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Christoph Süße über Sour und das Fahrrad

Es ist erst 10 Uhr, doch die Hitze steigt schon vom Asphalt der Königsbrücker Straße. Vor der Nummer 37 prangt der Schriftzug: Sour Bicycles. Doch dies ist kein Fahrradladen.

War davor ein Schlosserladen - Sour an der Königsbrücker Straße - Foto: Jonas Breitner
War davor ein Schlosserladen – Sour an der Königsbrücker Straße – Foto: Jonas Breitner

Das erste Dirt-Bike vom Jugendweihe Geld

An der Glastür steht‘s geschrieben: „THIS IS NOT A BIKE SHOP“. Drinnen hilft Christoph Süße gerade dem DHL Boten beim Pakete-schleppen. Er ist Anfang 30, trägt Bart und wirkt sportlich-dynamisch.

Linkerhand hängen einige ebenso sportliche Fahrräder von der holzvertäfelten Wand. Rechterhand ist ein Tresen aufgebaut, dahinter einige gerahmte Bilder vom Fahrrad und der Popkultur.

Süße ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Fahrräder sind seit er 12 Jahre alt war großer Teil seines Lebens. Ein Schulfreund brachte ihn zum Sport. BMX, Dirt, Rampe, das waren die Anfänge, sagt er.  Vom Jugendweihe-Geld wurde das erste anständige Dirt Bike gekauft.  „Danach war ich infiziert.“

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Die Dresdner Fahrradszene

Für die Größe und die Fahrrad-unfreundlichkeit der Stadt gibt es hier eine enorm ausgeprägte und aktive Fahrradszene. In dieser ist Süße gut vernetzt und aktiv. Von inoffiziellen wie offiziellen Ausfahrten, Rennen, oder auch Filmvorführungen rund ums Thema Rad ist viel geboten.

Hier wird geschraubt, getüftelt, gelacht - Foto: Jonas Breitner
Hier wird geschraubt, getüftelt, gelacht – Foto: Jonas Breitner

Es gibt insbesondere in der Neustadt eine hohe Dichte an Fahrradläden, viele kleine mittelgroße Firmen und Händler haben sich hier angesiedelt. Der Grund: Die Lage.

Dresden liegt nah an der Sächsischen Schweiz, man ist schnell im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien, wo es viele Trails gibt, dazu kommt die direkte Nähe zur Dresdner Heide. „Da beneidet uns Berlin oder Leipzig“ meint Süße mit einem Lächeln.

Mountainbiking in der Heide “Wege sind schon immer entstanden“

In der Dresdner Heide wird das Ausüben von Radsport von den Forstbehörden geduldet. An sich besteht ein gutes Verhältnis zum Forstamt. Das weiß aber auch, dass Sanktionen bei der Menge an Mountainbikern „eh ein Kampf gegen Windmühlen ist“.

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Auf die Interessenkonflikte zwischen Naturschutz und Sportausübung angesprochen, verweist Süße auf den fehlenden politischen Willen, ein offizielles, befestigtes Mountainbike-Wegenetz zu realisieren. „Ein legales gutes Trail-Netzwerk würde den Druck und die Motivation rausnehmen illegale Trails zu bauen. Es wären zumindest viel weniger“.

Süße schätzt, dass alle Trails zusammengenommen insgesamt ohnehin nur eine Länge von etwa 35 Kilometern aufweisen würden. Außerdem habe sich das Nutzungsverhalten in den letzten 20 Jahren so stark gesteigert, und das schon ohne die Mountainbiker, dass man über eine Aberkennung des Naturschutz-Status des Prießnitzgrunds nachdenken könne.

Der Automat funktioniert und vertreibt wartenden Kunden die Zeit - Foto: Jonas Breitner
Der Automat funktioniert und vertreibt wartenden Kunden die Zeit – Foto: Jonas Breitner

Ein neues Radwege-Netz würde in jedem Falle auch dem Tourismus in der Region zugute kommen. Der Forst möchte, dass jemand für die Radsport-Nutzung der Heide verantwortlich ist. Eine private Initiative von Seiten der Mountainbiker könne das aber nicht leisten, wenn die Politik nicht die Rahmenbedingungen schafft. Hier werden Chancen verspielt meint Süße. „Jedes Land kann das besser“.

Die Gründung: „Kauf’s raus und mach’s selber“

Der studierte Produktionstechniker Süße stieg 2016 bei einer Firma ein, die Elektroantriebe für Lastenräder fertigte. Er war Experte für das Fahrrad selbst. Aus persönlichem Interesse ließ er drei Prototypen für private Zwecke in Taiwan fertigen. Diese kamen so gut an, dass er bald eine kleine Bestellung von etwa 20 Stück aufgab.

Diese verkaufte er zum Einkaufspreis an Freunde und Bekannte, um die Details perfekt hinzubekommen. 2018 ging es dann auf die Berliner Fahrradschau. Das Feedback war wiederum so gut, dass im Folgejahr auf der Kollektiv-Messe eine erweiterte Produktauswahl gezeigt wurde.

Dann wurde die Firma, innerhalb derer Süße recht autark seine Fahrräder zusammenstellte, verkauft. Doch zuvor entschied er sich, seinen Teil herauszulösen. „Kauf‘s raus und mach‘s selber“ war ein Rat, den er beherzigte. Er sagte sich damals „das ist die eine Chance, nochmal mach ich das nicht“.

Risiko und Außendarstellung

Auf das Risiko einer Gründung angesprochen lacht Süße: „Da bin ich ziemlich schmerzfrei, glaub ich“. Danach ging alles recht schnell. Markenrechte und Restbestände wurden übernommen. Seit Juni 2019 gibt es den Laden mit Showroom, Werkstatt und Büro an der Königsbrücker Straße.

Neben der Mund-zu-Mund Propaganda wirbt Sour nur über die Website und Instagram. Dies funktioniert gut, dank der eng vernetzten Szene. Es läuft, seit Februar sind sie zu dritt. Man merkt in dem Laden steckt viel Energie und Leidenschaft.

Popkultur, mal mit Fahrrad-Bezug, mal einfach so - Foto: Jonas Breitner
Popkultur, mal mit Fahrrad-Bezug, mal einfach so – Foto: Jonas Breitner

Auf den Namen Sour angesprochen meint Süße „Namensgebung ist immer ein bisschen schwierig“, aber man könne gut werbetechnisch damit spielen („stay sweet, ride sour“) und außerdem passe Sour als Gegenteil gut zum Nachnamen des Gründers.

Pandemie: Segen für die Branche, Stress für Sour

Die Fahrradbranche hat durch die Pandemie wohl einen großen Boom erfahren. Doch Süße gibt zu bedenken, dass, aufgrund der eher hochpreisigen Produkte seine Käufergruppe ohnehin Pandemie-unabhängig kauft. Auswirkungen hat die Pandemie hingegen auf die globale Nachfrage nach Teilen, was zu erheblichen Lieferengpässen führt. Aus einer Lieferzeit von drei Monaten für die Rahmen aus Taiwan wurden schnell zwölf.

Sour wartet auf Schaltkurbeln, die im Januar schon da sein sollten. Oft kämen die Hersteller schlicht mit der Produktion nicht hinterher oder größere Kunden werden zuerst bedient. „Du rennst wirklich jeder Komponente hinterher“.

„Wir sind kein Radladen, machen keine Reparaturen“

Glücklicherweise macht der Verkauf dieser Kompletträder, bei der den Komponenten hinterhergerannt werden muss, nur einen geringen Teil der Geschäftsaktivität aus. Daneben verkauft Sour Rahmen-Sets mit Gabeln an Händler, die dann individuelle Kompletträder für ihre Kunden bauen. Oder die Rahmen werden direkt an den Endkunden verkauft, in diesem Fall oft Bastler, die sich ihr Rad selbst zusammenbauen.

Es gibt eben schon genug Radläden in der Neustadt, diese verkaufen teilweise Bikes von Sour, doch Süße verkauft seine Rahmen weltweit, in die USA, nach Australien oder Japan. Die Website ist standardmäßig auf Englisch.

Christoph Süße und seine Bikes (der Kalender ist auch von Sour) - Foto: Jonas Breitner
Christoph Süße und seine Bikes (der Kalender ist auch von Sour) – Foto: Jonas Breitner

Kundenähe ist Süße dennoch wichtig. Deswegen ist der Laden auch so nah an der Neustadt.“ Man kann gerne vorbeikommen, am liebsten mit Termin“, dann steht das Team von Sour gerne für Kundenberatung und Produktkonfigurierung zur Verfügung. Der Laden ist dabei Showroom, Versand-Lager und Büro in einem.

Die Branche und der Kunde im Wechselspiel

Auf die Fahrradbranche angesprochen, denkt Süße kurz nach. „Der Mensch will nicht unbedingt Neuerungen“ meint er. Gleichzeitig sei das „Fahrrad die effizienteste Maschine, die der Mensch je entwickelt hat“.

Ähnlich wie in der Outdoorbranche gehe der Fahrradbrache bei „ständigem innovationstrieb der Nachhaltigkeitsgedanke manchmal verloren“. Stichworte hierbei sind Elektrifizierung, wo das Lithium doch jetzt schon knapp ist, und Nutzung von Carbon, das man nur einmal recyclen kann und dann nur noch verbrennen. „Das nennt man dann thermisches Recycling“, meint er trocken.

Ein schweres, elektrisch motorisiertes und im schlimmsten Falle noch aufgebohrtes Bike, das mit 40 km/h den Elbradweg langbrettert, sei eben kein Aushängeschild für nachhaltige Mobilität. Einerseits fragen die Kunden solche Gerätschaften eben nach, andererseits kann man auch als großer Händler Anreize schaffen. „Ich vermisse manchmal ein echtes Statement von großen Herstellern: Wir machen’s gar nicht erst, bieten es nicht an.“

Kritik und Kompromisse

Gleichzeitig sieht er sich selbst kritisch: Einerseits verzichtet Sour bei der Versendung ihrer Produkte komplett auf Füllmaterialen und nutzt ein ausgefuchstes System mit Bändern, um Verpackungsmüll zu minimieren. „Auf der anderen Seite kommen die Rahmen eben aus Taiwan“, und werden um den halben Erdball geschifft. Man möchte eben beste Qualität für den Kunden bieten und die besten Rahmen kommen eben aus Taiwan. „Da gehst du halt irgendwo Kompromisse ein“.

Sour möchte dabei selbst Anreize zur Nachhaltigkeit schaffen. Man wolle die Leute da abholen, wo ihre Interessen eh schon liegen, nämlich beim Radsport. „Dann ist der Schritt viel kleiner“ auch im Alltag aufs Rad zu setzen. Auf die Frage, ob er den Leser*innen des Neustadt-Geflüsters noch etwas auf den Weg geben möchte meint Süße nur: Fahrt mehr Fahrrad.

Sour Bicycles

  • www.sour.bike
  • Showroom, Königsbrücker Straße 37, 01099 Dresden
  • Dienstag und Donnerstag 13 bis 18.30 Uhr
  • Telefon: 0351 27512329
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Eine Ergänzung

  1. Hier wird ein leidenschaftlicher Enthusiast vorgestellt, dessen Ansicht, das soll alles andere als despektierlich klingen, auch wirtschaftlichem Interesse unterliegt. Ein paar Sätze möchte ich aber nicht gern unkommentiert stehen lassen.
    -> Die Aussage „Wege sind immer schon entstanden“ ist so richtig, wie lapidar. Mir stellt sich die Frage bezogen auf die Dresdner Heide, genauer auf den Prießnitzgrund als MTB-Hotspot: welche neuen Wege sind erforderlich? Reicht das vorhandene Wegenetz tatsächlich nicht aus? Wie ist die Sicht anderer Waldbesucher darauf? Was sind die Folgen des Vergnügens Einzelner? Und provokativ: ist es vernünftig, sich individuell im öffentlichen Raum jeden Weg anzulegen, den man für notwendig hält? Man stelle sich das im Autoverkehr vor. Ein MTB-Wegenetz würde ich ausdrücklich befürworten (warum soll eine private Initiative der Mountainbiker das nicht leisten können?), nicht das Anlegen weiterer Trails.
    -> „In der Dresdner Heide wird das Ausüben von Radsport von den Forstbehörden geduldet“, WENN ES SICH IM EINKLANG mit dem Sächsischen Waldgesetz oder der LSG-Verordnung befindet.
    -> Ein „Kampf gegen Windmühlen“, den der Forstbetrieb führt, ist keiner, weil er nicht stattfindet, was niemandem das Recht gibt, zur Säge, Axt oder Schaufel zu greifen.
    -> 35 km inoffizielle Wege halte ich für optimistisch geschätzt, doch selbst wenn es zuträfe, wären das knapp 140 m zusätzlicher Weg je Hektar = ~ 1 Diagonale.
    -> „Jedes Land kann das besser“. Über eine solche Aussage wundere ich mich. Ich denke, es ist ein Fehler, im MTB-Sport Landschaften pauschal zu vergleichen, nur weil es tolle Abfahrten gibt. Wir sind ein sehr dicht besiedeltes Land und es kommt IMMER auf den Untergrund an, auf dem WIE gefahren wird. Wollen wir hier vor unserer Haustür richtigen MTB-Tourismus, noch mehr Heide-Besucher, auf einer eiszeitlichen Binnendüne? Ich möchte als Beispiel den Boots-Tagestourismus auf der Insel Hiddensee nennen. Der Strand ist täglich voller Boote, die Leute lassen kein Geld auf der Insel, weil sie alles an Bord haben, zahlen keine Kurtaxe und hinterlassen Berge von Müll. Hoffentlich hat sich an dieser Situation aktuell und inzwischen was geändert.
    -> „dass man über eine Aberkennung des Naturschutz-Status des Prießnitzgrundes nachdenken könne“ zeigt für mich eine Grundhaltung, den Frevel an der Natur im Eigeninteresse zu legitimieren und als normal hinzustellen. Darf Freiheit so weit gehen? Wir Menschen sind zu Gast im Wald.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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