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Emil Winter-Tymian hat Durst

Eiligen Schrittes begab sich der Chef des TTT1 über die Louisenstraße in der Dresdner Neustadt an die Ecke zur Markgrafenstraße3. Das war nötig. Denn er wusste, dass er für die kurze Strecke von etwa 30 Metern bis zum „Markgraf“ fast so lange brauchte, wie er ein Couplet für eines seiner Theaterstücke schrieb. Denn fast jeder, der sich an dieser schiefen Ecke herumtrieb, einkaufen ging oder nur mal mit den Nachbarn quatschte, unterbrach seine Gespräche oder was auch immer für Arbeiten, um mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Emil Walter-Tymian2 war im Viertel und darüber hinaus in der ganzen Stadt bekannt wie ein bunter Hund, und er war zudem sehr leutselig. Kaum trat er aus der Haustür der Louisenstraße 55, hatte er einen Pulk von Leuten und Kindern am Rockschoß, die ihn auf den Inhalt seiner Stücke ansprachen.

Louisenstraße Ecke Markgrafenstraße (heute Rothenburger Straße) - zeitgenössische Postkarte
Albert Scholtz’s Restaurant Zum Markgraf an der Louisenstraße Ecke Markgrafenstraße (heute Rothenburger Straße) – zeitgenössische Postkarte- archiviert von altesdresden.de

Ein dringendes Bedürfnis

Nur an diesem Tag im Mai 1926 hatte er dafür weder Zeit noch Verständnis. Die Proben im TymiansThaliaTheater auf der Görlitzer Straße 6 hatten seinen Mund derart ausgetrocknet, dass er ihn dringend, sehr dringend, lebensbedrohlich dringend befeuchten musste. Ausgerechnet in diesem Moment war sein Restaurateur auf Einkaufstour. Deshalb diese Hetzjagd über die Straße. Einige meinten, der Herr Direktor hätte wohl Durchfall oder eine Magenverstimmung. Andere meinten, er beginne wegen seiner Leibesfülle mit Sport. Aber warum er dafür sein Haus verließ, war ein Rätsel. Einige behaupteten, dass ihn wohl die misslungenen Proben seiner noch nicht ganz nüchternen Darsteller so in Rage gebracht hätten, dass er eilig das Theater durch die Hintertür verlassen musste. Die Mutmaßungen verselbständigten sich und würden in den nächsten Stunden für Klatsch sorgen und Eingang in die Journaille finden, was aber Emil nicht interessierte.

Ankunft im Markgrafen

Hektisch riss er die Tür zum „Marktgraf“ auf und schlug sie krachend hinter sich zu. Dann atmete er mehrmals tief ein und aus und stützte dabei seine Hände auf die Knie. Für seine Körperfülle war selbst der kurze Sprint eine Überforderung.

Alle in der Gaststube Sitzenden drehten ihre Köpfe in Richtung des Eingangs. Eilig kam der Wirt Erich Müller hinter der Theke hervor und führte den Gehetzten an den runden Stammtisch neben der Theke.

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„Ich habe nur Durst, Erich. Aber kein Wasser. Bin schließlich kein Pferd“, japste EWT, wie Emil Winter-Tymian spitznamenmäßig in dieser Gegend und auf dem Trinkzettel hier genannt wurde.

„Nu setz dich erstmal, Emil, und komme zum Luftholen, sonst klappst du mir noch ab. Derweil lasse ich ein Bier ein“, sagte er und klopfte ihm auf die Schulter.

Langsam beruhigte sich sein Atem.

Richard Dittman, der Inhaber vom Städtischen Germaniabad4, im Innenareal des Viertels zwischen Louisenstraße, Markgrafenstraße und Böhmischer Straße gelegen, sprach ihn als Erster an.

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„Emil, so wie du japst, könnte man meinen, du hättest drei Runden um den Alaunplatz gedreht. Komm doch zu mir ins Germaniabad und schwimme täglich einige Bahnen. Da wirst du bald merken, wie gut dir das tun wird.“

Aber EWT winkte nur ab und Johannes Schieweg, der Altwarenhändler aus der Louise 49, rief, dass Sport Mord wäre. Und der Tabakhändler Emil Zocher zog so kräftig an seiner Zigarre, dass er einen Hustenanfall bekam. Nur der wortkarge Schmiedemeister Josef Hermann tat so, als ginge ihn das ganze Theater nichts an. Er nahm einen Schluck Bier und zog genüsslich an seiner Zigarette.

Als der Wirt das Bier für EWT brachte, hatte dessen Atem wieder die Normalität erreicht.

„Biste wieder ansprechbar?“, fragte der Altwarenhändler, worauf der TTT-Direktor nickte und alle auf ihr gegenseitiges Wohl anstießen.

Postkarte "Görlitzer Straße mit Straßenbahn" - ca. 1942
Postkarte „Görlitzer Straße mit Straßenbahn“ – ca. 1942

Neues aus dem Thalia Theater

„Sag mal Emil, ich habe über drei Ecken gehört, dass du dein Theater verändern willst? Willste jetzt nur noch die Reichen haben, damit du mehr Geld scheffeln kannst?“, fragte Emil Zocher mit finster werdendem Blick.

„Quatsch“, rief Emil erregt aus. „Wo hast du das wieder her? Nein, nein, nein. Preislich will ich gar nichts ändern. Die bleiben moderat und für die Leute hier erschwinglich. Auch werde ich die Dresdner Krüppelhilfe weiter unterstützen und auch Extravorstellungen für die Kinder aus der Antonstadt5 bieten. Also noch mal für alle zum Mitschreiben: Im Sommer möchte ich meinen Theaterbetrieb umstellen6, ohne den Charakter des Volkstheaters zu beseitigen. Die Zeiten ändern sich und damit auch die Geschmäcker der Leute und die Trends der Bedürfnisse. Deshalb möchte ich ein neues Lustspielensemble bilden. Schon Ende April habe ich es mal probiert mit dem dreiaktigen Schwank ‚Der blaue Heinrich‘. Dafür habe ich extra einen neuen Spielleiter engagiert. Ich muss ja nicht mehr alles alleine machen. Und dann habe ich auch ein paar weibliche Schauspielerinnen gewonnen. Der Start in die neue Ausrichtung verlief jedenfalls höchst erfolgreich. Schaut es euch mal an. So, und darauf trinken wir erstmal einen.“ Dann gab er dem Wirt das Zeichen für eine Runde und diesmal gleich mit Kompott.

Die Abstinenzler mucken wieder mal auf

Dann wurde das Thema gewechselt. Der sonst so stille Schmiedemeister hob die rechte Hand, was am Tisch mit Erstaunen zur Kenntnis genommen wurde.

„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, rief Richard Dittmann. „Das müssen wir im Kalender festhalten. Josef, was hast du auf dem Herzen?“

„Najaaa“, entfleuchte es seinem Munde. Dann war erstmal für eine gefühlt lange Weile nichts zu hören. Als der stets schnatternde Altwarenhändler Johann Schiewag eingreifen wollte, öffnete sich der Mund von Josef erneut.

„Alsoo.“ Wieder trat eine Pause ein, die der Inhaber vom Germaniabad mit einer Bestellrunde überbrückte.

„Ich meine…“

„Jaaaa?“, fragte Emil Winter-Tymian, Josef nachahmend, was die Stammtischrunde zum Lachen brachte. Außer Josef natürlich.

„Najaaa. Alsooo, ich meine, dass jetzt wieder die ganzen Antialkoholiker wegen der Verbote in Amerika, alsooo … der Prohi… hi, was soll’s, also der najaaa, ihr wisst schon, was ich meine. Alsooo… meint ihr, dass auch bald bei uns unser Stammtisch verboten wird?“

Aufatmen am Tisch. Nun kam die Stunde des Altwarenhändlers Johann Schieweg.

„Alsooo… Freunde“, wieder Lachen am Stammtisch, außer Josef natürlich.

„Also, ich glaube es nicht, obwohl die Abstinenzbewegung, die schon seit dem 19. Jahrhundert mobil gegen die Trunksucht macht, bei uns mit Verboten durchkommt. Mehr Steuern auf Bier und Schnaps kann ich mir eher vorstellen. Da ist der Fiskus immer dafür, wenn es gilt, sein Säckel zu füllen. In Amerika ist der Alkohol verboten worden. Es herrscht die Prohibition, mein lieber Josef. Und die ist kläglich gescheitert. Der Schwarzmarkt blüht und man wird ihm nicht Herr. Wobei ich bemerken möchte, dass ich auch gegen den täglichen Missbrauch der Gesöffe bin.“

Darüber gab es keine Einigkeit am Stammtisch. Man sei gegen das Eingreifen des Staates in Privatangelegenheiten. Und wenn jemand Wasser trinken will, ist das auch seine Angelegenheit. Man sei doch tolerant. Dann eroberte sich der Altwarenhändler wieder die Redehoheit.

Thalia-Theater auf der Görlitzer Straße - zeitgenössische Postkarte - archiviert von altesdresden.de
Thalia-Theater auf der Görlitzer Straße – zeitgenössische Postkarte – archiviert von altesdresden.de

Die Meinung des Herrn von Goethe dazu

„Ich möchte euch zu euren Meinungen eine Anekdote unseres geschätzten Literaturheiligen, dem Herrn Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe erzählen7, wobei ich den gleichen ersten Vornamen wie er habe, was aber keine Anmaßung meinerseits sein soll“, bemerkte er verschmitzt und verdrehte dabei seine Augen. „Und ob die Anekdote stimmt, kann ich nicht eindeutig sagen.“

„Komm zu Potte, lieber Johann von Goethes Gnaden“, bemerkte EWT schmunzelnd. „Wenn ich die Pointe in meinem Theater so lange hinauszögerte, könnte ich mein Haus bald schließen.“

„Gut, gut, lieber Emil. Reg dich nicht auf. Alsooo…“, nun lachte keiner mehr. „Also, wir waren beim Herrn Geheimrat. Goethe saß eines Tages in einem Gasthaus, wo das war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls saß er dort auf der Empore, die für die Honoratioren reserviert war, und trank seinen Wein. Den hatte er aber mit Wasser vermischt. Unweit von ihm saßen vorlaute und trinkfreudige Studenten. Und diese tranken ihren Wein pur. Als sie merkten, dass der ältere Herr, den sie angeblich nicht erkannten, seinen Wein verdünnen ließ, verspotteten sie ihn. Daraufhin verließ Goethe das Lokal. Im Gehen sagte er zu den Studenten:

    Wasser allein macht stumm,
    Das beweisen im Teiche die Fische.
    Wein allein macht dumm,
    Das beweisen die Herren am Tische.
    Weil ich will keins von beiden sein,
    Trink ich mit Wasser vermischt den Wein.

Beifall brandete am Stammtisch auf. Ja, so war er, der Johann Schieweg. Emil Winter-Tymian zahlte seine Runden und verabschiedete sich. Gut entspannt begab er sich zur Probe in sein Theater.

Wenige Wochen später erlag Emil Winter-Tymian einem Herzanfall. Der Todestag dieses Dresdner Originals jährt sich am 16. September 2026 zum 100. Mal.

Anmerkungen des Autors

1 Das heutige Programmkino „Thalia“ war das Restaurant mit Garderobe für die Besucher des früheren Tymians Thalia Theater auf der Görlitzer Straße 6. Der eigentliche Theaterraum befand sich dahinter. Dieser wurde durch eine Bombe im Zweiten Weltkrieg zerstört. Es war das bedeutendste Showtheater der ganzen Stadt. Es bestand unter dem Namen TTT von 1910 bis zu seinem Tod 1926.

2 Emil Winter entstammt einfachen Verhältnissen. Geboren wurde er am 18. Dezember 1860 in Dresden. Sein Vater war ein sogenannter Ausgeher, was im heutigen Sinn ein Bote ist. Er war ein talentierter Sänger und Humorist. Der Zweitname geht auf ein sehr erfolgreiches Couplet mit dem Titel „Der schneidige Tymian“ zurück. Daraufhin nannte er sich Emil Winter-Tymian. Und sein 1910 gegründetes Thalia-Theater bekam so das dritte „T“ im Namen.

Weiteres zur Geschichte des Thalia-Theaters gibt es im Archiv des Neustadst-Geflüsters.

3 Die damalige Markgrafenstraße ist die heutige Rothenburger Straße.

4 Das damalige Städtische Germania-Bad ist das heutige Nordbad.

5 Antonstadt ist der frühere Name der heutigen Äußeren Neustadt, also die Gegend, wo unsere Geschichte spielt.

6 Dresdner Nachrichten vom 4. Mai 1926

7 Dresdner Nachrichten vom 3. Mai 1926


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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