Die Böhmische Straße

Gibt sich als graue Maus, aber unter dem Pflaster liegt ganz viel Geschichte

Gibt sich als graue Maus, aber unter dem Pflaster liegt ganz viel Geschichte

Auf den ersten Blick wirkt die Böhmische Straße eher unauffällig. Alaunstraße und Rothenburger sind die Platzhengste, die von dem schmalen Zubringer zum Lutherplatz ablenken. Dabei ist die Böhmische ein heißes Pflaster; vielseitig und ein Streckenabschnitt Neustädter Geschichte.

Das eine Ende der Böhmischen Straße eröffnet die Weinhandlung Bethe an der Kreuzung zur Alaunstraße. Hier gibt es zur Adventszeit Glühwein ohne Kopfschmerzgarantie. Der geblechte Euro klingelt in eine antike, silberne Kasse – das Getränk hält mindestens, bis das Chicsaal über den geneigten Fan von Fummel und Tand hereinbricht. In dem muffigen Second-Hand-Store hängen vornehmlich 70er-Jahre-Fetzen auf dem Bügel, die mutige Käufer zu wandelnden Zeitbotschaftern machen. Der November treibt so manche Frostbeule zum Spontankauf durch Ladentüren – stilecht wird Wärme mit einer steifen Ski-Jacke von adidas oder einem Strickpullunder Marke Olaf.

Das soll wohl der böhmische Schienenbus sein.

Vorbei am böhmischen Schienenbus gen Hebedas.

Hinter den kleineren Häusern an der Südseite erstreckt sich das Wohn- Geschäftsgelände „An der Loge“. Bis vor Kurzem residierte hier das Polizeirevier. Damit ist’s nun vorbei, die Grünen wurden erst blau und haben sich dann ganz verzogen. Noch früher, als die Polizei noch auf der Katharinenstraße residierte, schauten die Beamten nach einer Demo hier mal im „La Mitropa“ vorbei und verhafteten ein paar Motorradhelme – aber das ist zwischenzeitlich verjährt. Verjährt und vergessen ist auch die ursprüngliche Bebauung. Hier war die Lederfabrik ansässig, in der schon Erich Kästners Vater arbeitete.

La Mitropa

La Mitropa

Mit den Chicsaal-Klamotten wirkt man im Hebeda’s fast wie Inventar. In der kauzigen Nebelspelunke mit Ossi-Touch sammeln sich Tresenfetischisten besonders zur Zebra-Disco am Wochenende in großen Trauben. Wer zum Barpersonal vordringen will, muss sich wie der Prinz zum Dornröschen durch eine Hecke aus Menschen kämpfen. Im Hinterzimmer wartet eine Jukebox auf Fütterung.


Kurz hinter Hebeda’s Absturzetablissment führt ein Wegchen hinauf zum Nordbad; ein versteckter Pfad bis zur Louisenstraße, der an etwas Hinterhofgrün vorüber führt. Beheimatet ist hier auch der „Neustädter Diechl“, das letzte „Wie-bei-Muddorn“-Lokal in der Äußeren Neustadt. Grün wird es auch noch einmal auf dem Kinderspielplatz gegenüber. Weitere florale Relikte, die an den Ursprung der Böhmischen Straße erinnern, gibt es allerdings nicht. Die Straße wurde von Gärtnern aus Böhmen, die sich hier ansiedelten, so benannt. Dennoch reichte das Grün der Böhmischen, um bei Edward Güldner einen kreativen Schub auszulösen. Sein Buch „Böhmische 21: Geschichten aus der Dresdner Neustadt“ widmet sich dem Lebensraum „Hof“ hinter hohen Fassaden.

nur Schnee, keine Baumwolle an der "Böhmischen"

Es gibt nur wenige grüne Oasen in der von Böhmischen Gärtnern im 18. Jahrhundert angelegten Gasse

Die Böhmische sorgt mit ihren Verwinkelungen und Spelunken für Überraschungen. Wer kurz nach dem Kinderspielplatz rechts abbiegt, gelangt in die absurde Welt des „Stilbruch“. Pinkeln im Wandschrank ist hier eine der leichtesten Übungen! Doch der einst schönste Biergarten der Neustadt ist nun schon Geschichte, hier entstehen Stadtvillen im Hofquartier. Wieder auf der Straße begleitet den Spazierenden rechterhand eine unverputzte Steinmauer bis zum Raskolnikoff. Zu den diesjährigen BRN-Feierlichkeiten wurden hier Steine herausgeschlagen und es öffnet sich letztmalig das Tor zum Lustgarten. Ein Rastplatz vor den Strömen der Feiernden und Konzertplatz hinter dem Rücken des „neuen“ REWE. Übers Jahr bleibt der Sesam verschlossen.

Gegenüber des Kinderspielplatzes befindet sich ein Gemeinschaftswohnhaus, die b33. Hier wohnen knapp 30 Erwachsene und ebenso viele Kinder gemeinsam unter einem Dach. Das Architektur h.e.i.z.Haus plante den Bau und das darin befindliche Projekt, das sich Umweltschutz, Geschlechtergleichberechtigung und künstlerischen Betätigungen widmet. Kommunzieren und Verzieren, Meinungen kundtun und Liebesbotschaften hinterlassen ist direkt an der Hauswand aus schwarzem Schiefer möglich. An der Ecke entlässt das Llyod’s mondän glänzend auf den Martin-Luther-Platz.

Die Böhmische Straße

Straßenschild an der Ecke zum Martin-Luther-Platz

Straßenschild an der Ecke zum Martin-Luther-Platz

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12 Kommentare zu “Die Böhmische Straße

  1. AB
    16. November 2014 at 10:02

    und was ist mit der Fleischerei Haberland der Name steht ja noch groß am Haus

  2. 16. November 2014 at 10:20

    Die Fleischerei Haberland auf der Rothenburger Straße hat seit einer Weile aus gesundheitlichen Gründen geschlossen.

  3. S. Ebnitzer
    16. November 2014 at 13:55

    Der „Neustädter Diechl“ wurde vor einigen Wochen in „Dresdner Pfanne“ umbenannt, was ich für wenig(er) originell halte. Ansonsten hat sich wohl dort nicht viel geändert und um es positiv auszudrücken: Man findet immer Platz dort.

    Ich finde, zwischen Raskolnikoff und Lloyd’s sollte eine Seitentür nicht unerwähnt bleiben – die zum „Side Door“.

  4. 16. November 2014 at 14:12

    Danke für den Hinweis. Wenn Du schon das „Side Door“ erwähnt wissen willst, müsste natürlich noch ein Hinweis auf die „Raute“ erfolgen. Auch wenn die seit ungefähr 20 Jahren zu hat. ;-)

  5. Mick Ten
    16. November 2014 at 14:32

    Genau, die Raute, wollte ich auch ergänzen :-)

    Den dazugehörigen Verlag gibts allerdings noch http://holger-wendland.jimdo.com/ Dank Gentrifizierung aber nicht mehr in der Neustadt :-(

  6. S. Ebnitzer
    16. November 2014 at 16:41

    Vor 20 Jahren erstmals zugezogen, habe ich die „Raute“ dann wohl gerade so verpasst. Vielleicht gibt es eine schöne Geschichte dazu..?

    Meine allererste und unvergessene Kneipenerfahrung in der Neustadt war damals das Raskolnikoff mit dem bodenlosen Überraschungseffekt beim ersten Eintritt. Und obwohl schon länger nicht mehr auf Sand gebaut und einiger Veränderungen, bin ich dort noch gerne regelmäßiger Gast.

  7. Winni
    16. November 2014 at 18:42

    Na da fehlt noch einiges auf der Böhmischen, u.a. die Galerie Raskolnikow etc.

  8. HinzundKunz
    16. November 2014 at 20:19

    „Noch früher, als die Polizei noch auf der Katharinenstraße residierte, schauten die Beamten nach einer Demo hier mal im “La Mitropa” vorbei und verhafteten ein paar Motorradhelme“

    Hahaha … naja, die Motorradhelme waren wohl nicht so das Problem! Nur zur Erinnerung, und weil es ja wie gesagt verjährt ist. Gefunden wurden damals neben den besagten 40 Helmen auch 24 Mollis, 15 Katapulte, 12 Schreckschusswaffen, 56 Holz-Gummiknüppel sowie einige Messer und Reizgasflaschen. Der Tisch bei der Präsentation war jedenfalls schwer gefüllt und lies auf eine wehrhafte Szene schließen. ;)
    Wer erinnert sich nicht, an den 20.April 1991? Ein Tag, an dem die Polizei 150 Neonazis, mit dem Vorsatz unterwegs an Hitlers 102.Geburtstag „die Linken aufzumischen und wenn es dabei Tote gibt“ (darunter auch die gesamte Führung der FAP), gerade noch am Fürstenzug stoppen konnte und gleichzeitig den Faschos ca. 650 Autonome entgegeneilten?
    Ein gewisser Andreas Böhme, damals Leiter der Polizeidienststelle Nord, riet den Autonomen noch auf eigene „Schutzbewaffnung“ zu verzichten und er sicherte ihnen den Schutz der „Demo“ zu. In gutem Glauben verzichtete man auf Selbstschutz und lies brav die „Waffen“ im “La Mitropa” zurück, was von den Cops natürlich sofort ausgenutzt wurde. 24 Leute wurden damals im Haus festgenommen und Misshandlungsvorwürfe, unter anderem durch Cafébesitzerin Silka R. gegen den BGS folgten. Tja … daraus wurden gewisse Lehren gezogen, denn einige Fehler möchte man eben nur einmal machen. ;D

  9. HinzundKunz
    16. November 2014 at 20:47

    Dazu fällt mir noch ein Bild des Satiremagazins „Titanic“ ein:
    http://www.titanic-magazin.de/uploads/pics/Ramsauers-Idee.jpg

  10. Ecki
    17. November 2014 at 12:13

    Der Amselhof und seine BewohnerInnen sollten nicht ausgelassen werden. Die haben ein wichtiges Stück Neustadt und BRN geprägt.

    Und: kann sich noch jemand erinnern an jene niedrigen Häuser in der Böhmischen so um 1980, bei denen man beim Verlassen froh war, wenn das Treppenhaus nicht über oder unter einem zusammenbrach? Und der Geruch da drin… Könnte der Vorläufer in der b33 gewesen sein; ich weiß es leider nicht mehr genau. Ist auf jeden Fall jetzt besser!

  11. HinzundKunz
    17. November 2014 at 23:02

    @Ecki
    Hing da nicht auch ein Bettlaken mit der Aufschrift „Hilfe unser Haus stürzt ein“? Kann mich da aber auch täuschen, bin mir nicht mehr sicher.

  12. struvko
    18. November 2014 at 18:13

    Oh ja ich erinnere mich an besagten 20. April und Herrn Böhme. Nach der Aktion wurde aus dem La Mitropa das La Bullette, da Sylka R. „geheilt“ war von der Betreibung einer besetzten Kneipe.

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