In der Villa Wigman in der Dresdner Neustadt sind bei der Sanierung der ehemaligen Wohnräume von Mary Wigman besondere restauratorische Befunde sichtbar geworden. Im ersten Obergeschoss kamen Reste einer monochromen Raumgestaltung mit Gold- und Silberpigmenten zum Vorschein. Die Gestaltung dokumentiert den künstlerischen Anspruch der Pionierin des deutschen Ausdruckstanzes. Solche Befunde sind auch in Fachkreisen selten. Die Residenzräume gelten damit als eigenständiges künstlerisches Werk.

Das Leitungsteam der Villa Wigman informierte gemeinsam mit Architektin Annett Ammon vom Büro RKA Architekten sowie Malermeister und Restaurator Tilo Hasch über den Stand der Arbeiten. Grundlage sind Analysen der Restauratorin Sonja Kaeten. In Zusammenarbeit mit der Naturfarbenwerkstatt Anka Böthig aus Dresden wählte das Team abgestimmte Farbtöne der Schweizer Manufaktur kt.COLOR aus. Die Farben bestehen aus natürlichen Pigmenten. Sie ermöglichen eine denkmalgerechte Rekonstruktion der historischen Gestaltung.
„Wir schätzen uns glücklich, gemeinsam mit Menschen unterschiedlichster Expertisen die vielfältigen Schichten dieses kulturhistorisch wertvollen Ortes freilegen und erneut erlebbar machen zu können“, sagt Katja Erfurth, Vorstandsvorsitzende des Vereins Villa Wigman für Tanz e.V. und Mitglied des Leitungsteams der villa\wigman. „Der Ort, den Mary Wigman vor einhundert Jahren prägte, eröffnet uns heute Raum für eine lebendige Auseinandersetzung mit Tanzgeschichte und bildet den Humus für zeitgenössisches künstlerisches Schaffen.“

Beispiel für expressionistisches Bauen
Annett Ammon verweist auf die architektonische Bedeutung des Gebäudes. Die Villa Wigman zählt zu den wenigen Beispielen expressionistischen Bauens in Sachsen. Die besondere Qualität zeigt sich in der plastischen Ausprägung und in der Farbgestaltung. „Monochrome Räume, wie sie Mary Wigman gemeinsam mit ihrem Architekten Otto Geiler gestaltete, sind in dieser Konsequenz nahezu einzigartig“, so Ammon. „Farbe ist hier kein Anstrich, sondern Raum“, erklärt Malermeister und Restaurator Tilo Hasch. „Sie verändert sich mit Licht und Bewegung – sie wird nicht einfach gestrichen, sondern erlebt. Perfektion wäre an diesem Ort fehl am Platz; entscheidend ist das Vertrauen in das Material und seine Wirkung.“
Künftig sollen die sanierten Residenzräume Künstlerinnen und Künstlern des zeitgenössischen Tanzes sowie weiterer darstellender Künste als Arbeits- und Aufenthaltsort dienen. Die historische Substanz wird mit aktueller künstlerischer Praxis verbunden.
Rund 37.000 Euro investiert der Trägerverein derzeit in die Rekonstruktion der Farbgestaltung. Für eine Beleuchtung nach historischem Vorbild werden weitere Mittel benötigt. Der Verein verweist auf die Möglichkeit von Spenden.

Die Sanierung der Residenz- und Arbeitsräume erfolgt im Rahmen von Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Mittel kommen vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, von der Hermann Reemtsma Stiftung, der Wüstenrot Stiftung sowie vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus und der Landeshauptstadt Dresden.
Zur Geschichte
Die Villa Wigman, derzeitige Eigenschreibweise villa\wigman, befindet sich in der Bautzner Straße 107 in der Radeberger Vorstadt. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Es besteht aus einer straßenseitigen Villa von 1856 und zwei Saalanbauten. Überregionale Bekanntheit erlangte das Haus durch Mary Wigman. Die Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreografin lebte von 1920 bis 1942 dort und richtete eine Schule für Tanz ein. Von 1933 bis 1934 übernahm sie die Ortsgruppenleitung der „Fachschaft Gymnastik und Tanz“ im Nationalsozialistischen Lehrerbund und choreografierte einen Tanz anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936, später wurde ihr „Judenfreundlichkeit“ vorgeworfen und ihr Tanzstil als „entartet“ bezeichnet, 1941 erhielt sie Auftrittsverbot. Die Schule zog zahlreiche Schülerinnen und Schüler an. Zu den bekanntesten zählten Gret Palucca und Hanya Holm. Bis 1942 lebte und arbeitete Wigman in der Villa.
Dann musste sie die Schule an die Stadt Dresden verkaufen. Die Villa wurde Teil des städtischen Konservatoriums. Nach 1945 nutzte die Choreografin Dore Hoyer das beschädigte Gebäude zeitweise für ihr Tanzstudio. Später zog das Ballett der Sächsischen Staatsoper ein. Ab 1988 diente das Haus als Spielstätte „Kleine Szene“. 2017 gab die Staatsoper den Standort auf.
2018 beschloss der Stadtrat den Kauf der Immobilie vom Freistaat Sachsen. 2019 erhielt der Verein Villa Wigman für Tanz e. V. den Erbbaurechtsvertrag. Seitdem betreibt der Verein das Gebäude als Produktionsort für die freien darstellenden Künste. Die Villa dient heute als Proben- und Produktionszentrum für die freie Tanzszene und weitere Kunstschaffende.
Weitere Informationen
- villawigman.de
- Biografie Mary Wigman



















