Ausreisen aus Sachsen 1920

Nix mit einfach in den Zug oder ins Auto setzen und in Paris, Budapest oder Rom aussteigen. Selbst mal so nach Tetschen (heute Děčín) im Tschechischen oder nach Innsbruck in Tirol reisen (was vor dem Ersten Weltkrieg noch recht einfach war), das war in diesen Zeiten nur mit komplizierter Vorbereitung und größter Geduld möglich.

Nach 1918 waren die Grenzen in Europa dicht. Die deutsche Gold- und Papiermark schlitterte in eine Inflation. Der Wert gegenüber dem amerikanischen Dollar sank um mehr als zwei Drittel zwischen Januar und Dezember 1920. Noch ahnte niemand etwas von der Hyperinflation drei Jahre später, als jeder ein „Milliardär“ wurde. Die Menschen in den Ländern der ehemaligen Mittelmächte Deutschland und Rumpfösterreich hungerten, froren im Winter und Frühjahr 1920 und waren von Unruhen belastet. Die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ waren noch weit weg, die junge ungeliebte deutsche Republik instabil und Gewaltangriffen von links und rechts ausgesetzt.

Der weite Weg zum Pass

Fast verzweifelt wandte sich ein Dresdner an seine Dresdner Nachrichten. Er wollte einfach nur mal weg. „Welche Reisepapiere sind nötig, um auf einige Monate ungehindert nach Bregenz im Vorarlgebirge zu gelangen, sowohl für mich als auch für meine Ehefrau, die mich begleiten soll.“ Für diesen langen Zeitraum umfasste das Gepäck natürlich nicht nur ein kleines Handtäschchen. „Ich bin willens“, schrieb der Bürger, „einige Einrichtungsstücke, außer Kleider, Wäsche, usw., auch Kochgeschirre, Gläser und Nippes mitzunehmen.“ Das sah fast schon nach einem Zweitwohnsitz aus.

Aber die Redaktion der Zeitung wusste Rat. „Zunächst müssen Sie für sich und ihre Ehefrau einen Reisepass bei der Polizeidirektion auf der Schießgasse 7 beantragen. Haben Sie einen solchen erhalten“, was einige Zeit dauern dürfte, „dann ist bei dem österreichischen Konsulat um die Einreiserlaubnis nachzusuchen.“ Auch das nahm einige Wochen in Anspruch. Der einzige Vorteil für den fragenden Zeitungsleser: Das Konsulat befand sich hier in Dresden.

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Problem Gepäck

Nun ging es um die die Reise begleitenden Möbel und Geschirre. Diese konnte man nicht einfach als Frachtgut bei der Post oder auf dem Bahnhof abgeben und am Zielort in Empfang nehmen. „Wegen der Erlangung der für die Überführung Ihrer Habe erforderlichen Ausfuhrbewilligung bzw. Zollbefreiung, wenden Sie sich an das hiesige Hauptzollamt.“ Alles musste fein säuberlich detailliert aufgelistet werden, von der Kommode bis zur Haarnadel. Hatte der Zollbeamte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Ausfuhr bestimmter Dinge, dann hieß es, den betreffenden Gegenstand zum Amt bringen. Fehlte auch nur eins der Dokumente, konnte man die Grenze nicht passieren.

Erst wenn die Papiere vollständig waren, durfte man sich um Fahrkarten bemühen. Ob die Züge dann auch fuhren und wann man am Ziel ankam, war beim Kohlenmangel und den häufigen politischen Unruhen und Streiks keinesfalls sicher.

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