Beim Allgemeinarzt (am besten, bleibt gesund!)

Ein Deutscher beim französischen Arzt

Ich träumte schon lange davon, meinen Mann zum Arzt in Frankreich zu bringen, damit er versteht, warum ich von jedem Arztbesuch in Deutschland so empört zurückkam.

Die Gelegenheit hatten wir, als er einmal im Frankreichurlaub krank wurde und wir einen Termin beim Allgemeinarzt erhalten hatten. In dem kleinen leeren Wartezimmer fragte mich mein verwirrter Mann:

    „Aber äh, wo sind denn die anderen Stühle? Ich meine … wo ist das richtige Wartezimmer?“
    „Wir sind doch im Wartezimmer.“
    „Und was ist mit den anderen Patienten, wo sind sie die denn alle?!“
    „Nun, Sie haben einen Termin!“

Mund auf und Tschüss!

Express-Untersuchung - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Express-Untersuchung – Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles

Eine Französin beim deutschen Arzt

Meinen ersten Besuch beim deutschen Allgemeinarzt werde ich nie vergessen. Ich hatte Grippe und eine Kollegin hatte mir die Kontaktdaten ihrer Hausärztin gegeben.

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Zuerst wartete ich zwei Stunden in einem überfüllten Wartezimmer. Da es mein erstes Mal in einer deutschen Arztpraxis war, dachte ich, es lag am Winter und den vielen Grippefällen, und auch daran, dass ich ohne Termin kommen durfte. Ich wusste noch nicht, dass diese Warterei in Deutschland die Norm ist. Dann bat mich die Ärztin endlich in ihr Zimmer.

Riesen Fauxpas: Während sie am Computer tippte und mir die üblichen Fragen stellte (Name, Vorname, Alter, Symptome), fing ich an, mich auszuziehen. Wie beim französischen Arzt. Für die Untersuchung eben! Und da hörte ich die offensichtlich verdutzte Ärztin: „Was zum Teufel machen Sie denn?“. „Nun, ich ziehe mich aus, für die Untersuchung …“. „Aber Fräulein, Sie werden sich doch erkälten! Ziehen Sie sich sofort wieder an! Na so etwas habe ich ja noch nie erlebt.“

Und ich hatte noch nie zuvor einen Arzt erlebt, der seine vollständig bekleideten Patienten innerhalb von zwei Sekunden untersucht (Mund auf und Stethoskop. Das war’s?). Zum Schluss verschrieb sie mir: nichts. Also doch: Tee, Ruhe und einen Krankenschein für die Arbeit. „Euh, ein paar Medikamente vielleicht?“ „Wozu? Sie haben einen Virus, in drei Tagen ist das vorbei. Auf Wiedersehen.“

Voilà. Das war mein erstes und letztes Mal in dieser Praxis.

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„Allo, hättest du vielleicht Antadis1 für mich?“

Seitdem fand ich einige freundlichere Hausärzte, aber bis jetzt keinen, der Termine vergibt. Das heißt, bei dem man sich nicht schon früh um Sieben anstellen muss (großartig bei Grippe oder Magen-Darm), damit man vor 10 Uhr beziehungsweise überhaupt empfangen wird. Denn wenn es zu voll ist, kann der Patient nach Hause geschickt werden mit der Bitte, am nächsten Tag sein Glück erneut zu versuchen. Und das nennt man hier „Akutsprechstunde“?

Also keinen, bei dem das Wartezimmer nicht so voll ist wie eine Bahnhofshalle an einem Streiktag der französischen Bahn. Manche verfügen sogar über einen Prompter oder Lautsprecher, um Patienten aufzurufen. Hilfe!

Und auch keinen, bei dem die Untersuchung länger als drei Minuten dauert und bei dem sich der Patient auszieht: Selbst mit dem Stethoskop hört der Arzt durch das T-Shirt ab! Im Land des FKK kann es ja wohl kaum am Schamgefühl liegen, oder?

Auch bekam ich hier selten mehr als Omas Hausmittelchen verschrieben.

Kein Wunder, dass meine Mitmenschen und ich unsere Apotheke aus Frankreich importieren: Jede Reise und jedes Paket von den Eltern ist eine Gelegenheit, unseren Vorrat an Hustensaft, Halstabletten, Schmerzmitteln und sonstigen Medikamenten aufzufüllen. Damit überstehen wir unsere Erkältungen schneller als mit Zitronen-Ingwer-Tee, was auch immer man hier sagt.

Wenn wir krank sind, gehen wir inzwischen gar nicht mehr zum Arzt: Wir rufen uns gegenseitig an.

Mist, heute ist Mittwoch

Also wirklich: In einem Land, in dem man ein Jahr im Voraus weißt, auf welchem Gleis der Zug (pünktlich) ankommt, sollte es aber doch nicht so kompliziert sein, verbindliche Termine beim Allgemeinarzt zu vergeben, oder? Selbst wir chaotische Franzosen schaffen das. Aber nein: In Deutschland brauchte man wohl erst eine Pandemie um darauf zu kommen…

Krank werden sollte man in Deutschland auch am besten dienstags oder donnerstags. Denn nach dem Wochenende sind die Wartezimmer noch voller als sonst und mittwochs und freitags schließen Praxen meistens um 11 Uhr. Viren und Unfälle sollten möglichst auch direkt vor dem Quartalswechsel (Abrechnungstag) vermieden werden. Das weiß ich ganz genau seit dem Tag an dem ich einen Hexenschuss unglücklicherweise an einem Mittwoch 31. März um 10.50 Uhr bekam. Also, am besten ist man einfach gar nicht krank; und man ist hoffentlich kein Hypochonder.

Hier soll man auch auf die „Empfangsdamen“ aufpassen, die man übrigens gar nicht „Empfangsdamen“ nennen sollte: Das habe ich einmal gemacht, sie haben es sehr übelgenommen. Ich konnte ja nicht wissen, dass sie Arzthelferinnen sind: In Frankreich werden die Patienten entweder direkt von ihrem Arzt oder von einer Sekretärin empfangen.

Und sogar freundlich. Was hier nicht unbedingt der Fall ist. Es fühlt sich manchmal sogar so an, als ginge es darum, so viele Patienten wie möglich aus der vollen Praxis loszuwerden. Und da Patienten im Endeffekt mehr Zeit am Schalter verbringen als mit dem Arzt selber, klappt das gerade bei Neuankömmlingen sehr gut. „Eine sächsische Spezialität“, haben mir viele Freunde gesagt. Mittlerweile wähle ich meine Ärzte nur noch nach den Internet-Bewertungen ihrer Arzthelferinnen.

Und gebe mir Mühe, gesund zu bleiben, vor lauter Angst, zum deutschen Arzt gehen zu müssen.

1Antadis ist ein von Französinnen sehr begehrtes Wundermedikament gegen Bauchschmerzen.

Die Französin Peps in Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Die Französin Peps in Dresden – Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles

Ein Gastbeitrag von Peps, der Französin in der Neustadt. Aus der Reihe „C’est la vie! – Chroniken einer Französin in der Neustadt“. Illustrationen: Jean-Pierre Deruelles. Fortsetzung folgt.
Anmerkung der Redaktion: Die Arztdichte pro Einwohner ist laut Wikipedia in Deutschland übrigens höher als in Frankreich. Außerdem gibt es durchaus auch in der Neustadt Allgemeinärzte, die mit Terminen arbeiten. Nur, wer einen solchen kennt, behält es meistens für sich. Übersicht der Neustadt-Ärzte.

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7 Ergänzungen zu “Beim Allgemeinarzt (am besten, bleibt gesund!)

  1. @Peps

    Da wir „Antadis“ (natürlich) nicht kannten, haben wir es mal kurz gegoogelt. Hier ein kurzer Auszug der Nebenwirkungen:

    – Schlaganfall
    – Angina
    – Arrhythmie
    – Cellulite
    – Kolitis
    – Todessterblichkeit
    – Schmerzen in der Brustverengung
    – Fasziitis
    – Herzinfarkt
    – Lungeninfektion
    – Herzinsuffizienz

    Dass die Franzosen andere Prioritäten haben als die Deutschen ist spätestens seit Corona bekannt. Bei den Franzosen waren der Rotwein und die Präservative knapp, bei uns das Klopapier.

    Aber wollen alle französischen Frauen ernsthaft Cellulite?

  2. Es gibt aber schon einige Arztpraxen bei denen man sich online einen Termin holen kann, auch hier in der Neustadt.

  3. Dass man bei Grippe/Erkältingskrankheiten nur Hausmittel als Empfehlung bekommt, liegt daran dass viele Medikamente frei erhältlich und nicht verschreibungspflichtig sind. Zu dem enthalten viele ‚Medikamente‘ gar keine Wirkstoffe, die eine Krankheit bekämpfen, sondern nur die Symptomatik überdecken/abmildern. Die Ursache der Krankheit bleibt aber weiterhin bestehen.

  4. Hui, der Text ist aber ungewohnt unspaßig, dachte ich beim ersten Lesen, ist es denn wirklich so schlimm? Und dann: ja, ist es. Und zwar ohne triftigen Grund. Das Ganze beginnt aber schon vor dem eigentlichen Praxisbesuch.

    Eine Dresdner Freundin von mir wohnt nun seit mehr als 10 Jahren in Holland und arbeitet dort. Für die normale Bagatelle einer Erkältung oder kurzen Magen-Darm-Infektion ist dort grundsätzlich kein Krankenschein nötig, lediglich das Bescheid geben beim Arbeitgeber, dass man für einige Tage fehlen wird. Und nein, das Argument kommt nämlich immer auf dem Fuße, in den Niederlanden feiern die Leute aufgrund dieser Tatsache nicht reihenweise krank.

    Die „üblichen Verdächtigen“ mit dem Brückentagsinfekt gibt es sicher auch dort, aber die gibt es hier eben auch! Kein Arzt kann nämlich mit der oben beschriebenen Untersuchungsmethode feststellen, dass ich KEIN Bauchweh, Übelkeit oder Durchfall habe! Im Umkehrschluss, habe ich dies alles und bin nicht nur hinter dem „gelben Schein“ her, hat es die neben mir sitzende Omi, die nur ihr Rezept und eine Blutentnahme wollte, vermutlich morgen auch und damit einen Grund für einen erneuten Arztbesuch… Freiverkäufliche Medikamente, auch ein „beliebtes“ Thema für mich.

    Sie haben einen Virus?! Na klar, weeß ick doch, warum ich seit über ner Stunde hier bin und nicht 3 Minuten unten in der Apotheke, weiß ich nicht! In meiner Jugend bekam man, wollte man diese, auch „nur“ symptomlindernde Medikamente vom Arzt verschrieben, in oft sinnvoller Dosierung, Menge und Kombination. Heute bestellt man diese an der Theke nach vorhandener Geldmenge und Gutdünken…

    Sicher, bleibt man über die üblichen Tage hinaus krank oder ist es wirklich schlimm, ist der Gang zum Arzt nötig. Aber meine Arbeitsunfähigkeit im Falle von Husten, Heiserkeit, Kopfweh feststellen, kann ich schon noch selbst… und ja, Pandemie machts möglich, plötzlich kann man Krankenscheine telefonisch anfordern.

    Was ihre Sinnhaftigkeit und die „gründlichen“ Untersuchungen beim grippalen Infekt sowie die damit auflaufenden Kosten fürs Gesundheitssystem zusätzlich infrage stellt.

    Noch schlimmer finde ich alles oben Genannte übrigens bei Kindern und bin sehr dankbar dafür, dass die Schule meiner Kinder auf Krankschreibungen verzichtet. Ja, sie leben noch und nein, das ist keine Kindswohlgefährdung, wenn ich ein verrotztes Kind einfach daheim lasse für einige Tage. Es ist im Gegenteil eine Freude und Erleichterung für die Eltern der Kinder, die meine nicht angesteckt haben, im Wartezimmer oder in Kita/Schule.

    Sind wir aber wieder beim Arbeitgeber. Zwar steht Arbeitnehmern gesetzlich zu, drei Tage pro Monat ohne Schein krank zu sein, wer dies jedoch schon einmal versucht hat, weiß wie viele Arbeitgeber da sehr pikiert reagieren. Denen ist es lieber, Leute lassen sich für das Doppelte der Zeit offiziell krank schreiben.

    Last not least Arzthelfer*innen: es gab schon immer solche und solche, der Job ist aufgrund des gängigen Procedere stressig und es wird aus meiner Sicht trotzdem besser. Die „Schreckschrauben“, die dafür sorgen, dass die Menge der Patienten ein für die Ärzte gerade noch aushaltbares Maximum nicht übersteigt, gibt es trotzdem noch und ich frage mich immer wieder, warum manche Praxen sich den Luxus gönnen zu sagen, „derzeit können wir leider keine neuen Patienten mehr aufnehmen“ (Wartezimmer in der Regel übersichtlich) und andere dies eben nicht tun, nur um das auflaufende Gewimmel von Kranken dann rüde zu behandeln und sich dabei noch als die Retter der Situation zu fühlen… fahre dieses Jahr vielleicht noch nach Frankreich und bin gespannt, für den Fall :)

  5. Wenn mit den gewünschten“Medikamenten“ Antibiotika gemeint sind, sollte man sich vergegenwärtigen, dass deren Einsatz nur bei bakteriellen Infektionen indiziert ist. Ist dies nicht der Fall und werden Antibiotika grundlos genommen, führt dass bloß zu resistenten Keimen. Frankreich hat wohl nicht ohne Grund in Europa mit am meisten Antibiotika resistente Darkmkeime und den höchsten Antibiotika Verbrauch…

  6. Liebe Peps,
    ich habe mehrmals bei deinem Text gedacht.
    „Ja, so ist das! Genau so ist das!“
    Eine gute Hausärztin suche ich auch schon lange. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich eine gefunden habe.

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