Vom „Weiberhaufen“ zur Galerie

Kerstin Quandt in der Galerie. Mit ihren Mitstreiterinnen veranstaltet sie etwa sieben Ausstellungen pro Jahr.
Kerstin Quandt in der Galerie. Mit ihren Mitstreiterinnen veranstaltet sie etwa sieben Ausstellungen pro Jahr.
Als 1987 vier Künstlerinnen sich zusammentun und eine der ersten Installationen in Dresden organisieren, wissen sie noch nicht, welchen Tabubruch sie damit begehen. Es regnet bissige Kommentare von männlichen wie weiblichen Kritikern. Der perfekte Grund weiterzumachen. Erst die Ablehnung und die gesellschaftliche Gegenwehr machte das Kollektiv zu einem Politikum. Stempel wie „Feminismus“ und „Emanzipation“ wurden aus der bürgerlichen Schublade gekramt. Eine Vereinigung, die ausschließlich aus Frauen bestand, sorgte im harmlosesten Fall für Spott. Als „Weiberhaufen“ wird die Vereinigung heute noch tituliert. So formte sich aus der Abwehr sozialer Sanktionen der steinige Weg der „Galerie 3“.

Verwundert über den Eklat, kontaktieren Gudrun Trendafilov, Ulrike Rösner, Eva Anderson und Angela Hampel nach ihrer ersten Performance andere Künstlerinnen und stoßen auf breite Resonanz. Es ensteht ein Netzwerk, das sich über die Jahre hinweg weitläufig verbreitet und erstarkt. Im Jahr der Wende 1989 gründen 23 Frauen den Verein „Sezession 89“. Sie unternehmen gemeinsame Bildungsreisen, unterstützen sich bei der Kinderbetreuung, um sich gegenseitig Zeiträume für ihre Berufung zu schaffen und arbeiten an dem Abbau einschränkender Konventionen.

In diesem kämpferischen Erbe stehen die Damen der Galerie 3 heute noch. Sie setzen sich bei Wettbewerben beispielsweise dafür ein, dass auch ein weiblicher Anteil an Teilnehmern geladen wird. Die Zuschläge gingen dennoch vermehrt an Männer, sagt Kerstin Quandt und untermauert dies mit eigenen Erfahrungen. Sie ist Vereinsmitglied und Dozentin für Kunstwissenschaft an der TU Dresden. Anerkennung ist, sagt sie, noch lange keine Selbstverständlichkeit. Wie in anderen Berufen auch, werden Männer präferiert. Nicht nur bei der Bezahlung, auch in der Wertschätzung. „Verwunderlich ist, dass selbst Kolleginnen den Einsatz für Gleichberechtigung oft kritisieren“, sagt Quandt. Tief verankert seien die maskulin dominierten Strukturen. Entscheidungsträger verschaffen sich untereinander Vorteile. Die Frau gilt immer noch mehr als Muse denn als Akteurin. Auf dem Kunstmarkt spricht nicht das Werk für sich. Der Blick fällt zu häufig noch auf den Namen am unteren Bildrand. Zwar gäbe es mittlerweile mehr Kuratorinnen, Galeristinnen und erfolgreiche Künstlerinnen, doch müssten diese für ihren Erfolg wesentlich härter kämpfen. „Symbolisch dafür steht schon Camille Claudel, die aus dem Schatten ihres Mannes heraustreten wollte und tragisch gescheitert ist“, sagt Quandt.

Kerstin Quandt und ihre Mitstreiterinnen öffnen deswegen ihre Galerie Nachwuchskünstlerinnen, die in der Kunst arbeiten und ihren Lebensalltag bestreiten möchten. Der Fokus liegt dabei auf dem professionellen Anspruch. Nicht jeder, sagt Quandt, ist ein Künstler. Joseph Beuys, deutscher Künstler und Kunsttheoretiker, der diesen Satz prägte, werde in diesem Zusammenhang oft zu großzügig ausgelegt. Kunst bedürfe des Handwerks, der Theorie und der Auseinandersetzung, damit sie ein Gewicht und eine Aussage erhält. Problemtisch sieht sie in diesem Zusammenhang auch das Bildungssystem. Kunstunterricht sollte die Möglichkeit zu neuen Ideen und freier Kreativität geben und ernsthaft unterstützen. Hierzulande wird er, im Gegensatz beispielsweise zum britischen Kunstanspruch, irgendwo zwischen Freizeit-Klecksen und verordneter Inspiration nach Noten gesehen. Ein gesellschaftliches Gesamtproblem: was wirtschaftlich keinen Gewinn abwirft, wird nur widerwillig gefördert. Eigentlich eine Blamage für das Land der Dichter und Denker.


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Damit die Galerie weiterhin läuft, braucht es das zumeist ehrenamtliche Zupacken vieler Hände. Die größte Hürde stellt dabei der leidige „Papierkram“ dar. Anträge, Protokolle und Organisationsarbeit verschieben das musische Schaffen meist in die späten Nachtstunden. In diesem Fall ist die Kunst eine Frage des Wirklich-Wollens. Aber: schon die Romantiker schwärmten von der düsteren, melancholischen Stimmung der Dunkelheit als Ort der tiefgreifendsten Eingebungen und Erkenntnisse. Vielleicht wäre ohne das tägliche Darben so manch faszinierendes Werk gar nicht entstanden und an dem Typus des leidenden Genius ist vieles, wenn nicht sogar alles dran?

Die Galerie 3 ist die dritte ihrer Art für die Damen der “Sezession 89″. Das Dreieck als Symbol des Weiblichen verdeutlicht Konzept und Botschaft.
Die Galerie 3 ist die dritte ihrer Art für die Damen der “Sezession 89″. Das Dreieck als Symbol des Weiblichen verdeutlicht Konzept und Botschaft.

Informationen und Öffnungszeiten

  • Galerie 3, Prießnitzstraße 43
    Dienstag bis Freitag, 14 bis 18.30 Uhr, Sonnabend 11 bis 15 Uhr
  • www.sezession89.de

5 Kommentare zu “Vom „Weiberhaufen“ zur Galerie

  1. Aufgepasst in Polen: Wenn ihr dort als Frau mal auf’s Klo müsst, solltet ihr euch für den Kreis entscheiden. Das besagte Dreieck steht in diesem Fall für den Mann.
    Die Welt ist kompliziert…

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