Von richtig alten Kneipen

Konzertklause im Jahre 1991
Konzertklause im Jahre 1991
Die Nachricht traf mich wie ein Schock. Das Bautzner Tor soll einen neuen Betreiber haben. Ich befürchte das Schlimmste und eile in der nächsten freien Minute hin zur Hoyerswerdaer Straße hin zu einer der letzten wahren Kultkneipen der Neustadt. Namen schießen mir durch den Kopf.

Namen wie Konzertklause, Goldquelle, Nordpol, Goldenes Hufeisen, Schmiede oder Alaungarten. Alles Kneipen, die in in den vergangenen Jahren nach und nach dichtgemacht haben und mit neuem modischen Inhalt aufgepeppt und dem Zeitgeist angepasst wurden. Was für schöne Stunden habe ich in der Konzertklause auf der Alaunstraße verbracht bei Bier und Spgahetti. Auf der handgeschriebenen Speisekarte wirkte der Buchstabendreher besonders reizvoll.

Alaungarten im Juni 1991 - inzwischen ist hier die Bar Paradox drin.
Alaungarten im Juni 1991 – inzwischen ist hier die Bar Paradox drin.
Hier gab es Kellner, die noch danach aussahen, mit weißem Hemd und Lederweste und einen Wirt hinterm Tresen, der für jeden Sonntagskrimi eine Topbesetzung gewesen wäre. Jetzt ist an selber Stelle ein modischer Szenetreff entstanden.

Oder auf der anderen Straßenseite das Hufeisen. Angeblich soll es hier nach dem Krieg Pferdefleisch gegeben haben, davon habe ich jedoch nichts mehr mitbekommen, wohl aber von den etwas ruppigen Sitten in der Kneipe. Einmal konnte ich miterleben wie ein zahlungsunwilliger Gast mit kräftigem Tritt in den Hintern auf die Straße befördert wurde, ein andermal wie sich zwei reifere Damen wegen eines Herren mit ihren Handtaschen angriffen und nur mit Mühe vom Personal zurückgehalten werden konnten. Heute isst man hier gepflegt italienisch und unterhält sich nur noch im Flüsterton.


Anzeige

Nazis und Fliegenschisse im Militärhistorischen Museum

Sie fehlen mir, die alten Kneipen, in denen die Neustadt noch ein bisschen ordinärer und ein bisschen lauter war. Zuletzt hat es das Hebeda’s erwischt. Der neue Inhaber behielt wenigstens den Namen bei und baute auch sonst nicht so viel um. Doch die ehemaligen Gäste sind verschwunden, fühlten sich wahrscheinlich eingeengt vom neuen jugendlichen Szene-Publikum.

Nun stehe ich vorm Bautzner Tor, neben Zöllnerklause und Erlenklause wohl die letzte noch originalgetreue Kneipe. Ich stoße die Tür auf und atme erleichtert auf. Fast nichts hat sich verändert, am Tresen steht einer mit nem Bier, der könnte schon immer hier stehen. An der Wand noch immer die alten Tapeten.

Die Luft scheint etwas besser zu sein, das kann aber auch am frühen Abend liegen. Nur der Mann hinterm Tresen ist neu und vielleicht einen Tick zu freundlich, aber das kriegt er bestimmt auch noch hin.

Ein Urgestein: die Erlenklause
Ein Urgestein: die Erlenklause

Nachtrag

Aus dem italienischen Restaurant auf der Alaunstraße ist inzwischen eine Molekularbar geworden. Und die Zöllner-Klause wurde zu Wohnraum umgebaut.


Anzeige

Aust-Konzerte

4 Kommentare zu “Von richtig alten Kneipen

  1. Von wegen im Goldenen Hufeisen (volkstümlich „Happeldiele“) habe es „Früher angeblich“ Pferdefleisch gegeben! ICh war noch bis in die Mitte der siebziger Jahre Stammgast dort und habe das sehr preiswerte und schmackhafte essen genossen. Z.B zwei faustgroße Beefsteaks mit Kartoffeln für 1,30 MDN (Ostmark). dazu schmeckte ein Malzbier.
    Und was das Publikum betraf, da gab es keine rauhen Sitten, wie beschrieben. Es bestand aus dem Querschnitt durch die damalige Bevölkerung Dresdens. Vom Straßenkehrer bis zum Universitätsprofessor, un alle an einem der großen runden Tische. Die Athmosphäre war familiär, die Kellner mit den Stammgästen per DU. Eine schöne Zeit.

  2. Ich habe als Kind etwa 1961 in der Kneipe Nordpol meine Großmutter am Klavier als Alleinunterhalterin erlebt. Weiß Jemand etwas über die Kneipe, oder hat meine Oma am Klavier erlebt?

    M. Pfund

  3. In meiner Anfangszeit als Student in Dresden, 1971, bin ich mittags mal in eine Kneipe gegangen, draußen stand „Goldenes Hufeisen“ dran. Ich bestellte ein Gulasch mit Makaroni und ein kleines Bier. Beim Bezahlen sagte die Bedienung: Zweimarksiebenundzwanzig ( 2,27 M !) Ich stutzte, ein kleines Bier kostet 43 Pfennig, und dacht sie hat sich verrechnet. „Nein, nein, das stimmt schon. Das ist Pferdegulasch“, und sah mich an als befürchte sie, dass mir gleich das Essen aus dem Gesicht fällt. Ich sagte, ach so, Pferdefleisch kenne ich, habe ich schon gegessen. In der Kneipe trafen sich Schlipsträger und teilweise sehr (!) einfach gekleidete Leute zum Mittagstisch, so auch ich ab da, mehr oder weniger regelmäßig, angezogen von einer familiären Atmosphäre und einem preiswerten Mittagstisch, im „Goldenen Hufeisen“.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.