Klassenkampf in der Kleiderfrage

Dazu referierte man in der erst im Januar 1919 gegründeten Volkshochschule Dresden auf der Breite Straße 9. Diese Bildungsform hatte das Ziel, durch Vorträge wissenschaftliche Erkenntnisse der breiten nichtakademischen Bevölkerung nahezubringen, Erwachsenenbildung als Form lebenslangem Lernen gewissermaßen. Die Volkshochschulen wurden durch die Weimarer Verfassung anerkannt und gefördert.

Mode in den 1920er Jahren
Mode in den 1920er Jahren
In der Zeitung der Dresdner Mehrheitssozialisten, der Dresdner Volkszeitung, schrieb die Redakteurin Gerta Klemm dazu: „Wir hatten, seit den 70er Jahren (des 19. Jahrhunderts) ausschließlich eingestellt auf Anfertigung von Massenwaren, vergessen, gediegene Wertarbeit zu schützen und zu fördern. Allmählich haben wir eingesehen, dass wir so auf dem Gebiet des Geschmacks in Verflachung und Unkultur geraten sind.“

Ungeheuerlich.

Und wer trug dafür die Schuld? „Vor allem die Frau lässt es an Geschmack fehlen und zeigt das im urteilslosen Nachahmen der Pariser Halbweltmoden. Jede anständige Pariserin lacht und witzelt über den ‚deutschen Geschmack‘, der sich alles weismachen lässt, was ihm die Mode vorgaukelt. Es ist aber von Bedeutung für die Zukunft eines ganzen Volkes, welchen Weg die Frau in ihrer Kleidung einschlägt.“

Wider dem Erbfeind

Kritik an die unkritische Übernahme der Mode vom Erzfeind Frankreich gab es schon vor dem Krieg, führte Frau Klemm aus. „Nicht zu Unrecht haben z.B. einsichtige Männer die enge Mode um 1911 mit der geraden Korsettfront als Mode gegen das Kind bezeichnet.“ Zwar wollten die SPD-Frauen 1920 nicht zur alten Standestracht zurückkehren, doch sahen sie in ihr (der alten Standestracht des frühen 19. Jahrhunderts) eine bedeutende Möglichkeit, „dass sich minderbemittelte Frauen in anhängiger Stellung die Kleiderwahl erleichterten und vor den großen Auswüchsen des Ungeschmacks bewahrten, weil gewisse Grenzen nicht überschritten werden durften“.

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Für Nachhaltigkeit

Schon merkwürdig, diese Äußerungen aus sozialdemokratischem Munde, zumindest auf den ersten Blick. Dahinter steckten auf dem zweiten Blick Ansichten, die als Anfänge der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens gelten könnten. Denn man forderte die „Abschaffung des allzu häufigen Wechsels der Mode“. Auch sei die Frau nicht ihretwillen da. „Wir wollen dem Versuch, uns vollständig zum Spielball gewerblicher Ausbeutungssucht herabzudrücken, wirksame Mittel entgegenzusetzen, wie das der Verein Frauenkleidung, Frauenkultur schon seit langem erstrebt.“

Diese Mittel sind:

  • Befreiung der Frau von der Zwangsvorstellung, jeder Pariser Mode folgen zu müssen und wenn sie noch so dirnenhaft ist (siehe Schlitzrock).
  • In der Schule muss im geschmacksbildenden Zeichenunterricht darauf hingearbeitet werden, den Mädchen ein klares Urteil über verschiedene Modeformen zu verschaffen, so dass bei dem fortwährenden Modewechsel der Reiz des Neuen fortfällt.
  • Dann seien die Kinder durch Anmutsturnen (rhythmische Gymnastik) so zu belehren, dass bei anmutigen Körperbewegungen gerade das schlichte, den Naturformen angepasste Kleid schön und gefällig erscheint.

Mode? Haltet euch den Wind vom Leibe!

Natürlich gab es neben den ästhetischen Beanstandungen der aktuellen Mode zu Beginn der zwanziger Jahre auch medizinische und sozial-kritische Bedenken. Als Kronzeuge bemühte die Redakteurin der sozialdemokratischen Dresdner Volkszeitung den Arzt Dr. Foveau de Courmelles. Dieser Franzose kritisierte die französische Mode. So klagte er darüber, „dass die Mode die Frauenkleidung unten kurz macht und oben weit offen gestaltet, so dass Wind und Kälte den Körper durchdringen und wichtige Organe übermäßig abgekühlt werden. Ferner, dass sie durch ihre Kostspieligkeit – weil sie zu oft wechselt – Familien, die nicht über genug Geld verfügen, die Möglichkeit nimmt, Kinder zu haben und sie zu erziehen. Damit werden Frauen aus gewissen Schichten in eine unsaubere, den Charakter verderbende Lebenslage gebracht.“

Unterstützung kam auch von linken Blättern aus dem Ausland, so von der New Yorker Volkszeitung: „Die Frau der arbeitenden Klasse und auch die junge Arbeiterin, wendet sich mit Abscheu von diesen Übertreibungen und Verzerrungen des guten Geschmacks und der Sitte. … dass sie selbst bei feierlichen Anlässen nie anders als im geschlossenen, ja meist sogar hochgeschlossenen Kleid erscheint.“

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Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

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