Glanzparade #4: Tolerade tanzt in den Mai

„Wenn eine Demonstration niemanden stören würde, könnten wir sie auch bleiben lassen“, sagt Stephan Philipp, Anmelder der nunmehr vierten Tolerade, die sich am 12. Mai laut und bunt ihren Weg durch die Stadt bahnen und die DVB vor Herausforderungen stellen wird. Die Parade für Diversität und Weltoffenheit ist zu einer festen Größe im Jahreskalender geworden und versammelt Kulturschaffende, Initiativen und Weltbürger unter dem Stern der elektronischen Tanzmusik. Ein einladender Ausblick auf die diesjährige Parade.

Bei Facebook bekunden 2000 Menschen Interesse an der Tolerade. Die Veranstalter rechnen mit mindestens der dreifachen Menge. Foto: Moritz Schlieb

Bei Facebook bekunden 2000 Menschen Interesse an der Tolerade. Die Veranstalter rechnen mit mindestens der dreifachen Menge. Foto: Moritz Schlieb

Die „Traumroute“ ist genehmigt, die 15 Wagen werden bereits geschmückt, fasst Stephan den Status quo zusammen. Die Zusammenarbeit mit Stadt und Behörden verlaufe entgegenkommend und reibungslos, sagt er. Entstanden ist die Idee zur Tolerade vor vier Jahren als Statement gegen die montäglich abgehaltenen Pegida-Spaziergänge. Die Straßen zurück erobern, Toleranz zeigen, Mitmenschlichkeit demonstrieren, lautete das Motto.

Die Dresdner Clubszene präsentierte sich als engagiertes Konglomerat vielfältiger Akteure, deren gemeinsames Interesse eine lebendige Kulturlandschaft ist. Grundvoraussetzung für diese ist ein guter Humus aus zwischenmenschlicher und behördlicher Toleranz.


Techno meets Politik, könnte man die Formel eindampfen. „Unsere drei großen Themen dieses Jahr sind die städtisch verordnete Sperrstunde, barrierefreie Feiermöglichkeiten für Menschen mit Behinderung und Freiräume in der Stadt“, erklärt Stephan. Alle sind in Dresden brandaktuell. Vergangenes Jahr schloss der alteingesessene Club und Kulturort „Sabotage“ auch aufgrund der Klage eines neu hinzu gezogenen Anwohners seine Pforten (Neustadt-Geflüster vom 23. August 2017).

Der Anwohner fühlte sich von der Lautstärke gestört. Die Freetech-Szene, die sommers unter freiem Himmel Veranstaltungen organisiert, hat mit Nachtruheregelungen zu kämpfen. Wirkstätten der Kreativszene wie z.B. das Haus Sieben auf der Lößnitzstraße, müssen Bauprojekten weichen. „Die Neustadt ist ein wesentlicher Kulturfaktor, der die Stadt attraktiv macht“, sagt Stephan Philipp. „Wir müssen darauf hinweisen, dass solche Plätze für die Stadt eine wichtige Funktion haben und schützenswert sind.“

Die Tolerade will der Stadt ein neues Gesicht geben. Foto: Moritz Schlieb

Die Tolerade will der Stadt ein neues Gesicht geben. Foto: Moritz Schlieb

Die Dresdner Elektro- und Technoszene steht im nationalen und internationalem Austausch mit vielen Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeit neben dem Spaßfaktor eine politische Botschaft trägt: Feiern verbindet grenzüberschreitend. Dialog entsteht durch Austausch, Annäherung durch Offenheit. Ein besonderer Fokus liegt deshalb bei der 4. Tolerade auf dem Problem Inklusion. „Zu vielen Clubs haben Menschen mit Behinderung keinen problemlosen Zugang“, sagt Stephan. Die Route sei barrierefrei gewählt, damit Rollifahrer teilnehmen können. Der Treffpunkt für Interessierte ist am Postplatz.

Ein Wagen der Tolerade 2017. Foto: André Brödner

Ein Wagen der Tolerade 2017. Foto: André Brödner

Die Anzahl der Wagen hat sich genau wie die Anzahl der Teilnehmer erhöht. „Jeder Wagen wird von zwei Crews und einer Initiative gestaltet und betreut“, erklärt Stephan. Hinter jeder DJ-Crew stehen etwa 20 Leute, die auf ihre Weise die Musik- und Kulturlandschaft in Dresden pflegen und erweitern. Namhafte Vereine wie der Rote Baum, Atticus, Arche Nova und Mission Lifeline sind auf den Wagen vertreten. Die Parade an sich ist die konfettibestäubte Spitze eines politisch tätigen Eisbergs, bestehend aus Clubeigentümern und kulturaktiven Menschen, die sich mit aktuellen Problemen auseinandersetzen und ihren Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft leisten. Das fängt eben (auch) an der Clubtür an.

„Türpolitik ist eines unserer großen Themen“, sagt Stephan. „Wie setzen wir unsere Werte wie Antihomophobie, Antirassismus, Antisexismus auf unseren Partys um, ohne Ressentiments zu bedienen?“ Aus Gründen der möglichst breiten Teilhabe ist der Termin der Tolerade so gewählt, dass sie nicht in den Ramadan fällt. Dafür überschneidet sie sich mit dem Karl-May-Fest. Man kann nicht alles haben…

Wichtiges Finale der Parade ist die Aftershow-Party im Sektor Evolution. Dort werden Spenden gesammelt, die einer ausgewählten Initiative zugute kommen. Knapp 40.000 Euro spendete der Tolerave e.V. auf diese Weise bisher. Die Party startet direkt im Anschluss an die Parade – dieses Jahr mit handgemachter Musik von Bands, bevor die Plattenteller wieder aktiviert werden.

Tolerade vom Tolerave e.V.

Geplante Route

Start: 14 Uhr, Bahnhof Neustadt, Schlesischer Platz, dann ca. 16 Uhr Postplatz, ca. 18:15 Uhr Alaunplatz
Ende: ca. 20 Uhr Industriegelände

Laut und bunt verschafft die Tolerade einer kulturellen Schubkraft Dresdens Gehör. Foto: Moritz Schlieb

Laut und bunt verschafft die Tolerade einer kulturellen Schubkraft Dresdens Gehör. Foto: Moritz Schlieb

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6 Kommentare zu “Glanzparade #4: Tolerade tanzt in den Mai

  1. Dick Hilbert
    9. Mai 2018 at 10:43

    Das wird der ober-mega-super Shit Leute! Ich freue mich auf das Einläuten einer Renaissance der Dresdner Technokultur, die einen autonomen Gegenentwurf zum rassistischen Alltag der Landeshauptstadt und der Feindseligkeit gegenüber allem „nicht-sächsischen“ der Landespolitik erschaffen hat. Ich kann nur meine unendlich Dankbarkeit an die Jugend ausrichten, deren Optimismus und Aktionismus der Zukunft eine Zukunft schenkt. Hater werden sagen, dass ist eine neue Ebene des Sachsenbashing, aber der Jugend gehört die Zukunft und ich bin froh, dass sie den Mut hat sie zu gestalten. Save the Date! TOLERADE 2018!
    Hochachtungsvoll, Dick Hilbert.

  2. dia
    9. Mai 2018 at 17:53

    D.H.@ Top ;)

  3. Bernd H.
    12. Mai 2018 at 15:42

    Glauben die den scheiss eigentlich selbst, den die da absondern? Hier geht’s doch nur um möglichst lautstarke Werbung für die eigenen Läden. Würde das Blasmusikkorps der Bundeswehr durch die Neustadt marschieren um Werbung für’s Watzke und die nächste Höcke-Rede zu machen fänden auch alle den Lärm geil?
    LÄRM macht krank!

  4. 12. Mai 2018 at 15:48

  5. True Fake
    12. Mai 2018 at 22:18

    @Bernd: wie heißt es doch so schön? Nicht die Härte und Lautstärke des Basses macht aggressiv, sondern der Verlust! Ja, wir glauben den Scheiß, den wir absondern. Was aber noch viel wichtiger ist, wir leben und lieben diesen Scheiß. Infantile Kommentare, wie deiner, sind dabei unser täglich Antrieb. In diesem Sinne, Danke schön!

  6. tobias mueller
    14. Mai 2018 at 09:26

    seitdem techno unbedingt! mit kunst, gender-leipzig*innen oder glorifizierenden texten in verbindung gebracht wird, ist er nur ein mittel zum zweck dieser nach sich selbst suchenden generation sinnlos…von renessaice keine rede, das nennt sich schlicht und einfach kommerz :)

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