Kampf um jeden Millimeter

Auf der Bautzner Straße gegenüber der als Parkplatz genutzten Baulücke befinden sich ein paar kleine Geschäfte. Ein Bäcker, ein Fotoladen und auch ein Friseur sind dabei. Klar, die „Bautzner“ ist ja auch die Königin unter den Friseurmeilen. Das kleine Lädchen in der Nummer 46 wird von zwei Frauen geführt, aber auch ein kleiner Herr hat ordentlich was zu melden. Aber der Reihen nach.

Die Stirn ist vor lauter Langhaar kaum noch zu erkennen.

Die Stirn ist vor lauter Langhaar kaum noch zu erkennen.

Ein spontaner Haarschnitt war nicht drin, aber Katja gab mir für den nächsten Tag einen Termin. Kaum bin ich angekommen, wuselt ein kleines braunes Wesen um meine Beine. Franz Rüdiger, ist der Mann im Salon oder sollte ich besser Rüde sagen. Mit ihm ist die Chefin eingetrudelt und beide verziehen sich nach hinten und Katja kann sich mir widmen und fragt auch gleich die Getränkewünsche ab. Na, mir geht’s ja mehr ums Schneiden, aber auch das wird gleich bequatscht. Sie kann es gar nicht fassen, dass mein letzter Schnitt schon so lange her sein soll. Das wäre ja dann viel zu kurz. Ich bringe meinen Standard-Wunsch „so kurz es eben mit der Schere geht“. Mir werden die Haare gewaschen, eine Kopf-Massage lehne ich ab und schnipp, schnapp wird die Schere in Anschlag gebracht.

Zuerst werden die Augenbrauen gestutzt, vor der angebotenen Zupferei kann ich mich aber erfolgreich drücken. Zügig schneidet sie mir um die kahlen Stellen herum und verwickelt mich in eine Plauderei. Dabei stellen wir fest, dass ihre Muttersprache sich vom Portugiesischen doch erheblich unterscheidet. Katja stammt aus Rio de Janeiro und ist der Liebe wegen hierher gekommen. Das Thema Fußball und Weltmeisterschaft erledigen wir in einem Nebensatz. Sie lacht viel und schnippelt immer weiter. Dann der erste Testblick, ich schiebe mir die Brille wieder auf die Nase. Huch, was hat sie denn gemacht? Die Zotteln sind doch immer noch so lang. „Noch kürzer?“ Sie wirkt fast ein bisschen empört. Nun, wenn ich ihre Haare hätte, würde ich sie auch nicht abschneiden lassen, aber meine paar Fusseln. Vorsichtig kürzt sie noch um ein paar Millimeter. So langsam erschließt sich mir der Name des Salons. Schließlich will sie mir noch einen Vollbart aufschwatzen, der mir ihrer Meinung nach gut zu Gesicht stehen würde. Am Ende behalte ich die Oberhand, der Kunde ist eben doch noch König und mein Haupthaar ist auf die gewünschte Länge zurechtgestutzt.

Frisch gestutzt und aufgeheitert verlasse ich den Salon.

Frisch gestutzt und aufgeheitert verlasse ich den Salon.

Nach einer guten halben Stunde darf ich 18,50 Euro zahlen, gebe Trinkgeld und ziehe frisch frisiert von dannen.

  • Fazit: Katja beherrscht ihr Handwerk, die liebe zum längeren Haar ist ihr aber anzumerken. Ihr Lachen ist ansteckend, der Salon liebevoll und gemütlich eingerichtet.

    Don’t touch my hair!

    , Bautzner Straße 46
    Dienstag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Sonnabend 9 bis 14 Uhr, Telefon: 0351 7926654

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13 Kommentare zu “Kampf um jeden Millimeter

  1. 20. September 2014 at 14:27

    achtzehnfuzig, ganz schön happig. Aber langsam wird es wirklich Zeit, das du diesen Testteil outsourcet….

  2. 20. September 2014 at 17:32

    Der Vorteil bei mir ist, dass bei mir nicht so viel schief gehen kann.

  3. Kurzhaarschnitt
    20. September 2014 at 18:29

    18,50 €… bei meinem Klier zahle ich mittlerweile auch schon 22 €. Im Januar waren es noch 17 €.

  4. ein anderer Stefan
    20. September 2014 at 18:51

    Tja, Mindestlohn. Irgendwo muss er sich ja bemerkbar machen.

  5. nepumuk
    20. September 2014 at 19:23

    das anderweitige anlegen des gewöhnlichen „borsten-zwannis“ hätte durchaus seinen reiz. so könnte zB innerhalb der ladenportraits ein artikel bis zum wert des zwannis zur verlosung (bei „eindeutigem interesse“) erworben werden, was gleichsam eine investition in die einschaltquote darstellt. nicht auszudenken, wie die leute durchdrehen würden. über eine gutscheinregelung für diesen artikel könnten auch größenabhängige dinge wie klamotten dazuzählen.
    einziger nachteil für anton: soll es kostenneutral bleiben, muss die heimische muddi (oder jemand anderes) den dienst am haar übernehmen. was aus dem vorher-nachher-selfie würde, müsste der kreativität überlassen werden.
    bei guter wahl der artikel könnten weitere positive nebeneffekte entstehen. auch der eindruck vom „friseurviertel“ würde nivelliert. nu genau.

  6. 20. September 2014 at 21:43

    @nepumuk: du darfst von der Anzahl der Kommentare nicht auf die Anzahl der Leser schließen. Die Friseur-Tests haben eine viel höhere Einschaltquote als die Verlosungen.

  7. 20. September 2014 at 21:44

    Außerdem: in gut drei Jahren habe ich alle getestet.

  8. nepumuk
    21. September 2014 at 08:17

    nö, hab ich nich (kommentare – leser). bestes beispiel sind ja die polizeimeldungen.
    aber wenn der rest sooo ist, dann mach mal lieber weiter wie bisher. wie willst du es allerdings in drei jahren schaffen? dann gibts schon wieder neue. vielleicht gibts dann an der bautzner nur noch friseure – selbst der rewe wäre ein 24/7-mega-cutter hairplanet. vielleicht wollen die dich ärgern, deshalb gibts ausgerechnet hier so viele haarschnippler. ich denke: wenn da kein „befreiungsschlag“ kommt, wirst du es nie schaffen.

  9. Marcel Proust
    21. September 2014 at 09:36

    Hahaha, Anton posiert danach neben der Werbug „Sexy Locken, freche Schnitte, coole Farben“. Sehr schöne Selbstironie ;-)

  10. 21. September 2014 at 11:30

    Und ich fürchtete schon, es fällt niemandem auf.

  11. Klahra
    21. September 2014 at 12:50

    Ich sag nur Pittiplatsch …., falls den überhaupt jemand kennt

  12. Chrobot
    21. September 2014 at 13:38

    ~20 Euro für einen Haarschnitt sind sehr berechtigt.

    Friseure sind leider grundsätzlich extrem bescheiden bezahlt und der job macht vermutlich oft nur so mittelviel Spaß

  13. Fr. Anzi
    22. September 2014 at 23:07

    @ Chrobot
    Spaß ist das eine, das andere ist die gesundheitliche Belastung. Da wird mit Chemie herumgehauen…

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