„War das ein schöner Abend“, schnurrte Anneliese ihren Liebling Franz an und hängelte sich beim Verlassen des Neustädter Kasinos auf der Königstraße bei ihm ein. In Begleitung ihres gemeinsamen Freundes Walter machten sie sich zu dieser abendlichen elften Stunde des gar nicht so winterlichen 9. Februar 1926 auf den Heimweg über den Platz an der Dreikönigskirche in Richtung der Rähnitzgasse. Zu dritt leisteten sie sich den Eintritt zu einem Abend mit dem bekannten und wegen seiner Couplets sehr beliebten Sänger und Kabarettisten Otto Reutter.

Und Anneliese trällerte los:
- „Ach wie fein, ach wie fein wird’s in 100 Jahren sein1
in ’nem einzigen Laden kauft man alles ein.
Braucht man was, dies und das, läuft man nicht mehr lang umher,
Spezialgeschäfte, die gibt es da nicht mehr.“
Franz übernahm:
- „Ach wie fein, ach wie fein wird’s in 100 Jahren sein.
Grammophone gibt es dann bei Groß und Klein.
Was man spricht, verschwindet nicht, denn das Grammophon nimmt’s auf.
Und der Kinematograph bringt’s als Bild heraus.“
Anneliese sang dann weiter:
- „Ach wie fein, ach wie fein wird’s in 100 Jahren sein,
dann regieren die Frauen auf der Welt allein.
Will dann mal der Mann noch des Abends aus dem Haus,
ohne Damenbegleitung darf er nicht mehr raus.“
Alle drei lachten. Und Walter bemerkte süffisant: „Anneliese, was willst du denn noch? Das von euch Weibern so heiß umkämpfte Wahlrecht hat dir unsere Revolution doch gebracht. Oder sollen wir Männer eure Bettvorleger werden? Wobei … so schlecht würde ich diese Vorstellung auch nicht finden“, gab er lachend kund und bekam von Anneliese einen Klaps auf den Arm. „Aber deshalb entgegne ich dir mit Otto Reutter: ‚Was da noch alles passiere, geht uns heute gar nichts an. Diese Sorge überlassen wir dem kommenden Geschlecht. Hoch die Gegenwart, der Lebende hat recht.‘“
Mit Frohsinn bogen sie in die Rähnitzgasse ein und blieben abrupt stehen. Annelieses Gesicht veränderte sich von sorgloser Heiterkeit zur angsterfüllten Grimasse.
Ein Mord vor ihren Augen
Im Halbdunkel der Gasse sprang ein Mann aus einem Hauseingang, zog eine Pistole und schoss auf einen anderen Mann, der soeben das Nachbarhaus verließ.2

Walter fasste sich als Erster und rief um Hilfe. Der Schütze drehte sich um und gab auf das Opfer einen weiteren Schuss ab. Dann rannte er los und bog in den Obergraben ab. Walter rannte ihm nach, trotz der Warnrufe von Franz und Anneliese. Beide erholten sich von ihrem Schreck, liefen zum Opfer und riefen nach der Polizei.
Derweil bog Walter links in den Obergraben ein und sah, wie der Mörder auf die Hauptstraße zurannte und nach links in diese einbog. Obwohl Walter sportlich gut drauf war, konnte er dem Täter nicht näher kommen. Aber er verfolgte ihn auf der Prachtmeile der Neustadt in Richtung Albertplatz. Von Weitem konnte er noch sehen, wie der Täter vor der Katholischen Kirche nach rechts in die Rabenhorststraße einbog. Dann verlor er ihn aus den Augen. Als er zu Franz und Anneliese zurückkam, war die Polizei aus dem nahen Rathaus bereits da. Ein herbeigeeilter Arzt aus der Nachbarschaft konnte nur noch den Tod des Opfers feststellen.
Täterbeschreibung
Die mit einer guten Beobachtungsgabe ausgestattete Anneliese gab den Polizisten eine ziemlich genaue Täterbeschreibung. Der Täter sei ein junger Mann gewesen, so Anfang zwanzig. Er habe einen englisch geschnittenen modernen Schnurrbart getragen, also mit einer schmalen, sauberen Linie nach oben zur Nase und nach unten zur Oberlippe. Die Größe des Kerls schätzte sie auf etwa 1,65 Meter, also normal für die hiesigen Mannsbilder. Er habe einen grauen Regenmantel mit Gürtel und auf dem Kopf einen weichen Hut getragen3. Auch Walter gab seine Verfolgungsjagd zu Protokoll.4

Der inzwischen aus dem Polizeipräsidium an der Schießgasse in der Altstadt herbeigeeilte Kriminalkommissar dankte den Dreien für diese äußerst präzisen Beschreibungen des Tathergangs und des Täteraussehens.

Erste Reaktionen
Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Ereignisse der Nacht in der Rähnitzgasse und den angrenzenden Straßen der Dresdner Neustadt. Entsetzen machte sich breit, und viele vermieden es, in den kommenden Tagen in der Dunkelheit auf die Straße zu gehen. Die Presse der Landeshauptstadt hielt sich weitestgehend mit Spekulationen, was Täter, Opfer und Motiv betraf, zurück und veröffentlichte meist die Presseverlautbarungen des Polizeipräsidiums.
Bis auf die Arbeiterstimme, das Zentralorgan der KPD für Dresden und Ostsachsen. Aus dem Hinweis, dass das Opfer Paul Hübner, ein 35-jähriger Schweißer bei der Dresdner Straßenbahn und Mitglied bei den Proletarischen Freidenkern, gewesen sei, schloss die Redaktion, dass es sich nur um einen „faschistischen Fememord“ handeln könne.5 Ihre kommunistischen Leser wurden aufgefordert, „alle Hinweise dazu der Kriminalpolizei zu geben, um diesen feigen Mord aufzuklären“, zumal das Polizeipräsidium eine Belohnung von 500 Reichsmark (entspricht heute etwa 108 Euro) für zweckdienliche Hinweise auslobte.

Am folgenden Tag wurde der Täter gefasst.
Treff der Zeugen
Zwei Tage später trafen sich Franz und Walter zu einem Feierabendbier im Dresdner Felsenkeller-Ausschank an der Dreikönigskirche Nr. 6.
„Hier im Viertel ist der Teufel los“, begann Franz sein Gespräch und prostete Walter zu. „So eine Ruhe nach Einbrechen der Dunkelheit habe ich seit den Oktoberkrawallen6 vor gut zwei Jahren nicht mehr erlebt.“
Walter leerte sein Glas in einem Zug und bestellte eine neue Runde, diesmal mit Kompott. „Aber nun ist klar, wer der Mörder war und auch, warum dieser Mann erschossen wurde.“
„So ist es“, mischte sich Kellner Max ein und stellte das Gewünschte auf den Tisch. „Es war eben kein faschistischer Fememord, wie deine Genossen zu wissen meinten, frei nach dem Motto: ‚Was nur sein kann, was auch sein muss.‘“, meinte er süffisant.
Als Walter aufbegehren wollte, legte ihm Franz beruhigend seine Hand auf dessen linke. „Ich bin zwar kein Kommunist, aber die Zeitung hat sich heute entschuldigt. Man fühlte sich von fremden Mächten getäuscht und aufs Glatteis geführt.“
Max lachte. „Mir kommen die Tränen. Die armen, bedauernswerten Journalisten. Wie furchtbar. Dabei brauchte die Redaktion einen ganzen Tag des öffentlichen Schweigens, um sich mit den Tatsachen abzufinden. Und natürlich musste erst der Parteivorstand in Sachsen über die neue Linie beraten und noch bei der Zentrale in Berlin oder gleich bei der Komintern7 in Moskau nachfragen. Und was kam dabei heraus? Es waren natürlich die bösen Klassenfeinde, die den Kommunisten etwas ans Zeug flicken wollten.“8
Als Max ging, meinte Franz zu Walter, dass Max recht habe und sich seine Genossen in dieser Angelegenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert hätten. Das akzeptierte Walter, wenn auch zähneknirschend.
Der Tathergang
Bei dem Täter handelte es sich um den arbeitslosen 25-jährigen Elektromonteur Paul Erich Brich. Er wohnte in der Schulgutstraße 12 über der Schankwirtschaft „Zur Tulpe“ in der Nähe des Holbeinplatzes in der Johannstadt9 zur Untermiete bei der Schwiegermutter des Opfers. Von seinen Bekannten und seinem Mitbewohner wurde er als schwierig im Verhalten, anarchistisch in seinen Ansichten und etwas wirr im Kopf geschildert. Mit dem Opfer wurde er über seine Zimmerwirtin und deren Tochter bekannt und wusste über deren schwierige Eheprobleme Bescheid. Bei den Hübners war er des Öfteren zu Besäufnissen anwesend. Die Schwiegermutter des Opfers ließ kein gutes Haar an Hübner, der oft vor Eifersucht auf seine Frau rasend wurde, was der Ehe nicht guttat, wie die Nachbarschaft einhellig berichtete.
Bei der Vernehmung durch die Kriminalpolizei gab Brich nach längerem Leugnen seine Tat zu, zumal die Zeugenbeschreibungen eindeutig waren. Brich warf auch ein Auge auf die Ehefrau des Opfers, die auch ihn nicht unsympathisch fand. Er war bereits im Besitz einer Pistole im Kaliber 7,65. So fasste er den Entschluss, „diesem Schädling der menschlichen Gesellschaft und seiner Familie (also der seiner Zimmerwirtin) ein Ende zu bereiten“. Von Hübners Frau wusste er die Schichtpläne, und so vollendete er sein Vorhaben am 9. Februar 1926, abends in der elften Stunde vor dem Haus in der Rähnitzgasse 25. Einige Zeugen sahen ihn zu besagter Zeit vor dem Haus in der Rähnitzgasse herumlungern.
Weiter kam heraus, dass er eine Woche vor der Tat nach Berlin fahren wollte, um einen Regierungsvertreter auf offener Straße zu erschießen.
Die vom Täter weggeworfene Pistole und der angeblich verlorengegangene Hut wurden in den Anlagen in der Nähe der Katholischen Kirche gefunden und mit den neuen erkennungsdienstlichen Methoden der Dresdner Kriminalpolizei eindeutig Brich zugeordnet.
Und so endete der Kneipenabend der Freunde im Dresdner Felsenkeller-Ausschank an diesem Abend versöhnlich. Im ganzen Viertel kehrte wieder Ruhe ein, und die Bewohner freuten sich auf die bevorstehenden Faschingstage. Das Leben muss doch irgendwie weitergehen.
Anmerkung des Autors
1 Text und Musik von Otto Reutter, 1912, https://www.otto-reutter.de/index.php/couplets/texte/463-ach-wie-fein-wird-s-in-100-jahren-sein.html
2 Dresdner Nachrichten 10. Februar 1926
3 Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse vom 10. Februar 1926
4 Dresdner Neueste Nachrichten vom 10. Februar 1926
5 Arbeiterstimme vom 10. Februar 1926
6 Im Oktober 1923, dem später sogenannten Roten Oktober in Sachsen, gab es für drei Wochen eine linksgerichtete Landesregierung von SPD und KPD. Letztere kämpfte darum, eine Sowjetrepublik Sachsen zu errichten. Die Reichswehr setzte dem mit dem Sturz dieser Regierung ein gewaltsames Ende. Damit endeten auch die nachrevolutionären Auseinandersetzungen in Sachsen, bevor der Kampf Ende der 20er Jahre zwischen links und rechts wieder aufflammte, was letztendlich zum Untergang der Weimarer Republik und zum Untergang der ersten Demokratie auf deutschem Boden führte.
7 Kurzform für Kommunistische Internationale, der Zusammenschluss kommunistischer Parteien leninistischer Prägung unter Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion
8 Arbeiterstimme vom 12. Februar 1926
9 Das gesamte Areal wurde im Februar 1945 zerstört und im neuen Zuschnitt im anderen Stil als Johannstadt-Süd wieder aufgebaut.
10 Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse vom 12. Februar 1926
Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.




















