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Hochwasser in Dresden im Januar 1920

Die Elbe zeigte sich an die­sem eis­kal­ten 16. Januar von ihrer grim­mi­gen, rei­ßen­den Seite. Der Höchst­stand nach heu­ti­gem Mess­ver­fah­ren betrug am 17. Januar 7,77 Meter. Am Tage wur­den der Cana­l­et­t­o­blick, die Kohl­gasse mit dem Kör­ner­haus, die Brü­cke selbst, die Brühl­sche Ter­rasse und andere Ufer­be­rei­che zu Pil­ger­or­ten zahl­rei­cher Dresd­ner Fami­lien. Was­ser­gu­cken war, man­gels ande­rer Ziele, das tou­ris­ti­sche High­light in die­sen tris­ten Zeiten.

Hochwassermessungen seit 1755

Den Pegel mes­sen, das tat erst­mals ein Sachse, Chris­tian Gott­lieb Pötsch, gebür­tig in Schnee­berg, allein von sei­ner Mut­ter in ärms­ten Ver­hält­nis­sen groß­ge­zo­gen. Eine Schul­bil­dung hatte er nicht. Aber er war intel­li­gent, wiss­be­gie­rig, neu­gie­rig und stellte Fra­gen nach dem warum, wie, wo, wann, wer. In Sehn­sucht nach einem bes­se­ren Leben zog es ihn in eine damals blü­hende Land­schaft – die kur­fürst­lich-könig­li­che Resi­denz Dres­den. Auto­di­dak­tisch sog er Wis­sen wie ein Schwamm auf und hatte wohl die Fähig­keit logi­sche Ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len. Er fiel auf. Zunächst hatte er eine Hilfs­stelle in der Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur Mei­ßen und beschäf­tigte sich neben­bei mit Natur­wis­sen­schaf­ten, Tech­nik und Meteo­ro­lo­gie, ergat­terte dann einen Auf­sichts­pos­ten in der König­li­chen Mineralsammlung.

Die oft auf­tre­ten­den ver­hee­ren­den Hoch­was­ser der Elbe lie­ßen ihn nach einem Sys­tem der Vor­her­sage suchen. Er ent­wi­ckelte die erste Elb­pe­gel-Mess­latte in Mei­ßen und sorgte auch für die Anbrin­gung am Alt­städ­ter Pfei­ler der Fried­rich-August-Brü­cke in Dres­den. Ein Sys­tem, das noch heute gebräuch­lich ist.

Die Elbe hundert Jahre später.
Die Elbe hun­dert Jahre später.

Als Wis­sen­schaft­ler hoch geehrt, er wurde ordent­li­ches Mit­glied der Aka­de­mie der Natur­for­scher Leo­pol­dina, ver­starb er 1805 in Dres­den. Der Elb­pe­gel in Dres­den wurde übri­gens 1935 neu jus­tiert und auf 103 Meter NN fest­ge­legt und ent­spricht einer Was­ser­tiefe der Fahr­rinne von 65 Zentimetern.

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Den gerings­ten Pegel­stand hatte die Elbe am 9. Januar 1954 mit gan­zen 2 Zen­ti­me­tern. Am höchs­ten war der Pegel am 17. August 2002 mit 9,40 Meter, gefolgt vom 6. Juni 2013 mit 8,78 Metern und 1845 mit 8,77 Metern. Bei Letz­te­rem ver­schwand übri­gens das Gol­dene Kreuz von der Brü­cken­mitte der Augus­tus­brück in den Flu­ten und ist bis heute nicht wie­der aufgetaucht.

Treibholz und überflutete Keller

Am 16. Januar 1920 ragte die Mauer des Gar­tens am Japa­ni­schen Palais nur noch einen hal­ben Meter aus der schmut­zig brau­nen Brühe der Elbe. Man rech­nete damit, dass sie bald über­flu­tet würde, so die Dresd­ner Nach­rich­ten am 16. Januar 1920. „An der Caro­l­a­b­rü­cke war man ges­tern früh noch damit beschäf­tigt, dort lagernde Holz­sta­pel, Feu­er­holz in Meter­schei­ten und klein­ge­spal­te­nes Holz in Bün­deln, in Sicher­heit zu brin­gen. Es schwamm viel davon ab, wurde aber zum Teil mit Käh­nen wie­der ein­ge­fan­gen.“ Treib­holz kam auch aus den elbauf­wärts gele­ge­nen Gebie­ten um Pirna, König­stein und Bad Schandau sowie aus Böh­men und staute sich an den Brü­cken, was die Über­flu­tun­gen zusätz­lich begünstigte.

Man hoffte, dass der Win­ter mit Frost im Erz­ge­birge und im böh­mi­schen Becken noch ein­mal zuschlägt und dadurch Was­ser in Form von Eis gebun­den würde. Die Dresd­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten ver­lie­ßen sich dabei lie­ber auf Augen­schein­li­ches und ver­brei­tete Opti­mis­mus. „Der heute Mor­gen von Hof in Dres­den ein­lau­fende D‑Zug war dick ver­schneit und die Tritt­bret­ter vereist.“

Die Durch­gänge von der Elbe zur Alt­stadt waren beson­ders gefähr­det. Man beugte vor, indem zum Bei­spiel der Durch­gang zur Münz­gasse mit einer einen Meter hohen Schutz­wand aus Boh­len abge­si­chert wurde. Dadurch wurde letzt­end­lich das Ein­drin­gen des Was­sers in die Kel­ler der hin­ter der Brühl­schen Ter­rasse gele­ge­nen Häu­ser verhindert. 

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Ein Stück Romantik

Ein Redak­teur der DNN ent­blößte seine roman­tisch-musi­ka­li­sche Seite. „Breit, wuch­tig wäl­zen sich die lehm­far­bi­gen Was­ser­mas­sen der Elbe dahin, drän­gen gur­gelnd gegen die mas­si­gen Brü­cken­pfei­ler, deren Sockel bereits tief in den Flu­ten ver­sun­ken sind. Die Spiel­wie­sen bei ‚Antons‘ sind über­flu­tet. Die Hin­den­burg­straße ist zum Not­quar­tier für die Bret­ter­häus­chen, die Wagen, die Holz- und Koh­len­sta­pel gewor­den. … Das Fahr­kar­ten­häus­chen am Ter­ras­sen­ufer ragt wie­der ein­mal stand­haft aus den Flu­ten her­vor. … Ein sel­te­nes Bild, nicht ohne Schönheit.“ 

Dresdner Neueste Nachrichten von 1920
Dresd­ner Neu­este Nach­rich­ten von 1920

An der Mari­en­brü­cke stand das Was­ser bis in den Hof der Ziga­ret­ten­fa­brik Yen­idze. Das Ostra­ge­hege diente als weit­räu­mi­ges Über­flu­tungs­ge­biet. Trotz­dem konnte die Flu­tung der erst im Okto­ber 1919 ein­ge­weih­ten Sport­an­lage des Dresd­ner Sport­clubs nicht ver­hin­dert wer­den, „die mit ihren Bau­ten und Spiel­plät­zen erst­ma­lig die Was­ser­taufe erhält“, so die Zei­tung. Auch die Gast­wirt­schaft „Onkel Toms Hütte“ erwischte es. Als blatt­lose Wip­fel schau­ten die Bäume der alten Lin­den­al­lee aus den dre­cki­gen Flu­ten. „Ein reger Ver­kehr herrscht auf der fest­ge­füg­ten Holz­brü­cke, die die Ver­bin­dung mit dem Vieh- und Schlacht­hof auf der Insel aufrechterhält.“

Neu: die Technische Nothilfe

Vor der Übi­gauer Schiffs­werft lagen Damp­fer, teils im Strom ver­an­kert, teils an die Werk­statt­ge­bäude her­an­ge­trie­ben. Über­flu­tet waren auch der neue städ­ti­sche Flug­platz in Kaditz, ebenso wie Häu­ser und Gär­ten an der Wei­ße­ritz­mün­dung. Trotz gro­ßer Gefah­ren ver­such­ten Kin­der soge­nann­tes „Strand­gut“ zu ber­gen. Die Ufer­zone wurde zum Abenteuerspielplatz.

Sechs Jahre später, 1926 gab es wieder ein Hochwasser an der Elbe, hier eine Postkarte aus diesem Jahr.
Sechs Jahre spä­ter, 1926 gab es wie­der ein Hoch­was­ser an der Elbe, hier eine Post­karte aus die­sem Jahr.

Zum ers­ten Mal kam die Tech­ni­sche Not­hilfe bei Ber­gungs­ar­bei­ten zum Ein­satz, ein Vor­gän­ger des heu­ti­gen THW. Das Staat­li­che Fern­heiz­werk hin­ter Sem­per­oper und dem alten Hotel Bel­le­vue nahm diese Hilfe in Anspruch, um seine Koh­len­vor­räte zu ret­ten. Dabei hal­fen auch 40 Stu­den­ten der Tech­ni­schen Hoch­schule, so die DNN.

Im Laufe des 17. Januar 1920 wur­den die Häu­ser an der Stein­straße, des Elb­ber­ges und des Gon­del­ha­fens am Alt­städ­ter Ufer über­flu­tet. Die Bewoh­ner konn­ten ihre Woh­nun­gen nur per Kahn errei­chen. Die Neu­städ­ter Seite war noch ein­mal glimpf­lich davongekommen.
Elbauf- und ‑abwärts

Aus Bad Schandau wurde gemel­det, dass der gesamte untere Bereich der Klein­stadt unter Was­ser liegt. „Der Ver­kehr fin­det auf Käh­nen statt.“ Auch in König­stein drang das Was­ser durch die Bögen des Eisen­bahn­via­dukts in die unte­ren Berei­che der Stadt. Die Stadt legte hohe Stege an, damit die Bür­ger den Bahn­hof errei­chen konnten.

Beson­ders betrof­fen waren die elb­ab­wärts gele­ge­nen Orte Kötz­schen­broda, Naun­dorf, Cos­se­baude, Nie­der­war­tha und Cos­wig sowie die Alt­stadt von Mei­ßen. In den die­sen Zei­ten man­geln­der Heiz­ma­te­ria­lien waren „Strand­gü­ter“ will­kom­men. So lan­dete auf Wild­ber­ger Flur zur Freude der Ein­woh­ner eine Schiffs­la­dung böh­mi­scher Braun­kohle an. Von Cos­se­baude nach Nie­der­war­tha konnte man nur per Kahn oder zu Fuß über die Wil­helms­burg gelan­gen. Auch gewollte Soli­da­ri­tät gab es. So rich­tete Wil­helm Kauf­mann, Besit­zer der Tex­til­werke Pirna, eine Stif­tung mit 25.000 Mark für Hoch­was­ser­op­fer ein.

Dass das Hoch­was­ser nicht so ver­hee­rend wie 1890 wurde, sah die Stadt­ver­wal­tung Dres­den in der neuen, vor dem Ers­ten Welt­krieg aus­ge­bau­ten Kana­li­sa­tion. Damals hatte die Elbe einen Höchst­stand von 8,37 Meter. Erbost zeig­ten sich jedoch die städ­ti­schen und Lan­des­be­hör­den über die schlep­pen­den Infor­ma­tio­nen zum Was­ser­stand der tsche­chi­schen Seite. Dem jun­gen Staat gelang es nach der Unab­hän­gig­keit 1918 noch nicht, funk­tio­nie­rende Behör­den auf­zu­bauen. Zudem waren die inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen nach dem Ver­sail­ler Ver­trags­ab­schluss zwi­schen bei­den Staa­ten, diplo­ma­tisch aus­ge­drückt, kompliziert. 

Aber das Wet­ter half. Zwei Tage spä­ter sank der Was­ser­spie­gel wieder.

Unter der Rubrik “Vor 100 Jah­ren” ver­öf­fent­li­chen wir in loser Rei­hen­folge Anek­do­ten aus dem Leben, Han­deln und Den­ken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresd­ner Schrift­stel­ler und Jour­na­list Heinz Kulb die Zei­tungs­ar­chive in der Säch­si­schen Lan­des- und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek durchstöbert.

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