau­ge­neh­mi­gung und Ge­walt ge­gen Mie­ter zu weh­ren. (SZ vom 8.6.1992)

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Schon 1992: BRN zu voll

Be­su­cher emp­fan­den die BRN als zu voll und die Ver­kaufs­stände als zu kom­mer­zi­ell (SZ vom 22.6.1992). Die Loui­sen­straße 44 wurde be­setzt, der Ver­ein „Schwar­zes Schaf“ be­zog das Haus am Vor­abend der BRN. Eine wei­tere Haus­be­set­zung auf der Loui­sen­straße 85 führte spä­ter zu ei­nem Miet­ver­trag. Das spä­tere Stadt­teil­haus auf der Prieß­nitz­straße öff­nete erst­mals seine Tü­ren und den lau­schi­gen Garten.

Im Früh­jahr 1993 war das Er­neue­rungs­kon­zept für das Sa­nie­rungs­ge­biet end­lich fer­tig ge­stellt und der städ­te­bau­li­che Rah­men für die kom­men­den 15 Jahre ge­setzt. Das Kon­zept re­gelte die Struk­tur des Ge­biets, teilte ein in reine Wohn­stra­ßen und Stra­ßen mit Ge­werbe. Auch Stadt­grün und Spiel­plätze wa­ren in der Rah­men­pla­nung vor­ge­se­hen. Die 1992 ge­grün­dete STESAD GmbH, eine Toch­ter­ge­sell­schaft der Stadt Dres­den, wurde als Sa­nie­rungs­trä­ger eingesetzt.

In­ves­to­ren konn­ten sich um Sa­nie­rungs­mit­tel be­wer­ben, in­so­fern sie sich auf den So­zi­al­plan ein­lie­ßen, der eine Miet­preis­bin­dung von zwölf Jah­ren vor­sah. Und doch gab es zahl­rei­che Pro­bleme. So konn­ten auch mas­sive Pro­teste von An­woh­nern und Kul­tur­schaf­fen­den den Ab­riss des Ball­saals Ak­tiv an der Kreu­zung Kö­nigs­brü­cker Straße, Bi­schofs­weg im Mai 1993 nicht ver­hin­dern. Er musste ei­nem Bü­ro­bau wei­chen. Mie­ter er­hiel­ten ver­mehrt Kün­di­gun­gen, denn die Sa­nie­rung ei­nes leer ge­zo­ge­nen Hau­ses ver­sprach eine hö­here Ren­dite nach Fertigstellung.

Regierung erklärte Auflösung

Im Vor­feld der vier­ten BRN ver­kün­dete die Pro­vi­so­ri­sche Re­gie­rung ihre Auf­lö­sung. Die Er­mü­dung durch den jah­re­lan­gen zä­hen Kampf um den Er­halt des Vier­tels, Po­li­tik­ver­dros­sen­heit, feh­lende Un­ter­stüt­zung bei der Vor­be­rei­tung und die Re­du­zie­rung der För­de­rung wa­ren haupt­säch­li­che Gründe. Die Fei­er­lich­kei­ten be­gan­nen da­her mit ei­nem aus­ge­fal­le­nen Bad der Re­gie­rung in der Elbe, die sich da­mit auflöste.

Die Er­öff­nungs­party fand dann in der Le­der­fa­brik statt, ei­nem Ge­bäu­de­kom­plex an der Böh­mi­schen Straße. Die Fa­brik war in­zwi­schen ge­schlos­sen und be­fand sich in der Ab­wick­lung. Die Ge­bäude stan­den kurz vor dem Ab­riss und füll­ten sich noch ein­mal mit pral­lem Kultur-Leben.

Der Pro­jek­te­markt auf dem Mar­tin-Lu­ther-Platz ent­wi­ckelte sich zum Markt der Mög­lich­kei­ten, mit Gäs­ten aus Tsche­chien und Po­len. Mit ei­ner Früh­stücks­ta­fel auf der Ro­then­bur­ger Straße be­gann eine lang­jäh­rige Tra­di­tion, die bis heute an­hält und sich in­zwi­schen sonn­tags durch das ganze Vier­tel zieht. Die Ma­cher be­dau­er­ten eine vor­ran­gig kon­su­mie­rende Hal­tung der Be­su­cher, da­her blieb das Pro­gramm ver­schwom­men und man hoffte auf mehr Ei­gen­in­itia­tive. (SZ vom 19./20. Juni 1993). Das Motto war ent­spre­chend vage „Je­der zeigt je­dem Krea­ti­vi­tät“. Eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen lin­ken und rech­ten Ju­gend­li­chen in der Nacht von Frei­tag zum Sonn­abend über­schat­tete das Fest. In der Folge gin­gen Schau­fens­ter­schei­ben zu Bruch und eine Spar-Kauf­halle wurde ge­plün­dert, die Po­li­zei war an­fangs ohnmächtig.

2020 gab es eine BRN-TV-Talk-Runde, die sich mit der Grün­dungs­zeit der BRN beschäftigte.

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Geschichte der Bunten Republik Neustadt in drei Teilen

Der an­ar­chis­ti­sche Staat oder Die ge­zähmte Wi­der­spens­tige – 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil


Anmerkungen

Quelle: Zei­tungs­ar­ti­kel­ar­chiv aus den Jah­ren 1989 – 2020 des Stadt­teil­ar­chivs Dres­den, im Be­stand Dresd­ner Ta­ges­zei­tun­gen und Ar­ti­kel aus über­re­gio­na­len Ma­ga­zi­nen mit Be­zug auf die Dresd­ner Neu­stadt. Wir zi­tie­ren aus fol­gen­den Zeitungen:

  • DIE UNION (spä­ter Dresd­ner Neu­este Nachrichten)
  • SZ (Säch­si­sche Zeitung)
  • SAX – Das Dresd­ner Stadtmagazin

Die Au­torin ist Be­woh­ne­rin der Neu­stadt seit 1990 und lei­tet das Stadt­teil­haus Dres­den Äu­ßere Neu­stadt. Ei­nige Jahre war sie Mit­or­ga­ni­sa­to­rin der BRN (1998–99, 2011–2017), seit 2018 be­treibt sie das BRN-Büro. Der Au­tor war lang­jäh­ri­ger Be­woh­ner der Neu­stadt, mit­ver­ant­wort­lich für die Kom­mer­zia­li­sie­rung der BRN und lei­tet das On­line-Ma­ga­zin „Neu­stadt-Ge­flüs­ter“. Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Dresd­ner Hefte.

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2 Ergänzungen

  1. Die­ses Jahr ist doch die Chance dem Geist der 90iger wie­der nä­her sein zu kön­nen als in den letz­ten Jah­ren! Stra­ßen­mu­sik live statt Wum­mer­bo­xen, Kaf­fee und selbst­ge­ba­cke­ner Ku­chen statt kom­mer­zi­el­ler Bier­bu­den, Nach­barn statt der ein­fal­len­den Ju­gend aus Ho­yers­werda, statt per­fek­ter Durch­or­ga­ni­sa­tion Im­pro­vi­sa­tion. Lasst uns ein­fach, nach­bar­schaft­lich und krea­tiv sein!

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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