Niedergehende Moral und steigende Preise

Wenn von den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Rede ist, dann werden diese meist mit dem Zusatz „die Goldenen“ versehen. Doch vor 100 Jahren, im konkreten Jahr 1920, war davon nichts zu spüren. „Golden“, zumindest für einige, wurden sie erst ab 1924. Davon ahnten Mann, Frau, Kinder, Handwerker, Arbeiter, Kleinunternehmer, Bauern und auch Beamte, Ärzte und Rechtsanwälte allerdings nichts. Betrüger und Bauernfänger witterten das große Geschäft. Prostitution und Kriminalität gingen goldenen Zeiten entgegen. Wir sind immer noch im Jahr 1920 und nicht 2020.

Die Inflation begann zu galoppieren

Das Einzige, was allgegenwärtig damals spürbar war, waren die Verschlechterungen der persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebensverhältnisse. Dazu kamen die sich immer schnelleren Umdrehungen der Notenpressen, das heißt, die Inflation beschleunigte sich. Die Kosten des Krieges und seiner Folgen zahlte das Volk. Die Papiermark verlor an Wert, Sparkonten wurden aufgefressen, Aktien entwertet. Der Freistaat Sachsen verschuldete sich immer mehr. Die Preise für Lebensmittel, Mieten und Verkehr stiegen rasant. Die Löhne und Gehälter kamen da nicht mehr mit. Im gesamten Stadtgebiet und in den Randgemeinden bestand große Not an bezahlbaren Wohnungen. Wir sind immer noch bei 1920 und nicht in einer besonders düsteren Vorschau für 2021 nach der Bundestagswahl.

Nach nur wenigen Wochen erhöhte die Stadt Dresden bei den Straßenbahnen erneut die Tarife. So kostete seit dem 19. Januar 1920 eine einfache Fahrt am Tage 40 Pfennig und des nachts 1,20 Mark, die Monatskarte mit 50 Fahrten belief sich jetzt auf 16 Mark. Schüler und Lehrlinge zahlten für 25 Fahrten nun 6 Mark.

Zu allem Überdruss erhob die Spanische Grippe mit einer dritten Welle ihr Haupt und hielt in der Stadt reichliche Ernte. Die Krankenhäuser und deren Personal waren total überlastet. Am Tage angesteckt, am nächsten Morgen tot.

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Alles wurde rationiert

Die Rationierungen von Kohle und anderes Heizmaterial, Kartoffeln, Fleisch, Mehl, Saatgut, Fette wurden weiter gekürzt. Vegetarier hätten hungern müssen. Veganer gab es nicht. Gemüse gab es im Winter kaum. Höchstens für horrende Preise oder geschmuggelt auf dem Schwarzmarkt. Die Wochenration für Kartoffeln wurde zum Beispiel im Februar auf 3 Pfund pro Familie reduziert, sofern es welche gab.

Man überlegte sich also in den meisten Familien genau, ob man ein Zimmer heizte zum Vergnügen oder ob man sich in der Küche versammelte, wo mit dem wenigen, was man hatte, gekocht wurde. Verheizt wurde alles, was brannte. Da hatte man es für kurze Zeit einigermaßen warm. Satt oder warm – das war die Wahl. An Umwelt und sauberer Luft dachte niemand.
Und Arbeitsangebote wurden weniger. Lehrstellen wurden knapp, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Familieneinkommen verringerten sich. Ein böser Kreislauf setzte sich in Gang.

Niedergang der Kultur

Auch die Zuschüsse für Kultureinrichtungen, wie den Staatstheatern und Museen wurden drastisch gekürzt. Was Wunder, wenn sich die Einrichtungen kreativ was einfallen lassen mussten. Und das wurde in bildungsbürgerlichen und konservativen Kreisen nicht immer mit Wohlgefallen gesehen. Die Besucherkantinen, z.B. im Alberttheater, wurden an Leute vermietet, die kein Interesse an Hochkultur hatten, sondern dort „frivole Tanzabende“ veranstalteten. Zwischen den „unsittlich Tanzenden und den gesitteten Theaterbesuchern kam es häufig zu tätlichen Auseinandersetzungen“. Die Dresdner Nachrichten bemerkten, dass das „ein neues Zeugnis für die einreißende Zuchtlosigkeit sei, die das Publikum durch sich selbst bekämpfen muss“.

Auch die bis zum Krieg noch preisgünstigen Lesehefte und Bücher wurden teurer. So kostete ein Reklamheft vor dem Krieg 20 Pfennig. Jetzt, also zu Beginn des Jahres 1920 mit Sortimentsteuerungszuschlag, einer Art Mehrwertsteuer, 1,20 Mark. Die Zeitung schrieb resigniert: „Die Zeit der billigen Volksbücher scheint damit endgültig vorüber zu sein.“

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Selbsthilfe der Künstler

Zu leiden hatten besonders auch die in geistigen und künstlerischen Berufen arbeitenden. So veranstaltete die Akademie der Bildenden Künste auf der Brühlschen Terrasse zu Hebung der wirtschaftlichen Notlage des Akademikerheims im Februar eine öffentliche Verlosung. Dafür stellten alle Professoren sowie die Studierenden und auch Absolventen künstlerische Beiträge, wie Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen sowie Meißner Porzellan zur Verfügung.
Angebote gab es von Otto Dix, dem Mitbegründer der expressionistisch orientierten Dresdner Sezession ein Jahr zuvor. Mit dabei auch der damalige Dadaist Otto Griebel. Neben anderen machten diese beiden in den 20er Jahren Dresden zu einem Zentrum der Neuen Sachlichkeit. Dazu gehörten auch Conrad Felixmüller und Elfriede Lohse-Wächtler, der in Arnsdorf 1932 Schizophrenie diagnostiziert bekam, die 1935 im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt zwangssterilisiert und dann in Pirna-Sonnenstein im Rahmen der Nazi-Euthanasie-Aktion T4 ermordet wurde.
Unter den Gewinnen befanden sich auch 60 Gutscheine auf Porträts der Gewinner durch einen Absolventen. Wer von den reicheren Bürgern was an Geld übrig hatte, konnte sich recht günstig mit Kunst als langfristige Wertanlage eindecken.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

2 Kommentare zu “Niedergehende Moral und steigende Preise

  1. Spannend zu lesen und Anregung zum Nachdenken über das heutige Jammern! Wünsch mir im NeustadtGeflüster nur noch mehr lokale Anekdoten … die vielleicht die Leser beisteuern können … Und im zweiten Abschnitt gibt es eine Papiermarkt … wassn das :-)

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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