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Die Festung ist kleiner geworden

Tatjana Festerling am Mikrofon
Tat­jana Fes­ter­ling am Mikrofon
Am Nach­mit­tag tra­fen sich in strah­len­dem Son­nen­schein rund um den Gol­de­nen Rei­ter Akti­vis­ten, um eine Fes­tung Europa zu for­dern. Auf der Haupt­straße ver­sam­mel­ten sich Gegen­de­mons­tran­ten, die mit Pfei­fen und Sprech­chö­ren ihren Unmut über diese Kund­ge­bung zum Aus­druck brachten.

Ich spa­ziere vom Caro­la­platz aus zum Ver­samm­lungs­ort. Auf­grund mei­nes Spa­zier­schrit­tes werde ich von jugend­li­chen Out­door-Kla­mot­ten-Trä­gern als Scheiß Deut­scher und Ras­sist iden­ti­fi­ziert. Das passt mir ganz gut, will ich mich doch unters “Volk” mischen. Am Neu­städ­ter Markt emp­fängt mich ein freund­li­cher Hauch von bun­ten Fah­nen. Die rus­si­sche weht neben der israe­li­schen, die deut­sche neben der iden­ti­tä­ren. Die Fah­nen­stan­gen ähneln Angel­stan­gen, die längs­ten ver­fü­gen über Tele­skop­funk­tio­nen. Geplau­der in net­tem Ton rauscht an mei­nem Ohr vor­bei. Ein paar ras­sis­ti­sche Witze, ein biss­chen Genör­gel über “Mut­tis Poli­tik”, alles in allem gemüt­li­che Nach­mit­tags-Stamm­tisch-Atmo­sphäre. In beige geklei­dete Rent­ner ste­hen neben kraft- und bier­bauchstrot­zen­den Thor-Stei­nar-Typen. Soweit, so lang­wei­lig. Wenn da nicht die­ses Pfeif­kon­zert nebenan wäre.
Die Gegendemonstranten trillerten und riefen.
Die Gegen­de­mons­tran­ten tril­ler­ten und riefen.
Dort haben sich die “Gepida”-Demonstranten ver­sam­melt, das Publi­kum ist jün­ger, lau­ter und deut­lich schwär­zer ange­zo­gen. Und irgend­wie noch lange nicht hei­ser. Und hier werde ich dann doch trotz tar­nen­der Alt­her­ren-Mütze erkannt.
Reichlich Polizei sicherte die Veranstaltungen ab.
Reich­lich Poli­zei sicherte die Ver­an­stal­tun­gen ab.
Zwi­schen den Fron­ten, kom­plett in schwarz und schwer bewaff­net, die Poli­zei. Doch die Aus­ein­an­der­set­zun­gen blei­ben ver­bal. Detail am Rande, bei­der­lei Ord­ner schei­nen auf den sel­ben Ord­ner-Arm­bin­den-Lie­fe­ran­ten zu setzen. 

Mit eini­gen Minu­ten Ver­spä­tung beginnt die Kund­ge­bung. Mit­tels mäch­ti­ger Laut­spre­cher wird eine Hymne ins “Volk” gewor­fen, der erste Red­ner ist sich sicher: “unsere Anlage ist lau­ter als alle Pfei­fen”. Nun, wenn man im vor­de­ren Drit­tel steht, mag das stim­men, wei­ter hin­ten schauen einige Rent­ner schon etwas ängst­lich. Ob es wirk­lich bei Wort­ge­fech­ten bleibt?

Festungsfans mit Fahnen
Fes­tungs­fans mit Fahnen
Inzwi­schen hat Tat­jana Fes­ter­ling neben einem Flie­der-Strauß mit ihrer Rede begon­nen. Sie spricht von einer Bedro­hung durch die welt­weite Völ­ker­wan­de­rung. Sie weint dem unter­ge­hen­den Deutsch­land meh­rere Trä­nen nach. Ein ein­ge­schüch­ter­tes Volk macht sie aus. Ein Land, dass sich nicht mal mehr eine Natio­nal­mann­schaft leis­ten kann und Jogis Truppe nur noch “die Mann­schaft” nennt, ein Land, dass nicht mehr stolz auf seine Autos sein kann und… Ach, es ist ein­fach zu viel, was Frau Fes­ter­ling trau­rig stimmt. Aber die offen­bar ebenso trau­ri­gen Men­schen rund­herum, nicken, klat­schen und grö­len zustimmend. 

Ich ent­ferne mich von die­sem Ort. Die Stu­den­ten­gruppe “Durch­ge­zählt” schätzt zwi­schen 2.000 und 2.800 Teil­neh­mer der Fes­tungs-Kund­ge­bung und zwi­schen 200 und 250 Teil­neh­mer bei “Gepida”. Schein­bar ist das Inter­esse an der “Fes­tung Europa” – ob nun dafür oder – dage­gen deut­lich klei­ner gewor­den. Am Elb­ufer hat­ten sich bei der ers­ten Fes­tungs­ver­an­stal­tung noch etwa 6.000 bis 8.000 Teil­neh­mer ver­sam­melt. Kurz nach halb 6 war der Spuk dann zu Ende.

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Die Deutsch-Trau­ri­gen bekom­men aber offen­bar nicht genug von der Neu­stadt. Nächs­ten Mon­tag lädt der in ers­ter Instanz wegen Volks­ver­het­zung ver­ur­teilte Lutz Bach­mann mit sei­nen Pegi­dis­ten auf den Schle­si­schen Platz vorm Bahn­hof Neu­stadt zum Abendspaziergang.

Etwa 250 Gegendemonstranten waren vor Ort.
Etwa 250 Gegen­de­mons­tran­ten waren vor Ort.
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14 Ergänzungen

  1. Mensch Anton, ich bin über­rascht. Ich kann zwar im Moment noch nicht fest­ma­chen woran es liegt, aber ich finde Deine Schil­de­rung gut. Ehrlich.

    Leid tut mir, dass Du von Ras­sis­ten ras­sis­tisch, chau­venis­tisch und men­schen­feind­lich als “Scheiß Deut­scher und Ras­sist” bepö­belt wur­dest. Hof­fen wir, es waren nicht sol­che Vögel, die Du noch tag­täg­lich ver­sor­gen und durch­füt­tern musst, weil sie selbst zu faul dazu sind. Aber sei’s drum, wich­tig ist nur eins: Du hast keine Pflas­ter­steine, Fla­schen oder Brand­sätze gegen den Kopf bekom­men. Dar­über bin ich sehr froh.
    Aber man sieht, wenn Idio­ten dahin gehen, wo die ande­ren Idio­ten sind, nur um Stunk zu machen, dann kanns brenz­lig werden.

    Mir gefällt die­ser Beitrag.

  2. Herr Lutz Bach­mann ist über­haut gar nicht ver­ur­teilt wor­den! Ein Urteil ist es erst wenn es rechts­kräf­tig ist. Da Staats­an­walt­schaft und Ver­tei­di­gung das jet­zige Urteil ange­foch­ten haben ist Lutz Bach­mann weder ver­ur­teilt noch sonst irgend etwas. Das ist Ver­leum­dung was hier behaup­tet wird.

  3. @axel: Ein Rich­ter fällt ein Urteil. Dem­nach ist er in ers­ter Instanz ver­ur­teilt wor­den. Gegen das Urteil hat hat Bach­manns Ver­tei­di­ge­rin Beru­fung ein­ge­legt. Wenn er nicht ver­ur­teilt wor­den wäre, hätte sie keine Beru­fung ein­le­gen kön­nen. Und bis die Beru­fungs­in­stanz das Urteil nicht auf­ge­ho­ben hat, bleibt er ver­ur­teilt. Ein­zig die Bestra­fung erfolgt noch nicht, da das Urteil noch nicht rechts­kräf­tig ist.

  4. Da Lutz Bach­mann sich nach Süd­afrika abge­setzt hat um einer Gefäng­nis­strafe zu ent­ge­hen ist er min­des­tens ein­mal rechts­kräf­tig verurteilt.

  5. So weit ich gele­sen habe, hat der Rich­ter im Pro­zeß gegen Bach­mann nur die “wich­tigs­ten” Vor­stra­fen vor­ge­tra­gen, das seien immer­hin schon sie­ben gewe­sen. Inso­fern ist Herr Bach­mann bereits ver­ur­teilt wor­den. Wie man nach­le­sen kann, waren das frü­her sol­che “Klei­nig­kei­ten” wie Ein­bruch, Dieb­stahl, Dro­gen­be­sitz und ‑han­del, Kör­per­ver­let­zung und zuletzt 2014 Ver­let­zung der Unter­halts­pflicht. Da passt die aktu­elle Ver­ur­tei­lung doch gut ins Bild. Ja, jeder Mensch hat eine zweite Chance ver­dient, wenn er frü­her Mist gebaut hat. Aber bei zwei Hand­voll ver­sieb­ter Chan­cen würde ich dann doch eher von einer erheb­li­chen Cha­rak­ter­schwä­che aus­ge­hen, um das mal vor­sich­tig zu for­mu­lie­ren. Selbst wenn ich das Abend­land so sehr in Gefahr sähe wie die Pegida das tut, würde ich mir den­noch nicht gerade die­sen Mus­ter­kna­ben aus­su­chen, um die hie­si­gen Werte zu ver­tei­di­gen. Unsere Werte sind ja durch­aus auch in unsere Gesetz­ge­bung und Recht­spre­chung ein­ge­flos­sen. Jemand mit die­sem ansehn­li­chen Vor­stra­fen­re­gis­ter erscheint mir da als Ver­tei­di­ger eben­die­ser Werte doch eine sehr selt­same Wahl.

  6. Ich war lange nicht auf den Gegen­de­mos, weil die Peg­gys eh zuviel Auf­merk­sam­keit krie­gen, aber nächste Woche? Da mach’ ich ne Aus­nahme! Ihr halb­deut­schen Jam­mer­lap­pen habt bei uns nichts verloren :)!

  7. Sei nicht so klein­lich, unser Adolf selig saß doch auch vor­her im Knast und es hat ihm ja auch nicht geschadet.

  8. Das vom Betrach­ter aus gese­hen rechte Trans­pa­rent in Bild 5 beweist, dass der Dativ dem Geni­tiv sein Tod ist. :-)
    Oder fehlte der Mut “gesell­schaft­li­chen Anti­fa­schis­mus” regel­ge­recht zu gendern?
    Im Übri­gen hat­ten wir “gesell­schaft­li­chen Anti­fa­schis­mus” schon mal in Dres­den. Und zwar von Okto­ber 1949 bis Novem­ber 1989. 

    PS: Danke an den Blog­wart für den Bericht. Ich läse gerne mehr soetwas.

  9. @Anton,
    mal ne Frage betr. Bild 1 von 5:

    Die Frau ganz, ganz li. im Bild ist das die Frau Feserling ?
    Oder kann ich einen Regen­schirm nicht von einem Microfon
    unter­schei­den ? Oder ist das gar keine Frau ?

    Net­ter Bei­trag heute. Mehr davon. :-)

    I.

  10. @Anton: finde den arti­kel eben­falls sher gut dif­fe­ren­ziert geschrie­ben, kompliment!

    @Karsten: “wenn Idio­ten dahin gehen, wo die ande­ren Idio­ten sind, nur um Stunk zu machen”.…trifft die sache mei­nes erach­tens sehr gut!

  11. Detail am Rande, bei­der­lei Ord­ner schei­nen auf den sel­ben Ord­ner-Arm­bin­den-Lie­fe­ran­ten zu setzen.”

    Inter­es­sante Beob­ach­tung. – Haben Gepida und Pegida am Ende des Tages ähn­li­che Stra­te­gien und Ziele? So wie Pegida und ISIS ja im Prin­zip die sel­ben For­de­run­gen haben (Todes­trafe, Hand­ab­ha­cken, mehr Tra­di­tion, weni­ger Freiheit). 

    Mit Pales­ti­nen­si­schen Volksbefreiungsgrüßen,
    Torsten

  12. ganz links mit Regen­schirm, das ist ein ganz “sym­pa­ti­scher” Pegida-Anhän­ger mit Halb­glatze und Bierbach.
    Der Bei­trag von Anton Lau­ner ist ganz toll, bitte mehr davon.
    Wie kann man einem Rat­ten­fän­ger wie Herrn Bach­mann hinterherlaufen?
    Für mich total unver­ständ­lich. Fes­ter­ling soll dort blei­ben, wo sie her­ge­kom­men ist.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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