Von Bau, Lärm und Abrissbirnen

Gestern noch war das orange-rote Monster im Einsatz. Der Bagger mit der Riesenpranke, ein gefalteter Trabbi hätte locker Platz darin gefunden. Er schob und scharrte über den Boden, Reste auflesen, Ordnung schaffen. Direkt neben der Scheune auf der Alaunstraße stand früher ein Gebäude. Das war so irgendwas zwischen einer kleinen Industriehalle und einer großen Werkstatt. Ein hübscher Bau, schön mit Ziegeln und Schornsteinen, ein paar Eisenträgern und etlichen Fenstern. Nur leider, leider schon ziemlich mitgenommen.

Ich kenne die Ruine nur wenig. Einmal war ich dort. Vor vier Jahren oder fünf, eine angesagte Party sollte es sein. Ein wildes Gemisch aus House-, Techno- und HipHop-Klänge umgarnte mich und zog mich tiefer in das Gemäuer. Viele lila Lichter und grelle Graffitis hingen wahllos an den Wänden. Matratzen im Chil-Out-Room, dort konnten heiße Tänzer ihre schönen Körper auf Normaltemperatur kühlen. Aufgrund von Rauch und schummrigen Licht waren keine Einzelheiten zu erkennen: Möglicherweise gingen die beiden Gestalten in der hintersten Ecke anderen Tätigkeiten als dem Abkühlen nach.

Derartige Phantasien abwimmelnd stolperte ich aus dem Raum, suchte das Obergeschoss, die Treppe. Da ein Band, Stufen dahinter – abgesperrt. Vorsichtig, mit den Zehenspitzen den Boden prüfend, tappste ich vorwärts. Kein Licht, nichts zu sehen, ein Knirschen, Putz rieselt von der Decke, die Diele unter meinen Füßen scheint mir nicht mehr sicher. Ich kehre um, unten dröhnen die Bässe, ich verlasse das Haus, nehme mir fest vor, mal bei Tageslicht reinzuklettern.

Und nun das, da ist man mal drei Tage nicht in der Neustadt, schon ist meine Lieblingsruine weggerissen. Das Schlimmste ist, ich hab noch nicht mal gesehen, wie es passierte. Zärtlich mit einem Bagger, Ziegel für Ziegel rausbrechend. Oder brutal mit der Kugel und einem fetten, gewaltbereiten Kranführer, der bei jeder zusammenbrechenden Wand laut „Ja, Ja, Jaa!“ schreit.

Ich hoffe nicht, irgendwer muss auch ein bisschen aufgepasst haben beim Abriss. Die Heizungen wurden ordentlich rausgebaut, sogar ein großer Boiler liegt neben den Trümmern.


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Tranquillo

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Anmerkung 2012:
Die Ruine machte einem Parkplatz Platz, der muss nun auch bald weichen, da eine Turnhalle an diese Stelle soll.

0 Kommentare zu “Von Bau, Lärm und Abrissbirnen

  1. Schade eigentlich, dass immer mehr Altbauten abgerissen werden. Ich bin der Meinung, dass hierdurch die Architektur und Wohnkultur völlig zerstört wird. Sicherlich man muss auch neu Bauen, aber man kann auch Sanieren.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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