Die scheune ist wieder da. Und wie. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so ergreift, die vielen Menschen vor dem Gebäude stehen zu sehen, als ich am Freitag zur Eröffnung kam. Schon als ich mich in den wartenden Pulk mischte, habe ich vielen Hallo gesagt, Hände geschüttelt und lächelnd mit dem Kopf genickt. Das ging den ganzen Abend so weiter.

Menschen aus anderen Kultureinrichtungen waren da, ehemalige Kollegen, das Kulturamt, die Stadtpolitik, Künstlerinnen, DJs, Techniker, Neustadtbewohner, Neugierige. Ein Großteil von ihnen war in meinem Alter. Und ich bin seit der Schließung der scheune vor fünf Jahren älter geworden. Dann kam noch Corona, und danach ging es nicht so weiter wie davor. Viele Menschen sind häuslicher geworden, Wege und Orte haben sich verändert. Man ist sich nicht mehr automatisch über den Weg gelaufen. Manche habe ich regelrecht aus den Augen verloren. Auch ich bin viel zu Hause. Die langen Nächte vertrage ich einfach nicht mehr so gut.
Andererseits vermisse ich es an manchen Abenden sehr, unter Menschen zu sein und dabei Kunst und Kultur zu genießen. Oder umgekehrt. Hauptsache Inspiration.
Ein Haus für Begegnungen
In den Blicken der anderen Gäste am Freitag und Sonnabend glaube ich Ähnliches gelesen zu haben. Wir haben uns angeschaut, und es lag fast so etwas wie Euphorie in der Luft. Die Leute hatten sich schick gemacht und waren offen für viele „Was machst du eigentlich jetzt so?“-Fragen. Ich meine, eine Erleichterung gespürt zu haben. Die scheune ist wieder da.
Die Gespräche drehten sich schnell um die große und kleine politische Wetterlage. Von der Rattenplage auf der unteren Alaunstraße ging es fast übergangslos zur rechten Plage auf Bundesebene und zu der Sorge, wohin das alles führt, und wieder zurück zum Erstaunen, wie groß unsere Kinder geworden sind, zum Thema Mieten und dazu, wer inzwischen wo wohnt. Solche Gespräche sind wichtig und brauchen einen Ort, an dem sie spontan entstehen können. Denn Haltung und das Handeln, das aus ihr folgt, kommen nicht von allein. Sie brauchen Austausch und Förderung.

Und wie wirkt das neue Haus? Gut. Das frühere Gefühl stellt sich ein. Beim Anblick der alten Garderobenständer, der noch älteren Stahlfiguren im scheune café und der uralten Holzpodeste kommen nostalgische Erinnerungen hoch. Von der Gestalt her sieht das Gebäude ähnlich aus wie früher. Aber es hat gewonnen. Über dem Haupteingang gibt es jetzt einen Überhang für die Raucher. Die Verglasung der großen Treppe unterstreicht den offenen Charakter des Hauses und das Sehen und Gesehenwerden. Die neuen Nebenräume waren dringend nötig. Der Saal ist etwas größer und fasst mehr Publikum. Im Erdgeschoss gibt es zusätzlich einen kleinen Saal. Wenn man darin inmitten von Musik und Publikum steht, könnte es auch das alte Foyer sein, in dem so viele Bands ihre Karriere begonnen haben. Beton und die Ziegel des alten Mauerwerks wechseln sich ab. Nur warum ausgerechnet der Toilettentreppenturm stehen bleiben musste, ist mir ein Rätsel.
Auch die scheune-Menschen sind zum großen Teil dieselben geblieben. Ich entdecke Falk am Licht und Eddy am Ton, als wäre nichts gewesen. Romy, Frank und Ben regeln und ermöglichen Dinge. Ulla, Ralph und Anika stehen hinter dem Tresen und zugleich für den scheune-Verein, um nur einige zu nennen.
Deshalb gibt es für mich zwei Leistungen zu bestaunen. Die eine ist, das Gebäude trotz aller Widrigkeiten saniert und wirklich verbessert zu haben. Die andere ist, dass die Menschen hinter den Kulissen dabeigeblieben sind, das Programm gerettet und sich in den Verhandlungen mit der Stadt nicht aufgerieben haben. Vor dieser Kontinuität habe ich großen Respekt.
Das matte Schwarz eines Veranstaltungshauses wird sicher bald durch farbige Lebendigkeit ergänzt. Noch fehlen Aufkleber, Sprüche, Flecken undefinierbarer Flüssigkeiten auf dem Boden, Spuren von Exzess und ästhetischer Zügellosigkeit. All das kommt hoffentlich bald. Eine behördliche Begrenzung der Lautstärke, wie sie im Raum steht, wäre dagegen ein Fehler. Sie würde das Programm unnötig in Formaten und Zeiten einschränken.
Was leider fehlt, sind einige wichtige Menschen. Bei der Abschlussparty stand ich mit Spacke bei Konrad Küchenmeister, und wir haben beide ein wenig geschluchzt. Ich hätte gern wieder neben ihm gestanden, als Ätna zur Eröffnung spielten. Manch andere Gestalt wird ebenfalls für immer fehlen. Dazu gehören viele der alten scheune-Menschen aus den frühen Jahren, die das Haus mit aufgebaut und das Fundament für heute gelegt haben. Zum Glück sieht die Jugendbrigade fast unverändert aus. Und Ätna auf der Hauptbühne scheinen sich sogar um fünf Jahre verjüngt zu haben. Das macht Mut.

Ätna sind auch in der scheune groß geworden. Sie verkörpern einen wesentlichen Zug des Hauses: Wachstum zu ermöglichen. Das ist vor allem künstlerisch gemeint, gilt für viele aber auch menschlich. Dafür braucht es nicht nur die Bühne als Begegnung von Kunst und Publikum. Es braucht auch die Flure, Foyers und Kieswege rund ums Haus, für Gespräche, fürs Kennenlernen und dafür, einander wahrzunehmen.
Kultur bringt Menschen zusammen
Jemanden kennenzulernen, war schon immer eine Funktion solcher Zentren. Zu DDR-Zeiten gab es an der Stelle des scheune cafés sogar einige Jahre lang eine Außenstelle des Standesamtes. Wer sich bei Kunst begegnet, hat von vornherein Grund zur Hoffnung, denn offensichtlich teilt man einen ähnlichen Geschmack. Dazu kommt der Tanz, der vieles in Bewegung bringt. Wo soll man heute noch jemanden kennenlernen, außer auf Arbeit oder im Internet? Seit dem Wochenende ist die Antwort um das ehrwürdige Herz der Neustadt reicher. Und viele Neustädterinnen und Neustädter wussten vielleicht gar nicht mehr, dass sie etwas vermissen.
Der Sonnabend verband den offiziellen Akt mit Bürgermeistern, Amtsleitern und geladenen Gästen mit einem Abend für ein reguläres Publikum, das die Acts sehen wollte. Der Freitag führte dagegen alle auf eine andere Fährte. Der Eintritt war frei, und an allen Ecken des Hauses gab es kurze Auftritte, die die ganze Bandbreite des scheune-Programms zeigten: Chöre, Brassbands, DJ-Sets, Jam Sessions, Rap, Spoken Word, Comedy, Gitarren, Akkordeons, inklusive Formate.

Das Publikum waberte hin und her, sortierte sich um, tauschte sich aus, wertete aus und fachsimpelte über das neue Gebäude und seine Wirkung. Deshalb bin ich ein großer Fan dieser Flanierformate, wie ich sie nenne. Sie haben einen Rhythmus aus Kunstgenuss, Pause und Begegnung. Wir kennen ihn von der Königin aller Flanierformate, dem Schaubudensommer, aber auch von anderen Festivals in der Stadt. Ich freue mich auf solche Wochenenden und auf das Besondere, das sie ausmacht und das man in Dresden sonst selten findet.
Dabei will ich nicht unterschlagen, dass sich auch an anderen Orten großartige Formate entwickelt haben, etwa Sound of Bronkow am Societaetstheater, die Lange Nacht der Theater oder das Zirkustheaterfestival. Die scheune aber verortet dieses Angebot mitten im Viertel und bezieht die Umgebung ein. Das ist das niedrigschwellige Angebot, das lockt und zu spontanen Besuchen verführt.
Und was ist mit der Kritik? Brauchen wir in Zeiten wie diesen die Sanierung eines Veranstaltungshauses für rund zehn Millionen Euro? Was macht die öffentlich geförderte scheune überhaupt anders als ein privater Veranstalter? Diese Fragen sind wichtig, und man muss sie immer wieder neu beantworten können.
Ein kleiner Palast für die Neustadt
Für mich hat die scheune etwas Repräsentatives bekommen. Was der Kulturpalast für die ganze Stadt und ihre Bürger ist, ist die scheune für eine bestimmte Art von Bürgern. Eine Art alternativer Mittelstand, eine Melange aus Bohème, Studis, etwas Underground, wenig Mainstream, vielen Newcomern, Ü30 bis Ü60, „Rot-grün-Versifften“, also politisch Interessierten, Akademikern, Patchworkfamilien, Kiffern. Schlicht aus allem, was die Neustadt und ihre verwandten Stadtteile ausmacht. Auch diese Menschen freuen sich über einen kleinen Palast. Ihn zu gewährleisten ist eine öffentliche Aufgabe, denn auch dieses Publikum zahlt Steuern.
Und natürlich muss die scheune zeigen, dass sie mehr ist als ein Konzertveranstalter, nämlich genau das, was am Eröffnungswochenende zu sehen war. Hinter öffentlichem Geld steht immer ein großer Rechtfertigungsapparat. Man ist froh, wenn er nicht die ganze Kraft und Kreativität aufzehrt, sondern etwas für die Arbeit an Neuem übrig lässt.

Jetzt muss sich die scheune mit ihrem Programm beweisen. Ich wünsche ihr, dass es so gut ist, dass Woche für Woche so viele Menschen wie am ersten Wochenende den Weg zu ihr finden, gern auch mehr. Und all den Menschen, die ich an diesem Wochenende gesehen habe, wünsche ich, dass sie die Gelegenheit nutzen, Ästhetik, Gespräch und Geselligkeit miteinander zu verbinden, alte Freundschaften zu pflegen und neue zu schließen.
Und allen, die noch nicht dort waren, kann ich nur empfehlen, sich eine Nase voll von der typischen Konzertluft zu holen, die aus Flirren, Bass und Bewegung besteht.
Und wenn ich mir selber etwas wünschen dürfte, wären es solche künstlerischen Flanierveranstaltungen und anschließende Partys für alle. Denn bei mir hat sich am Wochenende eine Sehnsucht geregt, die ich für längst verschollen hielt.
Ich habe Lust auf die scheune.
Ein Gastbeitrag von Magnus Hecht, von 2006 bis 2012 Geschäftsführer der scheune und von 2014 bis 2019 Vorsitzender des scheune-Vereins.























