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Zusammen oder getrennt?

Oder: Wie er­kennt man Fran­zo­sen in ei­nem deut­schen Restaurant?

Ich war noch nicht so lange in Dres­den, da schlug mir mein deut­scher Freund vor: „Lass uns mal es­sen ge­hen!“. „Chic, ein ro­man­ti­scher Abend im Re­stau­rant!“, dachte ich spon­tan und machte mich so­fort hübsch für die­sen An­lass. Schon sah ich uns in ei­nem hüb­schen Lo­kal mit Ker­zen, ei­nem Glas Rot­wein und gu­tem Essen…

Der Kellner bring Peps in Entscheidnungsnöte - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Der Kell­ner bring Peps in Ent­scheid­nungs­nöte – Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

Et­was spä­ter sa­ßen wir auf der Wiese im Alaun­park und aßen ei­nen Dö­ner. So stellte ich fest, wie „es­sen ge­hen“ de­fi­ni­tiv zwei sehr un­ter­schied­li­che Be­deu­tun­gen hat, je nach­dem auf wel­cher Seite des Rheins man sich befindet.

Auch im Re­stau­rant selbst ent­deckte ich bald, wie viele un­ter­schied­li­che Sit­ten es gibt. Habt ihr schon Fran­zo­sen in ei­nem deut­schen Re­stau­rant be­ob­ach­tet? Die er­kennt man schnell.

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Ers­tens: Sie sind die ein­zi­gen Tou­ris­ten, die sich beim Be­tre­ten des Re­stau­rants nicht so­fort hin­set­zen. Nein, nein. Sie blei­ben er­starrt am Ein­gang ste­hen, se­hen dem Kom­men und Ge­hen der Kell­ner zu und är­gern sich dar­über, völ­lig igno­riert zu wer­den. Sie war­ten näm­lich dar­auf, plat­ziert zu wer­den. Was aber lange dau­ern kann, denn in Deutsch­land setzt man sich ein­fach di­rekt dort­hin, wo man will. An die­ser Stelle ein klei­ner Hin­weis für deut­sche Rei­sende in Frank­reich: Macht das bitte nie­mals in ei­nem fran­zö­si­schen Re­stau­rant. Das gilt als schlim­mer Faux­pas, und man wird euch um­ge­hend an ei­nen an­de­ren Tisch ver­set­zen, vor al­lem wenn ihr es ge­wagt habt, euch zu zweit an ei­nen Vie­rer-Tisch zu setzen.

We­nige Mi­nu­ten spä­ter, nach­dem drei deut­sche Fa­mi­lien das Re­stau­rant be­tre­tet ha­ben, schon sit­zen und so­gar be­stellt ha­ben, wer­den un­sere fran­zö­si­schen Tou­ris­ten schließ­lich von ei­nem Kell­ner be­merkt. End­lich kön­nen sie ihre üb­li­che Frage stel­len: „Kann man (noch) es­sen?“. Ich liebe den ver­wirr­ten Blick des deut­schen Kell­ners bei die­ser Frage. Er glaubt be­stimmt, dass man sich über ihn lus­tig ma­chen will. „Aber … selbst­ver­ständ­lich. Sie sind schließ­lich zum Es­sen her­ge­kom­men, oder?“. Man darf es den Fran­zo­sen aber nicht übel­neh­men: Au­ßer­halb der fes­ten Es­sen­zei­ten sind in Frank­reich alle Re­stau­rant­kü­chen ge­schlos­sen; Sie wis­sen nicht, dass man in Deutsch­land auch um 14 Uhr Ap­pe­tit auf ein Wie­ner Schnit­zel ha­ben darf!

Kaum ha­ben sich die fran­zö­si­schen Gäste end­lich ge­traut, sich an ei­nem selbst­er­wähl­ten Tisch zu set­zen, da steht schon der Kell­ner be­reit und fragt: „Was möch­ten Sie trin­ken?“. Über­for­dert blät­tern sie ge­hetzt die Karte durch und stot­tern so et­was wie: „Euh, na ja, Mo­ment. Das kommt ja dar­auf an, was wir es­sen wer­den!“. Nur nicht in Deutsch­land, wo man erst­mal sei­nen Durst (meis­tens mit ei­nem Bier) löscht, noch be­vor man das Es­sen be­stellt. Da­her die zu­neh­mende Ir­ri­ta­tion des Kell­ners, der wohl den­ken muss: „Diese Fran­zo­sen, die wis­sen echt nicht, was sie wollen!“.

Doch, halt! Sie hät­ten gerne eine Ka­raffe Lei­tungs­was­ser, Salz und Pfef­fer, und das Brot, bitte.

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Ha­haha. Und warum nicht noch eine Vin­ai­grette dazu! Nein, all das gibt es in ei­nem deut­schen Re­stau­rant nicht. Al­les, was un­sere Kun­den be­kom­men kön­nen, ist eine große Fla­sche „pie­ken­des“ Was­ser (wie die klei­nen Fran­zo­sen es nen­nen, die an das kos­ten­lose Lei­tungs­was­ser ge­wöhnt sind) die nicht um­sonst ser­viert wird. Zum Glück gibt es meis­tens eine Kerze oder eine Blu­men­vase als Deko, sonst wä­ren die Ti­sche ganz schön leer!

Am Ende bringt der Kell­ner die Rech­nung und stellt eine, für die Fran­zo­sen, ab­so­lut un­denk­bare Frage: „Zu­sam­men oder ge­trennt?“. Was so viel be­deu­tet wie „Be­zahlt je­der für sich oder lädt je­mand die an­de­ren ein?“. Diese Frage scho­ckiert mich heute noch und zwingt mich zu ei­ner sehr pein­li­chen Ex­press-Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nung, denn: Wenn ich „ge­trennt“ ant­worte, aber meine Freun­din „zu­sam­men“, dann bin ich die Gei­zige, die ein­ge­la­den wird, aber es nicht vor­hatte, die an­dere einzuladen. 

Im um­ge­kehr­ten Fall (Ich sage „zu­sam­men“ und sie sagt „ge­trennt“) bin ich die­je­nige, die sie für gei­zig gel­ten lässt. Wenn wir beide gleich­zei­tig „ge­trennt“ ant­wor­ten, ist das prak­tisch und deut­lich, aber ein we­nig trau­rig. Im End­ef­fekt be­vor­zuge ich die sym­pa­thi­schere Ver­sion, in der wir beide „zu­sam­men“ ant­wor­ten, mit den fünf Mi­nu­ten Dis­kus­sion am Tre­sen vor dem un­ge­dul­di­gen Kell­ner: „Ich lade dich ein“, „Nein, nein, ich lade dich ein, das letzte Mal warst du schon dran!“. Das er­in­nert mich an Frankreich.

Diese Frage bringt mich auch zum La­chen, wenn ich mit mei­nen El­tern im Re­stau­rant bin und es doch völ­lig klar ist, dass der Be­sit­zer der Kre­dit­karte mein Papa ist. Wir stel­len uns dann vor, mein Va­ter würde sein Gu­lasch be­zah­len, ich mein Schnit­zel und meine Mut­ter ih­ren Sa­lat, und la­chen uns schlapp.

Auch beim Abend zu zweit kam mir diese Frage öf­ter un­an­ge­bracht vor. Ist man als Pär­chen noch am Flir­ten klingt der Mo­ment der Rech­nung wie eine ko­mi­sche An­spie­lung: „Na, Zu­sam­men?“ (Euh, noch nicht! Aber viel­leicht küsst er mich heute Abend noch?). Hat man ge­rade eine Be­zie­hungs­krise und sich das ganze Abend­essen da­mit aus­ein­an­der­ge­setzt, klingt die­ser selt­same Au­gen­blick eher wie eine Guil­lo­tine: „Also, zu­sam­men oder ge­trennt?“ (Na ja, das fra­gen wir uns auch gerade …).

Also ich mag diese For­mel de­fi­ni­tiv nicht. Aber ich ver­ehre sie bei Aben­den in der Kneipe mit zehn Freun­den: Das Be­zah­len dau­ert nicht län­ger als zwei Mi­nu­ten! Der Kell­ner geht um den gan­zen Tisch herum und kas­siert je­den nach­ein­an­der ab. Et voilà! Da­mit ver­mei­det man das üb­li­che fran­zö­si­sche Chaos nach dem Es­sen, wenn man eine Stunde lang das ge­sam­melte Geld zum zehn­ten Mal nach­zählt („Ach Mist, es feh­len im­mer noch zwei Euro!“). 

Wich­ti­ger noch: Man re­du­ziert das Ri­siko des un­fai­ren „Na dann tei­len wir ein­fach al­les durch zehn“, wo­bei man das Es­sen der hung­ri­gen Freun­din oder die gute Laune der an­ge­trun­ke­nen Kum­pels mit­be­zahlt. Schließ­lich hat man sich auf eine Suppe und ein Glas Was­ser be­schränkt, um über die Run­den zu kom­men! („Hätte ich das ge­wusst, hätte ich auch das drei-Gänge-Menü bestellt!“).

Un­sere fran­zö­si­schen Kun­den ha­ben nun be­zahlt und wun­dern sich, dass der Kell­ner auf ein­mal so ent­setzt wirkt: „Was für Geiz­hälse, diese Fran­zo­sen!" denkt er jetzt be­stimmt, denn sie ha­ben ihm ge­rade gar kein Trink­geld ge­ge­ben. Sie hat­ten es aber noch vor. Al­ler­dings erst nach Be­glei­chung der Rech­nung. Wie es sich in Frank­reich ge­hört, näm­lich „heim­lich“, in dem man ein paar Mün­zen auf dem Tisch lässt, kurz be­vor man geht. Diese fran­zö­si­sche Art, Trink­geld zu ge­ben, ge­fällt mir ganz gut, denn man hat die Zeit, sich zu über­le­gen, wie viel man dem Kell­ner ge­ben möchte. Bis da­hin ist das Es­sen so­zu­sa­gen nicht ab­ge­schlos­sen, man bleibt gerne noch ein biss­chen sit­zen, ge­nießt die­sen Mo­ment nach dem Es­sen, trinkt sein Glas in Ruhe aus …

In Deutsch­land feh­len mir diese „Ver­län­ge­run­gen“ und mich stresst das schnelle Kopf­rech­nen beim Be­zah­len. Denn ent­we­der kün­digt man ei­nen ge­run­de­ten Be­trag an („also für 16,50 € was sage ich? Euh 20 ist zu viel, 17 zu we­nig, 19 ist al­bern, also sage doch 20? Hilfe!“).

Oder man sagt „Danke“ bei der Über­rei­chung des Be­trags, was so viel heißt wie „‘ist gut so“: Das lernte ich gleich bei mei­nem ers­ten Mal in ei­nem deut­schen Café: Ich hatte ein höf­li­ches „Danke“ beim Be­zah­len ge­sagt und sah zu, wie der glück­li­che Kell­ner mit mei­nem Wech­sel­geld ver­schwand … „Haha, du hast ihm ge­rade vier Euro Trink­geld für dein Es­presso ge­ge­ben!“ klärte mich mein Be­glei­ter auf. Ups.

Ein Gast­bei­trag von Peps, der Fran­zö­sin in der Neu­stadt. Aus der Reihe "C’est la vie! – Chro­ni­ken ei­ner Fran­zö­sin in der Neu­stadt". Il­lus­tra­tio­nen: Jean-Pierre De­ru­el­les. Fort­set­zung folgt.

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6 Ergänzungen

  1. Was für ein wun­der­vol­ler Ein­blick in die Kulturunterschiede!
    Ich möchte fast fest­stel­len, dass mich die er­wähn­ten Ge­ge­ben­hei­ten auch ir­ri­tie­ren und mein Ver­hal­ten beim Es­sen­ge­hen wohl eher ei­nem Fran­zo­sen gleicht als dem mei­ner Landsleute.
    ‑Wenn von "Es­sen ge­hen" ge­spro­chen, dann aber eine Dö­ner­bude an­ge­steu­ert wird, bin ich ver­wirrt.. Das ist doch nur "Es­sen holen"!
    ‑Im Re­stau­rant nö­tige ich meine Be­glei­ter bzw. Be­glei­te­rin­nen un­be­dingt auf die Plat­zie­rung zu war­ten, wir sind ja keine Bar­ba­ren :) mit­un­ter fange ich dann un­ge­dul­dig auch Kell­ner ab um mei­nen Wunsch zu äu­ßern. Es wird lei­der oft­mals wirk­lich nicht er­war­tet, ste­hen ja schließ­lich kleine Re­ser­vie­rungschil­der auf den ver­bo­te­nen Tischen.
    ‑Fragt die Kell­ne­rin oder der Kell­ner di­rekt nach dem brin­gen der Karte nach Ge­trän­ke­wün­schen, ant­worte ich idR um­ge­hend, dass wir erst die Karte ein­se­hen wer­den. Ich kann es al­ler­dings ver­ste­hen, wir sind nun­mal ein Bier­trin­ker­land, da fällt die Wahl recht schnell und für un­ge­dul­dige ist das si­cher angenehm.
    ‑Zum Wein gibt es über­all auch Was­ser ohne pik­sen (Koh­len­säure), ist zwar hier nicht um­sonst, aber da ich eh meisst Wein in der Fla­sche or­der, fal­len die 2–3 Euro fürs Was­ser nicht ins Ge­wicht, ein we­nig bes­ser als das "Kran­ber­ger" schmeckt es auch noch.
    ‑Auf Brot kann ich ver­zich­ten, nicht aber Salz und Pfef­fer­streuer auf dem Tisch, der Wunsch da­nach wurde mir auch hier nie ir­gendwo ausgeschlagen.
    ‑Die Frage "zu­sam­men oder ge­trennt" habe ich mit der Zeit sehr schät­zen ge­lernt, das zu­sam­men­wer­fen vom Geld wo je­der noch­mal die Karte stu­diert und dis­ku­tiert wird ein­fach aus­ge­la­gert an den Kell­ner, der kann sich idR über ein bes­se­res Trink­geld freuen als bei dem zu­sam­men­ge­wor­fe­nen Geld. Beim rech­nen vom Trink­geld mach ich mir auch we­nig stress, 10% drauf ist leicht ge­rech­net und noch ein we­nig drü­ber darf es gerne sein, und wenn dann halt 19 Euro raus­kommt, dann ist das eben so! Mit mei­nen Freun­den hat sich eta­bliert ab­wech­selnd zu zah­len, so ist eine kleine Gruppe ent­stan­den die re­gel­mä­ßig zu­sam­men Re­stau­rants be­sucht, ein fer­ner Traum momentan…

  2. Ein­fach Hin­set­zen gilt nur für den Schnell­im­biss. Ich bin auch ge­wöhnt ei­nen Kell­ner nach ei­nem Tisch für x Per­so­nen zu fra­gen, wenn ich in ein Re­stau­rant gehe. Das ist hier ebenso üb­lich und das nicht zu ma­chen ist unhöflich.

  3. Wie­der ein schö­ner Artikel.
    Ich möchte be­haup­ten, die Frage "zu­sam­men oder ge­trennt" und das schnelle Kopf­rech­nen bzgl. Trink­geld stresst "die Deut­schen" ge­nauso – mich zumindest.
    Und wenn ei­nem die Kellner*innen ab und zu ein paar Mi­nu­ten mehr ge­ben wür­den, um sich das erste Ge­tränk raus­zu­su­chen, wäre ich auch nicht böse. Schickt man sie beim ers­ten Mal mit den Wor­ten "wir müs­sen noch schauen" weg, dau­ert es dann manch­mal (ex­tra?) eine ge­fühlte Ewig­keit, bis sie wie­der auftauchen…
    Nichts­des­to­trotz: hof­fen wir mal, dass man über­haupt bald wie­der mal ins Re­stau­rant ge­hen kann :)

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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