Anbethungswürdige Substanzen

Weine & Spirituosen
Weine & Spirituosen
Deutschland – das Land der Bietrtrinker, des immer verfügbaren billigen Alkohols. Unerlässlicher Partypusher, Katalysator für intensive Gespräche, Ausknipser alltäglicher Sorgen und Garant für Dialoge wie:

„Weißt du noch, als du gestern“ – „Nee.“

Mir als studentischem Wirkungstrinker entgeht eine Ebene des Alkohols, die weniger für exzessiven Konsum als stilvollen Genuss gedacht ist. Und wievielen geht es wohl auch so? Ich will mich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber wenn es um die abendliche Feiergestaltung geht, misst sich das Kaufverhalten meistens an der kleinstmöglichen Zahl auf dem Etikett und der größtmöglichen Zahl vor dem Prozent-Zeichen.

Auf jeden Fall betrat ich die heiligen Hallen des Wein- und Spirituosen­geschäftes Bethe voll Achtung und einer Spur Beklommenheit. Denn was sich hier im ältesten Weinladen Dresdens im Regal tummelt, hat mit dem letzten Zusammenkratzen des restlichen Münzgeldes zur schnellstmöglichen Vernebelung des Kopfes wenig zu tun.

Ellen Bethe und ihre uralte Kasse.
Ellen Bethe und ihre uralte Kasse.
Hier schimmern Cognac, Whiskey und Wein goldgelb und samtrot in antiken Regalen. Auf dem blankpolierten Holztresen ruht eine verzierte silberne Kasse von Annodazumal, es schnuppert nach einer Mischung aus Zigarren und Papier. Ellen Bethe, Besitzerin des Ladens, ist die Hüterin von 250 verschiedener Flaschen gefüllt mit edlem (Hoch-)Prozentigen. Das Geschäft wurde 1871 gegründet, seit 1949 gehört es Familie Bethe. Erst leitete es Ellen Bethes Vater, bis sie ihn 1986 hinter dem Ladentisch ablöste.


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Ein ganzes Weilchen also schenkt sie teure Tröpfchen unter Neustädtern und Touristen aus. Einzigartig ist die uralte Einrichtung, die seit dem Jahr 1921 zwar entstaubt und aufgemöbelt wurde, aber selbst in finstersten DDR-Zeiten ihre Optik behielt. Keine Uniform aus Plasteregalen, dafür setzte sich Vater Bethe entschlossen ein. Zurecht, denn selten strahlt ein Laden so viel Charme und Stil aus.

Ein schier unerschöpfliche Weinauswahl im ältesten Sprituosenladen der Stadt.
Ein schier unerschöpfliche Weinauswahl im ältesten Sprituosenladen der Stadt.
Eine blonde Frau stürmt strahlend und mit kältegerötetem Gesicht in den Laden. „Hallooo!“ tirilliert sie. „Einmal wie immer bitte!“ Ellen Bethe selbst kann sich nicht für eine Lieblingssorte entscheiden. Bei einem so großen Sortiment fällt die Wahl auch schwer. Kosten muss sie alles mal, auf Messen und Börsen, um ihre Kunden beraten zu können. Aber ob jetzt lieber Sekt oder Rotwein? Hauptsache in Maßen, meint Frau Bethe. Nicht nur reinschütten und warten, dass es dreht. Aromen erschmecken. Ich fühle mich ertappt.

Die teuersten und edelsten Flaschen Wein in Ellen Bethes Angebot wechseln für 200 Euro den Besitzer. Sie werden bei Jubiläen, Firmenfeiern, Hochzeiten geköpft. Ein so teures Wässerchen ruht freilich sicher im Lager. Und trinken das Leute dann auch? „Klar. Wer es sich leisten kann“ schmunzelt Bethe.

Im Kopf rechne ich das mal in Bier um. Naja, ich muss ja nicht gleich mit „das König unter den Weinen“ anfangen.

Wein und Spirituosen Bethe

  • Böhmische Straße 1, 01099 Dresden, Telefon: 0351 8043418
  • Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Sonnabend 10 bis 16 Uhr

9 Kommentare zu “Anbethungswürdige Substanzen

9 Gedanken zu „Anbethungswürdige Substanzen

  1. @Philine: Bei deinem Kauf- und Trinkverhalten solltest du dich wahrlich (in Folge) nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Außer, du wohnst wie ich Parterre. Da kann man es riskieren. :-P

  2. „philine,ich weiß was du gestern..“ :) man kommt denn doch langsam in die jahre, in denen man drüber nachdenkt qualitativ und nicht quantitativ zu trinken,wa? – spätestens nach dem genüsslichen text von dir!

  3. Bei meinem Studium der Wirkstoffwissenschaften (WiWi) war mir dieser Laden stets eine ergiebige Quelle für neue Studienobjekte…

  4. Ist nicht wahr! Ich war letzte Woche nach 10 Jahren Dresden zum ersten Mal – keine Ahnung warum – in diesem Laden und dachte mir, das wäre ein gutes Objekt für die Neustädter-Orginale-Serie. Danke für die prompte Bedienung! ;-)

  5. @ Philine: Wieder ein schöner Beitrag über ein echtes Urgestein der Dresdner Neustadt. Bei Bethe’s hab ich vor ein paar Jahren bereits auch den Stichpimpulibockforcelorum wieder stehen sehen – und auch gekauft. Damals dachte ich, den Likör gibt’s gar nicht mehr. Das Ladengeschäft hat Flair. Weiter so, auch Philine. Die Neustadt Originale bereichern die Seite hier sehr.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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