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Die Seilschaft am 15. August bei den Filmnächten am Elbufer

Nichts geht verloren

Das Wesen des Ossis ist der Französin ein Rätsel. Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Das We­sen des Os­sis ist der Fran­zö­sin ein Rät­sel. Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

DDR-Spuren

Wenn deut­sche Freunde über die DDR-Zei­ten oder den Mau­er­fall spre­chen, klin­gen sie für mich teil­weise wie Opis, die sich an den Zwei­ten Welt­krieg er­in­nern. Das Glei­che gilt für die we­ni­gen al­ten schwarz-weiß Fo­tos aus der Kind­heit mei­nes Man­nes. Ich fühle mich je­des Mal in eine an­dere Zeit ver­setzt, als wä­ren wir in zwei un­ter­schied­li­chen Epo­chen groß ge­wach­sen ("Was meinst du da­mit, du hat­test kein Te­le­fon zu Hause?!?") oder als ge­hör­ten wir nicht zu der glei­chen Generation.

Kein Wun­der, denn wie viele junge Fran­zo­sen kannte ich der Mau­er­fall aus­schließ­lich aus mei­nen Schul­bü­chern: Der ei­serne Vor­hang war für mich bloß eine punk­tierte Li­nie, die ich fürs Abi auf ei­ner leere Deutsch­land­karte un­ge­fähr zeich­nen musste. Trotz­dem bin ich mit der Vor­stel­lung ei­nes ver­ein­ten Nach­bar­lan­des auf­ge­wach­sen, wel­che die vier­zig Jah­ren Tei­lung völ­lig übersah.

Dass Deutsch­land mal ge­teilt war, wurde mir erst rich­tig klar, als ich dann in Dres­den lebte:

Erst­mal durch die vie­len Er­zäh­lun­gen mei­ner ost- und west­deut­schen Freunde, in­klu­sive nost­al­gi­scher Er­in­ne­rung an ihre West­pa­kete so­wie die wie­der­keh­ren­den Ost-West Witze, die ich zu­erst gar nicht verstand.

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Dann auch durch die tief­ver­wur­zel­ten Reste der DDR-Über­le­bens­wirt­schaft, die mich zur lo­ka­len Kunst des Stö­berns und Wie­der­ver­wer­tens zwang. Die nach­hal­tige und al­ter­na­tive Kon­sum­art, die in mei­nem Vier­tel herrscht, ge­fiel mir so­fort, aber trotz­dem hatte ich erst­mal ganz schön viel zu lernen.

Das ging schon los, als ich in meine erste WG ein­zog und mein Zim­mer ein­rich­ten musste. Zu Ikea fah­ren, wie ich spon­tan ge­dacht hatte, kam nicht in Frage: Das hät­ten mir meine Dresd­ner Freunde nie ver­zie­hen. Denn hier kauft man lie­ber ge­braucht und bil­lig. Na gut! So ent­deckte ich die leb­hafte Se­cond­hand-Seite der Neu­stadt, mit den (da­mals noch) zahl­rei­chen Trö­del­märk­ten und ‑hö­fen, Mö­bel­scheu­nen, An­ti­qui­täts- oder Um­sonst Lä­den. Ach, war sie schön, die Zeit, als es Achims Trö­del­hof noch gab.

Ich ver­liebte mich auch so­fort in den tra­di­tio­nel­len Elb­floh­markt, wo viele Dres­de­ner am Sonn­abend gerne schlen­dern. Und so ver­gaß ich Ikea ganz schnell.

Kleinanzeigen

Zu­erst musste ich ein Bett fin­den und machte mir auf die Su­che über Klein­an­zei­gen. Nur er­laub­ten mir meine ma­ge­ren Deutsch­kennt­nisse da­mals nicht, die in den Klein­an­zei­gen an­ge­ge­be­nen De­tails zu ver­ste­hen. Ich musste mir viel­leicht zehn Bet­ten an­gu­cken: aus wert­vol­lem Eben­holz, mit Vor­dach, ein Kin­der­bett, eine Schlaf­couch, ein Bett­rah­men, eine Ma­tratze ohne Lat­ten­rost, usw. be­vor ich end­lich das pas­sende für mich fand.

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Ich war auch sehr über­rascht, als ich mein Bett bei ei­ner of­fen­bar sehr wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie ab­holte. Sie lebte in ei­ner gi­gan­ti­schen Villa auf den Hö­hen von Dres­den, mit Ten­nis­plät­zen im Gar­ten und ei­nem atem­be­rau­ben­den Blick auf die Elbe. Ich hatte nicht da­mit ge­rech­net, dass selbst die Reichs­ten bei die­ser Se­cond­hand-Wirt­schaft mitmachen.

In­zwi­schen kenne ich mich mit Klein­an­zei­gen bes­ser aus und schätze sehr diese pri­vate, so­li­da­ri­sche und freund­li­che Art, Sa­chen aus­zu­tau­schen, die hier so wahn­sin­nig ver­brei­tet ist. So konn­ten wir zum Bei­spiel eine ge­brauchte Wasch­ma­schine mit ei­nem Glas Nu­tella (!) kau­fen, oder un­ser al­tes Sofa ge­gen eine Fla­sche Rot­wein ein­tau­schen. Über sol­che lus­ti­gen Trans­ak­tio­nen, die ich in Frank­reich nie er­lebt hatte, staune und freue ich mich im­mer wieder.

EBK?

Ei­nes Ta­ges traf ich mich mit ei­ner deut­schen Freun­din, die ge­rade frisch ver­liebt und zum ers­ten Mal bei ih­rem Freund ge­we­sen war. Sie wirkte ent­täuscht und ich fragte sie, was sie be­küm­merte. Hatte sie kei­nen schö­nen Abend bei ihm ver­bracht? Hat­ten sie sich getrennt? 

Na ja. Er hat eine Ein­bau­kü­che“ sagte sie mir, als wäre es der oberste Mi­nus­punkt ih­rer Beziehung. 

Den Be­griff „Ein­bau­kü­che“ kannte ich noch nicht. Ich kannte nur fran­zö­si­sche Kü­chen, die eben alle Ein­bau­kü­chen sind. Mit der Zeit ent­deckte ich aber, dass Ein­bau­kü­chen hier als neu, mo­dern und un­ge­müt­lich gel­ten: ein wahr­haf­ter Ge­schmacks­feh­ler im Kreis der jun­gen Dresd­ner Generation.

Am schöns­ten heißt es: Ein paar Bret­ter, hän­gen­des Be­steck an ei­nem lang ge­zo­ge­nen Draht, und selbst ge­nähte Vor­hänge vor den Re­ga­len oder Müll­ei­mern. So sah auch bald meine Kü­che aus, als ich spä­ter mit mei­nem Freund zu­sam­men­zog. Lange machte ich mich über ihn und seine vie­len Holz­bret­ter lus­tig, die er lange po­lie­ren und la­ckie­ren musste, dann über­all an die Wände un­se­rer Woh­nung und un­se­rer Kü­che an­brachte. Am Ende musste ich aber zu­ge­ben, dass es nichts Ge­müt­li­che­res gibt, als ein­fa­che selbst ge­baute Re­gale, die man sel­ber ge­stal­tet: Die lo­kale Ver­ach­tung für „EBK“ hatte mich angesteckt.

EuroShop

Für die prak­ti­schen Haus­halts­ge­gen­stände, die keine gründ­li­che Su­che wert sind (Zi­tro­nen­presse, Tor­ten­he­ber …), fin­det man hier ein un­glaub­li­ches An­ge­bot an Bil­lig-Ge­schäf­ten, ähn­lich dem 1‑EuroShop (in Frank­reich ist der La­den dop­pelt so teuer und heißt des­halb „Al­les für ZWEI Euro“!). Zur gro­ßen Freude der Fran­zo­sen! Es gibt tat­säch­lich kei­nen Be­such un­se­rer fran­zö­si­schen Müt­ter ohne den Pflicht­aus­flug bei Mac­Geiz, Pfen­nig­pfeif­fer, TEDi, NKD, usw.: Dres­den ver­las­sen sie nur mit Kof­fern vol­ler De­ko­ra­tio­nen und sons­ti­gem Krims­krams für sich und ihre Freun­din­nen, die sie dort ge­fun­den haben.

Zum Mitnehmen

Au­ßer­dem gibt es die nette „Selbst­be­die­nung“ in den Haus­ein­gän­gen der Neu­stadt: Nach ei­nem Um­zug oder ein­fach so, wenn ge­rade zu Hause auf­ge­räumt wurde, stel­len die Be­woh­ner die über­flüs­si­gen, aber den­noch nütz­li­chen Ge­gen­stände in ei­nem "Zum Mitnehmen"-markierten Kar­ton vor ih­rer Haus­tür. Man kann si­cher sein, dass alle aus­sor­tier­ten Sa­chen in kur­zer Zeit ei­nen neuen Be­sit­zer ge­fun­den haben. 

Na gut, in­zwi­schen fin­det man auch ganz schön viel Müll. Aber trotz­dem: Wie viele geile Sa­chen ich ein­fach so nach Hause mit­neh­men durfte.

Für das Wort „güns­tig“ gibt es auf Fran­zö­sisch keine Über­set­zung. Und wie denn auch? Man kauft in Frank­reich gerne neu, und so­wieso ist dort al­les viel teurer.

Des­we­gen fühlte ich mich am An­fang in die­sem Pa­ra­dies des „Güns­ti­gen“ wie Al­ad­din in der Wun­der­höhle. Ich war da­mals noch et­was ma­te­ria­lis­tisch (ich kam ja aus dem Wes­ten) und be­ein­druckt von der Menge an bil­li­gen Ob­jek­ten, die vor mir an je­der Stra­ßen­ecke la­gen. Es gab kei­nen Spa­zier­gang in der Stadt oder Floh­markt, nach wel­chem ich nicht mit die­sem oder je­dem Ge­gen­stand nach Hause kam.

Und je­des Mal, wenn ich stolz all meine Schätze mei­nem deut­schen Freund zeigte, be­kam ich die glei­che Ant­wort: „Du hät­test es min­des­tens um ei­nen Euro run­ter­han­deln kön­nen“, oder „Du hät­test wo­an­ders was Bes­se­res fin­den kön­nen … “. Das war aber so günstig!

Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass die rich­tige Kunst des Stö­berns nicht darin liegt, all die schö­nen und bil­li­gen Dinge, die im Weg ste­hen, mit­zu­neh­men oder zu kau­fen. Son­dern nur die bes­ten und nur die, die man wirk­lich braucht. Schade, mir ge­fiel die­ses fast kos­ten­lose Shop­ping doch zu gut.

Geschenkpapier

"Nichts geht ver­lo­ren, al­les ver­wan­delt sich" ist ein be­rühm­tes Zi­tat des Che­mi­kers An­toine La­voi­sier. Mir kam die­ser Spruch aus der Schul­zeit zu­rück in Er­in­ne­rung, als ich be­ob­ach­tete, wie hier gerne al­les Mög­li­che wie­der­ver­wer­tet wird. So­gar Geschenkpapier.

So kommt es zu Weih­nach­ten und an Ge­burts­ta­gen oft nicht in Frage, sich ein­fach so auf die Ge­schenke zu stür­zen und das Pa­pier un­ge­dul­dig und vor lau­ter Glück in ei­nem er­freu­li­chen Kri­iiiiik zu zer­rei­ßen. Nein, nein. Man soll die wie­der­ver­wend­bare Ver­pa­ckung vor­sich­tig ent­fer­nen und da­nach zu­sam­men­fal­ten. Aus öko­lo­gi­scher Sicht bin ich da­mit na­tür­lich völ­lig ein­ver­stan­den. Aber man muss doch zu­ge­ben, dass es die Freude des Ge­schenke Aus­pa­ckens schon ein biss­chen ver­dirbt, oder?

Ostdeutsches Frauen-Kit

Noch zum Thema Re­cy­cling: Auch ist jede Feier eine Ge­le­gen­heit für meine Schwie­ger­el­tern, mein „Set der per­fek­ten Ost­deut­schen Frau“ wie ich es gerne nenne, zu er­wei­tern. Da es hier also üb­lich ist, ka­putte Ge­gen­stände (Kaf­fee­ma­schine, Re­gen­schirm, Klei­dung, al­les!) zu re­pa­rie­ren, fli­cken oder re­cy­clen, habe ich dank mei­ner Schwie­ger­el­tern be­reits: eine Näh­ma­schine, Näh­zeug, ver­schie­dene Hand­bü­cher für di­verse Hand­ar­beit, eine Klebe­pis­tole und vie­les mehr… Wenn sie wüss­ten, wie un­ge­schickt ich mit so et­was bin.

Sparfuchs

Man hört oft im Aus­land, die Deut­schen wä­ren gei­zig. Die üb­li­che Frage "Zu­sam­men oder ge­trennt?" bei der Be­zah­lung der Rech­nung (je­der für sich) im Re­stau­rant lässt auch keine spon­tane Groß­zü­gig­keit ver­mu­ten… Aber ich würde eher sa­gen, dass sie spar­sam sind. So la­chen wir oft un­ter Fran­zo­sen über un­sere deut­schen Be­kann­ten, die gerne Ra­batt­cou­pons sam­meln (so­gar die fünf­zig Cent-Bons für die Toi­lette an Au­to­bahn­rast­stät­ten), alle mög­li­chen Ver­si­che­run­gen ab­schlie­ßen und so gerne ei­nen Steu­er­be­ra­ter ein­stel­len (um mich herum sind die ein­zi­gen Men­schen, die ihre Steu­er­erklä­rung selbst aus­fül­len, Ausländer).

Manch­mal finde ich diese ewi­gen Be­rech­nun­gen und Vor­aus­sicht schon ein biss­chen über­trie­ben. Zum Bei­spiel ent­deckte ich ei­nes Ta­ges, dass mein Mann wirk­lich ALLE seine Quit­tun­gen auf­be­wahrt. Ein­mal zu Weih­nach­ten ging die Hal­te­rung für den Weih­nachts­baum ka­putt: Ihr wisst schon, die­ses deut­sche Wun­der­werk der Tech­nik, wel­ches sich in­ner­halb we­ni­ger Se­kun­den um den Stamm klappt. „Kein Pro­blem“, sagte mein Mann, holte die fünf Jahre alte Quit­tung so­fort her­vor und ver­kün­dete: "Ich bringe es zum Ei­sen­feus­tel zu­rück". Eine Stunde spä­ter kam er tri­um­phie­rend mit der re­pa­rier­ten Hal­te­rung zu­rück: Wir hat­ten 29,90 Euro ge­spart. Aber so rich­tig wusste ich nicht, ob ich mich freuen sollte.

Die Französin Peps in Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Die Fran­zö­sin Peps in Dres­den – Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

Ein Gast­bei­trag von Peps, der Fran­zö­sin in der Neu­stadt. Aus der Reihe "C’est la vie! – Chro­ni­ken ei­ner Fran­zö­sin in der Neu­stadt". Il­lus­tra­tio­nen: Jean-Pierre De­ru­el­les. Fort­set­zung folgt.

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2 Ergänzungen

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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