Bürgerbühne: Die ganze Stadt in einem Haus

Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind kein Holzweg, sondern ein Pfad der Weisheit. Das erfährt Sabrina Bohl, Dramaturgin und stellvertretende Leiterin der Bürgerbühne Dresden, täglich in ihrem Beruf. Seit einem Jahr arbeitet sie für die „Mutter aller Bürgerbühnen“ – der Ort hilft nicht nur ihr, andere Lebenswelten zu ergründen. 

Sabrina Bohl kam aus Neugier nach Dresden. "Es kam zur richtigen Zeit". Foto: Philine
Sabrina Bohl kam aus Neugier nach Dresden. „Es kam zur richtigen Zeit“. Foto: Philine
An diesem Freitag führt mich mein Weg nicht zum Hauptportal des Kleinen Hauses, sondern durch eine schmale Häuserschlucht zum Bühneneingang. Hier erwartet mich Sabrina Bohl.

Aus Bremen an die „Mutter aller Bürgerbühnen“

Es geht hinein in den Ameisenbau, der am Tag – quasi von der anderen Seite aus betrachtet – verwirrend fremd wirkt. Handwerker klemmen werkelnd unter Heizkörpern, in Grüppchen wird die Position von Vorhängen diskutiert. Im großen Saal sitzt ein Techniker mit an die Schläfe gestemmtem Zeigefinger vor den Reglern. In den Gängen nicken sich Gesichter grüßend zu, die draußen am Straßenrand groß auf gelben Plakaten prangen. Viele unterschiedliche Gewerke und Personen koexistieren und kooperieren hier gebündelt unter einem Dach. „Das Theater ist wie eine Stadt in einem Haus“, sagt Sabrina Bohl.

Wir erreichen das Büro. Vor einem Jahr kam die Dramaturgin Sabrina Bohl aus Bremen nach Dresden. Dresden sei als „Mutter aller Bürgerbühnen“ renommiert, begründet Sabrina Bohl ihren Entschluss. Ein weiterer wichtiger Faktor war, dass sie bis dahin kaum Berührungspunkte mit „dem Osten“ hatte. Der Osten, ein unbekanntes Gebiet, in das sie mit Kind und Kegel zog, und dass sie sich durch ihre Arbeit erschließt. Das Erfahren von Geschichte und Identität durch das Lauschen auf Lebensgeschichten.

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Die Ergründung dichter Netze

Mit dem Leiter der Bürgerbühne Tobias Rausch teilt sie das Bestreben einer Öffnung des narrativen Theaters hin zum performativen. Noch stärker die freie Szene, Tanz, Musik, Internationalität einzubinden, stellte sich im Vorgespräch als gemeinsame Vorstellung heraus. Auch das beeinflusste die Entscheidung zum Umzug nach Dresden maßgeblich – ebenso wie schlicht die Tatsache, dass eine Stelle an der Bürgerbühne frei war. „Es kam zur richtigen Zeit“, sagt Sabrina Bohl rückblickend. Die aktuelle Inszenierung der Bürgerbühne heißt „Dichte Netze“ und beschäftigt sich mit sozialen Netzwerken, jedoch maßgeblich im analogen Sinn. Woraus bestehen die Netze, die mich halten? Was passiert, wenn ich durch sie hindurch falle? Wie kann es dazu kommen? Wie beeinflussen Beruf, Status, Freundschaften, Familie, Ausbildung und Ort das Gefüge, in dem ich lebe? Und: Wie stehe ich in Verbindung zu den Netzwerken der anderen?

Corona hat soziale Netze sichtbar gemacht

Wir sinnieren. Es können scheinbar lapidare Entscheidungen wie eine Ernährungsumstellung sein, die unsere persönlichen Netzwerke verändern – oder externe brachiale wie ein Krieg. Ein schier unerschöpfliches Themenfeld, das jeden Menschen betrifft. Sabrina Bohl nickt zustimmend: „Das Redebedürfnis wurde schnell klar.“ Und auch die Aktualität.

"Dichte Netze", die aktuelle Inszenierung der Bürgerbühne Dresden, ist für September bereits ausverkauft. Foto: Sebastian Hoppe
„Dichte Netze“, die aktuelle Inszenierung der Bürgerbühne Dresden, ist für September bereits ausverkauft. Foto: Sebastian Hoppe

„Corona hat diese sozialen Netzwerke auf besondere Weise sichtbar gemacht. Es zeigte sich, welchen Stellenwert analoger zwischenmenschlicher Kontakt hat“, erklärt sie.

Das Theater ist ein sicherer Ort

Die Produktion wurde wie alles andere von der Pandemie eingeholt. Die Premiere sollte eigentlich im April stattfinden, nun tat sie es unter strengen Auflagen Anfang September.“Das Theater ist aus Sicht des Infektionsschutzes derzeit einer der sichersten Orte“, so Sabrina Bohl. „Und ich sage das ohne Koketterie.“

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Die Schauspieler*innen dürfen nacheinander nicht dieselbe Requisite berühren, sie halten Abstand zu Publikum und untereinander. Das erforderte viel konzeptionellen Aufwand bei einer Inszenierung, die auf Einbindung des Publikums fußt.

Realisiert wurde „Dichte Netze“ von der Berliner Gruppe „Turbo Pascal“. Sie ist bekannt für ihre Experimentierfreude und ihre Interaktion mit dem Publikum. Zehn Menschen wurden für das Ensemble ausgewählt. Darunter eine feministische Instagramerin aus dem Iran, der Leiter eines Autohauses, der die Karriere bedingte Heterogenität seiner Netzwerke hinterfragt, ein Mann, der Verschwörungstheorien konsumiert und eine Demonstrantin aus dem linken Spektrum.

Die neue Inszenierung der Bürgerbühne heißt "Dichte Netze" und geht den persönlichen Netzwerken auf den Grund. Foto: Philine
Die neue Inszenierung der Bürgerbühne heißt „Dichte Netze“ und geht den persönlichen Netzwerken auf den Grund. Foto: Philine

Bürgerbühne als soziale Utopie

Können die Proben da gut gehen? „Bürgerbühne ist immer ein Stück weit soziale Utopie, so kitschig das klingt“, sagt Sabrina Bohl. Hier haben Menschen unterschiedlichster Weltanschauung plötzlich einen gemeinsamen Nenner und entdecken über die Grenzen der jeweiligen Prägung hinaus den Menschen ineinander. Ein respektvoller, demokratisierender Prozess. „Wenn ich bei den Proben dabei bin, denke ich immer wieder: ‚Es ist möglich!'“, sagt Sabrina Bohl. „Hier entstehen Gemeinschaften, wie sie in anderen Kontexten selten erlebt werden.“

Diese Gemeinschaften bleiben nicht unter sich, sondern bekommen eine Bühne.Es ist das hohe Maß an Authentizität, was die Bürgerbühne für Sabrina Bohl so reizvoll macht: „Was uns hier an Geschichten begegnet, kann man nicht erfinden“, sagt sie. „Das ist ein großes Geschenk.“

Dear passengers, we are ready to fly

Reflexionen des eigenen Lebens geschehen nicht nur auf der Bühne, sondern schwappen über deren Rand hinaus ins Publikum. Die Bürgerbühne ist ein Multiplikator von praktisch angewendeter Lebensweisheit, an dem stets Spieler*innen willkommen sind. „Wir machen kein Casting im herkömmlichen Sinn“, betont Sabrina Bohl. „Wir stellen ein Ensemble zusammen, das sich nach innen und außen Halt und Vertrauen gibt.“ Es gehe niemals um rein schauspielerische Qualitäten, sondern um die Persönlichkeiten und deren Geschichten.

Die Bürgerbühne hat ihren Sitz im Kleinen Haus an der Glacisstraße. Foto: Philine
Die Bürgerbühne hat ihren Sitz im Kleinen Haus an der Glacisstraße. Foto: Philine

„Die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden ermöglicht professionelles Theater mit nicht-professionellen Darsteller*innen. Fünf Produktionen pro Spielzeit entstehen so in mehrmonatiger Arbeit mit Dresdner*innen unter ähnlichen Bedingungen wie mit Schauspieler*innen und gehen ins Repertoire des Spielplans, werden also mehrmals im Monat wie auch sonstige Vorstellungen gezeigt“, so Sabrina Bohl.

In diesem Moment knackt es und aus dem Lausprecher über unseren Köpfen ertönt eine Stimme. Wir werden darüber informiert, dass auf in einem anderen Teil des Hauses Latten benötigt werden. „Es ist hier ein bisschen wie auf dem Flughafen“, sagt Sabrina Bohl lächelnd. „Dear passengers, we are ready to fly.“

Bürgerbühne Dresden

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