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Von dem Hexenhaus und einem gratis Wodka

Leise und ein wenig melodramatisch tönt die Trompete. Am Keyboard drückt der junge Mann ganz sanft die Tasten. Ein Pärchen, beide ein bisschen beleibt und leicht ergraut, wiegen sich in den Rhythmen. Dann ist die Musik aus, die beiden patschen artig in die Hände und nehmen wieder an ihrem langen Tisch Platz. Auch ich muss den Blick von der Tanzfläche wenden, denn soeben stellt die Kellnerin zwei Bierkrüge ab und fragt nach den Speisewünschen. Unsere Bestellungen quittiert sie mit einem energischen хорошо (Karascho).

Ich bin mit Freunden im Isbuschka, dem russischen Restaurant am Martin-Luther-Platz. Isbuschka ist eigentlich der Name des legendären Hexenhauses aus den russischen Märchen. Das süße und wacklige, das mit den Gänsefüßen. Auf seinen zwei Beinen steht es immer mit dem Rücken zum Wanderer und dreht sich gnatzig um, wenn jemand ruft. Dann erscheint die Bewohnerin, die Hexe Baba Jaga, die zwar Furcht erregend aussieht, aber im Großen und Ganzen recht freundlich ist.

Nun, Furcht erregend sieht im Dresdner Isbuschka niemand aus, höchstens der buschige Schnauzbart des Wirtes, doch hinter dem steckt ein netter Kerl, der sehr um das Wohl seiner Gäste besorgt ist. Das Innere des Lokals wirkt mächtig russisch – überall helles Birkenholz und wie zur Bestätigung zieht draußen noch ein Schneegewitter auf. Inzwischen sind die Speisen am Tisch eingetroffen. Für mich gibt es Kolduni, das sind mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelpuffer. Auf jeden Fall sehr lecker und sehr sättigend. Vielleicht sollte ich zur Verdauung ein Tänzchen wagen. Während ich noch grüble, kommt der Wirt und spendiert eine Runde Wodka. Glücklich bin ich so dem Tanze entkommen. Aber das leicht angegraute Pärchen schiebt schon wieder durch den Saal, am langen Tisch klopfen und klatschen die Herren im Takt dazu. Der Verdauungsschnaps zeigt seine Wirkung, und da der winterliche Hagel abzuflauen scheint, verschwinden wir aus dem Hexenhaus.

—–
Anmerkung 2004: Das russische Restaurant Isbuschka gibt es leider nicht mehr, an selber Stelle ist jetzt ein Italiener eingezogen. Leckere russische Pelmeni gibt es aber in der Markthalle an der Hauptstraße.
Anmerkung 2007: Auch der Italiener hat nicht lange ausgehalten, inzwischen ist hier die „Pusteblume“ eingezogen.
Anmerkung 2013: Die Pusteblume ist wieder ausgezogen, es soll wieder Gastronomie geben.
Anmerkung 2015: Im Juni wird neues Leben einziehen, eine Bio-Patiserie.

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