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Die ganze Welt auf den Brettern der Neustadt

Die Geschichte der Neu­stadt und ihres ver­we­ge­nen Rufes begann in den rui­nö­sen 90ern.

Detlef G. Skowronek (genannt Julius): Den Telefonhörer nimmt er gern in die Hand. Der Wischmob wird allerdings verweigert
Det­lef G. Sko­w­ro­nek (genannt Julius): Den Tele­fon­hö­rer nimmt er gern in die Hand. Der Wischmob wird aller­dings verweigert
Ver­las­sene Häu­ser, schim­melnde Wände, unvoll­stän­dige Hei­zungs­rohre – aber eine Menge Ideen und Ideale. Eine Atmo­sphäre wie dazu geschaf­fen, ein klei­nes, trot­zi­ges Thea­ter auf die Welt zu brin­gen. Am 16. Februar 1990 erweckt ein maro­des Gebäude im Hin­ter­hof der Loui­sen­straße 47 die Auf­merk­sam­keit der jun­gen “thea­ter­bri­gade”.

Das bunte Häuf­lein expe­ri­men­tier­freu­di­ger Schau­spie­ler bekommt von der Stadt keine Geneh­mi­gung zur Nut­zung der alten Fabrik, also wird sie kurzum besetzt. Zwei Tage spä­ter gibt es die erste Vor­stel­lung. Eine echte Pre­miere. Und ein ris­kan­tes State­ment gegen die herr­schende Kulturpolitik.

Guerilla-Kultur: die besetzte Fabrik 1990
Gue­rilla-Kul­tur: die besetzte Fabrik 1990
Die Aktion erregt Auf­se­hen und nicht nur wohl­wol­len­des. Den­noch lässt sich das Publi­kum von Schmutz und Kälte nicht abschre­cken. Bei Regen tropft das Was­ser durch die Decke auf die Bühne – die Zuschauer stau­nen über die ver­meint­li­che Berieselungsanlage. 

Dres­dens ers­tes freies Thea­ter manö­vriert sich durch die eupho­ri­sche Nach­wen­de­zeit. Die Bestuh­lung ist geborgt, aus den Wän­den win­ken lose Kabel und eine Hei­zung gibt es nicht. Der hehre Idea­lis­mus ver­langt lang­sam aber sicher eine rea­lis­ti­sche Basis. Im März 1990 grün­det sich der Ver­ein “pro­jekt­thea­ter dres­den”, um wenigs­tens eine juris­ti­sche Grund­lage in dem Wust aus chao­ti­schen Auf­bau­be­stre­bun­gen zu schaffen.

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Vom Besetzer zum Besitzer

Und dann”, sagt Det­lef G. Sko­w­ro­nek, “hab ich das Haus gekauft”. Die Besit­zer waren zwei ältere Damen aus Ber­lin, die sich über­zeu­gen lie­ßen. In der tur­bu­len­ten Bio­gra­phie des Pro­jekt­thea­ters ist die­ser Schritt ein ent­schei­den­der. Sko­w­ro­nek ist ein Macher, ein ziel­stre­bi­ger, dick­köp­fi­ger. Er kennt die “thea­ter­bri­gade” über die Szene-Zei­tung “Rei­te­rIn”. Der stu­dierte Phy­si­ker arbei­tet als Unter­neh­mens­be­ra­ter und ist bereits nach einem hal­ben Jahr emp­find­lich gelang­weilt. Das zap­pelnde Thea­ter kommt ihm gerade recht und er beginnt zu struk­tu­rie­ren. Ab jetzt gibt es eine künst­le­ri­sche und eine geschäft­li­che Lei­tung, Sko­w­ro­nek küm­mert sich um Buch­hal­tungs­kram und Spon­so­ren, reist umher und wirbt Künst­ler an.

Erleuchtung für die Sinne: das projekttheater dresden
Erleuch­tung für die Sinne: das Pro­jekt­thea­ter Dresden
Die Stadt hat ein Ein­se­hen, zahlt wei­ter Miete und schiebt den erlas­se­nen Räu­mungs­be­fehl auf. Der ins Tru­deln gera­tene Bunt­pa­pier­flie­ger hat Auf­wind bekom­men und die Umset­zung der Grün­der­idee blin­zelt über den Hori­zont. Im Februar 1991 wehte ein laues Früh­lings­lüft­chen in Form einer Hei­zungs­an­lage durch die klam­men Gemäuer und ein ers­tes Ensem­ble, bestehend aus zwölf Schau­spie­lern, darf sich auf die getrock­ne­ten Bret­ter wagen.

Experimentelles Haus

Das Netz­werk ent­spinnt sich und das Pro­jekt­thea­ter erar­bei­tet sich einen Ruf als pro­vo­kan­tes, expe­ri­men­tel­les Haus und Alter­na­tive zu Stadt­thea­tern. Inter­na­tio­nale Com­pa­nys berei­sen das “Tal der Ahnungs­lo­sen”, das Pro­gramm besteht aus Lesun­gen, Büh­nen­stü­cken, Kon­zer­ten und allen Patch­work-Varia­tio­nen die­ser Genres. 

Das erste große Pro­jekt ist die Inter­na­tio­nale Tanz­wo­che 1992, das begeis­ter­ten Zuspruch ern­tet. Über 800 Besu­cher woh­nen der Abschluss­per­for­mance im Stahl­trä­ger­netz der unsa­nier­ten Yen­idze-Kup­pel bei. Wie in jedem guten Drama folgt nach die­sem Kli­max das retar­die­rende Moment: es kracht in der Geschäfts­lei­tung. Für zwei Jahre steigt Sko­w­ro­nek aus und küm­mert sich nur noch um den Tanz­bühne e.V. – bei dem künst­le­ri­schen Kon­zept des Pro­jekt­thea­ters kommt es zu unüber­brück­ba­ren Dif­fe­ren­zen, die Schul­den ste­hen bis zum Hals. Erst zu sei­nen Kon­di­tio­nen geht Sko­w­ro­nek wie­der an Bord des Nar­ren­schiffs und wird geschäfts­füh­ren­der Vorstandsleiter.

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Projekttheater in den frühen 1990ern - Foto: Andreas Plundrich
Pro­jekt­thea­ter in den frü­hen 1990ern – Foto: Andreas Plundrich
Aus der rui­nö­sen Brach­land­schaft Neu­stadt ist ein muti­ges Thea­ter ent­stan­den, das sich in Krüp­pel­kie­fer­ma­nier auf har­tem Grund fest­klam­mert. Gesell­schafts­kri­tisch und kul­tur­kri­tisch zu sein lau­tet der Anspruch. Das Pro­jekt­thea­ter scheut sich nicht vor der prak­ti­schen Umset­zung die­ser Ideale. So erhielt Prä­si­dent Bush aus Anlass des Irak­kriegs einen Kar­ton Ton­tau­ben als Beschus­s­al­ter­na­tive ins Haus gelie­fert, vor Land­tags­wah­len wer­den gern Kan­di­da­ten zur Ver­tei­di­gung auf die Bühne gebe­ten und pola­ri­sie­rende Per­for­man­ces wie Ser­dar Somun­cus Lesung von “Mein Kampf” sind Tagesprogramm. 

Dabei hat man es mit dem Dresd­ner Publi­kum nicht immer leicht, sagt Sko­w­ro­nek. Das neigt zur Träg­heit und muss oft von extra­va­gan­ten Ideen über­zeugt wer­den, bis es sich zu Ver­trauen und Treue bekeh­ren lässt.

Ein Thea­ter­saal ist wie das sprich­wört­li­che Glas mal halb voll, mal halb leer. Jeder der vier Mit­ar­bei­ter gibt sein Bes­tes, und so über­lebt das Pro­jekt­thea­ter Sai­son für Sai­son. Sko­w­ro­nek nimmt nicht gern den Wischmob in die Hand, dafür steht er bei Pre­mie­ren als ers­ter an der Kasse, um Kon­takt zum Publi­kum zu hal­ten. Und er scheut sich nicht, den Innen­mi­nis­ter um Requi­si­ten anzu­hauen. Hub­schrau­ber zum Beispiel. 

Das Pro­jekt­thea­ter ist eine Insti­tu­tion, deren Räd­chen mit Herz­blut, nicht mit Öl geschmiert wer­den. Soziale Kom­pa­ti­bi­li­tät steht über Gewinn – und sogar über Kunst. Das ist radi­kal, nicht immer poli­tisch kor­rekt aber sehr sym­pa­thisch. Und durch Tra­di­tion geadelt!

Projekttheater Dresden

  • Loui­sen­straße 47, 01099 Dresden
  • Spiel­pläne, Kar­ten, His­to­ri­sches und Bil­der unter www.projektheater.de
Kulturschutzgebiet
Kul­tur­schutz­ge­biet
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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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