Das Zimmer der 10.000 Bücher – Buchhandlung LeseZeichen

„Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere“ hat Lokalmatador Erich Kästner gesagt. Wenn dem so ist, kann man Jörg Scholz-Nollau getrost als wohlhabenden Mann bezeichnen. In seinem Laden „LeseZeichen“ türmen und drängen sich rund 10 000 Bücher – ein, wie der stolze Besitzer selbst treffend beschreibt, „überschaubares Chaos“, in dem die größte Lyrikabteilung der Stadt zu finden ist.

Jörg Scholz-Nollau inmitten seiner Schätze.
Jörg Scholz-Nollau inmitten seiner Schätze.

Wie so mancher Buchhändler in der Neustadt fand Scholz-Nollau über Umwege zu seiner Berufung. Um ein Haar wäre er Architekt geworden, brach das Studium an der TU Dresden dann aber ab und beschloss, ein Büchergeschäft mit dem Fokus Architektur in der Neustadt zu eröffnen. Der Raum auf der Prießnitzstraße 56, vormalig Tummelort diverser Technik- und Elektrogeschäfte, war genau seine Kragenweite. Allerdings kam man sich mit der geplanten Eröffnung der Buchhandlung Weisslack auf der Louisenstraße 52 (heute concept grün) in die Quere.  Selbes Ansinnen, selbe Thematik – man hätte sich gegenseitig das Wasser abgegraben und Scholz-Nollau rückte zugunsten eines breiteren Sortiments von seinem Vorhaben ab.

Mit dem Stolz eines Bauherrn führt mich Herr Scholz-Nollau durch sein Reich. Beim Erklären der Durchbrüche und Umbauten zeigt sich der Architekt in ihm. Die zwei schmalen Räume, deren Wände jetzt brechend volle Regale zieren, waren ursprünglich der Durchgang zu einem Hinterhof. Der wird heuer sommers als Lesegärtchen genutzt. Was hier entstanden ist, birgt mehr als einen Ort, wo Bücher verkauft werden, erklärt mir Scholz-Nollau. Wie zum Beweis schneit Klaus Funke, Dresdner Autor, zur Tür herein und verlangt mit Selbstverständlichkeit nach seinem Kaffee. Er ist gleich wieder weg, betont er, muss nur schnell seinen Senf loswerden, das Käffchen schlürfen, Anekdoten erzählen, ja – als er Elke Heidenreich in ihrer Sendung kennengelernt hat, aber das neue Buch kommt schon, mit Kusshand vom Wessi-Verleger angenommen, seine Geschichte als Grenzsoldat, harte Zeit das. „Das gibt es nirgendwo sonst!“ ruft er aus, als sich das Thema wieder dem Geschäft und seinem Freund Jörg zuwendet. Ein Treffpunkt, ein Quell der Inspiration. Nicht nur für ihn! Auch für andere Autoren.

Lesezeichen im "Lesezeichen"
Lesezeichen im „Lesezeichen“

Jörg Scholz-Nollau selbst liebt die Lyrik. Hat auch selbst geschrieben, aber nie veröffentlicht. In der Eröffnungseuphorie 1998 besuchte er Lesungen am laufenden Meter, knüpfte Kontakte und webte so ein Netzwerk, das sich bis heute verästelt. An den freien Wänden hängen zur Zeit Radierungen und Lithographien von Rita Geißler, schwarzgeschwungene Ahnungen von Natur auf Papier, den Gedichten von Bobrowski nachempfunden. Aller drei bis vier Monate wechselt die Bilderausstellung in der kleinen „Galerie“. In einer Nische steht ein kleines Klavier bereit, für musikalische Happenings. Es redet sich gut mit dem belesenen Herrn. Die Unterhaltung fließt, wie man so schön sagt. Seine Hände beschreiben die sanften Hügel einer weitläufigen Landschaft, als er die verschiedenen Abteilungen seines Angebots gestikulierend unterstreicht. Biographien, Lyrik, Kinderliteratur, Belletristik, Massen an Hörbüchern und natürlich die Architekturabteilung. Gewünschte Taschenbuch-Exemplare können bequem online bestellt und schon am nächsten Tag abgeholt werden. Schneller als diverse Großversandunternehmen – und fairer. Ehe ich mich versehe sind fast zwei erfüllte Stunden vergangen und ich eile nach Hause, das vergessene Portemonaie zu holen. Hier kann ich einfach nicht ohne Buch gehen.

Informationen und Öffnungszeiten


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Eat the World

  • Buchhandlung LeseZeichen, Prießnitzstraße 56
  • Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Sonnabend 10 bis 14 Uhr
  • Im Internet zu erreichen unter www.buchlesen.de

5 Kommentare zu “Das Zimmer der 10.000 Bücher – Buchhandlung LeseZeichen

  1. da finde ich z.b. Richters Buchhandlung oder die nicht mehr vorhandene buchhandlung im Kunsthof wesentlich besser. Dickes THUMBS DOWN

  2. Ich freue mich ehrlich gesagt, dass die Buchhandlung im Kunsthof nicht mehr da ist, nun kann der werte unfreundliche Herr endlich seiner wahren Leidenschaft nachgehen und Würste verkaufen. :D
    Das Lesezeichen mag ich, einer der netten Buchhändler in der Neustadt, die zum Glück nicht auf solche unfreundlichen Buchläden angewiesen ist und eine große Fülle an Buchläden hat. Also hier findet jeder den Buchdealer seiner Vertrauens :)

  3. Ich bin Kunde der ersten Stunde und lasse bis heute nichts auf das Lesezeichen kommen. Klar gibt’s auch in der Neustadt Läden mit größerer und übersichtlicherer Auswahl. Aber nirgendwo bekommt man so verlässlich ein inspirierendes Gespräch inkl. Lesetipps mitgeliefert. Und nirgendwo herrscht so ein inspirierendes Chaos auf den Büchertischen.

  4. Mh, ich hatte auch einen sehr guten Eindruck. Vielleicht könnte s&friends sein dickes thumbs down ja begründen, um die Kritik etwas konspirativer zu gestalten.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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