Von richtig alten Kneipen
Die Nachricht traf mich wie ein Schock. Das Bautzner Tor soll einen neuen Betreiber haben. Ich befürchte das Schlimmste und eile in der nächsten freien Minute hin zur Hoyerswerdaer Straße hin zu einer der letzten wahren Kultkneipen der Neustadt. Namen schießen mir durch den Kopf. Namen wie Konzertklause, Goldquelle, Nordpol, Goldenes Hufeisen, Schmiede oder Alaungarten. Alles Kneipen, die in in den vergangenen Jahren nach und nach dichtgemacht haben und mit neuem modischen Inhalt aufgepeppt und dem Zeitgeist angepasst wurden. Was für schöne Stunden habe ich in der Konzertklause auf der Alaunstraße verbracht bei Bier und Spgahetti. Auf der handgeschriebenen Speisekarte wirkte der Buchstabendreher besonders reizvoll. Hier gab es Kellner, die noch danach aussahen, mit weißem Hemd und Lederweste und einen Wirt hinterm Tresen, der für jeden Samstagskrimi eine Topbesetzung gewesen wäre. Jetzt ist an selber Stelle ein modischer Szenetreff entstanden. Oder auf der anderen Straßenseite das Hufeisen. Angeblich soll es hier nach dem Krieg Pferdefleisch gegeben haben, davon habe ich jedoch nichts mehr mitbekommen, wohl aber von den etwas ruppigen Sitten in der Kneipe. Einmal konnte ich miterleben wie ein zahlungsunwilliger Gast mit kräftigem Tritt in den Hintern auf die Straße befördert wurde, ein andermal wie sich zwei reifere Damen wegen eines Herren mit ihren Handtaschen angriffen und nur mit Mühe vom Personal zurückgehalten werden konnten. Heute isst man hier gepflegt italienisch und unterhält sich nur noch im Flüsterton.
Sie fehlen mir, die alten Kneipen, in denen die Neustadt noch ein bisschen ordinärer und ein bisschen lauter war. Zuletzt hat es das Hebeda´s erwischt. Doch der neue Inhaber behielt wenigstens den Namen bei und baute auch ansonsten nicht so viel um. Doch die ehemaligen Gäste sind verschwunden, fühlten sich wahrscheinlich eingeengt vom neuen jugendlichen Szenepublikum.
Nun stehe ich vorm Bautzner Tor, neben Zöllnerklause und Erlenklause wohl die letzte noch originalgetreue Kneipe. Ich stoße die Tür auf und atme erleichtert auf. Fast nichts hat sich verändert, am Tresen steht einer mit nem Bier, der könnte schon immer hier stehen. An der Wand noch immer die alten Tapeten. Die Luft scheint etwas besser zu sein, das kann aber auch am frühen Abend liegen. Nur der Mann hinterm Tresen ist neu und vielleicht einen Tick zu freundlich, aber das kriegt er bestimmt auch noch hin.



