Nicht viel, nur das Richtige

Techniker, keine Models. Vier Hände für den flotten Flitzer
Techniker, keine Models. Vier Hände für den flotten Flitzer
Eine große Rolle spielt das brummende Geschäft schon in Hans Flügels mittlerweile 65 Jahre gereiftem Leben. Schrauben, schrubbeln, werkeln – vier Tage die Woche unterstützt er dabei den neuen jungen Chef Lutz Kaiser  in seinem Betrieb, widmet sich den Stammkunden und freut sich auf den Prüfer von der DEKRA, den er auch bereits seit 25 Jahren kennt. Aber am Sonntag bleibt der Schraubenschlüssel liegen. In der Garage wartet kein Oldtimer, der aufpoliert werden will. Da warten die Familie, Bergpfade und ein Ensemble aus Sportarten, das mit anerkennendem Nicken honoriert werden muss: Volleyball, Fahrrad, schwimmen und „ein bisschen Triathlon.“ In Nepal war er im Jahr 2000 wandern, im Sommer steht eine Fußtour von Hamburg nach Dresden an. Der Ton und die Gelassenheit, mit denen Hans Flügel, ein drahtiger Mann mit Schalk in den Augen, von seiner Arbeit erzählt, klingen verdammt nach Erfüllung. Zu der braucht man anscheinend nicht viel. Nur das richtige.

Man muss, sagt Flügel, für diesen Job schon Benzin im Blut haben. Ohne die erforderliche Begeisterung klappe das nicht. Er selbst fing in der Werkstatt auf der Königsbrücker Straße in der zehnten Klasse an zu arbeiten. Das war für ein Ferienpraktikum 1965. Chef Träger und Schüler Flügel fanden Gefallen aneinander und so stieg letzterer ein in die Werkstatt und das windige Cabriolet „DDR-Autobranche“. Zu repaprieren gab es massig, denn ständig ging etwas kaputt. Wer viel reparierte, wurde belohnt – allein an Ersatzteilen fehlte es im Revier. Mit Radeberger Bier und grünen Gurken beladen fuhr Flügel auf Ersatzteiljagd bis Oranienburg und Klingenthal, um Zündspulen zu ergattern. Natürlich alles legitim gekauft, die Pforten zum Sesam öffneten sich jedoch nur mit dem entsprechenden Zaubermittel. Heute bekommt man das gewünschte Ersatzteil innerhalb von zwei Stunden. Auf einem Fußballaustausch, Flügel war langjähriger Herzblutkicker im Dölzschener Fußballverein, schnupperte der Dresdner Hamburger Luft. Während der Rest der Mannschaft sich Fischmarkt und Reeperbahn zu Gemüte führte, trieb die Neugier Flügel in eine westdeutsche Autowerkstatt. „Sowas Schönes hatte ich noch nie gesehen“, schwelgt er in seiner Erinnerung. Damit spielt er nicht nur auf die Sauberkeit sondern auch auf den Rundum-Service an, den er später als Chef sukkzessive adaptierte.



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Als Anfang der 80er ein „Führungswechsel“ ins Haus Träger stand, war Hans Flügel nicht die erste Wahl im Ressort Chefanwärter. Ein Kollege stand dem Alt-Boss näher, hatte montags auch nicht so oft verstauchte Knöchel vom Fußballspiel, war allerdings nicht gewillt, die notwendige Meisterausbildung zu absolvieren. Von seiner Familie bekam Flügel Rückenwind – und ließ die Ausbildung über sich ergehen. Zwischendrin wurde er zum NVA-Reservedienst beordert. Dabei hatte er wesentlich mehr Lust, seinen Kindern im Garten beim Spielen zuzuschauen oder wandern zu gehen. Ab 1983 hatte Flügel dann das Lenkrad in der Hand und musste sich in seine Position ebenso einfuchsen wie vor sieben Jahren sein Facharbeiter Lutz Kaiser in seinen Posten. Ein schwieriges Unterfangen, Lohnforderungen und Papierkram zu bewältigen – heute befasst sich der Zwei-Mann-Betrieb einvernehmlich so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig mit Vertragsregelungen. Es kommt darauf an, die Schwächen des anderen zu kennen, zuverlässig zu sein. Mit der nebenan ansässigen Konkurrenz Hustig isst man sommers Pizza und trink ein Gläschen. Das eiserne Durchgangstürchen, das beide Höfe voneinander trennt, bleibt offen.

Er würde nichts anderes machen wollen, sagt Lutz Kaiser. Er hat wenig Freizeit, gibt er zu. Mehr Zeit könnte es auch für die zwei Kinder sein, denen er nie eine berufliche Zukunft als Auto-Monteur nahe legen würde. Aber etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage. Keine große Firma, kein Anzug. Hier ist man sein eigener Herr, Absprachen statt Anweisungen. „Wir hätten uns Anfang der 90er Jahre von einem großen Automobilhersteller vertraglich verpflichten lassen können“, sagt Flügel. „Dann gäbe es uns heute nicht mehr.“ Dass ihre Werkstatt eine Zukunft hat, daran glauben beide. Wenn es um des Deutschen liebstes Gut geht, zählt Vertrauen und Qualität immer noch am meisten. Und dieses Zutrauen verleiht Flüüüüüügel …


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Zum Büro geht's nur durch die Garage. Fast wie eine Handwerksmetapher
Zum Büro geht’s nur durch die Garage. Eine Handwerker-Metapher

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12 Kommentare zu “Nicht viel, nur das Richtige

12 Gedanken zu „Nicht viel, nur das Richtige

  1. beim „flügel hans“ war ich auch schon. vor ca. 10 jahren hat er mir bei meinem alten bus sehr gholfen. TOP! schade, dass es solche werkstätten immer weniger gibt…

  2. Schöner Artikel, gut geschrieben, hat Spaß gemacht
    @ Herr Flügel: Weiter viel Schaffenskraft und Spaß! Wie wärs denn als 2. Standbein mit nem Fahrradreparaturmeister? Ich mein in der Neustadt ist das nur von Vorteil :)

  3. @ali: hää? die neustadtoriginale sind fast immer von philine geschrieben und meines erachtens wunderbar.

    @philine: wann kommen eigentlich die versprochenen neustadtoriginale-einzelpersonen??

  4. Hi Frollein Fee. Danke für die Schokolade :) Die Personen trudeln noch ein – die Liste über die Institutionen ist doch noch angewachsen. Danach geht’s los!

  5. …super Werkstatt!!! als Kind/Jugendlicher hab ich mir dort immer die Fahrradreifen aufgepumpt… beim Günther nebenan war das schwieriger, weil er der Meinung war, das 2bar aufm reifen absolut ausreichend sind… „mensch Junge… das sind 2 Atmosphären…. “ hochroter Kopf…

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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