Was für eine verrückte Welt. Eine Horde junger Burschen, bepackt mit Rucksäcken voller Getränke wie Bier, Korn und belegten Broten, wandert an diesem Silvesterabend des dahinsiechenden Jahres 1925, laut singend und grölend, vom Albertplatz kommend zur zehnten Stunde durch die Hauptstraße, über die Augustusbrücke Richtung Altmarkt. Zuvor hatten sie zum Vorglühen bereits einige Bierchen intus. Etliche Flachmänner machten die Runde. Die leeren Flaschen wurden in den umliegenden Büschen entsorgt, wobei auf etwaige Buschgänger und ihre Gespielen keine Rücksicht genommen wurde. Mädchen waren in dem Trupp nicht dabei. Diese zogen es vor, den letzten Tag des Jahres mal ohne die saufenden und dann raufenden Jungs nach ihrem Gutdünken mit Wein, Schnittchen und viel Getratsche zu verbringen. Da störten die scheinbar kulturlosen Jungs nur.

Zuwachs unterwegs
Aus dem nahen Alberttheater gesellten sich zuvor noch einige junge Schauspieler zu der Truppe, die bereits selbst mit mindestens drei Gläsern Sekt abgefüllt und noch ganz euphorisch von der erfolgreichen Aufführung von „Charlys Tante“ waren1. Ihr Handgepäck bestand zudem aus mehreren Flaschen dieses Blubberwassers. Und so wurden die unterschiedlichsten Getränkesorten ausgetauscht, was den Alkoholpegel in die Höhe trieb.

Wetterunbill
Aufpassen musste man vor dem starken böhmischen Wind, der schon den ganzen Tag durch das Elbtal pfiff und dabei manche Hüte ihren Besitzern auf Nimmerwiedersehen entführte2. Gefahren lauerten auch aus den oberen Gefilden der Neustadt. Trockenes, abgestorbenes Geäst prasselte auf die Fußgänger nieder. Dachziegel gaben der unerbittlichen Schwerkraft nach, was zu einigen Verletzungen bei den Passanten führte und den Krankenhäusern beiderseits der Elbe Arbeit brachte.
Werbeschilder lösten sich aus den Halterungen und prallten unsanft auf die Straßen. Ein Jahr zuvor musste man noch durch hohe Schneewehen stapfen, und 1925 hatte man den Eindruck, dass der Herbst beschlossen hatte, sofort in den Frühling überzugehen. In Berlin sollen sogar die Stare gepfiffen haben, und die Kinder wollten schon Ostereier suchen.

Hochwasser droht
Als die Truppe der angeheiterten Jugendlichen die Augustusbrücke überquerte, wurde im Laternenlicht das sich anbahnende Hochwasser sichtbar. Die Kaimauer am Terrassenufer konnte vielleicht das Wasser noch einen halben Meter aufhalten, dann würde es auf die Straße und in die Münzgasse hinein schwappen. Viele Menschen, die nahe dem Ufer wohnten, beteten seit Tagen zum Herrgott, der Jungfrau Maria oder zu sonst wem, dass ihnen die Fluten, wie sie gerade am Rhein, der Donau, an Fulda, Werra und Weser im verheerenden Maße im Gange waren, verschonen mögen4.
Aber das interessierte die Jungs nur marginal, zumal immer mehr Menschen den umliegenden Vergnügungstempeln wie dem Belvedere, dem Narrenhäusel, dem Bellevue oder dem Italienischen Dörfchen zuströmten. Die Burschen aus der Neustadt zog es aber in die windgeschützteren Ecken durch die Schloßstraße Richtung Altmarkt, dem seit Jahrzehnten favorisierten Haupttreffpunkt am letzten Tag des Jahres.
Keine Goldenen Zwanziger
Man war guter Stimmung. Die einen, weil sie sich auf diese Nacht freuten. Für andere war es ein zumindest vorübergehendes Vergessen der miesen persönlichen Lage, die ihnen diese Zeiten bereitete. Über die Sprüche sogenannter goldener Zwanziger konnten sie nicht einmal schmunzeln. Eine Zeitung beschrieb die Lage poetisch so: „Aufgerichtet schreitet die Not hinter dem deutschen Volke her.“
Das sagte alles. Eine Million Arbeitslose gab es. Und die, die Arbeit hatten, kamen mit dem Lohn mehr schlecht als recht klar. Das sah man auch an den finster und miesepetrig dreinblickenden Gesichtern vieler der dahin schlendernden Menschen. Aber es traf nicht nur die ärmeren Schichten. Auch die obere Mittelschicht musste bluten. Das zeigte ein Blick zu den Villen in der Tiergartenstraße am Zoo oder in der Wiener Straße. Hier wurde schon seit Jahren nicht mehr gefeiert, und die leeren Fenster gaben nur dem faden Mondlicht Raum.
Ein einsamer Spaßvogel
Als die Jungs den Schloßplatz Richtung Georgentor überqueren wollten, sahen sie einen Mann so um die dreißig, der mitten auf dem Platz stand und lachte. Ja, lachte. Mal schob er seinen Hut zum linken Ohr, dann zum rechten, schnitt den besonders verbitterten Leuten Grimmassen, lachte über ihr eiliges Weglaufen und kopierte ihre steifen Laufstile3.
Einige Kinder blieben stehen und amüsierten sich. Auch unsere Jungstruppe prostete dem Spaßvogel zu, und einer schenkte ihm aus seinem Rucksack eine Flasche Bier, die dieser freudig lächelnd und dankbar mit tiefer Verbeugung entgegennahm. Doch die meisten der Vorübergehenden würdigten ihn in ihrer Humorlosigkeit keines Blickes. Kein Lächeln, kein freudiges Zuzwinkern. Wahrscheinlich hielten sie ihn für geistig unterbemittelt. Die Zeiten waren nicht lustig.
Feuerwerksverbot und Pritschenerlaubnis
In der letzten Stunde vor Mitternacht erreichte der Neustädter Trupp den Altmarkt. Der war schon gut gefüllt. Einige frönten der kommenden Faschingszeit und hatten entsprechende Narrenkappen auf oder waren kostümiert. Hier und da unterbrach der Knall eines Silvesterböllers das Stimmengewirr. Das rief die anwesenden Polizisten auf den Plan, um diese Frevler zu fassen, was aber nicht gelang. Denn der Polizeipräsident hatte wie in den vergangenen Jahren auch für 1925 ein Verbot von Feuerwerken ausgesprochen. Nicht wegen Tierschutz oder gar schlechter Luft, sondern aus Angst wegen der vergangenen politischen Unruhen 1921, 1922 und dem sogenannten Roten Oktober in Dresden 1923. Und so veranstalteten einige ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.
Trotz der politischen und ökonomischen Wirren, der restriktiven Verordnungen und der vielen Miesepeter brach sich die Lebenslust und die Sehnsucht nach Vergnügen Bahn. Die Altstadt bevölkerte sich kurz vor Mitternacht auffallend mit vielen Gruppen junger Burschen, darunter auch unser Neustädter Trupp. Mit Fäusten in den Hosentaschen sangen oder grölten sie und rempelten die Leute an. Manch einer verbreitete da einen unangenehmen Vorgeschmack auf die kommende Faschingssaison, konnte man tags darauf in der Zeitung lesen. Um den Lärm noch zu vergrößern, boten fahrende Händler traditionell Pritschen5 und andere Radau- und Schlagwerkzeuge an.
Feiersucht
Und noch etwas war am Silvesterabend 1925 ungewöhnlich. Das Verkehrsaufkommen war extrem stark. Privatautos und Droschken chauffierten die betuchten Herrschaften in ihre Feierlokale. Die Straßenbahnen waren vom gemeinen Volk überfüllt. Ein Grund dafür war, dass die Ballhäuser, Tanztempel und selbst die Bierkneipen seit etwa 22 Uhr so voll waren, dass keiner mehr hineingelassen wurde. Und so zog es bei dem stürmischen Winden und den vorfrühlingshaften Temperaturen – selbst nach Mitternacht zeigten die Thermometer 5 Grad an – die Leute hinaus zu den Plätzen in der Innenstadt. Durch die Fenster des Italienischen Dörfchens sah man die Pärchen im Charleston Hüften und Po schwingen. Wer hat, der kann.
Prosit Neujahr
Dann schlug die Uhr an der Kreuzkirche zwölf Mal. Aus tausend Kehlen auf dem Platz und aus den offenen Fenstern ringsum ertönten Prosit-Neujahr-Rufe. Da gingen die Stimmen unserer Jungstruppe an der Ecke des Altmarktes zur Kreuzstraße unter. Zumal die Glocken der Kreuzkirche für einen ohrenbetäubenden Lärm sorgten. In den Schaufenstern vom Kaufhaus Renner gingen plötzlich alle Lichter an und erhellten den Markt auf dieser Seite.
Feuerwerke gab es nicht, und nur wenige Knaller versuchten das Getöse der Glocken und das Gegröle der vielen Menschen zu durchbrechen. Mit den gekauften oder mitgebrachten Pritschen wurden die Leute kräftig geschlagen, um ihnen die Bosheiten des alten Jahres auszutreiben. Das ging manchmal nicht ohne blaue Flecken ab, sodass jedes Jahr die Rufe laut wurden, diese Art der Drangsalierungen als Folter zu brandmarken und zu verbieten. Zu Füßen der Germania war mehr Getümmel als zu Faschingszeiten.
Auf einen Absacker
Dann begab sich die Burschentruppe aus der Neustadt in Richtung Heimat über die Elbe. Im angetrunkenen Zustand wurde jeder Passant mit „Prosit Neujahr“ begrüßt. Es waren derer viele, sodass sich der Lärm über die Hauptstraße, den Albertplatz bis in die Alaunstraße fortsetzte. Kurz vor der Katholischen Kirche St. Franziskus6 flog ein ziemlich nadelfreier Weihnachtsbaum aus einem Fenster und hätte sie beinahe getroffen.
Da die mitgebrachten Getränke längst die Körper durchflossen und sich in die Einzelbestandteile zerlegt hatten, wurden die Reste an den Häuserwänden verteilt. Nun machte sich neuer Durst bemerkbar. Da traf es sich gut, dass im Gasthof Colosseum neben den Palasttheater-Lichtspielen7 auf der Alaunstraße noch Licht brannte und innen Tische frei waren. So stürmten die Jungs hinein und ließen das noch junge 1926 hochleben. Zumindest hoffte man, dass es ein besseres Jahr werde als das gerade vergangene.
Mehr nicht.
Man war bescheiden.

Anmerkung des Autors
1 Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse vom 2. Januar 1926
2 Dresdner Nachrichten vom 1. Januar 1926
3 Dresdner Neueste Nachrichten vom 1. Januar 1926
4 Dresdner Neueste Nachrichten vom 3. Januar 1926
5 Pritschen sind zum einen scherzhafte Züchtigungsobjekte, die Knecht Ruprecht für „böse“ Kinder verwendete und von Jugendlichen als Scherzartikel zur Silvesternacht benutzt wurden. Sind heute keine Tradition mehr. Zum anderen ist es eine Bezeichnung für Holzklappern zum Lärmen, wo an einem Ende zwei kürzere Holzbretter gegen ein starres Brett dazwischen geschlagen werden. Auch als Musikinstrument wurden sie benutzt, wie man beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker am 1. Januar 2026 sehen und hören konnte.
6 Die Katholische Pfarrkirche zu Neustadt, geweiht dem Heiligen Franziskus Xaverius, stand an der Südseite des Albertplatzes, erlitt im Zweiten Weltkrieg erhebliche Brandschäden. 1957 wurden die Ruine gesprengt.
7 Kino in der Alaunstraße 28 mit wechselnden Namen, bestand bis 1945. Im gleichen Haus befand sich der Gasthof Colosseum, nicht zu verwechseln mit der heutigen Bar Colosseo auf der Louisenstraße 83.
Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

















