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Hausbesetzer am Landgericht verurteilt

Rich­ter Jür­gen Scheu­ring hat heute am Land­ge­richt den Haus­be­set­zer Steve P. im Be­ru­fungs­ver­fah­ren we­gen Haus­frie­dens­bruch ver­ur­teilt. Al­ler­dings sprach der Rich­ter eine sehr ge­ringe Strafe aus. Wie schon in meh­re­ren Pro­zes­sen am Amts­ge­richt ver­hängte auch Scheu­ring eine so­ge­nann­ten Ver­war­nung mit Straf­vor­be­halt. Das ist ge­wis­ser­ma­ßen eine „Geld­strafe auf Be­wäh­rung“. Sollte sich der An­ge­klagte in­ner­halb ei­nes Jah­res et­was zu Schul­den kom­men las­sen, wird ein Ver­warn­geld in Höhe von 20 Ta­ges­sät­zen fäl­lig. Falls nicht, kommt er ohne Strafe davon.

Hausbesetzung auf der Königsbrücker Straße
Haus­be­set­zung auf der Kö­nigs­brü­cker Straße

Ge­gen das Ur­teil des Rich­ters Arndt Fied­ler am Amts­ge­richt war die Staats­an­walt­schaft in Be­ru­fung ge­gan­gen. Da­her wurde der Pro­zess heute neu aufgerollt. 

Der An­ge­klagte, der Mit­glied der an­ar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Ge­werk­schafts­fö­de­ra­tion FAU ist, nutzte die Ge­le­gen­heit zu ei­nem ge­sell­schafts­kri­ti­schen Vor­trag. Er kri­ti­sierte Po­li­zei, Staats­an­walt­schaft und auch die Jus­tiz, die al­les da­für ge­tan hät­ten, die an­ti­hu­ma­nis­ti­schen Ei­gen­tums­ver­hält­nisse in den Häu­sern an der Kö­nigs­brü­cker Straße wie­der her­zu­stel­len. Zur Er­in­ne­rung, im Ja­nuar 2020 hat­ten rund 20 bis 30 Per­so­nen die drei Häu­ser an der Kö­nigs­brü­cker Straße be­setzt. Die Häu­ser wa­ren nach we­ni­gen Ta­gen von Po­li­zei und Son­der­ein­satz­kom­mando ge­räumt worden. 

Au­ßer­dem sei das Ei­gen­tum an Grund und Bo­den oh­ne­hin nur eine Folge von frü­he­ren Blut­ta­ten in Ver­bin­dung mit ei­nem über­hol­ten Erbrecht, so der An­ge­klagte in sei­ner Ein­las­sung. Der Ei­gen­tü­mer und Mul­ti­mil­lio­när Hel­mut Rös­chin­ger be­nutze und be­sitze die Häu­ser nicht. Nun nutze er Be­diens­tete wie Rich­ter und Staats­an­walt­schaft und eine pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ram­bo­truppe, um sein Ei­gen­tum wei­ter­hin leer ste­hen zu lassen. 

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Ge­gen die dort teils auf dem Ge­lände, teils in den Häu­sern be­find­li­chen Per­so­nen wur­den Straf­ver­fah­ren an­ge­strengt, der größte Teil die­ser Ver­fah­ren wurde von ver­schie­de­nen Rich­tern am Amts­ge­richt ent­we­der ganz ein­ge­stellt oder mit ge­rin­gen Stra­fen be­legt. Al­ler­dings gab es ges­tern ei­nen wei­te­ren Pro­zess, bei dem ein Mann vorm Amts­ge­richt so­wohl we­gen Haus­frie­dens­bruch als auch we­gen Sach­be­schä­di­gung ver­ur­teilt wurde. Der Haus­be­set­zer be­fand sich zum Zeit­punkt der Räu­mung in ei­nem Baum. 

Problem Strafantrag

In na­hezu al­len Fäl­len ver­such­ten die Anwält*innen der Besetzer*innen gel­tend zu ma­chen, dass der Straf­an­trag nicht rich­tig ge­stellt wurde. Dazu muss man ein biss­chen Licht in die Ei­gen­tums­ver­hält­nisse des Ge­län­des brin­gen. Das Grund­stück ge­hört der Den­tal Kos­me­tik GmbH & Co. KG, das ist die Firma, die un­ter an­de­rem auch die be­kannte Putzi-Zahn­paste her­stellt und ak­tu­ell ge­rade be­streikt wird. Die Firma wie­derum ge­hört zur Ar­genta-Gruppe, de­ren ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter, Hel­mut Rös­chin­ger hatte nun ei­nen Mit­ar­bei­ter be­auf­tragt, Straf­an­trag bei der Po­li­zei zu stel­len. Das tat die­ser auch, al­ler­dings mit ei­nem Stem­pel der Ar­genta-Gruppe. Da­mit sei er nicht be­rech­tigt, den Straf­an­trag zu stel­len, ar­gu­men­tier­ten auch heute wie­der die Ver­tei­di­ge­rin Isa­bel Antz. 

Nun ist aber Rös­chin­ger nicht nur Ge­schäfts­füh­rer der Ar­genta, son­dern auch Ge­schäfts­füh­rer der Den­tal Kos­me­tik und da­mit sehr wohl an­trags­be­rech­tigt. Der Straf­an­trag sei ord­nungs­ge­mäß, be­fand Rich­ter Scheu­ring. Gleich­zei­tig be­schwerte er sich aber, dass es ihm noch nicht un­ter­ge­kom­men sei, dass sich ein Be­ru­fungs­ge­richt mit ei­ner sol­chen Sa­che be­schäf­ti­gen müsse. Au­ßer­dem würde hier mit Ka­no­nen auf Spat­zen ge­schos­sen. Im­mer­hin sei die Haus­be­set­zung fried­lich ab­ge­lau­fen, es habe keine Über­griffe auf die Po­li­zei ge­ge­ben, dass kenne er aus der Frank­fur­ter Haus­be­set­zer­szene anders. 

Sachbeschädigung nicht nachweisbar

Die von der Staats­an­walt­schaft un­ter­stellte Sach­be­schä­di­gung sei nicht nach­weis­bar. Nicht hilf­reich war eine vom Ei­gen­tü­mer ein­ge­reichte Rech­nung über Be­räum- und Si­che­rungs­kos­ten. Denn die war statt auf die Häu­ser 12 bis 16 auf die Häu­ser 14 bis 18 aus­ge­schrie­ben und dann wa­ren da et­li­che Pos­ten drin, bei de­nen der Rich­ter an­zwei­felte, dass sie im Zu­sam­men­hang mit der Be­set­zung ste­hen. Auch die zwei im Ver­fah­ren ge­hör­ten Po­li­zis­ten konn­ten kein Licht in eine mög­li­che Be­tei­li­gung an Sach­be­schä­di­gun­gen des An­ge­klag­ten bringen. 

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Bleibt also noch der Haus­frie­dens­bruch. Die Ver­tei­di­ge­rin ar­gu­men­tierte, dass in ei­nem leer­ste­hen­den, na­hezu ab­bruch­rei­fen Haus kein Frie­den ge­bro­chen wer­den könne. Das sah der Rich­ter an­ders. Im­mer­hin habe sich der An­ge­klagte in dem Haus be­fun­den und die­ses habe nicht nach al­len Sei­ten of­fen­ge­stan­den. Mit sei­nem Ur­teil nahm er Be­zug auf ein Ur­teil des Ober­lan­des­ge­rich­tes Köln aus dem Jahr 1982 mit ei­nem ähn­li­chen Sachverhalt.

Der Rich­ter ließ es sich nicht neh­men auf die An­schul­di­gun­gen des An­ge­klag­ten zu Be­ginn der Ver­hand­lung ein­zu­ge­hen. Er und auch sein Kol­lege von der Staats­an­walt­schaft seien Teil der De­mo­kra­tie und er müsse ahn­den ent­spre­chend der Rechts­lage. "Sol­che Be­schimp­fun­gen kön­nen wir ab", sagte Scheu­ring. Au­ßer­dem ver­wies er dar­auf, dass es Ei­gen­tum an Grund und Bo­den auch in der DDR mit ih­rem ge­leb­ten Kom­mu­nis­mus ge­ge­ben habe. Und ohne Erbrecht hätte es keine kom­mu­nis­ti­schen Vor­den­ker wie Marx, En­gels, Le­nin oder Mao ge­ge­ben, denn die hät­ten al­le­samt vom Ver­mö­gen ih­rer El­tern profitiert.

Ge­gen das Ur­teil gibt es noch die Mög­lich­keit ei­ner Revision. 

Entwicklung des Geländes

Auf dem Ge­lände rund um die seit un­ge­fähr 25 Jah­ren leer ste­hen­den Häu­ser scheint sich nun aber et­was zu ent­wi­ckeln. Das Thema wurde ges­tern im Bau­aus­schuss be­spro­chen. Grü­nen-Stadt­rat Jo­han­nes Lichdi be­rich­tet: "Der Ei­gen­tü­mer des Putzi-Ge­län­des hat im Bau­aus­schuss die Pla­nun­gen vor­ge­stellt. So sol­len die Pro­duk­ti­ons­flä­chen der Den­tal Kos­me­tik im Nor­den zu­sam­men­ge­fasst wer­den und im Sü­den kön­nen Woh­nun­gen ent­ste­hen. Auch die Vil­len sol­len sa­niert werden.

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40 Ergänzungen

  1. Steile For­de­rung: "die an­ti­hu­ma­nis­ti­schen Ei­gen­tums­ver­hält­nisse in den Häu­sern an der Kö­nigs­brü­cker Straße wie­der herzustellen" …

  2. @Nur So

    Viel bes­ser fin­den wir ja "an­ar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen".……

    Das muss­ten wir dann doch mal goog­len! Was es al­les gibt. Man lernt nie aus.

    An die­ser Stelle vie­len Dank an die Re­dak­tion für die Wahr­neh­mung des Bildungsauftrags!

    ;-)

  3. Der Be­griff An­ar­cho­syn­di­ka­lis­mus be­zeich­net die Or­ga­ni­sie­rung von Lohn­ab­hän­gi­gen, ba­sie­rend auf den Prin­zi­pien von Selbst­be­stim­mung, Selbst­or­ga­ni­sa­tion und So­li­da­ri­tät. Ideen­ge­schicht­lich stellt der An­ar­cho­syn­di­ka­lis­mus eine Er­gän­zung des An­ar­chis­mus um den re­vo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus dar.…. (wiki)

    Auch wiki:
    Anarchie:
    "Herr­schafts­lo­sig­keit'

    Syn­di­kat:
    "als ge­schäft­li­ches Un­ter­neh­men ge­tarn­ter Zu­sam­men­schluss von Verbrechern"

    Kurz:
    "Füh­rungs­lo­ser Hau­fen Verbrecher"… ;-)

  4. @Nur so:
    Ich ste­cke da nicht so in der Ma­te­rie, aber "…die Or­ga­ni­sie­rung von Lohn­ab­hän­gi­gen…" trifft es wohl nicht so ganz, oder?
    Müsste die Be­griffs­er­klä­rung nicht um die Be­griffe der "Trans­fer­leis­tungs­ab­hän­gi­gen" oder der "auf Kos­ten an­de­rer schma­rot­zende Per­so­nen" er­gänzt werden?

  5. Hallo nur so,
    wenn wir schon wiki be­mü­hen, dann doch bitte mit ei­ner ge­wis­sen Lesekompetenz:
    Der aus der frü­hen fran­zö­si­schen Ge­werk­schafts­be­we­gung (vgl. Charta von Ami­ens) über­nom­mene Be­griff Syn­di­kat (franz.: syn­di­cat, schwe­disch: syn­di­kat) spielt eine große Rolle in der ge­werk­schaft­li­chen Be­we­gung des Syn­di­ka­lis­mus. Er be­zeich­net hier ei­nen lo­ka­len, bran­chen­wei­ten Zu­sam­men­schluss von Arbeitern.[4] Der deut­sche Be­griff „Ge­werk­schaft“ gibt die Idee der Syn­di­kate nur teil­weise wie­der, da die syn­di­cats im Syn­di­ka­lis­mus nicht nur eine In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Ar­bei­ter, son­dern Keim­zelle des Auf­baus der ge­sam­ten Ge­sell­schaft sein sollten.

  6. @seldon…

    war nicht so verkopft…;-)

    …mir ist aber klar ge­wor­den, dass die Haus­be­set­zer nicht die Keim­zelle un­se­rer Ge­sell­schaft werden..
    .. da fehlt es an der ei­nen oder an­de­ren Kompetenz.

    ;-)

  7. Ver­stehe das nur ich so, oder sind die Sa­nie­rungs­pläne mit neuen Woh­nun­gen und Er­halt der Vil­len viel­leicht auch ein Er­folg der Pro­teste bzw. Besetzungen?

  8. Hallo nur so,
    ja nee…Keimzelle oder Nabe un­se­rer Ge­sell­schaft sind kleine be­druckte Pa­pier­schnip­sel oder de­ren Äquva­lente. So­wie de­ren per­ma­nen­tes Hin und Her un­ter Kon­kur­renz­be­din­gun­gen, die je­den zwin­gen im­mer mehr da­von an­zu­stre­ben. Zu­sam­men mit No­no­po­li­sie­rung des Ei­gen­tums ent­steht so ne Gesellschaft,in der Häu­ser verfallen,Mieten stei­gen und man­che un­ter Brü­cken schla­fen. War nicht im­mer so,muß nicht im­mer so blei­ben! Anarchismus,Anarchosyndikalismus, Kom­mu­nis­mus… ir­gend was da­zwi­schen? So­zia­lis­mus oder Bar­ba­rei! Lu­xem­burg hats auf den Punkt ge­bracht. Vor ner Wo­che war 150. Geburtstag.

  9. Es ent­behrt nicht ei­ner ge­wis­sen Iro­nie, werk­tags 11:18 Uhr über ver­meint­lich „auf Kos­ten an­de­rer schma­rot­zende Per­so­nen“ abzulästern.

  10. @seldon:

    Ich wollte ei­gent­lich was fra­gen, aber Du hast es schon beantwortet…

    Für mich fan­gen echte so­zia­lis­ti­sche (oder wie auch im­mer) Re­vo­lu­tio­nen nicht da­mit an, an­de­ren was weg­zu­neh­men, son­dern da­mit ei­nen ei­ge­nen Weg zu öff­nen und et­was neues zu schaffen.

    Bist Du arm, weil an­dere rei­cher sind? Schaffe eine neue Welt, aber erst­mal für Dich, nicht gleich für alle anderen.

    Das war und bleibt das Pro­blem, dass die Ziele, die an der ei­ge­nen Per­son schei­tern durch den „bö­sen“ Rest der Ge­sell­schaft ge­leis­tet wer­den sollen…

    Mach Dein Ding, lass an­dere in Ruhe Ih­res machen.…

  11. P.S.: @Seldon

    In den let­zen 150 Jah­ren ist auch man­ches schief gelaufen…

    (..be­son­ders wenns ideo­lo­gisch wurde.…)

  12. @Truppenteil:
    Ich kann von mir sa­gen, dass ich au­ßer den Leis­tun­gen die Kin­der so be­kom­men, nie et­was von An­de­ren ge­wollt oder be­kom­men zu haben.
    Nicht auf den Staat oder Erbe ge­hofft, son­dern ein­fach was ge­lernt und was ge­ar­bei­tet, kei­nen be­schis­sen oder "aus­ge­beu­tet", kei­ner Ideo­lo­gie hin­ter­her ge­he­chelt und den Kopf bei Le­bens­ent­schei­dun­gen eingeschaltet.
    Jetzt kann ich gut da­hin­zu­le­ben (ohne mir vor­schrei­ben zu las­sen wann, wie und wo) und über ali­men­tierte Welt­ver­bes­se­rer zu lästern.

    @Seldon:
    Dann lasse uns das Geld ab­schaf­fen und zum Tausch­han­del zurückkehren.
    Wie lange über­lebst Du?

  13. Hallo nur so, 

    Rei­cher Mann und ar­mer Mann stan­den da und sah n sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich. 

    Brecht
    Ganz ge­nau, Ar­mut und Reich­tum be­din­gen ein­an­der! Gäbe es nicht eine Mehr­zahl Ar­mer, Be­sitz­lo­ser, ge­zwun­gen ihre Ar­beits­kraft zu ver­kau­fen, gäbe es auch keine we­ni­gen Rei­chen. In ei­nem grund­sätz­li­chen Sinn sind alle Lohn­ar­bei­ter arm, ganz gleich wel­ches ak­tu­elle Lohn­ein­kom­men sie ge­rade be­zie­hen, weil ihr Le­bens­un­ter­halt von ei­nem frem­den Wil­len und frem­den In­ter­es­sen ab­hängt. Ihr Ein­kom­men hängt da­von ab, dass ein Ka­pi­ta­list ihre Ar­beits­kraft kauft und ih­nen so den Le­bens­un­ter­halt zahlt. Es ist je­doch falsch, alle Lohn­ar­bei­ter für arm im ge­wöhn­li­chen Wort­sinn (arm = mit­tel­los) zu hal­ten. Die Lohn­ar­bei­ter be­sit­zen viel­leicht ein paar Kon­sum­ti­ons­mit­tel. Ihre Exis­tenz kön­nen sie da­mit auf Dauer nicht bestreiten.
    Je­man­dem et­was weg­neh­men? Das pas­siert doch all­täg­lich. Die Ver­tei­lung "von un­ten nach oben" ist doch offensichtlich. 

    Man hat uns Kom­mu­nis­ten vor­ge­wor­fen, wir woll­ten das per­sön­lich er­wor­bene, selbster­ar­bei­tete Ei­gen­tum ab­schaf­fen; das Ei­gen­tum, wel­ches die Grund­lage al­ler per­sön­li­chen Frei­heit, Tä­tig­keit und Selb­stän­dig­keit bilde.

    Er­ar­bei­te­tes, er­wor­be­nes, selbst­ver­dien­tes Ei­gen­tum! Sprecht ihr von dem klein­bür­ger­li­chen, klein­bäu­er­li­chen Ei­gen­tum, wel­ches dem bür­ger­li­chen Ei­gen­tum vor­her­ging? Wir brau­chen es nicht ab­zu­schaf­fen, die Ent­wick­lung der In­dus­trie hat es ab­ge­schafft und schafft es täg­lich ab.

    Oder sprecht ihr vom mo­der­nen bür­ger­li­chen Privateigentum?

    Schafft aber die Lohn­ar­beit, die Ar­beit des Pro­le­ta­ri­ers ihm Ei­gen­tum? Kei­nes­wegs. Sie schafft das Ka­pi­tal, d.h. das Ei­gen­tum, wel­ches die Lohn­ar­beit aus­beu­tet, wel­ches sich nur un­ter der Be­din­gung ver­meh­ren kann, daß es neue Lohn­ar­beit er­zeugt, um sie von neuem auszubeuten. 

    Ma­ni­fest

  14. @nur so, Re­vo­lu­tion und sel­ber versuchen:
    Jaja, der real exis­tie­rende Sozialismus…ein gran­dios ge­schei­ter­tes Ex­pe­ri­ment, wel­ches un­ter wid­ri­gen Be­din­gun­gen, Krieg und Nach­krieg­zeit, kal­ter Krieg …, Em­bargo, Wett­rüs­ten, usw. statt­fand und in der Tat mit Par­tei­en­dik­ta­tur und sich mit nur wage fest­ge­papp­tem Eti­kett auf Marx berufend…Vom Marx’schen „Ver­ein freier Men­schen“ je­doch weit ent­fernt. Was die Al­ter­na­ti­ven an­geht ist es nun lei­der so, das diese recht un­gern ge­dul­det und ih­nen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten ein­ge­räumt wur­den und wer­den, statt­des­sen wer­den doch eher alle Mit­tel wirt­schaft­li­cher, staat­li­cher und mi­li­tä­ri­scher Macht ein­ge­setzt, um sie im Keim zu er­sti­cken, zu­sam­men­zu­schie­ßen und ka­putt zu kar­tät­schen: Je­sui­ten­re­pu­blik, Pa­ri­ser Kom­mune, Deutsch­land 1918, Ukraine 1922 (Machno), Spa­nien 1936, Me­xiko, Chile, El Sal­va­dor, Ni­ka­ra­gua, na­tür­lich auch Ungarn56, DDR53, Pra­ger Früh­ling, Kuba und ak­tu­ell Ve­ne­zuela, Bo­li­vien usw. die mit al­len Mit­teln po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Sank­tio­nen bis hin zu ver­deck­ter oder of­fe­ner Ge­walt …Wie wahr­schein­lich ist es, das Du mit gleich­ge­sinn­ten ei­nen Ort fin­den, um Al­ter­na­ti­ven zu le­ben, wenn der In­ves­tor winkt; wie­viel Ein­fluß ha­ben al­ter­na­tive Ein­würfe auf Ent­schei­dungs­pro­zesse in Po­li­tik und Wirt­schaft,…? Vor­ur­teile, Res­sen­ti­ments, Angst be­stim­men die öf­fent­li­che Mei­nung Al­ter­na­ti­ven ge­gen­über. Ein­fa­che Wahr­hei­ten ver­kau­fen sich, noch dazu mit ent­spre­chen­dem fi­nan­zi­el­len Hin­ter­grund, weit bes­ser, da­mit lebt es sich weit be­que­mer, an­gepaß­ter, ver­än­de­rungs­lo­ser, standardwahrender…
    Dazu kommt eine 150 Jahre an­dau­ernde Ge­hirn­wä­sche hin­sicht­lich der Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit des Systems…

  15. @seldon
    …könnt ich jetzt so schnell nich al­les le­sen, aber:

    "Red nicht über an­dere, rede über Dich!" ist ein hilf­rei­ches Motto. 

    Mich hat nix ge­hin­dert meine Welt zu gestalten…

    Ich bin auch nicht arm, weil an­dere mehr haben… ;-)

  16. Hallo nur so,
    kein Pro­blem. Lass Dir Zeit. Melde Dich wie­der, wenn Du's ge­le­sen hast.
    Schön für Dich, wenn Du Dich im real exis­tie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus be­quem ein­rich­ten könn­test. Wer keine gro­ßen An­sprü­che hat,gar Ver­än­de­run­gen an­strebt, dem mag das ge­lin­gen. Wir ha­ben ja aber dar­über ge­re­det, wie es mit Al­ter­na­ti­ven aussieht.. .

  17. @Timur: Das klingt gut. Da­für Respekt!

    Mit der Le­bens­er­fah­rung könnste doch rhe­to­risch auch groß­zü­gi­ger agie­ren, wenn die Jung­spunde und, be­vor die Ama­zo­nen vom In­nen­mi­nis­te­rium aus­frea­ken, Jung­spun­din­nen ver­su­chen, die Welt zu ver­bes­sern oder min­des­tens sich die Hör­ner abzustossen.

    Und ich denke, daß die ge­sell­schaft­li­chen In­sti­tu­tio­nen nie­man­den ali­men­tie­ren, son­dern je­den kau­fen. Mal mehr, mal we­ni­ger sub­til Loya­li­tät ein­for­dern und ma­te­ri­elle Ab­hän­gig­kei­ten einbauen.

  18. Hallo Ti­mur,
    Beim Geld­ab­schaf­fen bin ich da­bei. Wieso aber Tau­schen als Al­ter­na­tive? Hat Jahr­tau­sende auch ohne Tau­schen, noch län­ger auch ohne Geld funk­tio­niert. Es geht doch nur darum, die not­wen­di­gen Gü­ter zu schaf­fen und zu ver­tei­len. Da ist Tausch (schon gar der geld­ver­mit­telte) doch nur eine Möglichkeit…

  19. @Seldon
    Ge­nau, die nö­ti­gen Gü­ter schaf­fen und verteilen.
    Und ver­tei­len an jene Mit­glie­der der Ge­sell­schaft, wel­che eben­falls et­was sub­stan­zi­el­les zur Be­darfs­de­ckung beitragen.
    Gerne auch ver­tei­len an Kopf­ar­bei­ter, de­ren Leis­tun­gen den üb­ri­gen Men­schen ei­nen Mehr­wert bringt.
    Ist am Ende auch ein Tauschhandel.
    For­de­run­gen, Uto­pien und auch Schul­ter­klop­fen ma­chen nicht satt und ner­ven nur.

  20. @Seldon

    …brauchte ich nur über­flie­gen, ging schnell.

    Du hast die Mög­lich­kei­ten al­ter­na­tiv zu le­ben und auch ge­mein­sam mit an­de­ren. Aber da darf man nicht in der Hän­ge­matte lie­gen und auf das Schie­len was an­dere auf­bauen, son­dern muss mit sei­nem Ent­wurf zu­frie­den sein.

    Ist ein­fach. Für an­dere soll­test Du da­bei nicht mit­den­ken, schafft Dir auch Zeit das Holz für den Win­ter vorzubereiten…
    ..da lässt sich das Ka­min­fla­ckern mit Freun­den genießen…

    ;-)

    (Ohne Fleiß kein Sozialismus)

  21. @Seldon

    …setz Dich mit Dei­nen Ge­nos­sen zu­sam­men und grün­det eine Ge­nos­sen­schaft. Eure Re­geln, Auf­ga­ben, Frei­hei­ten und Pflich­ten könnt Ihr in­tern al­les sel­ber regeln…
    Ihr könnt er­folg­reich sein und auch schei­tern. Liegt nicht an der Welt, son­dern an Euch.… so, jetzt muss ich wie­der Holz vorbereiten.. :-)

  22. Hallo Ti­mur,
    "ver­tei­len an jene Mit­glie­der der Ge­sell­schaft, wel­che eben­falls et­was sub­stan­zi­el­les zur Be­darfs­de­ckung beitragen"
    Ja ge­nau, Kin­der, Kranke und Alte las­sen wir dann ver­re­cken, oder wie stellst Du Dir das vor?
    In ar­chai­schen Ge­sell­schaf­ten wurde ganz ohne Tausch das "er­wirt­schaf­tete" in der Sippe ver­teilt, nix von we­gen: "Gibst Du mir Faust­keil, geb ich dir Mammutsteak…"
    In Feu­dal­ge­sell­schaf­ten ver­teilt der Feu­dal­herr die Gü­ter, Dorf­ge­mein­schaf­ten be­wirt­schaf­ten ge­mein­sa­men Grund (All­mende). Markt und Geld als all­ge­mei­nes Zah­lungs­mit­tel kom­men erst mit dem Ka­pi­ta­lis­mus so ab dem 16.Jh. auf. Die Ab­hän­gig­keit da­von, zu Geld zu kom­men, da es nur noch was zu kau­fen gibt, löst die per­sön­li­che Ab­hän­gig­keit ab. Naja, zu­viel INfo, Ge­schichte, Anspruch…nervt wahr­schein­lich nur. There is no al­ter­na­tive? But there is!

  23. Hallo nur so,
    danke für die Tipps! Wär' ich nie drauf gekommen.
    im Rah­men des Mög­li­chen ist das Mög­li­che möglich…wer hätt's ge­dacht. es geht ja aber ge­rade darum, die­sen Rah­men zu ver­las­sen! Aber auch in­ner­halb des­sen gibt es schon ge­nü­ged Gren­zen, an­ge­fan­gen da­mit, dass Frei­raum an sich schon Man­gel­ware ist. Noch­mal die Fra­gen: Wie wahr­schein­lich ist es, das Du mit gleich­ge­sinn­ten ei­nen Ort fin­den, um Al­ter­na­ti­ven zu le­ben, wenn der In­ves­tor winkt; wie­viel Ein­fluß ha­ben al­ter­na­tive Ein­würfe auf Ent­schei­dungs­pro­zesse in Po­li­tik und Wirtschaft,…?
    Das trotz­dem al­ter­na­ti­ves Le­bens­ent­würfe mög­lich sind, ist schön und zeigt, dass es eben nicht so al­ter­na­tiv­los ist, wie im­mer be­haup­tet. Die blei­ben aber pri­vat und wir­kungs­los, so­lange sie die Grund­fes­ten der Ge­sell­schaft nicht er­schüt­tern, es "im Gro­ßen" ver­su­chen. Dann wird das auch nicht mehr to­le­riert und mit al­len Mit­teln be­kämpft. s.o.
    Die Pa­ri­ser Kom­mune ist nicht an de­ren Prot­ago­nis­ten, son­dern an der Ar­mee ge­schei­tert, So­wjet­russ­land war von An­fang an von In­ter­ven­ti­ons­ar­meen be­droht, die spa­ni­sche Re­pu­blik wurde von den Fa­schis­ten zer­stört, Chile von Pi­no­chet mit Un­ter­stüt­zung der USA, Kuba wird von Be­ginn an sank­tio­niert und isoliert…usw. usf.

  24. @Seldon – schon mal et­was von Kran­ken­Ver­si­che­rung, Ar­beits­lo­sen­Ver­si­che­rung oder Ren­ten­Ver­si­che­rung ge­hört. Die So­li­dar­ge­mein­schaft zahlt auch, wenn man noch nie oder we­nig ein­ge­zahlt hat. Es gibt Wohn­geld, Ob­dach­lo­sen – Un­ter­künfte usw. Und das finde ich auf je­den Fall wich­tig und rich­tig. Lang­sam habe ich al­ler­dings das Ge­fühl, dass Sie sich, wie die Co­ro­nal­eug­ner, von der Rea­li­tät ab­ge­kop­pelt ha­ben. Die Rea­li­tät ist doch, dass Flüch­linge ihr Le­ben auf Spiel set­zen, um in ei­nen ka­pi­ta­lis­ti­schen(!) Staat zu ge­lan­gen. Of­fen­sicht­lich ist China, Kuba, Nord­ko­rea … nicht so das Traum­ziel. Den Zu­sam­men­bruch des so­zia­lis­ti­schen Staa­ten­sys­tems ha­ben sie wahr­schein­lich nicht mit­be­kom­men. Die Wahl­er­geb­nisse vom WE (die Linke) bitte mal an­schauen. Ein­fach in der So­li­dar­ge­mein­schaft an­kom­men und et­was dazu bei­tra­gen. Aber die ewig Gest­ri­gen ken­nen nur eine An­sage "die An­de­ren sol­len …" Es ver­bie­tet ih­nen kei­ner ei­nen Woh­nungs­lo­sen oder Flücht­ling bei sich auf­zu­neh­men. Letz­te­ren kön­nen sie gleich mal fra­gen warum er nicht in ein so­zia­lis­ti­sches Land ge­flüch­tet ist und den Woh­nungs­lo­sen warum er nicht ar­bei­tet. Und ehe sie fra­gen, es gibt die Mög­lich­keit eine mel­de­pflich­tige Adresse zu be­kom­men, die für die Ar­beits­su­che nocht­wen­dig ist.

  25. @seldon:

    …und Du schaffst es noch nicht mal, Deine Ziele in ei­ner Klein­gruppe um­zu­set­zen… ich denke nicht mal Deine Mut­ter würde den Ver­trag zum Ge­nos­sen­schafts­bei­tritt frei­wil­lig un­ter­schrei­ben… (hat Dich aber trotz­dem lieb).

    Pro­blem er­kannt, wenn „es“ alle so woll­ten, wie Du, wäre es schon so… scheint aber nicht von al­len gewünscht… ;-)

    Bleib bes­ser erst­mal im Rahmen…

  26. Hallo nur so,
    Du hast ge­sagt: "Für mich fan­gen echte so­zia­lis­ti­sche (oder wie auch im­mer) Re­vo­lu­tio­nen nicht da­mit an, an­de­ren was weg­zu­neh­men, son­dern da­mit ei­nen ei­ge­nen Weg zu öff­nen und et­was neues zu schaf­fen.". Ich hab dem wi­der­spro­chen: "Re­vo­lu­tion ist was anderes!"
    Wenn für Dich Re­vo­lu­tion der Bio­gärt­ner auf sei­ner Dat­sche ist oder der Ein­käu­fer in der VG, hast Du halt eine sehr ei­gene (und fal­sche) Vor­stel­lung von Re­vo­lu­tion. Was meine Er­folge oder Mi­ßer­folge in Klein­grup­pen an­geht, kannst Du wohl kaum be­ur­tei­len und tut hier auch nichts zur Sache…
    Das mo­men­tan keine Re­vo­lu­tion auf der Ta­ges­ord­nung steht, liebe® Nik­ki­bude, ist mir klar. Das Dir zu Al­ter­na­ti­ven nur "Nord­ko­rea" ein­fällt, auch!

  27. @Seldon:
    „Eine Re­vo­lu­tion ist ein grund­le­gen­der und nach­hal­ti­ger struk­tu­rel­ler Wan­del ei­nes oder meh­re­rer Sys­teme, der meist ab­rupt oder in re­la­tiv kur­zer Zeit er­folgt. Er kann fried­lich oder ge­walt­sam vor sich ge­hen. Re­vo­lu­tio­nen gibt es in den ver­schie­dens­ten Be­rei­chen des ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Lebens.“

    …könn­test Du also auch eine Re­vo­lu­tion in Teil­be­rei­chen der Ge­sell­schaft oder in­ner­halb ei­ner Klein­gruppe anführen…

    Sag mal nicht, warum nicht, son­dern be­wege was… Eine Re­vo­lu­tion muss ja nicht im­mer alle Sys­teme auf ein­mal be­we­gen… revolution@home (besseralsnix)…Mach Dein Ding!

  28. @Seldon – habe die Hälfte mei­nes Le­bens im So­zia­lis­mus ver­bracht und den Rest lo­gi­scher Weise im fau­len­den, stin­ken­den Ka­pi­ta­lis­mus. Ich weiß also wo­von ich rede. Ohne den Ver­gleich mit dem Ka­pi­ta­lis­mus wäre der So­zia­lis­mus toll.
    Stel­len sie sich doch mal ehr­lich die Frage, wie­viele von den heute mo­men­tan "so­zial Ab­ge­häng­ten" gerne kom­plett un­ter so­zia­lis­ti­schen Be­din­gun­gen le­ben möchten.
    Na­tür­lich hatte ich noch wei­tere Al­ter­na­ti­ven an­ge­bo­ten … Nord­ko­rea habe ich nur mit rein­ge­nom­men, da es mal eine Zeit gab, in der Ihr Bru­der im Geiste (H&K) es re­gel­mä­ßig er­wähnt hat.

  29. Zur Über­schrift: Heißt es ei­gent­lich kor­rekt "Haus­be­setz­ter" oder "Haus­be­ses­se­ner"?

  30. Ende der 19Jundertsiebziger gab es an der Trie­rer Uni ver­schie­dene po­li­ti­sche Grup­pen. Von der Par­tei Bi­bel­treuer Chris­ten bis zu Hä­keln für Fort­ge­schrit­tene war al­les da­bei was das Herz ei­nes Kom­mi­li­to­nen er­wärmt. Drei die­ser Grup­pie­run­gen nann­ten sich Mar­xis­tisch-Le­ni­nis­tisch. Die blie­ben un­ter sich, ge­nauer ge­sagt, wa­ren die so da­mit be­schäf­tigt sich ge­gen­sei­tig zu fet­zen, dass an­dere ohne wei­tere Stö­run­gen ihr je­wei­li­ges Ge­schäft ma­chen konn­ten. Nicht im­mer zum Vor­teil für die Studierenden.
    Beim Le­sen des ei­nen oder an­de­ren Kom­men­tars denke ich mir: Hurra, sie le­ben noch.
    Je­der lebt für sich al­lein. (oder wie war das nochmal?)
    Ach ja: Im Fet­zen­reich (Stu­den­ten­kneipe) hat­ten die Hausverbot.

  31. Um noch ein­mal zum Thema Haus­be­set­zung zu­rück zu kom­men: der ach so tolle Ka­pi­ta­lis­mus sorgt da­für, dass Häu­ser leer ste­hen und gleich­zei­tig Leute auf der Straße le­ben. Dass Leute ne­ben vol­len Re­ga­len ver­hun­gern, dass Klei­dung ver­nich­tet wird und gleich­zei­tig Men­schen er­frie­ren. Und ja, aus un­se­rer pri­vi­le­gier­ten Per­spek­tive mag das nicht so of­fen­sicht­lich sein. Aber die Welt geht hin­ter un­se­rem Tel­ler­rand weiter!

  32. Hallo Herr Schmitz,
    Und in den 1920er erst: das fröh­li­che Stu­den­ten­le­ben gip­felt in den Mech­ter­städ­ter Mor­den.
    Die frei­ge­spro­chen Ver­bin­dungs­stu­den­ten durf­ten be­stimmt in die Kneipe. Das wa­ren noch Zeiten.. .

  33. "… der ach so tolle Ka­pi­ta­lis­mus sorgt da­für, dass Häu­ser leer ste­hen und gleich­zei­tig Leute auf der Straße leben."

    Im­mer­hin: Der ach so tolle So­zia­lis­mus bot jun­gen Men­schen eine Chance auf vier ei­gene Wände, wenn sie sich so schnell wie mög­lich re­pro­du­zier­ten. Oder eine Weile an der Drushba-Trasse schufteten.

    Meine El­tern ha­ben, wäh­rend mein Va­ter stu­dierte, in ei­ner aus­ge­bau­ten Ga­rage ge­lebt. Ich habe des­halb die ers­ten drei Jahre mei­nes Le­bens bei mei­nen Groß­el­tern ver­bracht, weil die kaum heiz­bare Ga­rage für mich ein­fach zu ge­fähr­lich war.

    Und wenn man dann mal ei­gene vier Wände in ei­nem rich­ti­gen Haus hatte, wa­ren die manch­mal von er­schre­cken­der Qua­li­tät; ich habe in Cotta in ei­ner Dach­ge­schoss­woh­nung ge­lebt, in der man kei­nen Ham­mer brauchte, um Nä­gel für Bil­der in die Wand zu be­kom­men. Und da­für musste man noch nicht ein­mal eine Fuge treffen.

    Ja, wir hat­ten ein Dach überm Kopf. Zu­min­dest teil­weise. Dort, wo keins mehr war, stan­den bei Re­gen­ge­fahr große Ei­mer bereit.

    Die Fens­ter wa­ren un­dicht und ver­qol­len. Als sie gar nicht mehr zu gin­gen, hat ein net­ter Hand­wer­ker im Auf­trag der KWV ein biss­chen was ab­ge­ho­belt. Da­nach gin­gen sie zwar wie­der zu, aber da­für drückte jetzt bei je­dem schwe­re­ren Re­gen­guss auf der Nord­seite der Re­gen in klei­nen Bä­chen durchs Fens­ter in Kü­che und Badezimmer.

    Koh­le­öfen und Koh­len­mon­oxid wa­ren kein Pro­blem, weil stän­dig Durch­zug war, selbst bei ge­schlos­se­nen Fens­tern und Tü­ren. Im Win­ter hing vor der Woh­nungs­tür ein Vor­hang aus rich­tig schwe­rem Stoff, der sich bei Wind trotz­dem noch mun­ter bewegte.

    Der Ba­de­ofen (Kup­fer, aus den Drei­ßi­gern oder Vier­zi­gern), hat ir­gend­wann 100 Li­ter Was­ser di­rekt auf die Feue­rung ge­schüt­tet. Durchs Ofen­rohr konnte man im Dun­kel die Fun­ken in den Schorn­stein zie­hen se­hen, das war ein tol­les oran­ge­far­be­nes Leuchten.

    Ir­gend­wann ist das drei­flü­ge­lige Haus ein paar Zen­ti­me­ter ab­ge­sackt, hat da­bei die Sa­ni­tär­rohre zer­quetscht. Wir hat­ten ein hal­bes Jahr ein Au­ßen­klo auf dem Hof ste­hen, für 24 Wohnungen.

    Der Ver­such der Nach­ba­rin, nach 20 Jah­ren die Kü­chen­de­cke neu zu strei­chen, en­dete darin, dass ihr vier Qua­drat­me­ter Putz auf den Kopf fielen.

    Ich könnte end­lose Schwänke die­ser Art er­zäh­len. Aber: Wir hat­ten eine In­nen­toi­lette. Mit Was­ser­spü­lung. Der So­zia­lis­mus hatte ganz ein­deu­tig gesiegt.

  34. @Seldon

    Um noch ein­mal zum Thema Haus­be­set­zung zu­rück zu kom­men: der ach so tolle Ka­pi­ta­lis­mus sorgt da­für, dass Häu­ser leer ste­hen und gleich­zei­tig Leute auf der Straße leben. „

    Wo warst Du die letz­ten Jahr­zehnte? Schau mal über den Rand dei­ner Ma­ni­feste… ich konnte se­hen dass (im bö­sen Ka­pi­ta­lis­mus) die meis­ten Häu­ser vom Ver­fall ge­ret­tet und sa­niert wurden.

    Jetzt sind nur noch we­nige Häu­ser üb­rig, die noch nicht sa­niert wur­den.… aber das ist dann auch wie­der falsch…

    Dir kann es nicht recht ge­macht wer­den… evtl. kannst du hier entspannen:

    https://youtu.be/lAXg3VG42iU

    Wir sind In­di­vi­duen, da gibt es sehr viele un­ter­schied­li­che Ent­würfe und Be­dürf­nisse. Die kannst Du nicht alle gleich ma­chen und die Plan­wirt­schaft wie­der einführen…

    ;-)

  35. Hallo Jörg und nur so,
    ja, tolle an­ek­do­ti­sche Ein­bli­cke in die Woh­nungs­si­tua­tion. Nach dem Krieg sa es dbzgl. hü­ben wie drü­ben nicht so gut aus. Woh­nungs­man­gel wurde auf ver­schie­dene Ar­ten be­kämpft. Zu­tei­lung an die Be­dürf­tigs­ten war im Os­ten ei­ner da­von. Eine Woh­nungs­po­li­tik mit Bin­dung enor­mer Res­sour­cen ein an­de­rer. Das es bes­ser und schnel­ler hätte ge­hen können…geschenkt. Wenn Ihr hier die sieb­zi­ger (?) ver­gei­chen wollt fin­det ihr ähn­li­che Si­tua­tio­nen auch im Wes­ten. Die DDR hatte kei­nen Mar­shall­plan und hatte mit viel­fäl­ti­gen Pro­ble­men zu kämp­fen. Wie es in den Sieb­zi­gern in New York aus­sah, kann man bspw. im Pi­lot­film der Fern­seh­se­rie "Ein­satz in Man­hat­tan" se­hen. spoi­ler: wie nach dem Krieg…
    Ca­ra­van-Sied­lun­gen und bil­lige Holz­haus­sied­lun­gen sind auch heut­zu­tage für Mil­lio­nen das zu Hause: Nach An­ga­ben der In­ter­es­sen­ver­tre­tung Na­tio­nal Ma­nu­fac­tu­red Home Ow­ners As­so­cia­tion le­ben in den USA 17 Mil­lio­nen Men­schen in Wohn­wa­gen­sied­lun­gen. Auch in den Nie­der­lan­den gibt es eine ähn­lich fi­nan­zi­ell schwa­che Be­völ­ke­rung, die in so­ge­nann­ten woon­wa­gen­kam­pen lebt. Das größte und be­kann­teste liegt nahe Maas­tricht und heißt De Karosseer.
    Was die viel­ge­schmähte Platte Ost an­geht, war sie zu­min­dest eine Mög­lich­keit für viele, eine mo­derne Woh­nung zu be­zie­hen. Und hier nicht wie im Wes­ten als Dis­count-An­ge­bot für die ge­sam­mel­ten So­zi­al­fälle, die sich in der Gro­pius-Stadt, Chor­wei­ler oder Loh­brügge wie­der­fan­den. Die ban­lieus von Pa­ris sind wr­schl. auch bekannt.
    Ja, es wurde viel sa­niert, der Ei­gen­heim­bau flo­riert und was weiß ich…
    Mie­ten stei­gen wei­ter: nach An­ga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts lag der In­dex zur Ent­wick­lung der Woh­nungs­mie­ten in der Bun­des­re­pu­blik im Ja­nuar des Jah­res 2021 bei ei­nem Wert von 107,7 Punk­ten. Dies ent­spricht ei­nem An­stieg von etwa 7,7 Pro­zent ge­gen­über dem Ba­sis­jahr 2015 (In­dex = 100). Die Löhne stagnieren.
    Und über un­se­ren Tel­ler­rand hin­aus­ge­blickt: die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hilfe (BAGW) geht da­von aus, dass im Jahr 2016 52.000 Men­schen in Deutsch­land ob­dach­los wa­ren. Das wäre ein Drit­tel mehr als 2014, da­mals wa­ren 39.000 Per­so­nen betroffen.
    Welt­weit sind min­des­tens 100 Mio. Men­schen prak­tisch ob­dach­los. In Eu­ropa sind je­des Jahr vier Mil­lio­nen vor­über­ge­hend von Ob­dach­lo­sig­keit be­trof­fen, in den USA 3,5 Millionen…

  36. "Wenn Ihr hier die sieb­zi­ger (?) ver­gei­chen wollt …"

    Tat­säch­lich wa­ren es die Mitt­acht­zi­ger­jahre. Die ge­schil­derte Woh­nung habe ich in be­nann­tem Zu­stand noch bis Mitte der Neun­zi­ger­jahre be­wohnt, 1997 wurde sie dann saniert.

    Das erste Haus, in dem meine El­tern mit mir eine Woh­nung be­zo­gen ha­ben, wurde be­reits Ende der Sieb­zi­ger ent­wohnt, weil der Schim­mel durch de­fekte Ent­wäs­se­rung und man­gelnde Ver­put­zung nicht mehr be­herrsch­bar war; es stand leer, bis es Anfang/​Mitte der Neun­zi­ger­jahre ab­ge­ris­sen wurde.

    Im Os­ten stan­den zu­min­dest in städ­ti­schen Alt­bau­area­len wahr­schein­lich mehr Woh­nun­gen un­be­wohnt herum als heute, gleich­zei­tig war die Zahl der Woh­nungs­su­chen­den auch nicht ge­rade klein. Da­für habe ich al­ler­dings keine Sta­tis­ti­ken an der Hand, das ist nur eine Kom­bi­na­tion aus Bauch­ge­fühl und der Er­in­ne­rung an di­verse Brief­wech­sel mit der KWV.

  37. Das ist hier ein On­line-Ma­ga­zin für Dres­den (Neu­stadt). Welt­weit Bei­spiele für noch schlech­tere Wohn­si­tua­tio­nen, im Wan­del der Zeit, zu fin­den ist nicht ziel­füh­rend. Blei­ben wir bitte beim Ver­gleich So­zia­lis­mus (auch in der Per­spek­tive) und Ka­pi­ta­lis­mus in unserer/​m Stadt /​Vier­tel.
    Die­ser Rück­blick ist of­fen­sicht­lich wich­tig um den Men­schen im­mer wie­der vor Au­gen zu füh­ren, dass die let­zen letz­ten bei­den Dik­ta­tu­ren sich nie wie­der­ho­len dürfen.
    An­sons­ten gilt der Blick nach vorn.
    Es ist eine Ana­lyse der Ur­sa­chen für die ak­tu­elle Woh­nun­slo­sig­keit not­wen­dig. Dazu emp­fehle ich, die Bio­gra­fien der Be­trof­fe­nen an­zu­se­hen. Ggf. mal in eine Ob­dach­lo­sen­un­ter­kunft ge­hen und mit ih­nen und den Mit­ar­bei­tern zu spre­chen. Die An­ge­len­heit ist zu kom­plex um sie mit ein paar Sprü­chen von to­ten Lin­ken lö­sen zu wol­len. (Stich­wort – Miet­schul­den, Miss­brauch har­ter und wei­cher Dro­gen, feh­lende Fä­hig­keit ein selbst­be­stimm­tes Le­ben zu füh­ren bzw selst für ih­ren Un­ter­halt zu sor­gen usw.)
    @DerJörg – Danke

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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