Auf dem Meisenberg

Die Straße "Auf dem Meisenberg" war von 1915 bis 1935 ohne Namen

Die Straße „Auf dem Meisenberg“ war von 1915 bis 1935 ohne Namen

Das ist doch unerhört und höchst inkorrekt – der Meisenberg gehört ja wohl gar nicht zu der Neustadt! Da sollte man doch wenigstens ein bisschen… So geht es doch nicht… Hier ist mein Zeigefinger, ich werde ihn benutzen und sowieso und überhaupt. Tja, aber so ist das mit den bunten Vögeln, diesen gefiederten Ignoranten. Sie sähen nicht, sie ernten nicht und scheißen erdwärts auf akkurat gezogene Gemarkungsgrenzen.

Die Auslage des Schwerdtner-Bäckers auf der Bautzner Straße hat schon daran erinnert: heute ist Vogelhochzeit. Eine sorbische Tradition, die der des Nikolaus ähnelt. Nur dass eben Meisenmann und Drosselfinkundstar die am Vorabend des 25. Januar hingestellten Teller mit Schmätzchen und Kremnestern befüllen. Was könnte es da Anlassgemäßeres geben als einen Spaziergang auf den Meisenberg?

Schmucke Horste auf dem Meisenberg

Schmucke Horste auf dem Meisenberg

Die Linie elf nimmt die Steigung mit Bravour und spuckt die Fahrgäste an der Angelikastraße aus. Von hier aus läuft man den Buckel ein Stück herunter und, gegenüber des Hauses Stephanie, hüpft auch schon die erste Blaumeise im Geäst. Vom schönen Meisenberg aus ballerten Napoleons Gegner 1813 zurück. Da war die Straße noch namenlos. Der Tod der Herzogin Isabella von Württemberg 1904 gab Anlass zur Benennung in Isabellastraße. Ob der Name oder die Lage der Grund dafür waren, dass niemand sein Haus dort baute, bleibt unbekannt. Nichts los auf dem Meisenberg. 1915 wurde die Straße enttauft.

Eiskalt widersetzt. Ein Schneemann hält die Stellung.

Eiskalt widersetzt. Ein Schneemann hält die Stellung.

Das Jahr 1935 brachte der Straße ihren wohlklingenden Namen und nun lohnte er auch. Es wurde gesiedelt und nicht nur sympathisch. Drei Jahre später nistete sich ein unangenehmes Geflügel ein. SS-Führer Theo Berkelmann bezog die Villa auf der Hausnummer 10. Dieser Fakt gab nicht den Anlass zur Umbenennung in Vollmeisenberg.

Die Spatzen pfeifen von polierten Dächern. Hier, zwischen Bautzner und Charlottenstraße hat sich so mancher Goldtukan ein hübsches Nest gebaut. Vor dem Kulturdenkmal Nummer 5 pfeift ein rebellischer Schneemann auf das gelbe Verbotsschild und ein Schmierfink verkündet frohe Botschaften auf Stromkästen. „Seid bunt und fröhlich.“ Die Neustadt hört man eben auch hier zwitschern. Nun herab aus diesen Höhen, nach der Stadt zurück zu sehen.

Straßen und Plätze im Ortsamtsbereich Neustadt


  • P.S. Die Straße „Auf dem Meisenberg“ befindet sich im Stadtteil Radeberger Vorstadt im Ortsamtsbereich Dresden-Neustadt.
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5 Kommentare für “Auf dem Meisenberg

  1. asalinse
    25. Januar 2017 um 20:53

    für uns Kinder (1958 nebenan Bettinastrasse gewohnt) hieß die immer „Ameisenberg“.
    Is doch viel netter oder? Statt Nazis wohnten dort zu dieser Zeit , wie auch in unserem Haus meist russische Armeeärzte, höhere Offiziere, Dolmetscher, u.a.

  2. SHARP
    26. Januar 2017 um 07:16

    In den 80er Jahren wohnte auf dem Meisenberg auch Generalmajor Böhm, Chef der Bezirksverwaltung Dresden des MfS.
    Damit will ich ihn explizit nicht in eine Traditionslinie mit dem im Text erwähnten SS-Führer stellen. Böhm war wohl eher eine geradlinige und letztlich ehrliche Haut, der im Dezember 1989 seine ganz persönliche Konsequenz aus dem Desaster gezogen hat. Wobei der heute real existierende, grenzüberschreitende Überwachungs-Apparat kaum noch große Unterschiede zur DDR zu haben scheint, sobald man sich mit ein paar Details beschäftigt…

  3. Ecki
    26. Januar 2017 um 09:24

    @SHARP: vielleicht solltest Du mal auf die Bautzner Str. 112 gehen. Spätestens im Keller wirst Du entdecken, dass es da doch gewisse Unterschiede zum „heute real existierende, grenzüberschreitende Überwachungs-Apparat“ gibt. Nämlich in der Konsequenz, was aus der Überwachung gemacht wird. Also bitte Vorsicht mit derlei Vergleichen!

  4. Franzl Lang
    26. Januar 2017 um 09:42

    @Ecki: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch…

  5. SHARP
    26. Januar 2017 um 14:21

    Lieber Ecki,
    ich bin alt genug, um meine ganz konkreten und nicht erfreulichen Erfahrungen mit dem damaligen System gemacht zu haben – ich muss also nicht in die erwähnte Gedenkstätte hineingehen, sondern nur meine eigene Erinnerung befragen…
    Weiterhin bitte exakt lesen: Ich habe die Überwachungs-Apparate verglichen und hier explizit das Wörtchen „grenzüberschreitend“ eingefügt.
    Wenn wir uns auf Deutschland beschränken, sind wir da mit Sicherheit noch besser gestellt, was wohl zum Einen dem aus dem förderalen System erwachsenden Unvermögen und zum Zweiten der zum Glück herrschenden Paranoia der Europäer in Sachen Datenschutz geschuldet ist („Paranoia“ in diesem Zusammenhang ausdrücklich positiv belegt!) Verlassen wir unser schönes Land ein Stück und bleiben aber immer noch in der „freien westlichen Welt“, wird es aber zu weiten Stücken schon sehr grauslich.
    Und zum Schluss ist anerkannt und auch von mir im Originalpost nicht angezweifelt, dass die negative Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse hier und heute nicht annähernd in einem Umfang stattfindet, wie es vor fast 30 Jahren geschah – allerdings sind gesammelte Daten erstmal verfügbar und werden, wie sicher auch Dir bekannt, mit der heutigen Technologie nicht einfach vergessen, im weltweiten Netz und „der Wolke“ hilft auch der Reißwolf nicht weiter. Was wer mit diesen Erkenntnissen zu einem zukünftigen Zeitpunkt anstellt ist m. E. ein nicht zu negierendes Risiko…
    Bzw. hier ein Verweis darauf, was schon geschieht:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/usa-donald-trump-folter-cia

    (Ich hoffe, der Link zur „Zeit“ geht mit Antons Zitierregeln konform.)

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