Die Glacisstraße

Die Glacisstraße hieß zu DDR-Zeiten nach dem italienischen Politiker Palmiro Togliatti

Die Glacisstraße hieß zu DDR-Zeiten nach dem italienischen Politiker Palmiro Togliatti

„Wo treffen wir uns?“ – „Auf der Glazi-Straße.“ – „Wo?“ – „Na, dort wo das Kleine Haus ist.“ – „Ach so, du meinst die Glasiss-Straße.“

Die Glacisstraße war mir (und vielen meiner Freunde) lange ein Rätsel. Kommt das jetzt vielleicht von schweizerisch „glace“ für Eis? War Frau Glacis die erste Stadthalterin Dresdens? Nein und nochmals nein. Glacis ist ein Verteidigungswall von Festungsanlagen – wie sollte es auch anders sein. Erdaufschüttung zur Feindabwehr statt Eiskremanhäufung zum Genuss-Verzehr. Im Dresden der frühen Neuzeit wurden Konflikte nicht auf kulinarischem Wege gelöst, obwohl so ein gemeinsames Zuckerschlecken ressourcensparender und sozialverträglicher gewesen wäre als ein Grabenkampf. Damit ist ein Rätsel der Straße gelöst, ein artikulatorisches bleibt jedoch bestehen. Wie wird Glacis ausgesprochen?

Blick auf das Kleine Haus, das vor zehn Jahren gründlich saniert wurde.

Blick auf das Kleine Haus, das vor zehn Jahren gründlich saniert wurde.

Im 18. Jahrhundert war der offizielle Titel der Straße zwar leichter zu artikulieren, erforderte jedoch längeren Atem: Dem Festungsgraben gegenüber lautete er und ging gleichzeitig als Lokalbestimmung durch. Im 21. Jahrhundert hat sich daran nicht viel geändert. Zumindest was den Jargon-Namen betrifft, der sich aus einer feigen Vermeidungsstrategie ergeben hat: Dort wo das Kleine Haus ist. Retro! Damit ist die Glacisstraße so etwas wie der Lord Voldemort der Neustadt. Die, deren Name nicht genannt werden kann.

Wie wird Glacis denn nun ausgesprochen? – So: [ɡlaˈsiː]. Also ein softes „a“, dann ein scharfes „s“ und ein angehobenes „i“ – dann fix „straße“ hinterher.

Das Stromhäuschen zeigt sich durchaus musikalisch - es summt.

Das Stromhäuschen zeigt sich durchaus musikalisch – es summt.

Praktisch bei der umständlichen internen Formulierung ist die enthaltene Anschrift des Kleinen Hauses, einer exzellenten Adresse für die anspruchsvolle Abendgestaltung und kulturelle Außenstelle des Staatsschauspiels. Im 17. Jahrhundert war das Kleine Haus eine Festung. Heute lässt es Zugbrücken aus Bühnenbrettern herunter, um Wallanlagen hinter der Stirn zu überwinden.

Gleich nebenan befindet sich die Hauptniederlassung des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Mit 6000 Schülern eine der größten Musikschulen Deutschlands, das sich mit dem Programm „Barrierefrei musizieren“ auch integrativ betätigt. Integriert in das Erscheinungsbild der Schule wurde auch das gegenüber positionierte Stromhäuschen.

Die Porzellanklinik führt, auch wenn es die ungewöhnliche Beschriftung vermuten lässt, keine genitalen Korrekturmaßnahmen durch.

Die Porzellanklinik führt, auch wenn es die ungewöhnliche Beschriftung vermuten lässt, keine genitalen Korrekturmaßnahmen durch.

Von der Elbe kommend nimmt der architektonische Charme der Glacisstraße kontinuierlich zu. Dem Atrium am Rosengarten sieht man ernsthafte Bemühungen an – das fenstergespickte Gebäude kann dennoch mit den denkmalgeschützten Mietshäusern und Villen nicht mithalten.

In einem kurz vor dem Diakoniegebäude gelegenem Doppelhaus offenbart der Blick in die niedrigen Fenster Erschütterndes: zarte Damen ohne Beine, ein Mops ohne Gesicht, inkontinente Vasen. Der Porzellanklinik bringen diese Scherben Glück und Brot. Die Warteliste der Patienten ist im Schaufenster ausgestellt und macht Hoffnung auf die Kompetenz und das Zutrauen der Reparateure. Obwohl so mancher Goldrandteller mit Sprung bereits wieder einen ganz neuen Anschauungswert bekommt. Vom Motorradhändler in der Straße, dem angegrauten Herrn Kallich, hört man, dass er sich künftig nur noch auf den Werkstattbetrieb beschränken und keine neuen Yamahas mehr verkaufen will, dafür mischen seit Kurzem die Jungs vom Roller-Point an der Adresse mit.

Übrigens: Palmiro Togliatti, dessen Namen die Glacisstraße von 1965 bis 1990 trug, war italienischer Kommunist.

Glacisstraße

Straßen und Plätze im Ortsamtsbereich Neustadt

linie

17 Kommentare zu “Die Glacisstraße

  1. 10. Juni 2015 at 11:05

    Historische Fotos der Togliattistraße (zu deren Umbenennung im Jahr 1965 ein sowjetischer Kosmonaut und italienische Kommunisten eingeflogen wurden) findet man hier: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?query=togliattistra%C3%9Fe

  2. Andrea
    10. Juni 2015 at 12:15

    Wie ich schon auf FB sagte: Dank an Philine für diesen wunderbaren Beitrag! Liest man nicht nur wegen des Inhalts gern. Er ist ein sprachlicher Genuß. :)

  3. Anne
    10. Juni 2015 at 20:00

    Cooler Beitrag, aber Aussprache-Anleitung und Aussprache-Klammer widersprechen sich in der Betonung. Wie ist es denn jetzt richtig?Wird die erste oder die zweite Silbe bei „Glaßi“ betont? :)

  4. 10. Juni 2015 at 20:13

    @Anne: Sorry, mein Fehler. Die Aussprache-Anleitung habe ich ergänzt und jetzt nochmal richtig in mich reingehört und korrigiert. Die zweite Silbe wird betont.

  5. Alraune
    10. Juni 2015 at 20:33

    und ich hatte schon auf einen Phexit gehofft

  6. S. Ebnitzer
    11. Juni 2015 at 01:11

    Phexit? Google ist wohl zu unwissend…

    „Glace“ ist nicht explizit schweizerisch … einfach französisch, madame!

    Ansonsten auch von mir: Viel Lob für die nüchterne Betrachtung…!

  7. S. Ebnitzer
    11. Juni 2015 at 01:13

    Pardon!: Madame! (wenn DAS heute überhaupt noch jemandem auffällt…)

  8. Alraune
    11. Juni 2015 at 09:41

    @ S.Ebnitzer

    es gibt außer Google noch so etwas wie Gehirn, damit kann man evtl. selbständig nachdenken.

  9. Andreas
    11. Juni 2015 at 11:41

    @ Alraune:
    Auch zum Lesen eines Beitrags kann man das Gehirn einschalten. Er meinte wohl, dass dieses ewige Treten einzelner User hier gegen Philine nur noch ignoriert werden kann.
    Zwischen den Zeilen zu lesen bzw. den hintergründigen Sinn eines Textes zu erkennen, musst du wohl noch lernen.

    Ansonsten: Vielen Dank für den schön geschriebenen Artikel, Philine.

  10. S. Ebnitzer
    11. Juni 2015 at 12:08

    @ Alraune:

    Was? Wie soll das denn gehen?

  11. moni
    12. Juni 2015 at 00:12

    Da hat ich fast schon gedacht, alraune hätte diesen artikel verpasst… schade, wäre auch zu schön gewesen, mal einen artikel von philine genießen zu können, ohne in den kommentaren die übliche giftspritze richtung philine lesen zu müssen. alraune, wenn du ein problem mit philine hats…behalte es, ist schließlich deins! aber verschone uns damit.
    oder wie wäre es, liefer du doch mal einen artikel ab und schau, wie die „leser“ darauf reagieren. gemeckert ist schnell…
    mir gefallen die artikel, lerne immer wieder ein paar details zu dem von mir gewählten viertel dazu. weiter so philine, soll se doch meckern und giften ;)

  12. 12. Juni 2015 at 05:31

    DANKE Philine für den schönen Beitrag……….

    grussi….

  13. Uwe Naumann
    5. Mai 2016 at 16:06

    Wer kann mir helfen?
    Auf der Togliattistraße in Dresden war an einem Haus eine Leuchtwerbung von Herrenmode Dresden angebracht. Wer hat ein Foto mit dieser Werbung bei Tag oder beleuchtet bei Nacht? Ich benötige das Bild dringend für eine Dokumentation über Horst Naumann, er war der Grafiker der Werbung. Vielen Dank im Voraus für die Hilfe.

  14. 5. Mai 2016 at 20:10

    Meine Frau hat ein Bild davon, 1984 .
    Bitte anrufen morgen 10-18 Uhr – 0351 8010864

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

linie